Wahl-O-Mat für die Nationalversammlung 1919

Es soll ja Leute geben, die ohne Wahl-O-Mat kein Kreuzchen mehr machen können. Aber man kann dadurch auch ein interessantes Gedankenexperiment durchführen.

Stell dir vor es ist 1919, der Große Krieg ist noch kein ganzes Jahr vorbei. Das Deutsche Reich hat ihn verloren und in Versailles sitzen gerade die Sieger zusammen und beraten, was man mit Deutschland machen soll. In Deutschland selbst ist die alte Ordnung zusammengebrochen, der Kaiser ist abgesetzt und auch die anderen Monarchen geflohen. Kommunisten rufen Räterepubliken aus und werden von rechten Freischärlern bekämpft. Und jetzt, jetzt stehen die Wahlen zur Nationalversammlung in Weimar an.

Unter dieser Ausgangsbedingung hat das Bundesarchiv den Wahlkompass zur Nationalversammlung 1919 entworfen. Ein äußerst interessantes Gedankenexperiment, dass einem allerdings nur dann Erkenntnisse bringt, wenn man sich auch darauf einlässt. Oder mit anderen Worten, mit unserem heutigen Wissen ist es einfach den Aussagen zuzustimmen, sich neutral verhalten oder sie abzulehnen. Interessant wird es aber erst, wenn wir versuchen die Jahre ab 1920 auszuklammern. Es ging also der große Krieg zu Ende, nicht der 1. Weltkrieg. Und wir sind kein gut versorgter Bundesbürger, sondern mussten die letzten Jahre unter Rationierungen leiden. Vielleicht sind wir aber auch ein Frontsoldat, der trotz des Grauen des Krieges noch an den Sieg geglaubt hat. Wir könnten natürlich auch ein Anhänger von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sein, die vor nicht einmal einem Monat ermordet wurden – und dennoch ist ein kommunistischer Umsturz möglich. Oder wir gehören dem Bürgertum an, das nichts so sehr fürchtet wie diesen Umsturz und sich deshalb auch mit rechten Freischärlern verbündet – oder der SPD, die jene ja auch als Waffe zu nutzen wusste. Ich habe das zumindest mal versucht:

Die Sozis? Na ja, warum nicht, in den frühen Jahren der Weimarer Republik waren sie schließlich die tragende Partei der es zumindest für ein paar Jahre gelingen sollte stabile Verhältnisse zu schaffen. Die DDP (Deutsche Demokratische Partei) schnitt mit 62% allerdings genauso stark bei mir ab, die Partei von Walther Rathenau. Mit viel Vereinfachung könnte man sie die FDP ihrer Zeit nennen, inklusive der Flirts mit rechts und einer erfolglosen linksliberalen Abspaltung. Rechts dagegen ist dann die DVP (Deutsche Volkspartei), die bei mir ebenfalls eine Übereinstimmung zu 62% bekam. Ihr bekanntester Vertreter war Gustav Stresemann, der auch sinnbildlich für die Politik der Partei war. Eigentlich noch immer Monarchist, wusste er jedoch, dass eine Rückkehr zur Monarchie nur gewaltsam zu erreichen war. Doch anders als die DNVP (Deutschnationale Volkspartei) stand die DVP zu ihrer Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft.

Bleibt die Frage, welche der drei Parteien hätte ich 1919 wohl meine Stimme gegeben? Wohl am wahrscheinlichsten der DVP, auch wenn mich das jetzt in den Augen mancher nicht ganz so gut aussehen lässt.

Gefunden via Schlecky Silberstein

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