Mehmet Scholl, Deutschlands letzter Fußballexperte

Man kann der AfD nicht vorwerfen, dass sie es nicht versuchen würde. Aber während einer EM oder WM herrscht in Deutschland eben nicht mehr Demokratie, sondern wir sind eine Monarchie geworden. König Fußball regiert. Und aus 80 Millionen Migrationsexperten sind endlich wieder 80 Millionen Bundestrainer geworden.

Das sind aber auch harte Zeiten, besonders für zwei kleine Gruppen in der Bevölkerung. Da wären zum einen die Fußballverweigerer, die sich auch von einem internationalen Großereignis nicht mit Begeisterung infizieren lassen und einfach ihre Ruhe haben wollen. In den Wochen einer Europameisterschaft ist das natürlich ein verlorenes Unterfangen, denn Fußball beherrscht nicht nur die Medien, nein, auch den Rest des Jahres völlig unverdächtige Menschen generieren sich jetzt als Fußballexperten und nirgends gibt es auch nur den Ansatz eines anderen Themas. Und da wären wir schon bei der zweiten leidenden Gruppe, die Fußballexperten. Also jene, die wirklich etwas von diesem Sport verstehen und die mit Leidenschaft dabei sein, ob jetzt EM ist oder nicht. Diese Gruppe hat es nicht minderschwer, muss sie sich doch unzählige Male am Tag auf die Zunge beißen, will sie nicht langjährige Freundschaften mit jenen “neuen” Fußballexperten zerstören, die ihr neu erworbenes Wissen über Taktik und das Spiel an sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit herausposaunen.

Fußballexperte ist nicht gleich Fußballexperte

Es gibt allerdings bei jedem Turnier Spiele, da scheiden sich Experten und Pseudo-Experten recht deutlich. Das Viertelfinale Deutschland-Italien war so ein Spiel, bei dem nach einem Herzschlag-Elfmeterschießen am Ende die Mannschaft – so der offizielle, patriotisch unverdächtige Name der ehemaligen deutschen Nationalmannschaft – den Sieg davon trug. Verdient, kann man getrost behaupten, einziges Problem, die Italiener hätten es wahrscheinlich genauso verdient.

Bei den 80 Millionen Bundestrainern ging eine solche Differenzierung natürlich unter, wer sie dennoch getroffen hat, bekam mächtig eins auf die Mütze. Mehmet Scholl hat das in der ARD getan, spätestens seit diesem Abend sind seine Beliebtheitswerte gehörig in den Keller gesackt. Dabei hat es Scholl als Einzelkämpfer ohnehin schwer, steht er als Experte doch mit Matthias Opdenhövel doch einem Moderator zur Seite, der nach wie vor keine erkennbare Qualifikation für diesen Job nachgewiesen hat. Macht aber auch nichts, Mehmet Scholl hat genug Fußballwissen für beide. Und er hat die große Klappe und vor allem das Standvermögen damit auch dann herauszurücken, wenn es unbequem ist – wenn es eigentlich keiner mehr hören will. Das wiederum ist eine Qualifikation, die im deutschen Sportjournalismus etwa so selten ist wie ein Liebhaber von Speck mit Bohnen in einer Veganer-WG.

Zweifellos versteht auch sein ZDF-Pendant Oliver Kahn eine Menge vom Fußball, aber eben nur, weil er jahrelang diesen Job gemacht hat. Mehmet Scholl aber hat das Spiel begriffen, er versteht nicht nur was auf dem Platz passiert, er weiß auch warum. Es ist ein wenig so wie der Bauarbeiter, der ein Haus baut, auf der einen Seite, und der Architekt, der es konstruieren kann. Beide sind nicht schlecht, aber sie unterscheiden sich eben dennoch grundlegend.

Kritik: Der Fußball – Die Wahrheit

Was hat obiges Video mit Fußball zu tun? Mit etwas Fantasie kommt man sicher selbst darauf, oder? Die Autoren von “Der Fußball – Die Wahrheit” nutzen es, um ein praktisches Beispiel für die Schwierigkeit des Linienrichtes zu liefern, wenn es um die Abseitsentscheidung geht.

Damit dürfte auch klar sein, dass “Der Fußball – Die Wahrheit” kein typisches Buch über den deutschen Volkssport Nummer eins ist. Im Gegenteil, mit manch liebgewonnen Mythos wird hier aufgeräumt. Überhaupt haben die Autoren Daniel Memmert, Bernd Strauss und Daniel Theweleit ein kleines Kunststück geschafft, sie haben ein Buch mit jeder Menge Statistiken und wissenschaftlichen Studien vorgelegt, das sich wahnsinnig spannend liest.

Dabei geht es nicht nur um die Abseitsentscheidung, sondern zum Beispiel auch um den legendären Heimvorteil. Den gibt es zwar noch, aber scheinbar nimmt er immer weiter ab – angesichts der zunehmenden Profesionalisierung der Mannschaften nicht weiter verwunderlich. Allerdings kann er sich heute auch schneller in einen Heimnachteil wandeln.

“Auf allen Ebenen durchdringen wissenschaftliche Erkenntnisse den Fußball, das wissen inzwischen fast alle Fans, Journalisten, Trainer und die Leser dieses Buches sowieso.”

Und dennoch dürften eine Menge Leser den ein oder anderen liebgewonnenen Glauben leise verabschieden. Denn auch was den Einfluß der Fans im Stadion angeht, zeigen die Autoren auf, dass der 12. Mann sich manchmal doch zu wichtig nimmt – aber manchmal, im richtigen Moment doch eine Menge bewegen kann.

Abgerundet wird das Buch mit einer Reihe von Interviews, die thematisch ans Ende des jeweiligen Kapitel gesetzt wurden. Darunter Trainer wie etwa Ottmar Hitzfeld oder Ralf Rangnick, oder andere Persönlichkeiten zum Beispiel aus den Reihen der Sportjournalisten. Und auch die Psychologie kommt zu Wort, wie überhaupt die Tendenz des Buches zu dem geht, was man heute so schön als “modernen Fußball” bezeichnet. Bundestrainer Jogi Löw dürfte dieses Buch sehr gefallen – aber das ist auch kein Gegenargument. Ich finde es trotzdem durch die Bank empfehlenswert. Ein Fußballbuch, das jeder, der sich für diesen Sport interessiert, gelesen haben sollte.

Bewertung: vier