Amoris Laetitia – Der Kulturkampf hat noch gar nicht begonnen

Wie jetzt, zwei Jahre wird ein Riesenaufstand um die größte Bischofsberatung seit dem Konzil gemacht, und jetzt ist das alles medial schon gegessen? Dabei hätte das päpstliche Lehrschreiben “Amoris Laetitia – Die Freuden der Liebe” schon etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

Wer sich jenseits der Mainstreammedien umsieht, wie einzelne katholische Medien, Blogs oder einfach nur Meinungsmacher auf das Lehrschreiben von Papst Franziskus reagieren, der wird vor allem eines sein: verwirrt! Amoris Laetitia – was für ein wohlklingender Name, nebenbei bemerkt – wird von konservativen Kräften als Bestätigung gelesen, dass Rom eben doch nicht von Liberalen eingenommen worden ist, die dort sämtliche Traditionen zertrümmern, wie einst die Vandalen. Liberale Kräfte hingegen feiern das Schreiben des Papstes zwar nicht gerade, fühlen sich aber doch in ihrem Kampf voll auf bestätigt und betonen, Franziskus würde den Pharisäern den Spiegel vorhalten. Ein Schreiben, zwei Meinungen! Und um die Sache endgültig kompliziert werden zu lassen, sie sind beide im Recht!

Heinrich Leutemann, Plünderung Roms durch die Vandalen (c. 1860–1880).jpg

Heinrich Leutemann, Plünderung Roms durch die Vandalen (c. 1860–1880)

Amoris Letitia ist ein Lehrschreiben, das positiv als salomonisch bezeichnen könnte, negativ als ein Lehrschreiben, das es allen Recht machen möchte. Es ist keine Revolution, aber eben auch keine Konterrevolution. Man kann ihm letztlich wohl eine Richtung zu mehr Offenheit, vor allem aber mehr Barmherzigkeit entnehmen, aber es opfert die hohen Werte katholischer Familienvorstellung eben auch nicht dem Zeitgeist eines anything goes. Im Grunde ist es eben so wie am Anfang beschrieben. Am Ideal der Ehe wurde nicht gekratzt, aber Prinzipienreitern wird doch der Spiegel vorgehalten, in dem sie erblicken sollten, dass in ihren Herzen Kälte herrscht und nicht Barmherzigkeit, wenn sie ein Prinzip über das einzelne Individuum stellen.

So ist es durchaus naheliegend, dass jene Stelle mit der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium eine zentrale Rolle spielt. Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Nun habe ich zwar durchaus die Befürchtung, dass der ein oder andere sich nur von Jesus Christus’ Anwesenheit beeindrucken ließe, ansonsten aber so von sich selbst überzeugt ist, dass er dann doch den Stein wirft, aber das ist wohl eine andere Geschichte. Kommen wir lieber zum eigentlichen Kernproblem: Papst Franziskus schenkte der Kirche ein Lehrschreiben, das die Regeln nicht änderte, aber den Interpretationsspielraum ungemein erweitert. Die Interpreten unterdessen sind jetzt in erster Linie die Bischöfe, wobei zu erwarten ist, dass die einzelnen nationalen Bischofskonferenzen wohl für ihre Diözesen einheitliche Regelungen finden werden. Das klingt zunächst einmal gut und ermöglicht es der weltumspannenden Kirche individuell auf die jeweilige Gesellschaft zugeschnittene Spielregeln zu schaffen, hat aber durchaus den Nachteil, dass sich auch jeder Priester selbst auf das Lehrschreiben berufen kann und damit auch gegen den eigenen Bischof.

Irgendwie haben bald alle Recht – Konservative und Liberale

Konkret dürfte sich also manch Priester nun ermutigt fühlen auch geschiedenen Gemeindemitgliedern den Empfang der Kommunion zu erlauben, während sich in der Nachbargemeinde der Priester auf das gleiche Schreiben beruft und sie bewusst weiterhin verweigert. Was folgen wird, ist im Kleinen heute ja schon der Fall, die konservativ gestimmten Gemeindemitglieder gehen am Sonntag zu dem einen, die liberalen zu dem anderen Priester. Die Gemeinde definiert sich also nicht mehr nach dem Wohnort, sondern nach der gesellschaftlichen Neigung. Auf lange Sicht verarmen aber beide Gemeinden an Vielfältigkeit.

Zudem darf man gerade im deutschsprachigen Raum einen neuen Kulturkampf erwarten. Wird die deutsche Bischofskonferenz das Lehrschreiben des Papstes liberaler auslegen, als etwa manche Bischofskonferenz in Afrika. Der ohnehin schon oft nur noch rudimentäre Respekt konservativer deutscher Katholiken für das hiesige Episkopat dürfte demnächst von 0 in die Minusbereiche abrutschen. Was Papst Franziskus im besten Wissen und Gewissen als salomonisches Schreiben veröffentlicht hat, wird hierzulande wohl leider den Unfrieden und Kampf der Neigungen eher befeuern als befrieden. Was freilich weniger die Schuld des Heiligen Vaters ist, als die hierzulande weit verbreitete Unfähigkeit des Kompromisses zwischen Konservativen und Liberalen.

Der Riss unter bloggenden Katholiken kam schon 2007

stadalberoWar früher alles besser? Gewöhnlich antworte ich auf diese Frage mit folgendem Satz: “Früher war es nicht besser, es war nur anders.” Wenn ich aber auf die Debattenkultur innerhalb der katholischen Blogoszesse sehe, fällt mir diese Aussage schwer, denn hier auch ich ganz deutlich den Eindruck, dass es früher einmal besser war.

Mit Pöbeleien und Hetze in kirchlichen Grabenkämpfen betitelt die Pressestelle des Bistum Essens einen Bericht über eine Diskussionsveranstaltung über die Verrohung der Debattenkultur auch innerhalb der katholischen Kirche – und trifft damit eigentlich recht gut den Punkt.

Ich bin ja nun nicht erst seit gestern mit meinen Blogs im Internet unterwegs, insgesamt sind es inzwischen schon etwas über zehn Jahre, in denen ich aktiv selbst blogge und mich auch in Diskussionen bei anderen Blogs beteilige. Früher habe ich auch weit mehr zu christlichen und oft auch speziell katholischen Themenbereichen geschrieben, weshalb ich auch heute noch auf mancher Blogroll katholischer Blogs auftauche. Heute hat sich das ein wenig geändert, ich melde mich hier weit weniger zu Wort. Auch das hat viel mit dem in den Keller gegangenen Niveau zu tun. Ein Verfall, den man als Insider natürlich schon etwas früher mitbekommen hat, lange bevor auch außenstehende Medien davon Wind bekamen. In deren Blickwinkel ist manch katholischer Blogger erst gekommen, als er sich nach rechts wendete und die Pegida-Bewegung oder die AfD offen zu unterstützen begann. Der Begriff vom Rechts-Katholizismus war in die öffentliche Diskussion gekommen. Und selbst wenn dieser Begriff im Kern falsch sein mag und sich die Betroffenen gegen ihn wehren, so ganz unpassend scheint er am Ende doch nicht zu sein. Getretene Hunde bellen nun einmal am lautesten. In der Zwischenzeit rate ich jedem ab, der sich über den Reichtum des Katholizismus informieren will, auch die sich katholisch nennenden Blogs zu lesen. Ganz entschieden sogar, so habe ich einer guten Freundin, die im Marketing eines Verlages arbeitete, der mit diesen Blogs zusammenarbeiten wollte, erst vor kurzem den Rat gegeben, davon bloß die Finger zu lassen.

Dabei war die Situation nicht immer so und sie hat auch nicht erst vor einigen Monaten begonnen sich extrem zu verschlechtern. Der Verfall der Debattenkultur, oder man könnte besser sagen, die Abschaffung der Debattenkultur, begann nicht mit der Flüchtlingskrise oder dem Erstarken der Neuen Rechten in Deutschland, er begann mit einem Riss im Jahr 2007 mit dem Motu proprio: Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI. Landläufig verbindet man damit die Wiedereinführung der “Alten Messe”, also der Feier der Messe in Latein. Die Konservativen begannen damit zu glauben Benedikt XVI wäre damit endgültig zu “ihrem” Papst geworden und ihre Kritikfähigkeit sank gleichzeitig auf den absoluten Nullpunkt. Das es wegen mangelnder Nachfrage in den meisten deutschen Bistümern etwa schwer war eine Messe im alten Ritus zu besuchen, wurde als Unwillen der Bischöfe ausgelegt, sich an das Motu proprio zu halten ausgelegt. Im Glauben Rom auf ihrer Seite zu haben, schienen manche ihren eigenen Bischof – sprichwörtlich – links liegen und unterstellten sich lediglich dem Papst. Respekt und eine katholisch-korrekte Haltung gegenüber dem deutschen Episkopat wurden zu einem No-Go. Die ausgestreckte Hand des Vatikans gegenüber den Piusbrüdern tat ihr übriges. Das es bis heute nicht zu einer Rückkehr gekommen ist, liegt für sie noch immer an angeblichen Widerständen innerhalb der Kirche und nicht an den Piusbrüdern selbst, die nach wie vor als Grundvoraussetzung nicht einen Kompromiss sehen, sondern  eine Katholische Kirche, die sich ihrer Haltung anzupassen hat.

Auch in den Jahren zuvor hatte es schon immer Diskussionen zwischen progressiven und traditionellen Katholiken gegeben. Auch damals konnte der Tonfall hier und da ein wenig härter werden, es gab aber zwei entscheidende Unterschiede zu heute. Zum einen fand tatsächlich noch eine Diskussion statt, im Sinne des Austauschs von Argumenten. Man mochte sie für falsch halten, aber man war noch bereit sie sich anzuhören, statt Debatten mit der Verkündigung der eigenen Meinung zu verwechseln. Mitunter war man auch bereit jene mit anderer Meinung zu verteidigen, wenn man etwa darauf hinwies, das der Priester bei einer Messfeier im alten Ritus den Rücken nicht zum Kirchenvolk zeigte, sondern mit ihm in eine Richtung zu Altar betete. Und zum anderen war man eben am Ende auch immer noch bereit miteinander zu beten, auch wenn man sich in der Diskussion hoffnungslos auf zwei unterschiedlichen Seiten befand. Heute betet man bestenfalls noch dafür, dass der andere doch erkennen möge, wie falsch sein Weg doch ist – während man selbst scheinbar mühelos durch den Balken vor den eigenen Auge hindurchsehen kann.

Was schief gelaufen ist? Wer weiß das schon, auch hier hat wahrscheinlich jeder seine eigene Erklärung längst verfasst. Im Wesentlichen dürfte die dann darauf hinauslaufen, dass der jeweils andere vom rechten Pfad abgekommen ist und man selbst am Ende ja gar nicht anders handeln konnte.

In der Blogoszesse selbst mag eine schändliche Rolle gespielt haben, dass sich immer mehr aufgeklärte katholische Blogger zurückgezogen haben. Die neue Mehrheitsmeinung dort wurde von Tag zu Tag fundamentalistischer und mit jedem ausbleibenden Widerspruch, wirkte jede dann erfolgenden Bestätigung noch stärker. Ein Teufelskreis, der jeden Teilnehmer zum bloggenden Fundamentalisten werden lässt, da er irgendwann beinahe zwangsläufig glaubt, er sei in Besitz der absoluten Wahrheit. Statt bunt wurde die Welt zusehend nur noch Schwarz und Weiß, selbst wer Grautöne anschlug wurde als Feind bis aufs Blut bekämpft. Diese Segmentierung, oder eher Ghettoisierung der Gesellschaft ist natürlich nicht allein ein Phänomen der Blogoszesse, sondern hat sich längst in der gesamten Gesellschaft ausgebreitet. Die Angst vor dem Fremden, speziell auch die Angst vor dem Islam, tut dann ihr übriges. Wobei es schon eine bittere Ironie ist, dass es eine ganze Reihe traditionalistischer Blogger gibt, die mit großen Worten wie Freiheit und Demokratie ein Zerrbild des Islams bekämpfen, dessen gesellschaftliche Ideale ihren eigenen mitunter passgenau entsprechen. Aber wer Splitter in den Augen des anderen sieht … wir hatten das mit dem Balken ja bereits.

Aber am Ende zeigt uns der Blick auf die innere Zerstrittenheit der Kirche doch auch etwas, was uns beinahe positiv stimmen kann und was sich am Ende wohl auch auf die Gesamtgesellschaft übertragen lässt. Denn ebenso wie einst die Wunschrevoluzzer von “Wir sind Kirche”, ist auch die Gruppe der Traditionalisten innerhalb der Kirche eine kleine Minderheit. Sie mögen sich dank moderner Kommunikationswege gut organisieren und dank moderner Medien lautstark artikulieren können, aber am Ende sind sie nur ein Ärgernis für Seelsorger und jene, die doch zur Sicherheit einen Blick auf sie werfen. Um es banal und unverschämt auszudrücken, dem alten Mütterchen, das treu und voller Glaube am Sonntag in die Kirche geht, gehen sie am Arsch vorbei. Genauso wie der Mehrheit innerhalb der Katholischen Kirche – Gott sei es gedankt!

Roland Breitenbach – Der Pfarrer aus der Zeitung da …

Manchmal, wenn das Thema auf die katholische Kirche kommt, pflegt meine Großmutter immer zu sagen, dass der Pfarrer aus der Zeitung da nicht ganz so Unrecht hat.

Gemeint ist Roland Breitenbach, ein Schweinfurter Pfarrer im Ruhestand, der es zum Held der Progressiven und Hassobjekt der Traditionalisten innerhalb der Kirche geschafft hat. Nun kann man wohl darüber streiten, ob viel Feind, viel Ehr, auch für Priester eine Auszeichnung sein sollte, aber nüchtern betrachtet ist Breitenbach weder das eine, noch das andere. Übrigens schreibt er auch nicht eine wöchentliche Kolumne in einer Zeitung, sondern in einem Anzeigenblättchen, was durchaus vielsagend ist. Anzeigenblätter sind nämlich so etwas wie die Hidden Champions der Printveröffentlichung, die Zeitung fürs Volk sozusagen – im doppelten Sinne. Zum einen eben kostenlos und damit auch für die breite Masse erschwinglich, da die gedruckte Zeitung für Geringverdiener inzwischen mehr oder weniger unerschwinglich geworden ist, und zum anderen wohl weit besser in der Lesernähe, als so manch abgehobene Zeitung, die noch immer ihre oberlehrerhaften Attitüden nicht ablegen kann. Das alles passt Pfarrer Breitenbach wohl durchaus ins Gesamtkonzept und deshalb macht seine wöchentliche Kolumne dort auch weit mehr Sinn, als etwa in der hiesigen Regionalzeitung.

Es passt in Konzept eines Priesters, den man eher in die Kategorie “Volkstribun” einordnen würde – Pfarrer also, die mehr beim Volk, als bei der Kirche sind. Das hört sich zunächst ja gar nicht mal so schlecht an, hat aber den Nachteil, dass Volkstribune vor allem deshalb in Amt und Würden sind, weil sie dem Volk nur sagen, was es auch hören will. (Mal ganz davon abgesehen, das “Amt und Würde” doch eher von der anderen Seite stammen.)

Derartige Volkstribune in der Priesterschaft leisten am Ende nur jener Privatisierung der Religion Vorschub, die Atheisten und Religionskritiker wirklich meinen, wenn sie davon sprechen den Glauben ins Private zu verbannen. Vordergründig mag es ihnen darum gehen, die Religion aus der Öffentlichkeit ins Private zu verdrängen, sie also lediglich in ihrer Sichtbarkeit einzuschränken. Das Endziel ist natürlich aber eine Privatisierung im Sinne einer Individualisierung, also am Ende soll jeder eine eigene Religion haben bzw. zumindest ein eigenes Verständnis von Religion. Nur auf diese Weise wäre der Glauben aus Sicht seiner Kritiker wirklich besiegt, denn würde er nur aus dem öffentlichen Raum verschwinden, wäre er ja immer noch da und könnte entsprechend jederzeit zurückkehren. So deutlich sagt das natürlich keiner, schließlich wäre so wieder einmal nur offensichtlich, wie unter dem Banner der Freiheit die Freiheit des Einzelnen sich etwa zu seinem Glauben zu bekennen bekämpft wird. Priester, die zwar ironischer Weise die Massen, oder was man heute in Kirchen traurig, aber wahr, als Massen bezeichnen kann, anziehen, indem sie ihnen predigen was sie hören wollen, leisten dieser Entwicklung, wenn auch nicht absichtlich, Vorschub.

Am Ende des Tages ist eine derart abgeschliffene Religion, ein Glaube ohne Kanten, ohne Anspruch, ohne Herausforderung, nur die pure Beliebigkeit. Das Christentum wird damit auf eine Stufe heruntergezogen mit weiten Teilen des westlichen Buddhismus, der mit dem Buddhismus an sich kaum mehr als den Namen und die Buddhastatuen gemein hat. Ein so gepredigtes Christentum mag zwar einen total tollen “Feel Good”-Faktor haben, aber das hat die Pegida-Dumpfbacke mit ihrem Rassismus auch. Beides ist der einfache Weg, den Menschen bekanntlich viel lieber gehen, als jenen, bei dem man schon auf den ersten Meter die Dornenbüsche sehen kann. Allein, ist der einfach Weg auch der richtige Weg? Man ist da doch eher kritisch, nicht wahr? Wobei natürlich auch der einfache Weg gut gehen kann, wenn man denn das Glück hat ein Leben ohne Klippen und Herausforderungen führen zu können – oder totale Ignoranz sein eigenen nennen kann. In der Regel dringt die Realität dann aber doch beinahe in jedes Leben vor, und dann zeigt sich nur allzu oft, dass eine aus Beliebigkeiten gewebtes Netz nicht wirklich tragfähig ist.

Jesus, der alte Pharisäer!

Bei nicht wenigen Christen führen Theologen die Liste der am meisten gehassten Berufsgruppen mit weitem Abstand an. Manchem sind sie gar noch ungeliebter als Atheisten, Moslems oder Angehörige der jeweils anderen Konfession, denn die würden es schließlich nicht besser wissen – die Theologen aber, die müssten es doch eigentlich besser wissen! Das Problem ist, sie wissen es nicht selten auch besser und stellen damit so manch festsitzenden Irrtum, der dem Gläubigen lieb und teuer ist, bloß. Die Theologie ist der notwendige Stachel im Fleisch der Kirche, der uns davor bewahrt vom falschen Weg abzukommen, weil uns dieser Weg einfacher (verständlich) erscheint. Die Theologie hilft uns stattdessen immer wieder aufs neue, uns dem eigentlichen Wert des Glaubens zu nähern.

Eines meine Lieblingsbeispiele ist die Rolle der Pharisäer im alltäglichen Glauben.

Stellen wir uns mal ganz dumm, und fragen, was ist ein Pharisäer eigentlich? Ein Kaffee mit Schuss in Ostfriesland? Auch. In erster Linie ist ein Pharisäer für die meisten Gläubigen aber ein Mensch, der das Gesetz buchstäblich auslegt und es deshalb verzerrt. Er verkehrt es gar ins Gegenteil, weil er die Buchstaben anbetet und nicht den Sinn dahinter erkennt. Das landläufige Synonym für “Pharisäer” ist deshalb auch “Heuchler”.

Stellen wir uns jetzt mal klug und fragen uns unter Berücksichtigung von Theologie, Geschichte, Bibelforschung usw. noch einmal, was ist ein Pharisäer eigentlich? Entgegen der naheliegenden Annahme, das Pharisäer und die jüdische Priesterkaste identisch waren, verbarg sich hinter den Pharisäern eine Erneuerungsbewegung innerhalb des Judentums. Und im Grunde war die Bewegung um Jesu in ihren Anfängen nichts anderes. Insofern hatten beide viel gemein!

Gut, sie hatten aber auch viel trennendes. Während die Pharisäer versuchten das Judentum zu reformieren, in dem sie auf die Einhaltung der Gesetze pochten und sie nicht zu einer dehnbaren und auslegbaren Masse werden lassen wollte, die dem Opportunismus der Herrschenden ausgeliefert waren, war Jesus natürlich genau das Gegenteil. Für ihn stand die Liebe Gottes zu den Menschen im Mittelpunkt, die die Gesetze in gewisser Weise überflüssig machten – aber nicht ihren Sinn widerlegten. (Komplizierte Sache, wer sich dafür interessiert sollte zum Beispiel mal den Galaterbrief von Paulus lesen.)

Um was es aber eigentlich geht, die Pharisäer waren keine Heuchler, sondern eine unter der jüdischen Elite verbreitete Erneuerungsbewegung des Judentums. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, den man bei der Betrachtung und dem Verstehen des Neuen Testaments im Hinterkopf haben muss. Der Widerspruch zwischen Christus und den Pharisäern war nicht, lag nicht darin, dass der eine gut und die anderen Heuchler waren. Das ist der einfache Weg, bei dem sich die Christen, die diesen gehen wahnsinnig erhaben und auf der richtigen Seite fühlen. Sondern es war der Widerspruch zwischen zwei völlig verschiedenen Herangehensweisen bei der Suche ein gottgefälliges Leben zu finden. Dieses Wissen erfordert mehr Denkanstrengung, es nimmt den anderen und seine Argumente ernst. Natürlich heißt das nicht, jetzt den Weg der Pharisäer zu beschreiten, statt jenen von Jesus. Aber die Auseinandersetzung mit den echten Pharisäern lässt unseren Weg noch einmal in einem anderen Licht erscheinen, er ist nicht der bessere, weil der andere Heuchelei ist, sondern, weil er die besseren Argument hat.

Ganz nebenbei kann uns dieser Blick auf die Pharisäer aber auch heute noch helfen, blickt man etwa auf die traditionalistischen Kreise innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche. Kritiker sind hier ja oft dazu geneigt eine Parallele zu den Pharisäern zu ziehen, wenn unsere Tradis auf die buchstabengenaue Einhaltung von Liturgie bestehen und jedes Husten eines Ministranten (männlich, weiblich geht ja gar nicht) schon einem Frevel gleich kommt. Ja, die Parallele zu den Pharisäern kann man durchaus ziehen. Man muss sie aber vom Stempel der Heuchelei befreien. Tradis sind keine Heuchler, ihr Glaube ist ihnen ernst, sie begehen nur einen anderen Weg. Den kann man für falsch halten, ich tue das im übrigen, aber man muss ihnen mit Argumenten, nicht mit Vorhaltungen.

Blogoszese: Führt Bloggen zur Verblödung?

Bei meinem katholischen Blognachbarn katholon findet sich folgender kleiner Ausschnitt aus einer Pressekonferenz mit Kardinal Marx. Er kommentiert das nicht, unterschlägt aber das “manchmal” – was durchaus zu kritisieren ist.

Und ganz ehrlich, ich denke er hat in so gut wie allen Punkten einfach recht. Ja, selbst in einem Punkt, den ich zuerst kritisieren wollte, nämlich seines Desinteresses für das Medium Internet. Den Grund liefert er ja auch mit. Die Vielzahl der katholischen Blogs hat nicht etwa den Diskurs erweitert, bei dem auf Augenhöhe und mit Respekt diskutiert wird. Stattdessen hat sich die Mehrzahl der katholischen Blogs in ein eigenes Paralleluniversum verabschiedet und die Grenzbefestigungen hochgezogen. Man lebt in einer einfachen Welt, in der es nur schwarz und weiß gibt. Man selbst ist der Gute, das deutsche Episkopat, sogenannte Linkskatholiken, der Zeitgeist oder einfacher ausgedrückt, die anderen, sind die Bösen. Kritische Stimmen kommen entweder nicht zu Wort, oder gehen in einer Flut der gegenseitigen Selbstbestätigung unter.

Die katholische Bloggerszene im deutschsprachigen Raum besteht natürlich nicht nur aus traditionalistisch orientierten Blogs, und ja, es gibt auch Blogger dieser Kategorie, die dennoch an einer Diskussion interessiert sind, aber die erdrückende Mehrheit ist es eben nicht. Und die zeichnet eben jenes Bild, das offensichtlich auch bei Kardinal Marx und vielen deutschen Bischöfen angekommen ist.

“Das Christentum hat ein so starkes Fundament, so unüberwindbar. Also wer kann sich denn auf Jesus von Nazareth berufen und einen anderen Menschen erniedrigen? Wer kann das tun? Niemand kann das tun!” – Kardinal Marx

Klare Worte, gute Worte, die Marx hier ausspricht und im Anschluss sogar noch radikalisiert. Das er damit in den nächsten Tagen den Zorn einiger in der Blogoszese auf sich ziehen wird, ist klar – getroffene Hunde bellen bekanntlich am lautesten.

Und was ist nun mit der Äußerung Marx, sich das alles gar nicht anzutun? Nun ja, d. h. ja nicht, dass die Kirche kein Auge auf die fundamentalistischen Strömungen hat. Es heißt nur, dass sich der Kardinal dies alles nicht selber antut, indem er die Missinterpreten der katholischen, der christlichen Lehre täglich liest. Das erspart ihm sicher den ein oder anderen Magenschmerz, den ich mir dagegen immer noch antue.

Marx’ Worte sind auch ein Aufruf!

Ich finde, wer die Antwort des Kardinals komplett hört und nicht nach “Verbloggung” und “Verblödung” abschaltet, der hört darin auch einen Aufruf einmal über das eigene bloggen nachzudenken. Es ist aber auch eine unausgesprochene Aufforderung an die anderen katholischen Blogger, die im fundamentalistischen Mainstream untergehen, sich stärker zu Wort zu melden. Wir müssen die Verhältnisse wieder zurechtrücken und dafür sorgen, dass auch das katholische Leben im Internet ein Abbild des Katholizismus im echten Leben wird. (Ja, ich mag diese Trennung zwischen “digital” und “echt” auch nicht, aber ich denke, so konnte ich es am besten ausdrücken.) Auch Traditionalisten haben ihr Recht darauf sich zu äußern, das darf nicht in Frage gestellt werden, aber wir dürfen ihnen nicht länger die Führung im Netz überlassen. Die Kirche besteht bekanntlich nicht nur aus Priestern und Bischöfen, sie besteht aus allen, die sich zu ihr bekennen. Und damit sind wir letztlich auch alle dazu berufen nicht nur innerhalb der Kirche zu wirken, sondern auch ihr Bild nach außen zu prägen. Tun wir das! Beweisen wir, dass Verbloggung nicht zu Verblödung führt, statt uns nur darüber aufzuregen. Meckern, das können die anderen bis zur Perfektion, Handeln, das sollte unsere Aufgabe sein!