Wenn Kinder zu Überwachungsgehilfen werden

Dem Smartphone und der ein oder anderen App sei dank, wird der Durchschnittsbürger ja quasi 24 Stunden, 365 Tage lang im Jahr überwacht. Und wird der Erwachsene kritisch, übernehmen die Kinder den Überwachungsjob.

Geschichten wie sie Orwell in 1984 erzählt scheinen in unseren Tagen auf merkwürdige Art und Weise wahr zu werden. Nur das es bei Orwell noch allein der Staat war, der seine Bürger überwachte. In der Realität hat der Staat längst Konkurrenz bekommen. Denn wie weit ist ein Smart-TV eigentlich noch von jenen Fernsehern aus 1984 entfernt. Und wozu noch Wanzen verstecken, wenn es doch Alexa oder Google Home gibt? Die totale Überwachung scheint weniger durch Zwangsmaßnahmen machbar zu sein, als durch das Versprechen von Bequemlichkeit.

Allerdings ist noch nicht alles verloren, denn natürlich gibt es zu dieser Bewegung auch Kritiker, die unermüdlich auf die Überwachungsaspekte hinweisen. Darauf das jeder mit einem Smartphone in der Tasche mehr oder weniger Bewegungsprofile von sich selbst erstellt oder das die Frage was wir googeln vielleicht mehr über unser Innerstes verrät, als jedes Therapiegespräch. Doch bei der totalen Überwachung ist es wie beim Impfschutz, es reicht wenn 95% mitmachen, die 5% Verweigerer werden dann quasi mal hier, mal da mitüberwacht. Doch was ist, wenn die Quote plötzlich sinkt?

Kritiker werden mitüberwacht

Was dann passieren könnte zeigt Tino Falke in seiner in der c't 04/2018 erschienen Kurzgeschichte Schnapp sie alle! auf: Man wendet sich einfach unkritischerem Publikum zu.

Die Geschichte spielt in naher Zukunft und knüpft an den Hype an, den uns letztes Jahr Pokemon go beschert hat. Das spielt das dem der kleine Sohn der Ich-Erzählerin verfallen ist, funktioniert nach fast dem gleichen Prinzip, nur erscheinen dort Elfen, Orks und Magier als realistisches 3D-Hologramm, sobald man eines von ihnen aufgestöbert hat. So richtig versteht die Mutter die Besessenheit ihres Jungen nicht, bis sie begreift das sich das Spiel unter Kindern schon soweit verbreitet hat, dass das soziale Leben der Kids untrennbar damit verbunden wird. Und als ausgerechnet ihr Junge eine besonders begehrte Figur auf Teufel komm raus nicht finden kann, beschließt sie ein bisschen nachzuhelfen. Kurzerhand setzt sie einen eigenen Server auf und versorgt bald mehr als die ganze Nachbarschaft mit zusätzlichen 3D-Hologrammen zum Sammeln.

Doch auch Cyber-Betrug kann sich rächen, vor allem wenn man wirklich etwas drauf hat. Denn irgendwann bemerkt die Ich-Erzählerin, dass an der App etwas nicht stimmt. Und tatsächlich, bei ihrer Jagd filmen die Kids ständig alles mit und die Infos gehen direkt an den Hersteller. Zuerst ungläubig beginnt sie Beweise für ihre Entdeckung zusammenzustellen. Doch als ihr Finger schon über den "Senden"-Button kreist, taucht mit Pan plötzlich die beliebteste aller Figuren direkt in ihrem Arbeitszimmer auf. Und nicht nur ihr Sohn schnappt sie sich, schon kurz darauf quellen Kinder durch die Tür und die Fenster in den Raum.

"Die Kinder schubsen und treten sich, steigen aufeinander und drohen einander zu erdrücken, japsen nach Luft. […] Wir wissen, was du tust, teilen sie mir mit. Wir können dich finden, wo auch immer du bist. [..] Dann blickt Pan in Richtung meines Sohnes. An Dimitris Stirn klebt Blut. Und es mach'klick'."

aus Schnapp sie alle! von Tino Falke

Es gibt also kein Entkommen, nicht einmal wenn man kritisch ist und den Dingen sogar auf die Spur kommt. So zumindest die Erkenntnis aus Tino Falkes Kurzgeschichte. Und so falsch dürfte er damit nun wirklich nicht liegen. Es ist ein bisschen wie in Dave Eggers' The Circle, wo man die kleinen Kameras ja auch nicht überall selbst aufstellen musste, irgendeiner hatte das sprichwörtlich überall schon erledigt. Was folgte war die Überwachung rund um die Uhr … Wovon wir aber wie gesagt schon heute nicht sonderlich weit entfernt sind, da muss man nicht erst auf die nahe Zukunft warten.

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