Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?

Nachdem es meinem aktuellen Arbeitgeber wirtschaftlich nicht wirklich gut zu gehen scheint, bin ich unfreiwillig wieder auf Jobsuche. Und das erste Vorstellungsgespräch hatte ich schon.

Mit Vorstellungsgesprächen ist das ja so eine Sache. Manchmal sind sie wie Theaterstücke, wenn auch nicht unbedingt von Goethe oder Schiller geschrieben. Auf der einen Seite sitzt der Arbeitgeber, der die typischen Fragen in einem Vorstellungsgespräch auswendig gelernt hat und auf der anderen Seite der Bewerber, der die dazu passenden Antworten auswendig gelernt hat. Ein Unterfangen das natürlich auch deshalb so wenig Sinn macht, weil es ausreichend Literatur gibt was welche Antwort auf welche Frage über den Bewerber aussagt. Dieses routinierte Spielchen sagt also bestenfalls aus, dass der Bewerber sich ausreichend vorbereitet hat.

Was der Bewerber dagegen tatsächlich drauf hat bleibt weiter im Dunkeln. Nehmen wir einen Klassiker:

"Treiben Sie Sport?" – Die Frage will natürlich nicht wirklich darauf hinaus, ob der Bewerber körperlich fit ist. In Berufen worauf es darauf tatsächlich ankommt, gibt es bessere Methoden das sicherzustellen. Hinter der Frage steht der "Teamwork"-Gedanke. Wer also Fußball oder Basketball antwortet, hat genau das richtige gesagt, selbst wenn er sich nur alle 12 Monate mal mit den alten Kumpels unterm verrottenden Korb an der Garage trifft. Wer dagegen als Jogger einsam seine Runden im Park trainiert hat in diesem speziellen Fall zwar keinen Minuspunkt, aber die Chance auf einen Pluspunkt versäumt. Es sei denn natürlich, er erwähnt noch schnell die Laufgruppe, in der er immer unterwegs ist.

5 – Die magische Zahl bei Vorstellungsgesprächen?

Der wirkliche Klassiker ist aber natürlich die Frage nach den 5 Stärken und/oder 5 Schwächen. Auch hier kann man vorher munter die richtigen Antworten erstellen und auswendig lernen. Dabei ist halt nur zu beachten, dass die Stärken nicht arrogant rüberkommen und die Schwächen in Wahrheit eigentlich auch Stärken sind. Was weiß ich, wenn man zum Beispiel ein "zu" genau arbeitender Mensch ist.

Eine andere Frage, die ebenso fast immer vorkommt, lautet: "Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?" – Was ist darauf eigentlich die richtige Antwort? "Als erfolgreicher Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen.", "Sicher ein oder zwei Karrierestufen weiter oben." oder "Genau kann man das natürlich nicht sagen, aber auf jeden Fall … bla bla bla". Ich muss zugeben diese eine Frage hat mir bei manchem Vorstellungsgespräch schon den guten Eindruck gekostet. So auch in jenem, dass ich vor zwei Wochen hatte. Warum? Na ja, ich kann vielleicht durchaus lügen, aber so gut wirklich nicht.

Die Frage wird ja weniger in Vorstellungsgesprächen im Handwerk oder etwas in der Art gestellt, wo man auch heute als Mitarbeiter noch halbwegs Planungssicherheit hat. Sondern in einem Umfeld von befristeten Verträgen oder Unternehmen, für die eine Probezeit tatsächlich auch einen Sinn hat.

Lüg mich an!

Was soll ich also auf die Frage "wo ich mich in 5 Jahren sehe" antworten? Die Wahrheit, dass mich die letzten 20 Jahre gelehrt haben, dass ich über ein Jahr hinaus nicht planen kann, weil bereits zwei Jahre später alles komplett anders sein kann! Umstrukturierungen, unternehmerische Fehlentscheidungen, Krankheit. Die Liste ist lang und um ehrlich zu sein, ich glaube auch nicht, dass ich der einzige bin, über dem so eine kleine schwarze Wolke schwebt, die dafür sorgt dass das ein oder andere davon spätestens nach zwei Jahren mal wieder zuschlagen kann.

Ganz ehrlich, eine auswendig gelernte Antwort auf diese Frage wäre für mich eine auswendig gelernte Lüge, nichts anderes. Aber die Wahrheit wird einem dann wieder als Pessimismus ausgelegt, was ja Gerüchten zufolge nicht unbedingt die positivste Eigenschaft sein soll, die ein potentieller Arbeitgeber auf der Liste seines Traum-Mitarbeiters hat.

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