So richtig funktioniert das Basta von Oliver Bierhoff ja nicht, er ist halt kein Gerhard Schröder. Deshalb springt ihm jetzt schon Merkel bei.

Die Causa der Erdogan-Wahlkampfhelfer Mesut Özil und Ilkay Gündogan schadet „DieMannschaft“, daran dürfte kein großer Zweifel mehr bestehen. Zumindest würde das die panischen Versuche von Manager Oliver Bierhoff und Trainer Jogi Löw erklären, die Diskussion zu beenden. Man will Ruhe im Karton, einen Schlussstrich ziehen – was geht uns dieser Politikscheiß überhaupt an. Der stört doch nur beim Geld verdienen – ähm, Fußballspielen natürlich.

Ja, die Diskussion stört. Und dennoch ist es ein einmaliger Fall das zwei führende Köpfe des DFB sich herausnehmen den Medien vorschreiben zu wollen, über was sie nicht mehr zu berichten haben. Fußball mag eine zentrale Rolle in der deutschen Volksseele spielen, aber dieses Spiel findet nicht außerhalb der Pressefreiheit statt. Die Medien müssen über Ereignisse berichten, die für die Öffentlichkeit von Belang sind. Und die Pfeifkonzerte für Özil und Gündogan legen nun einmal nahe, dass sich die Öffentlichkeit weiter für diesen Fall interessiert. 

Der DFB hat das sträflich unterschätzt und den richtigen Zeitpunkt verpasst zu kitten was zu kitten ist. Während sich Ilkay Gündogan zumindest halbherzig äußerte, zog es Mesut Özil vor sich zu verstecken – wie ein kleiner Junge, der beim Fußballspielen eine Fensterscheibe eingeschossen hat. Nur ist der kleine Mesut inzwischen erwachsen und sein Verhalten zeugt deshalb im besten Falle von Feigheit, im schlimmsten Falle von der Tatsache kein Problem bei seinem Wahlkampfauftritt für einen türkischen Präsidenten zu haben, der wahllos Journalisten, Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Beamte ins Gefängnis werfen lässt, die nicht auf seiner Linie sind. Und ja, natürlich schlagen in Gündogan, Özil und vielen anderen zwei Herzen. Integration bedeutet nicht seine Herkunft völlig aufzugeben und sozusagen deutscher als deutsch werden zu müssen. Das Problem in diesem Fall war ja, dass Gündogan und Özil keine Solidaritätsbekundung mit der Heimat ihrer Eltern abgegeben haben, sondern mit dem Mann, der gerade versucht die Demokratie abzuschaffen und die Errungenschaften eines großen Mannes, Mustafa Kemal Atatürk, zu liquidieren. Wer heute erwachsen ist und minimalen Zugang zu Medien hat, weiß das. Wer Erdogan dennoch als seinen Präsidenten sieht, obwohl er nicht einmal die türkische Staatsbürgerschaft hat, zeigt ein bedenkliches Gedankengut.

Der DFB wäre gut beraten gewesen den beiden Spielern die Pistole auf die Brust zu setzen und sie zu zwingen Farbe zu bekennen. Ein aufrichtiges Statement hätte die Diskussion im Keim ersticken können. Warum hat man es nicht getan? Gibt es in der Presseabteilung des DFB keine Profis mehr? Oder hatte man Angst Özil und Gündogan hätten tatsächlich genau das gemeint, was man ihnen jetzt nachsagt? Warum auch nicht, gerade in Deutschland hat Erdogan erschreckend viele Anhänger unter der türkischen und türkischstämmigen Bevölkerung. Mitglieder der „DieMannschaft“, die sich allerdings offen dazu bekennen würden, wären nicht haltbar gewesen.

Stattdessen versucht man es jetzt mit einem „Basta“. Hört auf darüber zu diskutieren, ihr schadet der Mannschaft und am Ende werden wir nicht wieder Weltmeister – und dann seit ihr schuld!

Ex-Spieler wie Philipp Lahm sind strebsam bemüht den beiden Spielern beizuspringen. Selbst Angela Merkel ist sich nicht zu schade in die gleiche Kerbe zu schlagen. „Ich finde, wir brauchen die jetzt alle, damit wir gut abschneiden“, so die Kanzlerin am Sonntag bei einem TV-Interview in der ARD. Das mag an sich auch eine korrekte Aussage sein, sie zeigt aber auch wie sehr der Nützlichkeitsgedanke Angela Merkel und andere dominiert. Wenn ich jemanden brauche, kann er sich aufführen wie er will. Natürlich würde Angela Merkel in keiner Sonntagsrede vergessen ihr Loblied auf die Demokratie zu singen, aber wer für „DieMannschaft“ Tore schießt, dem kann es an einer demokratischen Gesinnung ruhig mangeln. Nützlichkeit schlägt Werte!

Wenn Deutschland am Ende Weltmeister wird, behalten Bierhoff und Löw ihre gut bezahlten Verträge und so eine Weltmeisterschaft lohnt sich für die Politik bekanntlich immer. Da können einzelne Spieler schon mal mit ihrer Prominenz die Chancen eines Autokraten auf seine Wiederwahl erhöhen. Wen kümmern schon die Aufrechten, die in türkischen Gefängnissen sitzen weil Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei unterdrückt werden? Hauptsache wir haben den Pott!

1 comment on “Was mich an der Causa „Özil & Gündogan“ wirklich anpisst”

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