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Was ist dran an de Maizière’s Leitkultur?

von am 2. Mai 2017

Unter uns, wenn das Anstoßen einer Diskussion bei Grünen und Linken gleich mit einer Diskussionsverweigerung beantwortet wird, hat das grundsätzlich mal meine Sympathie. Was aber nicht gleich heißen muss, dass jetzt alle zehn Punkte die Innenminister Thomas de Maizière im Interview mit der Bild am Sonntag genannt hat, jetzt wirklich meine vollste Unterstützung finden.


Worum geht es überhaupt? Die Bild am Sonntag veröffentlichte am 30. April ein Interview mit Thomas de Maizière, in dem dieser zehn Punkte vorschlug, die zu einer deutschen Leitkultur zusätzlich zu niedergeschriebenen Gesetzen und Verordnungen gehören. Nachzulesen bei bild.de oder kostenlos auf der Seite des Ministeriums: Leitkultur für Deutschland – Was ist das eigentlich?


Gehen wir die zehn Punkt also einfach mal schnell durch. „Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand.“ steht da zu lesen, und man fragt sich unwillkürlich, darf ich Freunde zur Begrüßung nicht mehr umarmen? Man könnte diesen Teil eigentlich komplett streichen, worum es dem Minister geht folgt ohnehin im zweiten Teil des 1. Punktes: das Burkaverbot

Bildung als Wert, Leistung wird belohnt – Nicht (mehr) in Deutschland

Punkt 2: „Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument.“ Da kann ich nur sagen, des Ministers Wort in Gottes Ohr. Wenn’s denn nur so wäre, stattdessen arbeitet man seit gut zwei Jahrzehnten daran jeglichen größer und fächerübergreifenden Bildungsaspekt aus Schule und Universität zu vertreiben, damit in wirtschaftskonformen Bachelor-Studiengängen möglichst schnell produziert werden. (Was nicht funktioniert, wir die Wirtschaft selbst beklagt, aber – fuck it – das deutsche Bildungssystem hat eben einen Sinn für Ironie.) Und mein Sinn für Feinheiten lässt mich seufzend fragen, ob Thomas de Maizière hier nicht wieder jene Migranten im Kopf hat, die eine gute Schulausbildung allein als Garantie für eine bessere finanzielle Zukunft sehen.

„Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann.“ ist drittens zu lesen, und zu erwidern ist: Nein, wir sind keine Leistungsgesellschaft, wir sind eine Erfolgsgesellschaft. Wir bewundern nicht die Leistung, wie de Maizière ausführt, sondern allein den Erfolg. Wer Zweiter wird, oder gar komplett als Verlierer dasteht, dessen Leistung ist einen Scheiß wert.

Zwischenfazit: Ich bin ja eigentlich durchaus ein Anhänger der These, dass es für Menschen die sich in eine Gesellschaft integrieren wollen, eine Art Leitkulturkatalog bedarf. Gesetze und Verordnungen sind das eine, die über Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte gewachsenen ungeschriebenen Gesetze des gesellschaftlichen Zusammenlebens können für Neuankömmlinge verwirrend und unverständlich sein. Aber bis jetzt lassen mich die Punkt des Innenministers eher leise aufseufzen.

Den 4. Punkt kann ich unterschreiben, bis auf den ausdrücklichen Hinweis auf das Existenzrecht Israels steht da auch nicht vielmehr als die deutsche Geschichte halt ist. Was das Existenz Israels an sich an geht, natürlich ist das zu bejahen. Das dies hier allerdings betont wird, na ja, inzwischen wissen wir ja, an wenn sich dieser Leitkultur wirklich richtet.

Punkt 5: „Wir sind Kulturnation.“, ja, sind wir – und so lange wir AfD und FDP weit weg von Regierungen halten, sehe ich auch die deutsche Theaterdichte nicht in Gefahr. Und ja, ich glaube auch das man stolz sein kann, Männer und Frauen in den eigenen Reihen gehabt zu haben, die wahrlich zu den Geistesgrößen der Menschheit gezählt haben. (Und wenn wir Glück haben, steuern wir noch einige dazu bei.)

Religionsfreiheit muss sein, der Islam ist aber auch eine Religion

„In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.“. Was der Minister im 6. Punkt schreibt lässt mich historisch ein wenig schmunzeln, zumindest als praktizierender Katholik mit Blick auf das Reformationsjubiläum. Die 99 Thesen Luthers haben nun mal einiges bewirkt, nur keine Einigung der Gesellschaft. Und wer es mit der Religionsfreiheit ernst meint, der muss auch den Islam gleichbehandeln. Ob Moschee oder Kirche, solange sich dort alles im Rahmen der Gesetze abspielt, darf man hier keinen Unterschied machen. Das erwähnt der Minister leider nicht.

7. „Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land.“, yep, könnte das jemand mal den Flachpfeifen rechts und links außen unter die Nase reiben? Zumindest gibt es bei denen aber noch keine „Ehrenmorde“, denn auf nichts anderes deutet der Schlusssatz dieses Punktes hin: „Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.“

„Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Auch wir Deutschen können es sein.“ Ja, das können wir sein. Und auch wenn manche es immer noch affig finden darüber zu diskutieren, warum Nationalspieler bei der Hymne demonstrativ die Lippen zusammenpressen, auch darüber kann man diskutieren. (Ich persönlich bin natürlich nach wie vor der Ansicht, das Bismarck bei all seinen Leistungen Preußen vielleicht doch ein wenig zu leichtfertig auf dem Opferaltar preisgegeben hat, auf dem er Deutschland einte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Der 9. Punkt ist zweigeteilt, das offensichtlich ohne weitere Bedingungen geforderte an der Seite der USA stehen kann ich nicht teilen. Die USA sind, egal wer gerade im Weißen Haus sitzt, ein aktueller Machtfaktor, mehr nicht. Das ein einiges Europa aber ein urdeutsches Interesse sein muss, das dürfte auf Jahrhunderte hinaus feststehen. Alleine, oder gar wieder gegen unsere Nachbarn wird Deutschland nicht bestehen können – und ohne Deutschland auch nicht Europa. Man kann das als Fluch oder Segen der deutschen Geschichte sehen, aber egal wie, es gehört zu den wenigen Dingen, die man tatsächlich als alternativlos bezeichnen kann.

Kommen wir mit „Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen.“ zum letzten Punkt. Auch das ist sicherlich richtig, aber sowohl das Gefühl für Heimat als auch das einer Gesellschaft zugehörig zu sein, ist einem Wandel unterzogen. Es ist im Fluss und Integration bedeutet eben nicht Assimilation, ich erwarte von Migranten nicht nur, dass sie sich an die Regeln der Gesellschaft halten, ich erwarte auch das sie etwas aus ihrer eigenen Kultur dazu beitragen. Denn am Ende ist auch das Deutschland!

Das Fazit:

Ja, wir brauchen wie bereits beschrieben eine Leitkultur, das habe ich an anderer Stelle hier auch schon geäußert. Was Thomas de Maizière hier vorgelegt hat, ist aber in erster Linie kein Wertekatalog, sondern ein direkt an muslimische Migranten gerichteter Forderungskatalog, in dem für mich in vielen Punkten leider mehr die Forderung nach Assimilation, statt Integration mitschwingt. Als Diskussionsgrundlange kann man diese zehn Punkte nehmen, 1 zu 1 sind sie aber wenig hilfreich.

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Politik

Warum die Gloablisierung den Nationalismus zur Wiedergeburt verhilft

von am 24. April 2017

Um es vorwegzusagen, ich bin kein besonders großer Patriot. Ich hieße Schwarz-Rot-Gold nicht mal zur Fußball-WM. Auf der anderen Seite habe ich aber auch nix gegen, wenn das andere machen – auch wenn gerade nicht Fußball gespielt wird.

Das Verhältnis des Deutschen zur Nation ist ja seit 1945 so eine Sache. Die Entnazifizierung der Alliierten hielt weder in Ost noch West ein paar Jahre später ehemalige Nazis davon ab wieder in die höchsten Kreise von Politik, Justiz und Gesellschaft aufzusteigen, was sie aber tatsächlich geschafft hat war ein stetiger Kampf gegen jedes Aufkommen eines neuen Patriotismus, aus der schlichten Angst, dieser könne schnell wieder in den alten Nationalismus umschwenken. In der alten Bundesrepublik ging das auch über Jahrzehnte gut. Die ersten Jahre waren die Menschen mit dem Wiederaufbau viel zu beschäftigt, die Jahrzehnte danach waren sie viel zu satt und konsumorientiert, als dass sich eine breite Masse mit dem Thema Nation beschäftigt hätte. Und wäre nicht der Turbo der Globalisierung angeworfen worden, vielleicht hätten wir dieses Gefühl nach der Wiedervereinigung auch in den Osten importieren können. Deutschland einig Vaterland, ein Land in dem das Wort „Vaterland“ aber einen anrüchigen Aspekt hätte.

Doch die Globalisierung nahm bekanntlich einiges an Fahrt auf und selbst die Deutschen, die sich Jahrzehnte international rein über ihre wirtschaftliche Prosperität definiert hatten, bekamen langsam Muffe. Auch wenn sich Wirtschaft und Politik noch so große Mühe gaben die Welt in den schönsten Farben zu zeichnen, selbst jene die den Abstieg noch nicht vollzogen hatten, begannen sich um ihre Rente Sorgen zu machen und der angeblich immer mehr in die Höhe gehende Wohlstand vertrug sich so gar nicht mit den immer mehr werdenden Menschen, die nach Pfandflaschen in den Mülleimern im ganzen Land suchten. Es breitete sich eine diffuse Angst aus, ein Gefühl der Hilflosigkeit und Alleingelassenheit. Und was tut man gegen das Alleinsein, man schließt sich zusammen.

Schwarz-Rot-Gold, auch wenn keine Weltmeisterschaft ist?

Und nicht wenige suchten dann ihr Heil in der Nation, die man in Deutschland glaubte längst überwunden zu haben. Das Problem war nur, Deutschland hatte das längst abgeschafft. Spätestens als selbst ein Bundespräsident, immerhin höchster Repräsentant des Landes, stolz und lachend verkündete, er liebe seine Frau, aber er könne doch kein Land lieben, war das amtlich. Statt der Entwicklung eines gesunden Patriotismus Vorschub zu leisten überließ man das Thema ganz den Ewiggestrigen, dem nationalistischen Pack. Und genau das reibt sich inzwischen die Hände, denn niemand außer ihnen hatte jetzt das Angebot im Bauchladen, nachdem sich immer mehr Menschen sehnen.

Das eine erschreckend große Anzahl der bürgerlichen Mitte seit einigen Jahren soweit nach rechts abgewandert ist, liegt eben auch daran, dass in der Mitte kein Angebot vorhanden ist, dass sie anspricht. Was sie dort finden sind eher die „Nie wieder Deutschland“-Rufer und die liberale Elite, die unverdrossen die Globalisierung predigen. Das Konzept Patriotismus hat dort keinen Platz. Für die Linke ist es der Endgegner, für die Liberalen behindert der dadurch entstehende Zusammenhalt nur den für den Siegeszug der Globalisierung notwendigen totalen Individualisierung des Menschen. In der Globalisierung ist man eben nicht nur sein eigenes Ein-Mann-Unternehmen, sondern auch sein eigenes Ein-Mann-Volk. Es steht also auch nicht zu erwarten, dass sich das ändern wird.

Im Gegenteil, die Zersplitterung der Gesellschaft schreitet immer weiter voran und in manchen Schichten wird es aufgrund aufgezwungener Flexibilität schwierig bis unmöglich die ersehnte Gemeinschaft allein in der Familie zu bekommen.

Kurzum, die Re-Nationalisierung der Gesellschaften sind weniger eine, wenn in großen Teilen auch recht unglückliche Antwort auf die Globalisierung, sondern eigentlich schon mehr eine Gegenreaktion. Die Antithese auf die These, um ein bisschen Hegel zu bemühen.

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Kultur

Warum das „Sie“ nicht der Rückfall ins Mittelalter ist!

von am 26. März 2017

Ach ja, was wäre es doch einfacher, würde es auch im Deutschen nur ein „you“ geben. Wir müssten nicht dauernd diskutieren, ob wir unser Gegenüber jetzt Duzen oder Siezen. Wobei man im Jahr 2017 der puren Wahrscheinlichkeit halber auf ein „Du“ tippen sollte, denn jemanden zu Siezen kommt mehr und mehr aus der Mode. Findet übrigens auch Pat Christ in ihrem Beitrag für den aktuellen Kessener, wo sie das „Sie“ mal gleich für komplett überflüssig hält.

Ein wenig überzeugender Beitrag, zumindest für mich. Da wird zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass wir das „Sie“ vielleicht auch nur deshalb behalten, um anderen – Obdachlose, Ausländer, Nicht-Dazugehörende – mit einem „Du“ abzuwerten, läuft das nach der simplen Regel ab: Willst du etwas in Verruf bringen, suche dir den einen Idioten, der die Sache ebenfalls vertritt und schon kannst du die Sache als Ganzes für idiotisch erklären.

Warum sollte man das „Sie“ retten?

Ist es der damit ausgedrückte Respekt, den die Autorin offenbar nur schätzt, weil er ihr das obige Beispiel von Respektlosigkeit ermöglicht? Ja, sicher auch ein wenig. Aber Respekt hängt natürlich nicht auf Gedeih und Verderb an einem „Sie“. Wie die Autorin, in einem mal treffenden Beispiel, weiß, verzichten die meisten Eltern in Deutschland inzwischen darauf, von ihren Kindern gesiezt zu werden. Und wenn nicht, dann ernten sie auch völlig zurecht einige hochgezogene Augenbrauen. Hat das dem Respekt in der Familie geschadet? Wohl nicht, der mag allgemein ein bisschen abflauen, aber daran das sich Eltern und Kinder jetzt duzen dürfte das wohl kaum liegen.

Niemand käme heute mehr auf die Idee seine Eltern zu Siezen. Aber muss man deshalb jeden Deppen das „Du“ anbieten?

Eine Familie ist ja auch eine Gemeinschaft, die eng verbunden ist. Wahrscheinlich ist sie nach wie vor sogar die engste Verbindung in unserer Gesellschaft. Das Siezen wäre heute, und war es früher, fehl am Platz.

Respekt und Siezen mag keinen zwingenden Zusammenhang haben, Distanz und Siezen jedoch schon. Und das ist vielleicht der wahre Kampf, dem das „Sie“ ausgesetzt ist. Die Entscheidung wenn ich Sieze und wen ich Duze gibt mir eine gewisse (Entscheidungs-)Macht. Diese kann ich schlecht nutzen, so wie Pat Christ es in ihrem Beispiel beschreibt, oder ich kann sie so nutzen, wie sie gedacht ist. Ich kann selbst entscheiden, wem ich nahe sein möchte oder wem auch nicht.

Ok, ich kann das heute natürlich nur noch theoretisch, praktisch ging diese Freiheit in meiner Elterngeneration verloren. Aus der Arbeitswelt verschwindet das „Sie“ jeden Tag mehr, inzwischen gaukelt das „Du“ sogar schon in hierarchisch geprägten Konzernen eine Gleichheit vor, die so spätestens bei den betriebsbedingten Kündigungen für die Tonne ist. Früher war das vom Vorgesetzten oder Chef im Laufe der Zeit angebotene „Du“ noch eine Auszeichnung, heute ist Pflichtprogramm geworden. Und auch sonst wo ist es nicht viel anders.

„Sagen wird doch du!“
„Das ist nett von Ihnen, ich würde aber lieber beim ‚Sie‘ bleiben.“
„Was sind’n Sie für’n Arsch?“

Der Zwang zum „Du“ ist heute inzwischen so stark, dass einem oft gar keine andere Wahl mehr bleibt. Das eigentlich recht leichte Regelwerk darüber, wer wem das „Sie“ anbieten darf, ist ad acta gelegt worden. Heute beschließt man offenbar einfach wen man duzt, und man muss schon auf einen alten Rentner treffen, der es noch wagt sich solche Zudringlichkeiten zu verbitten. Jeder andere wird gleich zum Aussätzigen, zum Sonderling in einer Gesellschaft die das Duzen vielleicht auch deshalb forciert, weil es die teils skandalösen Schluchten überdecken soll, die sie wie Sollbruchstellen durchziehen.

Damit will ich jetzt nicht die These aufstellen, dass jedes angebotene „Du“ verlogen ist, aber rein statistisch – und aus leidvoller persönlicher Erfahrung – ist es ein gewisser Anteil natürlich schon.

Das „Sie“ ist ein Anrecht, ist eine Würde

Wenn wir nochmal auf das Beispiel des Obdachlosen zurückkommen, dann sollte eigentlich klar sein, dass der eigentliche Fauxpas darin besteht, das natürlich auch dieser das Recht hat zuerst einmal Gesiezt zu werden – es sei denn, er möchte das nicht haben. Aber diese Entscheidung obliegt natürlich allein ihm. Ihn abschätzig zu Duzen nimmt ihm einen Teil seiner unveräußerlichen Würde. Und so sollte es letztlich wieder jedem Menschen obliegen zu entscheiden wem er in seinen inneren Kreis aufnimmt, und mit wem er lieber höflich Distanz hält. Das ist kein „höfisches“ Gehabe, wie Pat Christ vermutet, sondern ein Recht, das uns allen zusteht, weil wir ein Individuum sind, das frei entscheiden darf mit wem es freundschaftliche Bande eingeht. Denn das ist das „Du“ für mich im positiven Sinne, es ist etwas Wertvolles, das ich nicht verschleudern möchte, sondern Familie und Freunden vorbehalten will. Tja, aber das war einmal …

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Kuturelles | Politik

Der Staat! Die Elite! Das eigentliche Problem!

von am 27. Februar 2017

Auf die Elite einschlagen ist in! Die Elite zu verteidigen liegt im Trend! Ein Widerspruch? Vielleicht in einer weniger gespaltenen Gesellschaft, als der unseren. Wie auch immer, diese Elite ist häufig im Gespräch.

Frage Nr. 1: Brauchen wir überhaupt eine Elite? Ja, brauchen wir. Der Professor, der Jurist, der Politiker usw. usf. erfüllen ihre Aufgabe, es geht nicht ohne. Zumindest hat weder der rechte Rand, noch sein artverwandtes linkes Gegenstück irgendeine Alternative zur Elite zur Hand. Vielleicht mit Ausnahme der Tatsache, dass ihre populistischen Führer die Elite deshalb bekämpfen, weil sie an ihre Stelle treten wollen. Was allerdings nüchtern betrachtet natürlich nicht als Alternative durchgehen kann. Ohne Elite geht es aber nun mal nicht, ebenso wenig wie ohne Putzfrauen oder Müllmänner. Sie alle erfüllen ihren Zweck, sie alle sind notwendig – nur wird ihre Arbeit (leider) unterschiedlich wertgeschätzt.

Frage Nr. 2: Wenn wir eine Elite brauchen, ist dann die Sache erledigt? Nein, ist sie nicht. Und kommen wir zum eigentlichen Problem. Auch in Deutschland hat sich der Elitestatus mehr oder weniger zu einer erblichen Aristokratie entwickelt. Wer sich in diesem Kreis aufhält, ist das nicht aus Leistung oder Talent, er ist es, weil Mama und Papa bereits dort war. Nun ist, wie auch immer man sie definiert, diese Elite groß genug, dass wir kein Inzuchtproblem haben, die Besten versammeln sich dort aber auch nicht zwangsläufig.

These: Der Staat hat ein ultimatives Interesse an Chancengleichheit. Nicht aus einem wohltätigen Grund, sondern weil es um sein Überleben geht!

Wer heute von „Chancengleichheit“ spricht, wird als Linker abgeschrieben, oder schlimmer noch, als Anhänger von Martin Schulz. Allzu oft wird die Chancengleichheit diffamiert, weil man sie als Gleichmacherei am Ende des Prozesses beschreibt. Dabei heißt Chancengleichheit eben, dass am Anfang des Prozesses jeder unabhängig des eigenen oder des Familieneinkommens die gleichen Startmöglichkeiten bekommt, um sich entsprechend seiner Talente zu entwickeln.

Der Staat muss dies gewährleisten, aus zwei einfachen Gründen: 1. Nur so kann er sicherstellen, das die talentiertesten und besten Personen an die Spitze gelangen, wo sie der Gesellschaft und dem Staat dienen können. Hat ein beachtlicher Teil der Bevölkerung aufgrund meist finanzieller Nachteile erst gar nicht die Chance sich zu entwickeln, landen oft bestenfalls noch die Zweitbesten an den Schalthebeln.

Und genau das ist eben mitunter heute die Regel und ein Problem für den Staat. Denn der zweite Grund liegt darin, dass diese Gruppe in sich geschlossen ist und nicht das Wohl von Gesellschaft und Staat vor Augen hat, sondern zuerst einmal das eigene. Der Staat wird als Selbstbedienungsladen empfunden, aus dem man sich mit Selbstverständlichkeit bedienen kann.

Das dieses Verhalten keinesfalls der alteingesessenen Elite eigen ist, zeigen übrigens vor allem jene Alt-68er, die es der kurzen Phase zu verdanken haben, dass sie trotz einfacher Verhältnisse nach oben gekommen sind. Gerade die alte SPD-Garde um Steinmeier oder Schröder, die von diesen Regelungen profitiert haben, haben kaum etwas getan, um auch die nachfolgenden Generationen ebenso zu fördern. Sobald man oben ist, tritt man scheinbar nach unten – egal wo man herkommt.

Deshalb braucht es eine Institution und keine Menschen, die für Chancengleichheit sorgen. Aus Eigeninteresse. Doch ohne Druck scheinen die Verantwortlichen auch heute kein Interesse daran zu haben. 68 war es der Druck der Straße. Mehr als ein Jahrhundert zuvor sorgte zum Beispiel in Preußen die Niederlage gegen Napoleon dafür, dass eine Heeresreform durchgeführt wurde, an deren Ende die Besten in der Armee das Sagen hatten, nicht die alte Aristokratie. Napoleon wurde geschlagen.

Dieser Druck scheint heute noch zu fehlen. Und deshalb ist das Problem nicht, dass wir eine Elite haben, sondern das wir eine neue Aristokratie installiert haben, die ihre Hauptenergie nicht dem Wohl des Staates widmet, sondern dem Abwehrkampf gegen „die da Unten“.

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