Der Prozess gegen einen Teamarzt der US-Turnerinnen war auch in deutschen Medien ein Thema, doch dieses starke Zeugnis eines Opfers kam zu kurz.

Jahre lang war Larry Nasser Arzt der US-amerikanischen Turnerinnen, und Jahre lang missbrauchte er die Mädchen. Am Mittwoch wurde er in Los Angeles zu 175 Jahren verurteilt. 175 Jahre, für uns klingt das ein wenig lächerlich, wer wird schon 175 Jahre in einer Gefängniszelle sitzen. Aber wenn man bedenkt das jemand der wegen eines solchen Verbrechens vor einem deutschen Gericht landen würde, wahrscheinlich gerade mal 15 Jahre bekommen würde, klingt das weit weniger lächerlich.

Doch in diesem Beitrag soll es nicht um die unterschiedlichen Justizsysteme gehen, sondern um Rachael Denhollander. Selbst eines der Opfer, war sie es, die gemeinsam mit einer zweiten ehemaligen Turnerin an die Öffentlichkeit ging und damit dem Treiben von Larry Nasser ein Ende setzte. Allein dieser Mut verdient äußersten Respekt.

Während sich ein Harvey Weinstein, jener Hollywoodproduzent der über Jahre seine Macht gegenüber Schauspielerinnen missbrauchte, sich für krank erklärt und gleich in eine Klinik verschwindet, begann Larry Nasser eine Bibel mit sich herumzutragen. Ob dahinter Aufrichtigkeit oder doch Nutzen steckt, man mag es zumindest ernstlich bezweifeln. In ihrer Aussage vor Gericht ging Rachael Denhollander jedoch auch darauf ein:

Nach ihrer Aussage meinte die Richterin, unrichterlich, aber amerikanisch: „Sie sind der demütigste Mensch, dem ich je gegenübergestanden habe. Mit ihnen begann die Flutwelle.“ Die gesamte Aussage lässt sich hier bei CNN nachlesen. Und sie es wert nachgelesen zu werden.

Ein Teil dieser beeindruckenden Aussage ist bei Evangelium 21 übersetzt, etwa die folgende Passage, in der sich das Opfer direkt an den Täter wendet:

„In unseren ersten Anhörungen hast du deine Bibel mit in den Gerichtssaal gebracht und hast von Gebeten um Vergebung gesprochen. Und auf dieser Grundlage appelliere ich an dich. Wenn du die Bibel gelesen hast, die du bei dir trägst, weißt du, dass die Definition von aufopferungsvoller Liebe, Gottes aufopferungsvolle Liebe ist. Er gab nämlich alles auf, um die Strafe für Sünde zu zahlen, die er nicht begangen hatte. Durch seine Gnade habe ich mich entschieden, auf diese Weise zu lieben.

Du hast von Gebeten um Vergebung gesprochen. Aber Larry, wenn du die Bibel gelesen hast, die du bei dir trägst, weißt du, dass Vergebung nicht daherkommt, indem wir gute Dinge tun, so als ob gute Dinge das ausradieren könnten, was wir Böses getan haben. Sie kommt durch Umkehr, die voraussetzt, dass man sich der Wahrheit stellt und sie anerkennt, darüber, was du getan hast in all der äußersten Verdorbenheit und dem äußersten Schrecken, ohne es abzuschwächen, ohne es zu entschuldigen, ohne so zu tun, als ob gute Taten das ungeschehen machen könnten, was du heute hier im Gerichtssaal gehört hast.

Die Bibel, die du bei dir trägst, spricht davon, es sei besser für einen Verführer, ihm einen Mühlstein um den Hals zu legen und ihn damit ins Meer zu werfen (vgl. Mt 18,6), als dass auch nur eines dieser Kinder durch ihn zu Fall kommt. Und du hast Hunderten geschadet.

Die Bibel, die du bei dir trägst, spricht von einem Endgericht, in dem Gottes ganzer Zorn und ewiger Schrecken über Männer wie dich ausgegossen wird. Wenn du jemals an den Punkt kommen solltest, an dem du wirklich verstehst, was du getan hast, wird dich diese Schuld zerbrechen. Und genau das macht das Evangelium von Christus so wunderbar. Da es die Gnade, Hoffnung und Barmherzigkeit auf Bereiche ausdehnt, wo sie nicht mehr zu finden sein sollten. Und sie werden da sein für dich.

Ich bete, dass du die seelenzerstörende Last deiner Schuld erfährst, damit du eines Tages echte Umkehr und echte Vergebung von Gott erfährst, die du vielmehr nötig hast als meine Vergebung – dennoch will ich dir auch meine Vergebung anbieten.“ – Quelle: Evangelium 21

Missbrauch ist auch deshalb ein besonders abscheuliches Verbrechen, weil es nicht endet. Die Opfer tragen die Folgen des Missbrauchs nicht selten ihr ganzes Leben lang mit sich herum. Es endet nicht mit der Überführung oder der Verurteilung des Täters. Das ist kein Geld, dass man irgendwann wieder ersetzen kann. Keine Wunde, die sich irgendwann schließt. Der Missbrauch frisst sich tief ins Innerste seines Opfers.

Umso bemerkenswerter sind diese Sätze, die nicht minder aus dem Innersten der Seele stammen. Umso größer, ist dieser einfache Satz „dennoch will ich dir auch meine Vergebung anbieten“.

Aber auch eine weitere Passage hat mich zutiefst beeindruckt:

„Während dieses Prozesses habe ich mich an ein Zitat von C.S. Lewis geklammert, in dem er sagt: „Mein Argument gegen Gott war, dass das Universum so grausam und ungerecht erschien. Doch woher hatte ich diese Idee, die zwischen gerecht und ungerecht unterscheidet? Niemand wird eine Linie krumm nennen, wenn er nicht zuerst eine Idee davon hat, was gerade ist. Womit habe ich das Universum verglichen, als ich es ungerecht nannte?“- Quelle: Evangelium 21

Es ist die uralte Frage, die Gläubige sich seit Jahrhunderten immer wieder stellen. Die Frage wie ein guter Gott all das Böse auf dieser Welt zulassen kann.

„Larry, ich kann, was du getan hast, schlimm und böse nennen, weil es das war. Und ich weiß, dass es böse und schlimm war, weil diese gerade Linie existiert. Diese gerade Linie wird nicht durch dein Ermessen oder das Ermessen irgendeines anderen bestimmt. Das bedeutet, ich kann die Wahrheit meines Missbrauchs aussprechen, ohne ihn zu verharmlosen oder abzuschwächen. Und ich kann sagen, dass er böse war, weil ich weiß, was gut ist. Deswegen habe ich Mitleid mit dir. Denn wenn eine Person die Fähigkeit verliert, zwischen gut und böse zu unterscheiden, wenn sie nicht weiß, was schlecht ist, kann sie nicht länger wissen, was wirklich gut ist. Sie kann das Gute nicht genießen.

Wenn jemand in der Lage ist, einem anderen Menschen ohne echtes Schuldbewusstsein zu schaden, vor allem einem Kind, hat er die Fähigkeit verloren, echt zu lieben. Larry, du hast dich verschlossen für alle wirklich schönen und guten Dinge in dieser Welt, die dir Freude und Erfüllung bringen könnten und sollten. Ich habe deswegen Mitleid mit dir. Du hättest alles haben können, was du vorgabst zu sein. Jede Frau, die hier aufgestanden ist, mochte dich wirklich, wie ein unschuldiges Kind eine Bezugsperson mag. Sie liebten dich aufrichtig.“ – Quelle: Evangelium 21

Eines der beeindruckendensten Zeugnisse, das ich kenne …

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