Warum das „Sie“ nicht der Rückfall ins Mittelalter ist!

Ach ja, was wäre es doch einfacher, würde es auch im Deutschen nur ein „you“ geben. Wir müssten nicht dauernd diskutieren, ob wir unser Gegenüber jetzt Duzen oder Siezen. Wobei man im Jahr 2017 der puren Wahrscheinlichkeit halber auf ein „Du“ tippen sollte, denn jemanden zu Siezen kommt mehr und mehr aus der Mode. Findet übrigens auch Pat Christ in ihrem Beitrag für den aktuellen Kessener, wo sie das „Sie“ mal gleich für komplett überflüssig hält.

Ein wenig überzeugender Beitrag, zumindest für mich. Da wird zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass wir das „Sie“ vielleicht auch nur deshalb behalten, um anderen – Obdachlose, Ausländer, Nicht-Dazugehörende – mit einem „Du“ abzuwerten, läuft das nach der simplen Regel ab: Willst du etwas in Verruf bringen, suche dir den einen Idioten, der die Sache ebenfalls vertritt und schon kannst du die Sache als Ganzes für idiotisch erklären.

Warum sollte man das „Sie“ retten?

Ist es der damit ausgedrückte Respekt, den die Autorin offenbar nur schätzt, weil er ihr das obige Beispiel von Respektlosigkeit ermöglicht? Ja, sicher auch ein wenig. Aber Respekt hängt natürlich nicht auf Gedeih und Verderb an einem „Sie“. Wie die Autorin, in einem mal treffenden Beispiel, weiß, verzichten die meisten Eltern in Deutschland inzwischen darauf, von ihren Kindern gesiezt zu werden. Und wenn nicht, dann ernten sie auch völlig zurecht einige hochgezogene Augenbrauen. Hat das dem Respekt in der Familie geschadet? Wohl nicht, der mag allgemein ein bisschen abflauen, aber daran das sich Eltern und Kinder jetzt duzen dürfte das wohl kaum liegen.

Niemand käme heute mehr auf die Idee seine Eltern zu Siezen. Aber muss man deshalb jeden Deppen das „Du“ anbieten?

Eine Familie ist ja auch eine Gemeinschaft, die eng verbunden ist. Wahrscheinlich ist sie nach wie vor sogar die engste Verbindung in unserer Gesellschaft. Das Siezen wäre heute, und war es früher, fehl am Platz.

Respekt und Siezen mag keinen zwingenden Zusammenhang haben, Distanz und Siezen jedoch schon. Und das ist vielleicht der wahre Kampf, dem das „Sie“ ausgesetzt ist. Die Entscheidung wenn ich Sieze und wen ich Duze gibt mir eine gewisse (Entscheidungs-)Macht. Diese kann ich schlecht nutzen, so wie Pat Christ es in ihrem Beispiel beschreibt, oder ich kann sie so nutzen, wie sie gedacht ist. Ich kann selbst entscheiden, wem ich nahe sein möchte oder wem auch nicht.

Ok, ich kann das heute natürlich nur noch theoretisch, praktisch ging diese Freiheit in meiner Elterngeneration verloren. Aus der Arbeitswelt verschwindet das „Sie“ jeden Tag mehr, inzwischen gaukelt das „Du“ sogar schon in hierarchisch geprägten Konzernen eine Gleichheit vor, die so spätestens bei den betriebsbedingten Kündigungen für die Tonne ist. Früher war das vom Vorgesetzten oder Chef im Laufe der Zeit angebotene „Du“ noch eine Auszeichnung, heute ist Pflichtprogramm geworden. Und auch sonst wo ist es nicht viel anders.

„Sagen wird doch du!“
„Das ist nett von Ihnen, ich würde aber lieber beim ‚Sie‘ bleiben.“
„Was sind’n Sie für’n Arsch?“

Der Zwang zum „Du“ ist heute inzwischen so stark, dass einem oft gar keine andere Wahl mehr bleibt. Das eigentlich recht leichte Regelwerk darüber, wer wem das „Sie“ anbieten darf, ist ad acta gelegt worden. Heute beschließt man offenbar einfach wen man duzt, und man muss schon auf einen alten Rentner treffen, der es noch wagt sich solche Zudringlichkeiten zu verbitten. Jeder andere wird gleich zum Aussätzigen, zum Sonderling in einer Gesellschaft die das Duzen vielleicht auch deshalb forciert, weil es die teils skandalösen Schluchten überdecken soll, die sie wie Sollbruchstellen durchziehen.

Damit will ich jetzt nicht die These aufstellen, dass jedes angebotene „Du“ verlogen ist, aber rein statistisch – und aus leidvoller persönlicher Erfahrung – ist es ein gewisser Anteil natürlich schon.

Das „Sie“ ist ein Anrecht, ist eine Würde

Wenn wir nochmal auf das Beispiel des Obdachlosen zurückkommen, dann sollte eigentlich klar sein, dass der eigentliche Fauxpas darin besteht, das natürlich auch dieser das Recht hat zuerst einmal Gesiezt zu werden – es sei denn, er möchte das nicht haben. Aber diese Entscheidung obliegt natürlich allein ihm. Ihn abschätzig zu Duzen nimmt ihm einen Teil seiner unveräußerlichen Würde. Und so sollte es letztlich wieder jedem Menschen obliegen zu entscheiden wem er in seinen inneren Kreis aufnimmt, und mit wem er lieber höflich Distanz hält. Das ist kein „höfisches“ Gehabe, wie Pat Christ vermutet, sondern ein Recht, das uns allen zusteht, weil wir ein Individuum sind, das frei entscheiden darf mit wem es freundschaftliche Bande eingeht. Denn das ist das „Du“ für mich im positiven Sinne, es ist etwas Wertvolles, das ich nicht verschleudern möchte, sondern Familie und Freunden vorbehalten will. Tja, aber das war einmal …