Was uns die alten Griechen im Kampf gegen die Angst voraus hatten!

Im Schatten des Burnouts gelingt es zumindest der Depressionserkrankung hier und da aus der Dunkelheit der Ignoranz hervorzutreten. Zwar stößt auch sie immer noch auf Unverständnis und Erkrankte werden hinter vorgehaltener Hand noch als Simulanten bezeichnet, aber im Gegensatz zur Angsterkrankung spricht man zumindest ab und zu darüber. (Tragisch, aber der Aufmerksamkeitsökonomie geschuldet meist dann, wenn es zu einem Suizid gekommen ist.) Angst ist nicht nur für die Betroffenen etwas diffuses, mitunter auch für die Öffentlichkeit.

Einen schon etwas älteren, aber immer noch sehr sehenswerten Vortrag hat dazu der österreichische Psychotherapeut Dr. Jürgen Stepien gehalten:

Er geht darin auf zwei Aspekte im Besonderen ein. Zum einen die Vielschichtigkeit der Angst, die wir ja meist nur oberflächlich wahrnehmen. Etwa dann, wenn es um Spinnen- oder Xenophobie geht, um Prüfungs- oder Armutsängste. Doch, und da könnte er durchaus Recht haben, sind das eher Symptome einer tiefersitzenden Seinsangst. Und wer eine Krankheit besiegen will, für den ist das Herumdoktern an den Symptomen immer nur die zweitbeste Lösung.

“Wir werden Pendler zwischen der Überforderung in der Arbeit und der Unterforderung in der Regenerierung.” – Jürgen Stepien

Zum anderen stellt er die Theorie einer Partnerschaft zwischen Angst und Freude auf. Beides gehört zusammen und beides ist in gewisser Weise für uns unverzichtbar. Nur wissen wir nicht mehr so recht, wie wir mit der Angst umgehen sollen, wie wir sie sogar für uns nützen können. Und vor allem haben wir auch von der Freude nur noch sehr wenig Ahnung. Das ein erwachsener Mensch mehr als 150 Mal weniger am Tag lacht, als ein Kleinkind – na ja, das sagt schon viel.

“Wir kommen mit einem Kredit an Freude zur Welt.” – Jürgen Stepien

Natürlich wird ein Verstandmensch wie ich bei allzu viel “hören wir auf unser Gefühl” eher kritisch, aber mitunter weise ich dann gerne daraufhin, wie gründlich missverstanden die Stoa heute wieder bei vielen ist. Aber, was mir dann wieder sehr gefallen hat, war Stepiens Rückgriff auf die Mythologie, die ja wirklich – ähnlich wie Märchen – zu den interkulturellen und zeitlosen Übermittlern der Weisheit gehört.

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Familienbild mit Ares – Phobos und Deimos

Mit einem Ausflug in die römische Mythologie weist er auf zwei Dinge hin. Dort gab es die Götter Phobos und Deimos, die für Furcht und Schrecken standen. Beides sind auch Monde des Mars, was eine Vermischung zwischen römischen und griechischen Götternamen ist, entspricht Mars doch dem griechischen Ares, dem Vater von Phobos und Deimos. Und die Mutter ist immerhin Aphrodite, was schon einmal dazu führt, dass man unterschiedliche Formen der Ängste im alten Griechenland nicht nur Tempel errichtete, sondern schon damals nur im Familienbund mit Mut und Schönheit. Übrigens auch mir Harmonie, wie Stepien mit Blick auf Harmonia meint, eine Schwester von Phobos und Deimos. Und, der Vollständigkeit wegen sei erwähnt, dass auch Eros und einige andere Ares und Aphrodite zu Eltern hatten.

Psychospiele: Wenn BWLer manipulieren und gefährlich werden!

Der treue Leser wird sich vielleicht daran erinnern, dass die Leute bei Amorelie nicht nur Sexspielzeug verkaufen, sondern auch Sexspielzeug tanzen. Ich habe hier ja schon mal darüber berichtet. Was ich neulich bei einem Gründerseminar hier in Würzburg erlebt habe, hatte zwar nix mit tanzen zu tun, könnte manchem Beobachter aber ebenso suspekt erscheinen. Es ging um ein “Experiment”, wie es die Vortragende nannte, dass ich zum besseren Verständnis kurz beschreiben möchte:

Wir haben ein Problem, oder besser der Macher eine Online-Plattform hat ein Problem. Also bildeten wir einen Stuhlkreis und nach einigem Zögern fanden sich vier Teilnehmer, die in die Mitte gingen und jeweils den Gründer repräsentierten, einen Kunden, die Geschäftsidee und natürlich musste eine Teilnehmerin auch der wirtschaftliche Erfolg sein. In der Folge musste der echte Gründe diese vier Personen seinem Gefühl nach im Kreis positionieren. Sobald das geschehen war, sollte dann zum Beispiel der wirtschaftliche Erfolg sagen, wie sie er sich so fühlt.

Gut, Kritiker werfen mir jetzt natürlich vor, dass ich solche Übungen als Vernunft- und Verstandesmensch aus Prinzip für dämlich halte. Doch das stimmt nicht, im Gegenteil, ich halte sie sogar für ausgesprochen nützlich. Ich kenne auch eine ganze Reihe dieser Übungen, obwohl es dennoch ein bisschen dauerte, bis mir klar wurde, dass der Couch (was ist eigentlich die weibliche Form von “Couch”?) hier die sogenannte Familienaufstellung nützt. In dieser versucht man etwas familiäre Probleme zu lösen, indem die Rollen verteilt werden.

In diesem Fall mischte sich die Leiterin aber noch weiter ein, etwa als der Kunde äußerte, das Produkt reize ihn jetzt nicht so wirklich. Woraufhin das Produkt einen gefalteten Zettel in die Hand bekam – später noch einen zweiten – was den Kunden dann doch ein bisschen neugierig machte.

Um es kurz zu machen, auf dem Zettel stand “niedriger Preis”, so das jener Gründer zwei Lektionen aus der Übung herausziehen konnte. Die eine bestand darin, dass die ursprüngliche Positionierung, in der der Unternehmer hinter der Geschäftsidee regelrecht versteckt war, keine gute Idee war, sondern sie zumindest nebeneinander stehen sollte. Die zweite war, der niedrige Preis, denn der erste Zettel hatte beim Kunden wesentlich mehr Interesse geweckt, als der zweite. Die erste Lektion ist sicher auch von der objektiven Herangehensweise vernünftig, ich hätte nichts anderes geraten. Was den Zettel angeht? Na ja, zum einen hätte die Leiterin ja auch “Wer das liest, ist doof” drauf schreiben können, zum anderen, wie sie streng auf meine Nachfrage hin betonte, ist es von Fall zu Fall unterschiedlich, welcher Zettel mehr Neugierde erweckt. Mit anderen Wort, die Lektion einen niedrigen Preis anzusetzen basiert auf bloßem Zufall und wird zudem von einer dritten Person formuliert. Abgesehen davon hätte der Inhalt von Zettel 2 bei der konkreten Fragestellung gar keinen Sinn gemacht, weshalb der Zufall der Leiterin der Übung in die Hände spielte. Aber letztlich ist gerade der Inhalt des Zettels nichts weiter als bloße Manipulation und deshalb als Ratschlag äußerst bedenklich. Diese Übung findet bei der Beraterin immer statt, wenn beispielsweise ein Kunde von ihr bei der Abwägung von Entscheidungen sich eben gerade nicht entscheiden kann. Was am Ende die Folge hat, dass die Entscheidung entweder dem Zufall überlassen wird oder die Beraterin in gezielter Manipulation eine Entscheidung auf die subjektive Ebene bringt und so den objektiven Zweifel umgeht. Das mag mancher für legitim halten, ich nicht. Das sich im Nachhinein die meisten derart Manipulierten an den Kopf fassen und meinen, genau das hätte ihnen eigentlich ihr Bauchgefühl gesagt, kann man getrost auf den menschlichen Charakter schieben.

Wie gesagt, an sich bin ich von derlei Übungen aus dem Werkzeugkasten der Psychologie durchaus überzeugt, die konkrete Anwendung verursacht mir aber noch immer Bauchschmerzen. Aus zwei Gründen! Zum einen habe ich meine Zweifel, ob sich die Familienaufstellung an sich seriös in dieser Art und Weise einsetzen lässt. Dabei geht es im konkreten Fall eben auch um Faktoren wie die Frage, inwiefern eine fremde Person einen Kunden repräsentieren kann. Zum anderen aber vor allem um die Manipulation durch besagten Zettel. Dieser macht mir besonders Bauchschmerzen und wirft die entscheidende Frage auf: Sollten BWLer sich aus dem Werkzeugkasten der Psychologie bedienen dürfen? Klar, es gibt kein Gesetz dagegen solche Übungen im Rahmen einer Beratung einzusetzen, aber wie sieht es mit dem ethischen Aspekt dabei aus? Psychologe wird man nicht durch einen Volkshochschulkurs oder das Lesen psychologischer Fachbücher. Mit anderen Worten, man kann den Einfluss nicht im geringsten abschätzen, den das jeweilige Ergebnis einer solchen Übung – selbst wenn sie korrekt durchgeführt worden wäre und passen würde – auf die Zielperson hat.

Wenn man eine solche Übung überhaupt durchführt, sollte man das Ergebnis am Ende schon im vorhinein kennen und aus seiner Erfahrung als Berater abschätzen können, dass genau das dem Kunden weiterhilft. Dann ist man aber eben wie gesagt der Manipulator, der eine Entscheidung auf der subjektiven Ebene herbeiführt. Damit löst man vielleicht das ethische Problem eine Entscheidung auf bloßem Zufall herbeizuführen, steht aber vor dem anderen ethischen Problem der Manipulation. Im Hinblick auf das Ziel einer solchen Beratung mag das geringer erscheinen, aber utilitaristische Ansätze finden bei einem Kantianer wie mir ja auch nicht gerade viel Zustimmung.

Mit anderen Worten, die Antwort auf die Frage, ob BWLer sich wie Psychologen verhalten dürfen, ist ein klares “Nein”. Psychologisches Wissen ist meiner Ansicht nach auch in diesem Bereich unverzichtbar, ich selbst beschäftige mich deshalb viel mit Psychologie. Aber ich tue das auf einer komplett anderen Ebene, ich will den Menschen verstehen, nicht ihn manipulieren. Im Idealfall, um eine Win-Win-Situation herzustellen, allzu oft aber auch nur, um von Reaktionen nicht überrascht zu werden.

Depressionen sind immer noch ein Tabuthema

IT-Manager Rüdiger Striemer hat mit Von der Chefetage in die Psychiatrie – und zurück einen, wie ich finde, sehr lesenswerten Artikel zum Thema “Burnout” geschrieben – oder vielmehr zu den dahinter steckenden Krankheiten wie Depressionen oder auch Angststörungen. Ich interessiere mich ja auch für die Psychologie und gerade dieser Bereich, der vielleicht das alltäglichste Zeichen psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist, findet immer mein besonders Interesse.

Zunächst einmal muss man Striemer zustimmen, es ist in den Medien ruhig geworden um das Thema Burnout. Es findet nicht einmal mehr eine größere Berichterstattung zu den Ursachen statt, etwa die ständige Erreichbarkeit dank moderner Techniken. War Burnout für die Medien am Ende nur ein Strohfeuer, um ein schlechtes Wortspiel zu bedienen. Ist es jetzt ausgelutscht? Oder gibt es einfach keinen prominenten Fall mehr, den man aktuell ausschlachten kann?

Gehen wir eine Stufe tiefer: Burnout hat zwei Bedeutungen. Da wäre zunächst die gesellschaftliche Bedeutung, nach der Burnout etwas ist, was man sich “verdient” hat. Man ist ausgebrannt, weil man zu lange auf zu hoher Stufe gebrannt hat. Damit wird Burnout zumindest in Ansätzen gesellschaftlich akzeptabel, was allerdings noch lange nicht dazu führt, dass jeder der darunter leidet oder gelitten hat es auch offen zugeben möchte. Perverser weise dürften es eher den ein oder anderen geben, der behauptet er würde knapp vor einem Burnout stehen, um zu zeigen wie viel und wie toll er doch Leistung treibt. Im Zweifel ist Burnout aber dann doch das Stichwort, dass manch einer fallen lässt, wenn er nach einigen Wochen Klinikaufenthalt zurückgekehrt ist. Dabei ist Burnout, und hier kommen wir zur zweiten Bedeutung, an sich keine Krankheit. Burnout ist ein Syndrom, dahinter stecken meist Depressionen und Angsterkrankungen. Und – das ist die traurige Wahrheit – der in der Gesellschaft oder beruflich Karriere machen möchte, ist gut beraten zuzugeben depressiv zu sein oder an einer Angststörung zu leiden. Das gesellschaftliche Stigmata ist heute so groß wie eh und je – der Unterschied besteht nur darin, dass man es heute nicht mehr offen zugeben würde.

Depressionen können jeden treffen

Depressionen können jeden treffen

Dieser Umgang ist insofern auch deshalb überraschend, weil Depressionen und Angsterkrankungen kein seltene Erkrankung sind, sondern jeder der diesen Text liest, eigentlich einen Erkrankten kennen müsste. (Was er ziemlich sicher auch tut, eventuell verschließt er nur die Augen oder hat kein Interesse daran.) Mit dieser Alltäglichkeit könnte man eigentlich erwarten, psychische Erkrankungen würden wie ein Rückenleiden oder ein Beinbruch behandelt werden. Was sie auch letztlich sind, denn die meisten Depressionen sind wie jede andere Krankheit auch schlicht von der Medizin behandelbar. Ob also jemand an seinem Arbeitsplatz fehlt und später wiederkommt, weil er Probleme mit der Bandscheibe hat oder wegen einer Angsterkrankung, müsste objektiv betrachtet, gleichgültig sein. Und denn leben wir in einer Gesellschaft und einer Arbeitswelt, in der jeder sagen kann, er habe Rückenprobleme, aber niemand ohne Angst vor den Folgen sagen kann, er habe Depressionen.

Viele argumentieren hier, physische Erkrankungen seien greifbar und somit besser begreifbar, als psychische Erkrankungen. Na ja, insofern man von einem Bandscheibenvorfall ein Röntgenbild mit ins Büro bringen kann, mag das auch stimmen. Aber wer tut denn sowas als Beleg für seine Erkrankung? Oder welcher Herzinfarktpatient versucht später sein Herzproblem derart zu belegen? Dinge wie ein Beinbruch sind für das Auge ersichtlich, aber eben längst nicht alle Erkrankungen. Und dennoch scheinen die Menschen hier einen gewaltigen Unterschied zu machen. So ziemlich jeder Körperteil darf geschädigt werden, aber wenn bei einem im Kopf was nicht stimmt, dann ist er mit Vorsicht zu genießen. Noch viel zu viele begegnen psychisch Erkrankten dann mit Misstrauen: Kann der überhaupt noch volle Leistung bringen? Kann man dem überhaupt noch vertrauen? Am Ende will man lieber kein Risiko eingehen. Was folgt ist dann oft subtiles oder weniger subtiles Mobbing Menschen gegenüber, die ohnehin psychisch angeknackst sind. Oder der Arbeitgeber sucht andere Gründe, die eine Trennung rechtfertigen würden.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus reagieren nicht alle Arbeitgeber so. Ich habe auch mal für ein Unternehmen gearbeitet, wo Betroffene damit relativ offen umgehen konnten. Das Klima innerhalb des Unternehmens war diesbezüglich erfrischend offen und der Geschäftsführer hat das wochenlange Fehlen seines Arbeitnehmers behandelt, wie jede andere Krankheit auch. Allerdings kenne ich eben auch das Gegenbeispiel einer Firma, in der jeder der zu laut gehustet hat wegen Ansteckungsgefahr nach Hause geschickt wurde, beim Auftauchen psychischer Probleme aber hilflos und mit dem einfachsten Weg reagiert wurde: Trennung vom Arbeitnehmer

Hilflos ist hier übrigens eine sehr wichtige Vokabel, weil ich glaube, dass wir nach wie vor viel zu wenig Aufklärung zu dem Thema leisten. Und das, obwohl wie gesagt jeder jemanden kennen müsste, der an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen leidet. Und das Phänomen im Übrigen auch alles andere als eine Managerkrankheit ist, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten auftritt. Es ist im Übrigen auch nicht auf Arbeit im kapitalistischen Sinne beschränkt, sondern betrifft auf Arbeitslose, die mit ihrer Situation nicht zurecht kommen und mit Depressionen darauf reagieren. Eine verstärkte Aufklärung seitens der Krankenkassen, des Staates und der Verbände könnte dieses Problem zumindest mindern. Es könnte zumindest jene erreichen, die hilflos auf solche Situationen reagieren und auf diese Weise einen besseren Weg des Umgangs finden könnten. Damit wäre schon einiges erreicht.

Der Mensch ist auch nur ein Dinosaurier

Wir können nicht mehr mit den Veränderungen mithalten!

Die Welt verändert sich seit es sie gibt. Aber inzwischen fällt es den Menschen, der an dieser Veränderung ja mehr als nur beteiligt ist, schwerer mitzuhalten.

Dinobekanntschaften. #Dino #Dinosaurier #Playmobil

Ein von Thomas Matterne (@thomasmatterne) gepostetes Foto am

In einem Artikel über Künstliche Intelligenz von Tim Urban bin ich auf ein sehr interessantes Gedankenexperiment gestoßen. Nehmen wir an, wir reisen mit einer Zeitmaschine ins Jahr 1750 und begegnen dort jemanden, der uns überredet ihn mit zurück in die Gegenwart zu nehmen. Wie groß wäre der Schock der Veränderung für diesen Menschen aus der Vergangenheit: Er kennt Kutschen, Pferde und Esel – wir kennen Autos und Flugzeuge. Er kann mit Glück vielleicht lesen, Zeitungen gibt es kaum oder eigentlich noch nicht. Wir lesen die neusten Nachrichten vom anderen Ende der Welt auf unserem Smartphone, das uns nebenbei sagen kann wo wir sind, das uns hilft, uns mit Menschen zu unterhalten, die Kilometer weit weg sind. Der Vergleich zwischen 1750 und heute ist so enorm, vielleicht – so Urban – würde unser Gast an dem Schock gar sterben. Tut er aber nicht, sondern er reist zurück in seine Zeit und dann beschließt er, ins Jahr 1500 zu reisen. Warum? Fragt nicht, ist ein Gedankenexperiment! 🙂 Dort trifft auch er jemanden, der ihn überredet mit ins Jahr 1750 reisen zu dürfen. Auch der Mensch aus dem Jahr 1550 wird viele neue Dinge sehen, aber dennoch wird er sich nicht wie in einer total anderen Welt vorkommen.

Das unterschiedliche Erleben dieser beiden Menschen, die jeweils eine Welt 250 Jahre nach ihrer eigenen Zeit kennenlernen, weißt sehr deutlich auf eine schlichte Tatsache hin, der wir uns mehr bewusst werden müssen. Ja, es ist eine Binsenweisheit, dass sich die Welt verändert. Aber ist uns wirklich bewusst, wie überproportional groß die Veränderungen in den letzten zwei Jahrhunderten gewesen ist. Und ist uns wirklich bewusst, dass diese Entwicklung gerade in den letzten 50 oder 60 Jahren noch einmal kräftig angestiegen ist? In jeglicher Hinsicht!

Heute vor 100 Jahren kreisten Doppeldecker über die Schlachtfelder des 1. Weltkrieges und Leute warfen die Bomben teils per Hand ab. Inzwischen steuert ein Soldat in einem Stützpunkt eine Drohne am anderen Ende der Welt, als wäre es ein Computerspiel. Jules Verne träumte von einer Reise zum Mond, die Amis waren dort – nicht mehr lange, und auch das ist schon 50 Jahre her. Anfang des Jahrhunderts gab es bei weitem keine Straßenlaternen in jeder Straße, heute haben wir das Gefühl von der Zivilisation abgeschnitten zu sein, wenn für 5 Minuten der Strom weg ist. Früher kabelte man über den großen Teich, heute öffnet man Skype. …. und …. und … und

“Es ist nicht die stärkste Spezie die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.”, Charles Darwin

Schiebt es auf meine konservative Grundhaltung, dass mir angesichts dieser Entwicklung durchaus ein bisschen schwindlig wird.

Unsere Aufmerksamkeit etwa wird bevorzugt auf negative und gefährliche Aspekte in unserer Umgebung verteilt. Das ist evolutionstechnisch begründet und damals in der Savanne eine ziemlich praktische Sache gewesen, weil wir statt den wunderschönen Sonnenuntergang zu bewundern, den Löwen im Gebüsch um die Ecke bemerkt haben. Für einen Bruchteil der Menschheit ist das auch heute noch eine feine Sache, aber trotzdem steckt dieses Verhalten noch immer in uns drin. Manch anderen evolutionären Ballast haben wir vielleicht abgeworfen, aber um uns so zu verändern, haben wir Tausende von Jahren Zeit gebraucht. Jahrhunderte, in denen es auch immer Fortschritt gab. In denen es manchmal auch einen gewaltigen Sprung nach vorne gab, aber danach kam eine Gewöhnungsphase. Diese Gewöhnungsphase gibt es heute nicht mehr, im Gegenteil, wer sich in aller Ruhe an eine Veränderung gewöhnen will, gilt als Bremser, als rückständig. Das Motto der Gegenwart lautet: Stillstand ist Rückschritt

Stillstand ist Rückschritt

Die Quittung nennen wir verharmlosend “Zivilisationskrankheiten”. Zivilisationskrankheiten, das klingt schön harmlos, als hätte der moderne Mensch ein paar unbedeutende Rückenschmerzen vom vielen Sitzen. Tatsächlich ist die Bilanz bei physischen Erkrankungen dagegen ja weitestgehend positiv, hat doch auch die Medizin gewaltige Sprünge nach vorn gemacht. Man denke nur an die Milliarden von Gliedmaßen, die seit der Entdeckung des Penicillins nicht mehr amputiert werden mussten. Was die rasante Entwicklung allerdings mit unserem Geist gemacht hat, dass steht auf einem anderen Blatt. Die Evolution ist eine behäbige Zeitgenossin, als vor 65 Millionen Jahren ein Asteroid den Dinosauriern den Gar ausgemacht hat, haben sich die dunklen Wolken nicht verzogen und plötzlich stand da der Mensch auf der Weltbühne. Im Gegenteil, das dauerte schon noch ein paar Millionen Jahre, denn so ganz wollte die Natur von überdimensionierten Lebewesen noch nicht lassen. Von dem Erfolgsrezept der langsamen Anpassung hat sich die Menschheit aber inzwischen verabschiedet, und die Einschläge des Fortschritts kommen immer näher. Vielleicht war die Kriegsgeneration in der westlichen Welt tatsächlich die letzte, in der eine solche Anpassung sich zumindest noch an den Zyklus des Generationenwechsels gehalten hat. Heute haben wir nicht einmal mehr diesen Luxus.

Der Anpassungsdruck ist so groß, dass es nicht mehr möglich ist seine Auswirkungen einzuschätzen, geschweige denn abzufedern. Wir reißen immer mehr traditionelle, über Jahrhunderte gewachsene Modelle ein, ohne dafür aber Ersatz zu schaffen. Aus der Großfamilie wurde die Vater-Mutter-Kind-Familie, doch die erodiert inzwischen auch schon. Waren die meisten Menschen einst über Generationen an einem Ort, und brauchte es schon Kriege oder Naturkatastrophen, um sie zum Wegzug zu bewegen, muss ein Individuum heute Mobilität als Grundvoraussetzung für den Erfolg haben.  Das Herdentier Mensch hat sich eine Welt erschaffen, in der menschliche Bindungen mitunter hinderlich sind. Und dennoch kann er nicht ohne. Das ist ein Grund für die Zunahme psychischer Erkrankungen, die die wahren Zivilisationserkrankungen darstellen und die alles andere als harmlos sind.

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Das Problem, und hier bin ich Pessimist, ist inzwischen so existenziell geworden, das es sich nicht mehr mit Ratgebern über Entschleunigung lösen lässt, und auch nicht mit einem Sabbatjahr, bei dem der gestresste Manager mal um die Welt segelt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Mensch an sich immer noch auf Inlineskatern unterwegs ist, sich aber am Heck eines Formel 1-Wagens festhalten muss, um mithalten zu können. Und, meine Freunde, das kann nicht gut gehen. Es wird nicht gut gehen!

Angst

Die Facetten der Angst

Jeder von uns hat mal mehr oder weniger Angst, das ist ganz normal und auch überaus nützlich. Selbst heute, wo Angst uns nicht mehr vor dem bösen Säbelzahntiger wegrennen lässt. Manche Menschen allerdings leiden unter ein übermächtigen Angst, sie stehen im Mittelpunkt dieses sehr zu empfehlenden Specials von Welt online: