The Man in the High Castle – Wir haben die Wahl!

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Von Pete Welsch from Washington, DC, USA – Philip K Dick, CC BY-SA 2.0, Link

Was wäre wenn? Die letzten Tage bin ich endlich dazu gekommen mir die beiden Staffeln der Amazon-Serie The man in the High Castle anzusehen. Eine von Philip K. Dick, einem der wohl am meisten unterschätzten Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, erdachte Parallelwelt, in der die Nationalsozialisten siegreich aus dem 2. Weltkrieg hervorgegangen sind und sich die Weltherrschaft mit den Japanern teilen – noch.

Die USA sind geteilt. Im größeren westlichen Teil weht das Sternenbanner, nur das die Sterne durch das Hakenkreuz ersetzt sind. In Kalifornien und Umgebung flackert dagegen die aufgehende Sonne der Japaner. Dazwischen eine neutrale Zone, denn so ganz grün sind sich die beiden verbliebenen Weltmächte dann doch nicht. Und so dreht sich die Geschichte dann auch um einen drohenden Krieg zwischen den beiden Mächten, den im Grunde beide wollen – nur das die Japaner zuvor gerne auch eine Heisenbergmaschine (eine Atombombe) ihr Eigen nennen würden.

Meist konzentriert sich die Rezeption der Geschichte dann auch auf diesen Umstand, wenn dann jene Filme auftauchen die wie alte Wochenschauen wirken, nur dass sie vom Sieg der Alliierten und dem Untergang des Nazireichs und Japans berichten. Dabei belässt es die Geschichte ja eigentlich nicht dabei nur eine Alternative zu unserer Gegenwart zu schaffen, sondern eigentlich geht es in Richtung Stringtheorie, die je nach Lesart mehr oder weniger ultimative Universen theoretisiert. Und so gibt es scheinbar unendlich viele Filme, die unendlich viele Welten beschreiben.

Der Clou, der am Ende der 2. Staffel enthüllt wird, besteht ja gerade darin, dass der Mann aus dem hohen Schloss seine Hoffnungen deshalb auf Juliana (Alexa Davalos) gesetzt hat, weil sie in den unzähligen Filmen, mit ihren unzähligen Parallelwelten, immer eine Konstante geblieben war: die in allen Welten so selten vertretene Konstante desjenigen, der ethisch handelt, der richtig handelt.

Vielleicht ist das die verdammt wichtige zentrale Botschaft, die uns diese Geschichte mitgeben möchte. Eine Botschaft, die in unserer Welt des Relativismus, postfaktischen Wahrheiten und alternativen Fakten eine geradezu beängstigende Aktualität hat. Egal ob es alternative Universen gibt, de facto verwickelt sich die Stringtheorie ja nur noch in Rückzugsgefechte, es gibt eine ethische Konstante – es gibt immer die Möglichkeit das richtige zu tun. Wir haben immer die Wahl uns gegen eine Ideologie zu entscheiden, nicht mitzumarschieren. Wir haben immer die Wahl unsere Ängste zu bekämpfen und unser Herz und unsere Gedanken nicht vom Hass zerfressen zu lassen, als wären wir in Schwefelsäure getränkt.

Und was für viel Universen gilt, gilt für dieses eine Universum, also unseres, erst Recht. Egal was uns als Wahrheit verkauft wird, egal an welche alternativen Fakten wir glauben sollen – es obliegt uns die Entscheidung zu treffen. Manchmal kann das auch schwer sein. Es erfordert Charakter und Standhaftigkeit, sich nicht von Ängsten oder Gruppendruck übermannen zu lassen. Ein „Ja“ erfordert oft weit weniger Mut, als ein entschiedenes „Nein“. Vor allem dann, wenn man dem verführerischen Sog der einfachen Antworten ausgesetzt ist. Die lockend wie falsche Götter eine simple Welt versprechen, in der schwarz noch schwarz ist und weiß noch weiß. Nur geht es jenen nicht um die Wahrheit, es geht ihnen nicht einmal um eine simple Wahrheit. Und ihre Anhänger missachten sie kaum weniger als ihre Gegner. Es geht allein um das Gefühl angebetet zu werden, es geht ihnen um die Macht.

Die US-Flagge in The Man in the High Castle.
Die US-Flagge in The Man in the High Castle.

Zudem arbeitet auch The Man in the High Castle schön heraus, dass eben auch in dem einen Universum reichlich Grautöne existieren. Und damit ist nicht einmal die für deutsche Augen bizarr wirkende Geschichte, dass es ausgerechnet ein Heinrich Himmler ist, der hilft den 3. Weltkrieg zu verhindern. In der Serie zeigt sich das recht schön an dem ranghohen SS-Offizier John Smith (gespielt von einem brillanten Rufus Sewell), Amerikaner und doch überzeugter Nazi, der skrupellos agiert und dennoch pflichtbewusst handelt, ohne den eigenen Vorteil mitzunehmen. Und der die Familie, die von der Nazi-Ideologie so hochgepriesen wird, höher stellt, als die Ideologie selbst, als sein Sohn wegen einer unheilbaren Krankheit durch ein Euthanasieprogramm getötet werden soll. Selbst eine Welt, die von rassistischen Japanern und Nazis regiert wird erlaubt Grautöne, sowohl unter den vermeintlich Bösen, als auch unter den vermeintlich guten Widerstandskämpfern – die nicht weniger nach Rache und Blut schreien und mitunter wenig mit aufrechten Widerstandskämpfern gemein haben, als mit brutalen Terroristen.

The Man in the High Castle macht es dem Leser und Zuschauer also nicht leicht die Guten von den Bösen zu trennen. Und auch wenn man zumindest die Opfer identifizieren kann, so kann man die Täter schon oft nicht mehr so eindeutig verdammen, wie man es in einer Schwarz-Weiß-Welt tun würde. Aber, und hier kommen wir noch einmal zum Punkt, die Geschichte zeigt auch, dass es jederzeit und überall möglich bleibt, sich für das Gute zu entscheiden!

  • Bleibt noch die Frage: Ist das ganze sehenswert? Ich hatte mich durch die erste Staffel geschaut und empfand sie stellenweise als sehr träge und in die Länge gezogen (ist allerdings auch schon etwas her), aber auch zu sehr mit Cliffhangern versehen, … lohnt sich die zweite Staffel? Oder ist sie nur philosophisch-reflektierend interessant?

    • Ich fand sie gut, aber was die Erzählweise angeht, unterscheidet sie sich nicht wirklich von der 1. Staffel. Nur im letzten Drittel wird die Geschichte ein bisschen schneller erzählt. Aber ich finde ja eigentlich alles interessant, über das man philosophisch reflektieren kann.