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Warum Twitter dem Wachstumswahn zum Opfer fällt

von am 6. Februar 2016

Heute ist die Bombe dann endlich offiziell geplatzt. Nachdem schon seit 2014 hinter vorgehaltener Hand darüber spekuliert wurde, dass auch Twitter die Timeline seiner Nutzer durch einen Algorithmus bestimmen lassen will, meldete heute etwa The Verge, dass genau das jetzt kurz bevor steht. Schon in der kommenden Woche könnte es soweit sein.

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Willkommen bei Twitter – nur wollen das alle 7,39 Milliarden Menschen auch wirklich sein?

Vor einigen Wochen machte Twitter mit der Ankündigung seine „140 Zeichen“-Begrenzung für Tweets aufzuheben jede Menge Lärm in der Szene. Schon damals war die Aufregung groß, denn gerade für viele Heavyuser des Kurznachrichtendienstes gehörte diese Begrenzung zu den großen Vorteilen. Allerdings meldeten sich auf andere Stimmen zu Wort, die das – zurecht – nicht ganz so apokalyptisch gesehen haben. Zwar stimmt es schon, dass gerade der Zwang sich kurz zu fassen dazu führt, dass die Leute sich auf das Wesentliche konzentrieren – was man aber nie zu sehen bekommt, sind jene Tweets, die sich nicht auf 140 Zeichen haben beschränken lassen. Zudem dürfte der deutsche Sprachraum zu jenen Gegenden gehören, die insgeheim aufgeatmet haben. Im Gegensatz zum Englischen, fällt es im Deutschen durchaus schwerer sich derart minimalistisch auszudrücken. Dafür sorgt nicht nur das ein oder andere Schlangenwort, dass uns Muttersprachlern außerhalb einer solchen Begrenzung gar nicht mehr auffällt. Kurzum, der – kommende – Fall der „140 Zeichen“-Grenze hat beileibe nicht nur Nachteile. Beide, Kritiker und Befürworter hatten durchaus gute Argumente.

Und so dürfte es auch neben den üblichen „Jetzt verlasse ich Twitter endgültig“-Kommentaren, auch in Sachen durch einen Algorithmus kontrollierte Timeline wieder Befürworter geben. Sie werden unter anderem sicher darauf hinweisen, dass Twitteruser, die hunderten Accounts folgen – und wer tut das nicht – doch längst die Übersicht verloren haben und gar nicht wissen, was ihnen alles entgeht. Mag in gewisser Weise auch sein – allerdings fällt es mir in diesem Falle schwer mich aus dem Kritikerlager herauszubewegen.

Neben den 140 Zeichen war die chronologische Timeline einer der letzten USP’s die Twitter noch sein eigen nennen konnte. Der wieder an die Spitze des Dienstes zurückgekehrte Jack Dorsey, der ja übrigens nicht umsonst einst gehen musste, scheint zunehmend panischer zu reagieren, um dem Wachstumswahn der Wallstreet genüge zu tun. Der Kurznachrichtendienst ist längst an der Börse und die Aktionäre wollen Erfolge sehen. Erfolge allerdings kommen nur durch Wachstum, und genau daran hapert es gerade. Das alles ist nicht frei von Komik, also kosmisch betrachtet. Sind Silicon Valley-Unternehmen doch mitunter dafür bekannt die Priorität auf Wachstum, Wachstum, Wachstum zu setzen und sich erst später den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man damit eigentlich Geld verdienen will. Durch das System der Risikokapitalgeber, die unter uns, ja auf Masse, statt Klasse, bei ihren Investitionen setzen, hat das auch sehr lange ganz gut funktioniert. Ja, und irgendwann ist man dann an die Börse gegangen und hat so richtig abkassiert. Allerdings verlangt die Börse auch ihren Tribut und da gerade Börsianer nicht gerade zu den intelligenten Menschen gehören, kennen auch sie nur Wachstum, Wachstum, Wachstum – das einzige was sie nicht zu kennen scheinen, ist die simple Einsicht, dass Wachstum begrenzt ist. Der Börsianer wird von Twitter mehr Wachstum fordern, selbst wenn alle 7,39 Milliarden Menschen einen Twitteraccount hätten.

Twitter-Boss Jack Dorsey steht also nicht vor einer Herkulesaufgabe, sondern vor einem unlösbaren Problem. Sein großes Vorbild ist Apple-Gründer Steve Jobs, dem Vernehmen nach soll Dorsey allerdings nur die Menschenverachtung von Jobs gelernt haben und nicht dessen geschäftliche Genialität. Kein Wunder also, dass er die „Leute entlassen“-Karte schon längst gezogen hat. Und jetzt bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu versuchen, was zu versuchen ist. So ist auch die Einführung eines Algorithmus für die Timeline letztlich der verzweifelte Versuch Twitter in den Mainstream zu schieben, also dort, wo Facebook wächst und wächst.

Nur wird das funktionieren? Nein!

Aus mehreren Gründen dürfte Twitter aber scheitern. Zum einen gilt zum jetzigen Zeitpunkt schlicht die Tatsache: Es wird kein Facebook neben Facebook geben! Mark Zuckerberg unangefochten die Nummer eins, und alles was ihm zum Beispiel im Messengerbereich gefährlich werden könnte, hat er vorsichtshalber schon aufgekauft. Zum anderen, auch der Facebookalgorithmus funktioniert nicht! Das fällt 99% der Facebookuser nur nicht auf, weil 99% gar nicht wissen, das ihre Timeline derart stark manipuliert wird. Übrigens bekommt selbst der User keine chronologische Timeline angezeigt, der bei Facebook „Neueste Meldungen“ anklickt bekommt eine sortierte Timeline vorgesetzt. Aus diesem Grund habe ich auch wenig Hoffnung, dass die bei Twitter vermutete Möglichkeit den Algorithmus für die eigene Timeline abzuschalten großen Sinn macht.

Algorithmen dieser Art gehören aber nach wie vor zu den gefährlichsten Entwicklungen im Internet, nicht nur, weil den meisten Menschen gar nicht bewusst ist wie stark sie manipuliert werden. Die Lernfähigkeit des Algorithmus beschränkt sich auch selbst, da ab einem gewissen Zeitpunkt die Themenwahl nur noch enger werden kann. Ist der Algorithmus erst einmal davon überzeugt, dass der User Thema A, B, C und D besonders interessant findet, erscheinen die Themen E, F und G immer weniger. Irgendwann favorisiert der User Thema A und D, so das jetzt B und C immer weniger erscheinen – und wenn E, F oder G plötzlich aus – vielleicht ja analogen – Gründen für den User wieder interessant wird, bekommt der Algorithmus davon nichts mit und der User keine Beiträge angezeigt, um es ihm irgendwie mitzuteilen. Was dem Algorithmus als perfekt zugeschnittener Themenmix erscheint, ist am Ende nur eine Themenmischung die zufällig und zeitabhängig entstanden ist.

Inwieweit der von Twitter verwendete Algorithmus genau in diese Falle tappen wird, bleibt sicher noch abzuwarten. Möglich ist ja eben auch, dass er sich etwa darauf beschränkt Tweets zu puschen, die besonders geliked werden, also retweeted wurden oder ein Herz bekommen haben. Es ist allerdings nur schwer anzunehmen, dass etwa der Faktor Interaktion dabei keine Rolle spielt und genau das führt zu ja zu den Einschränkungen. Schließlich folge ich auch so manchem Twitteraccount, den ich interessant finde oder den ich zwar wegen seiner politischen Einstellung nicht mag, aber dennoch informiert sein möchte. Und gerade letzterer bekommt sicher keine Retweets oder Herzen von mir. So steht aber zu befürchten, dass genau dieser mittelfristig so schlecht durch den Algorithmus gewertet wird, dass er quasi aus der Timeline verschwindet. Einfach weil er aufgrund der Meinung des Algorithmus soweit unten angezeigt wird, dass man ihn ganz bestimmt nicht mehr lesen wird – auch so ein Facebookprinzip, um weiter behaupten zu können, ja irgendwie doch alles anzuzeigen.

Ob es Twitter damit aber nun gelingt die Nutzerzahl wieder zu steigern ist wie gesagt aber mehr als fraglich. Wie jedes Angebot hat auch Twitter seine natürlichen Grenzen, der Markt ist nicht identisch mit jenem Teil der Weltbevölkerung, die über einen Internetzugang verfügt. Die gute alte Marktanalyse ist ja noch so eine Sache, die dem Wachstumswahn längst zum Opfer gefallen ist. Vielleicht mag es bei Twitter ja den ein oder anderen Strategen geben, der sich der ganzen Misere bewusst ist, spätestens seit die Wallstreet am Ruder ist, dürfte sich dieser aber nicht mehr durchsetzen können. Das Argument eine bestimmte Zielgruppe abzudecken und innerhalb dieser zu wachsen ist für die meisten Internetangebot obsolet geworden, woran die Kiddies im Silicon Valley, die sich nicht vorstellen können, dass da draußen Menschen anders denken als im Valley, nicht wenig Mitschuld tragen. Twitter hat eine treue Nutzerschafft, aktiv wie auch passiv. Und das Angebot hat durchaus auch noch jede Menge Potential innerhalb seiner Zielgruppe, allen voran auch bei uns in Deutschland. Die jetzt in die Wege geleitete Verwässerung wird allerdings genau diese Nutzer verprellen. Ein Umstand, der für Twitter aus zwei Gründen lebensgefährlich werden wird. Zum einen werden durch die Änderungen keine Nutzer aus anderen Marktsegmenten nachkommen, oder einfach ausgedrückt, deine Eltern sind jetzt vielleicht auf Facebook, aber was wollen sie bei Twitter? Welchen Nutzen hätten sie davon eine übersichtliche Timeline zu haben und mehr als 140 Zeichen verwenden zu können? Zum anderen ist die Grundidee hinter dem Angebot des Kurznachrichtendienstes nun wirklich nicht sensationell, sondern hat gerade durch ihre Einfachheit eine so treue Nutzerschafft gewonnen. Ein Alternativangebot, übrigens auch verknüpft mit dem Messengerbereich, online zu stellen ist schnell gemacht. Bisher hatten diese Angebote eben nur keinen Erfolg, weil Twitter immer noch Twitter war. Doch das könnte wie gesagt demnächst vorbei sein.

Update 07.02.2016 – 09:56: Der österreichische Standard berichtet über die Reaktion von Jack Dorsey auf die Empörung unter den Twitterusern. Und wirklich, man kann sich nicht entscheiden, ob es sich dabei jetzt um ein Dementi oder nicht handelt: Twitter-Chef nach Empörungssturm: „Wir hören die Kritik“

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Geekstuff

Twitter ist down, wie kann ich das twittern?

von am 14. September 2015

Ich stehe gerade vor einem ziemlichen Problem: Twitter ist down – und ich habe das dringende Bedürfnis das jetzt zu twittern oder über Twitter zumindest zu erfahren was los ist.

Posted by Intellektuelles Weichei aka. Thomas Matterne on Montag, 14. September 2015

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Persönlich

Treffen sich ein Preuße und ein Franke in meinem Kopf

von am 1. September 2015

Ich glaube ich habe an dieser Stelle ja schon öfter von diesen zwei kleinen Menschen in meinem Kopf erzählt, die hauptsächlich damit beschäftigt sind miteinander zu streiten. Da wäre zum einen der Preuße, der ständig etwas von „Pflicht, Anstand und Verantwortung“ erzählt. Ihm gegenüber steht ein Franke, der mit den Schultern zuckt und immer nur meint „Bassd scho“. Ich habe das mal in meinem Twitter-Account versinnbildlicht:

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PS: Am Ende gewinnt übrigens meistens der Preuße. Der ist einfach zu gut organisiert, auch wenn es um Argumente geht.

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Kuturelles

Hellmuth Karasek lebt!

von am 21. August 2015

Als ich heute Mittag in den Twittertrends „Hellmuth Karasek“ entdeckt habe, hatte ich kurz die Befürchtung einer der letzten wirklichen deutschen Intellektuellen sei gestorben. Ich meine, wer ohne eigenen Youtube-Kanal schafft es dieser Tage schon namentlich in die Liste der Trends bei Twitter? Da muss man schon gestorben sein, um Bibi, Babi und Fleud oder Flour auf die hinteren Plätze zu verweisen. Doch gemach, Hellmuth Karasek rezensiert nur ein Buch:

PS: Ich bitte im Protokoll festzuhalten, dass ich persönlich mich seit Jahren weigere auch nur einen Fuß in einen IKEA zu setzen. Das einzige IKEA-Produkt, das es je in meiner Wohnung geschafft hat, war eine Duftkerze – und die bekam ich geschenkt.

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