Glaube

Glauben muss weh tun, darf er aber nicht mehr

von am 15. April 2017

Ostern steht vor der Tür … Zeit einen Blick zurückzuwerfen, wie war das damals. Damals, als praktisch das erste Ostern vor der Tür stand. Herrschte da neben all der Bekümmertheit schon eine gewissen Vorfreude bei den Anhängern Jesu? Nein, die Männer und Frauen die ihm bis nach Jerusalem folgten waren am Boden zerstört. Es schien, als sei alles schon zu Ende, ehe es begonnen hatte.

Ich fürchte wir können uns heute nur annähernd vorstellen, wie schwer wohl die Verzweiflung war, die während dieser langen Tage herrschte. Eben noch glaubte man dem Sohn Gottes nachzufolgen und dann – dann dieser Tod am Kreuz. Der Tod durch die grausamste und erniedrigendste Hinrichtungsart überhaupt. Wer in die Köpfe jener Männer und Frauen hineinsehen konnte, hätte wohl den ein oder anderen Gedanken gefunden wie „so habe ich mir das Kommen des Reich Gottes aber nun wirklich nicht vorgestellt“.

Ein Schlagwort dürfte unausgesprochen die Runde gemacht haben: Zweifel! Und wenn es kein Zweifeln war, dann doch zumindest die Feststellung, das Glauben am Ende doch gar nicht so leicht ist.

Von Anonymous Russian icon painter (before 1917) Public domain image (according to PD-RusEmpire) – http://www.akcia-antique.ru/openwindow.php?id=17769, Gemeinfrei, Link

Und ja, das ist es auch nicht. Und ja, Zweifel gehören zum Glaubensleben dazu. Wer nie zweifelt, kann sich nur in den seltensten Fällen über einen blinden Glauben freuen, er gerät eher in Gefahr tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes blind zu werden. Nicht nur blind für die anderen, sondern am Ende auch blind für die Wahrheit und anfällig für die blinde Wut.

Der Zweifel ist eine Stütze des Glaubens

Ich denke in der Tat, dass der Zweifel den Glauben sogar festigen kann. Und ich bin davon überzeugt, dass jeder irgendwann einmal diese Zweifel hat. Und mitunter ist es gerade die Überwindung des Zweifels, die den Glauben umso stärker macht.

Doch es muss nicht immer eine tiefe Glaubenskrise sein, die Zweifel erzeugen. Denn der Glaube, die Religion ist in gewisser Weise ein Gesamtpaket – und wie in jedem Gesamtpaket enthält sie eben auch Dinge, die einem nicht auf den ersten Blick einleuchten, sogar stören. Aber was stört, muss heute verschwinden. Störfaktoren, Zweifel – all das ist in der relativistischen Moderne nicht mehr erwünscht. Die Folgen zeigen sich meist in zwei Entwicklungen.

Glauben wird mit Rosinen picken verwechselt

Die Kirchen schleifen ihre Konturen. An nichts darf sich mehr geschnitten werden, alles muss glatt sein. Manch evangelische Kirchen scheinen den Sohn Gottes auf eine bedeutende Persönlichkeit zurückzustufen, die katholische Kirche breitet über alles den Mantel des Schweigens, was unangenehm aufstoßen könnte. Fegefeuer? Gibt es nicht mehr! Und überhaupt, in die Hölle, da kommt bestenfalls noch Hitler. Mal abgesehen davon, dass dieses Schleifen des Glaubens nicht ein Schäfchen mehr in die Gottesdienste bringt, wird der stetige Wandel der Kirche durch eine Erosion des Christentums ersetzt.

Konkurrenzfähig scheint man in einer Welt in der das Glauben wollen ja keineswegs ausgestorben ist schon längst nicht mehr. Der Mensch der Moderne ist bekanntlich nicht mehr auf seine regionale Umgebung angewiesen, auch die Religionen sind längst globalisiert und weltweit verfügbar. Und das neue hat seinen Reiz, Exotik ist es, die mehr zählt, als das Althergebrachte. Niemand scheint mehr die Mystik im Christentum zu suchen, wenn doch weltweit Alternativen zur Verfügung stehen. Der Buddhismus erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, freilich ist es ein westlicher Buddhismus light, der sich in unseren Breitengraden ausbreitet. Es ist das Dauerlächeln des Dalai Lama, das begeistert, nicht die wirre und abergläubische Dämonen- und Geisterwelt im tibetanischen Buddhismus. Immer noch aktiv sind die hinduistischen Sekten, für viele nach wie vor attraktiv, im Westen hat man ja den Vorteil nicht in die Kaste der Unberührbaren geboren werden zu können. Man pickt sich die Rosinen heraus, nicht selten bastelt man sich dabei seine eigene kleine Privatreligion zusammen. Meditationen werden zu Events, westliche Gurus vermixen die fremde Religion mit westlichen Elementen und was dabei herauskommt ist eine Wischiwaschireligon der Glaubensgrundsätze kaum über als religiöse Weisheiten getarnte Binsenweisheiten hinausgehen. Und während man den Kirchen hinter vorgehaltener Hand die Kirchensteuer vorwirft, von der man sich mit einem Gang aufs Amt befreien lassen kann, werden keine Kosten gescheut, um auf pseudospirituelle Retreats zu reisen und sich kitschige Buddhastatuen in den Garten zu stellen. Letztlich muss man sich es auch finanziell leisten können.

Ironischerweise sind es also mitunter oft genau jene, die mit genüsslicher Freude auf die Verfehlungen der Kirche wie den Ablasshandel zeigen, während sie selbst ihre Münzen in die Beutel jener werfen, die sie mit Allgemeinplätzen und modernen Showelementen betäuben. Es darf bloß nicht weh tun, es darf bloß nicht echt sein.

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Literatur & Comics | Philosophie

Kritik: „Angst vor der Wahrheit“ von Paul Boghossian

von am 6. Juni 2014

Philosoph Paul Boghossian kämpft für die absolute Wahrheit. Eine Wahrhiet die gilt, ohne relativiert zu werden. Kein kultureller Einfluss, kein Mensch, der die Wahrheit konstruiert. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – na ja, zumindest das, was Boghossian für die Wahrheit hält.

 

Wenn ich Paul Boghossians angeblich bahnbrechendes Werk „Angst vor der Wahrheit – Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus“ in einer Aussage zusammenfassen möchte, dann ist die nicht ohne Ironie. Ich habe mich nie als besonders überzeugtere Relativist gesehen, aber seit ich Boghossians Plädoyer dagegen gelesen habe, weiß ich, dass uns nur Relativismus zu überleben.

Kurz um, dieses Buch ist zwar stellenweise recht amüssant (freiwillig und unfreiwillig), aber die Argumentation des Autors wäre überzeugender, hätte er auf den über 150 Seiten die Form eines Kieselsteins beschrieben. Nicht das Boghossian in seinem Buch der schlecht versteckten Häme keine Beispiele aufführen würde, die Relativisten widerlegen sollen. Allein, er führt lächerliche Extrembeispiele auf. Das wirkt auf lange Sicht eher peinlich und entwürdigend für einen Autor, der eigentlich ja kein Hobbyphilosoph ist.

Boghossian stilisiert sich dabei selbst zum tapferen Mann, der gegen den Strom des philosophischen Zeitgeistes schwimmt. In Wahrheit entblösst er sich damit aber nur selbst als jener Geisterfahrer, der bei der Meldung im Autoradio vor sich hinmurmmelt: „Ein Geisterfahrer, das sind doch Hunderte, die mir entgegen kommen.“

Damit tut er seiner Sache natürlich alles andere als einen Gefallen. Schließlich ist der Glaube an eine absolute Wahrheit nicht weniger risikant, als relativeren als eine Art Synonym für „Rechtfertigung oder Entschuldigung für Taten“ misszuverstehen. (So wie es der Autor entweder mit voller Absicht oder eben doch auch Unverständnis tut mit dem Relativismus und Konstruktivismus als Prinzip tut.) Dementsprechend fehlt in „Angst vor der Wahrheit“ erstaunlicherweise eine entscheidende Frage, nämlich die Frage nach jenen Dingen, die nun wirklich wahr sind und warum. Zumindest Boghossians Antworten auf die ungestellte Frage ist da wenig hilfreich. Er hat nur ein unwichtiges Buch vorgelegt, das am Ende keine Geschichte über die Wahrheit ist, sondern eine Geschichte der Zeitverschwendung.

Bewertung: eins

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