Kurzgeschichte: Wozu in die Ferne schweifen?

Mit Würzburg und seinem Africa Festival ist das inzwischen ja so eine Sache. Die einen sind stolz, dass daraus ein internationaler Event geworden ist, die anderen fragen sich inzwischen, warum man für einen afrikanisch-kitschig angehauchten Flohmarkt Eintritt zahlen soll. Welche Seite auch immer Recht haben mag, auf jeden Fall lockt das Africa Festival Jahr für Jahr Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet nach Würzburg. So wie auch in meiner schon vor einiger Zeit entstandenen Kurzgeschichte hier:

Wozu in die Ferne schweifen?

Die heiße fränkische Pfingstsonne brannte auf Saids kahlgeschorenen Schädel herunter und rief eine dieser seltenen Erinnerungen an seine somalische Heimat in ihm wach. Es war kurz nach Mittag, seit fünf oder vielleicht schon zehn Minuten stand er in der Schlange vor dem Haupteingang des Würzburger Africa Festivals und kam kaum voran. Sein Blick ging nach oben in den hellblauen Himmel über den kaum eine Wolke zog. Um ihn herum hörte er das fremde Gemurmel deutscher Sprache, das er immer noch nur mit äußerster Konzentration verstand. Wobei auch das keine schlechte Leistung war, wenn man wusste wie lange er erst hier war. Als er in Deutschland angekommen war, war der Himmel ähnlich wolkenlos geworden. Aber die Sonne war schwach in seiner neuen Zuflucht, es war bitterkalt gewesen. Als hätten sich die Temperaturen der Nacht in den Tag hinübergerettet. Glücklich war er dennoch gewesen, glücklich, dass seine Flucht endlich ein Ende hatte. Vergessen wie er von einer islamischen Miliz zwangsrekrutiert worden und wegen seiner guten Englischkenntnisse ganz nah am herrschenden Scheich gewesen war. Vergessen die Folter durch den Regierungsgeheimnis, nachdem er endlich eine Gelegenheit zur Flucht gefunden hatte.

Sechs Monate war er in der Miliz gewesen, hatte gesehen wie sie Männer ermordeten, die ihnen nicht passten und Frauen vergewaltigten die ihnen entweder nicht passten oder passten. Eines Morgens war er aus der Hütte getreten und hatte am Horizont gesehen wie sich die rote Sonne langsam in Richtung Himmel hochkämpfte. Ein Hügel mit Gestrüpp und ein paar abgestorbener Bäume schien sie auf der Erde halten zu wolle, doch die Sonne war schon über der Erde aufgegangen, als noch kein Baum oder Gestrüpp war. Sie ließ sich nicht aufhalten und stieg langsam, aber stetig ihrem Ziel entgegen. Um ihn herum war es ruhig, Said lauscht in die Hütte zurück und konnte kaum mehr hören als ruhiges Schlafen und grunziges Schnarchen. Er sah an sich herunter. Er trug die zu weiten Schuhe eines Toten, die geflickte Hose eines anderen Toten und das ausgebleichte Hemd eines dritten Toten. Sein Blick wanderte über die anderen Hütten, er suchte den Wachposten, der eigentlich dort hinten stehen sollte. Als er ihn nicht sah, folgte er einer Eingebung und lief los. Er lief einfach los.

Vier Tage war er gelaufen, nur gelaufen, ohne sich wirklich daran erinnern zu können gerastet zu haben. Er ging solange ihn seine Füße trugen und wenn sie es nicht mehr taten, sackte er zusammen, schlief wahrscheinlich ein paar Augenblicke, bevor er wieder lief. Er mied die Dörfer der Gegend, weil er wusste dort nicht wirklich sicher zu sein. Die Dorfältesten hätten ihn sofort an den Scheich ausgeliefert. Ob aus Loyalität oder aus Angst konnte ihm egal sein. Am zweiten Tag wurde der Durst unerträglich. Am dritten Tag hatte er zum ersten Mal das Gefühl, er könnte es schaffen. Er fand Wasser. Am vierten Tag fand ihn eine Militärpatrouille.

Zwei Monate war er in einem der Folterkeller des Militärs unweit von Mogadischu. Zuerst hatte er geschwiegen, nicht aus Loyalität zum Scheich, sondern aus Angst vor seiner Rache. Dann war ihm klar geworden, dass es ohnehin keinen Unterschied machen würde und er begann seinen Folterknechten alles zu erzählen, was er wusste. Doch die gaben sich damit nicht zufrieden, sie wollten immer mehr wissen. Doch er wusste nichts mehr, doch sie glaubten ihm nicht. In der dritten Woche konnte er das verschimmelte Etwas, was sie ihm zu essen gaben, nur noch essen wie ein Tier. Seine Finger waren gebrochen, er konnte die Schüssel nicht halten. In der vierten Woche konnte er nur noch auf dem Bauch schlafen, weil die Peitschenhiebe an seinem Rücken zu sehr schmerzten. Als sie ihn am Ende doch gehen ließen, war er ein gebrochener Mann – im bittersten Sinne des Wortes.

Noch einen Monat blieb er in Somalia, kam bei einem alten Schulfreund unter, der als Journalist arbeitete und daran gewöhnt war den Schergen aller Seiten auszuweichen. Er päppelte Said langsam wieder auf und wusste auch, wie er das Land verlassen konnte.

„Macht acht Euro.“, meinte die Frau im Kassenhäuschen. – „Bitte?“ – „Aaaacccccht Euuuuuro.“, wiederholte sie langsam und gedehnt, als würde sie glauben die Worte zu buchstabieren. Said griff in seine Hosentasche und bezahlte das Ticket.

Die acht Euro taten ihm weh, er kam mit dem was ihm die Deutschen gaben gerade so zurecht. Lieber hätte er gearbeitet, aber das hatten sie ihm verboten. Zuerst hatte er verstanden, es gebe hier keine Arbeit für ihn. Also hatte er versucht zu erklären, dass er auch woanders hingehen würde, wo es Arbeit für ihn geben würde. Daraufhin hatte der Deutsche grinsend mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, dass sei auch verboten. Hier waren merkwürdige Dinge verboten, dachte er schließlich, aber zumindest war er in Sicherheit.

Eigentlich hatte er gar nicht auf das Africa Festival gewollt, das Geld dafür musste er schließlich irgendwo anders einsparen, aber sie hatten ihm alle gesagt, dass er unbedingt hinmüsse. Das sei zwar nicht wie in der alten Heimat, aber die Deutschen würden sich Mühe geben es so aussehen zu lassen. Und genauso war es dann auch, man gab sich Mühe es so aussehen zu lassen, als wäre das Africa Festival tatsächlich irgendwo auf dem geschundenen Kontinent weiter im Süden. Als wäre der Main, der neben dem Festivalgelände floss, der Nil. Als wäre der abgetretene Asphalt, eine Straße in seinem geliebten Mogadischu. Als wären die Grasbüschel und der Sand die Vorboten der Wüste. Weiter vorn hörte er Musik und begann zum ersten Mal zu glauben, es sei doch eine gute Idee gewesen hierher zu kommen. Er ging schneller, schlängelte sich durch die Massen, vorbei an den Verkaufsständen in Richtung Musik. Auf der Bühne spielte eine kleine Band in weiten bunten Gewändern. Sie sangen auf Arabisch, er verstand ein wenig davon. Aber im Grunde war es gleichgültig wie viel er davon wirklich verstand, Musik war eine universelle Sprache. Man musste nicht Wort für Wort verstehen, um zu wissen um was es dabei ging. Der Rhythmus war wichtig, und der begann langsam von Said Besitz zu ergreifen. Er spürte wie die Vibrationen durch die Luft hinweg über die Köpfe der anderen Menschen direkt in ihn hineinflossen. Sein Körper begann den Rhythmus aufzunehmen, er atmete tief durch und ein breites Lächeln war auf seinem Gesicht zu sehen. Continue Reading

Würzburg – Wir zimmern uns unsere Wahrheit schon zurecht!

Wer dachte nach der letzten Woche würde zumindest für ein paar Tage Ruhe einkehren, wurde gestern Abend eines besseren belehrt. Ein 17jähriger Afghane, ein unbegleiteter Flüchtling, ging in einem Regionalzug auf der Strecke zwischen Ochsenfurt und Würzburg mit einer Axt und einem Messer auf Mitreisende los. Nachdem jemand die Notbremse zog, griff er auch im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld Menschen an, ehe er von Polizisten niedergeschossen wurde. Soweit was wir wissen …

Allerdings leben breite Teile der Bevölkerung längst in Sphären, in denen es besser heißen müsste: was wir wissen WOLLEN ….

Da wären die einen, die in der rechten Ecke. Sie gieren nach der Nationalität des Täters. Nach seinem Status, er muss doch Flüchtling sein. Ein junger Mann. Ihr personifiziertes Abbild des Teufels, ein junger männlicher Flüchtling! – Und da wären die anderen, die in der linken Ecke. Die reflexartig auf die andere Seite einhauen, ob sie sich jetzt in ihrem Umfeld schon gemeldet haben oder nicht. Die Politiker und Verleger, denen zwar noch nie jemand mit einer Axt das Leben nehmen wollte, sie aber eines ganz sicher wissen, man dürfe ihn dann nicht erschießen – schon gar nicht, wenn man Polizist ist.

Ist jemanden aufgefallen, wovon im vorhergehenden Absatz nicht die Rede war? Richtig, die Opfer! Ja, unglaublich, aber wahr. Da wurden Menschen schwer verletzt, keine Nummern in einer Statistik. Da wurde ein 17-Jähriger aus Notwehr getötet. Ein dummer kleiner Junge, ganz am Anfang seiner Karriere als Kanonenfutter. Sowas gibt’s in Deutschland übrigens ständig, nur starten die meisten eine Karriere bei Skinheads oder bei der Antifa – beides Gruppen, deren Ziel auch die Zerstörung unserer Gesellschaft, unserer Werte, des Staates ist, die allerdings weniger Wert auf ihr eigenes Ableben legen. (Das klingt zynisch – ja, weil es zynisch ist.)

Aus dem Amoklauf in Würzburg können wir zwei wichtige Dinge lernen. Da gibt es das Offensichtliche, das Desinteresse politischer Gruppen am tatsächlichen Geschehen, zugunsten der zurechtgezimmerten Wahrheit. Den einen muss man entgegenhalten, dass der Islam natürlich insofern etwas mit der Tat zu tun hatte, weil der Täter eine gewisse Interpretation dieser Religion als Ausgangsmotivation hatte. Den anderen muss man entgegenhalten, wer hier nach wie vor von einem Einzelfall spricht, der leugnet keine Tatsachen, sondern beruft sich im Gegenteil gerade auf statistische Tatsachen.

Es gibt aber noch eine zweite Lehre und die ist zwar eigentlich auch nicht unbedingt neu, aber jetzt vielleicht deutlich sichtbarer. Würzburg, meine geliebte Heimatstadt, schrammte vor einigen Jahren haarscharf an dem Slogan “Provinz auf Weltniveau” vorbei. Es hat also die Provinz getroffen, nicht Berlin, nicht München – obwohl beide Städte in den letzten Jahren sicher mehr als einmal kurz davor standen. Amokläufe waren schon immer alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal der Metropolen. Für Amokläufer, die gezielt eine mediale Wirkung erzielen wollen, sind die Zeiten so gut wie nie zuvor. Als in der Türkei geputscht wurde, war das Geschrei große, weil kein Fernsehsender frühzeitig sein Programm unterbrach. Aber wozu eigentlich, das Internet, speziell die sozialen Medien lenken längst einen weit intensiveren Spotlight auf das grausige Geschehen. Und diese Aufmerksamkeit ist überall! Sie liegt auf jedem Quadratzentimeter des Landes. Sie herrscht 24 Stunden, 365 Tage lang ununterbrochen. Kurzum, wer sich einen spektakulären Abgang verschaffen will, ist längst nicht mehr gezwungen aufs Oktoberfest zu gehen oder vors Brandenburger Tor.