Medien & Internet

Der Journalismus stirbt nicht, er begeht Selbstmord!

von am 12. September 2016

Es gab einmal eine Zeit, da hatte ich auf die Frage von Internetfreaks, wozu man noch Zeitungen oder Journalisten brauchen würde, immer eine passende Antwort. Es war die Antwort mit dem Leuchtturm! Die Antwort, nach der wir Journalisten brauchen würden, um uns in der Informationsüberflutung zurechtzufinden.

Doch das ist ziemlich lange her, und damals war ich a) selbst journalistisch bei einem Medienunternehmen tätig und b) gab es noch nicht die Algorithmen- oder Filterblasendiskussion in ihrem heutigen Ausmaß.

Medien- & Netzthemen

Wenn man mir heute die gleiche Frage stellt, schüttele ich den Kopf: „Nee, Journalisten braucht kein Mensch, zumindest nicht jene, die heute als Journalisten auftreten. Und Zeitungen? Ich liebe sie, aber ich werde das Ende der Tageszeitungen definitiv noch erleben.“ Und mein Mitleid hält sich in argen Grenzen, denn wer ein bisschen hinter die Kulissen geschaut hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das ein Berufsstand selbst an seinem eigenen Untergang Schuld ist. Sicher, es gibt sie, die Ausnahmen, jene die begriffen haben, dass Journalismus nicht bedeutet Worte auf Papier zu drucken (oder Worte, die eigentlich auf Papier gedruckt gehören, 1 zu 1 online zu stellen), aber sie scheinen doch eine Minderheit. Selbst die Mehrheit der jungen Volontäre zieht es heute immer noch zu den Zeitungen, online ist ihnen wichtiger als den Alten, aber nach wie vor ein Nebenprodukt. Auch während ihrer Ausbildung wird nie wirklich erwähnt, dass ihr eigentlicher Job darin besteht Nachrichten zu vermitteln, Geschichten zu erzählen – egal mit welchem Medium. Stattdessen zählt allein das gedruckte Wort, auch wenn es in wenigen Jahren den gleichen Verbreitungswert haben wird, wie Geschichten, die am Lagerfeuer erzählt werden.

Innovationen aus dem Online-Bereich werden gelegentlich zwar mit Begeisterung aufgegriffen, wenn aber die Besucherzahlen am nächsten Tag nicht stimmen und man damit nicht mal Geld verdienen kann, dann begräbt man das neue Projekt ebenso schnell wieder. Dabei sollte gerade einer Berufsgruppe, die derart in ihrer Vergangenheit gefesselt ist, bewusst sein, dass am Anfang auch das Zeitungsgeschäft eher ein Projekt für Idealisten war, als für Menschen mit Gespür für Geld. Das war allerdings vor ein paar Hundert Jahren, man selbst erzählt sich nur wehmütig die Geschichten von vor ein paar Jahrzehnten, als die Leute selbst eine Zeitung mit Blindtext abonniert hätten. Wozu mir übrigens noch die kleine Randbemerkung einfällt, dass der Niedergang der Tageszeitungen schon damals begonnen hat, da war die Konkurrenz Internet gerade mal eine Idee in den Köpfen von Tim Berners-Lee & Co.

Wer sich nicht helfen lassen will, …

Die Bezeichnung der Presse als vierte Macht im Staate war damals schon einigen zu Kopf gestiegen, obwohl man ihr eine gewisse Berechtigung nicht absprechen konnte. Heute glauben viele Journalisten das immer noch, selbst der popligste Lokaljournalist, wenn er seinen x-ten Artikel über den Karnickelzüchterverein Wolkenskucksheim-Ost schreibt. Nach außen muss man sich zwar wegen der von Social Media & Co. hergestellten Öffentlichkeit kritikfähig geben, aber das ist eben oft nur eine Social Media-Richtlinie, keine innere Überzeugung. Ich kann da selbst ein Lied singen, wenn ich offiziell auf einem halb-kritischen Beitrag über die hiesige Tageszeitung öffentlich eine ganz andere Antwort kriege, als hinten rum. Hochnäsigkeit kam aber stets vor dem Fall.

… dem ist auch nicht zu helfen!

Neben mangelndem Verständnis der eigenen Aufgabe, kaum vorhandener Innovationsfreudigkeit und berufsständischer Arroganz, ist es aber eben vor allem der Verlust der Leuchtturmfunktion, die den Journalismus, wie wir ihn heute kennen zu Grabe trägt. Die Zeiten in denen sich Nerds per RSS-Feed ihr eigenes Nachrichtenmagazin zusammengestellt haben, sind lange vorbei. Heute hat Facebook oder Twitter diese Aufgabe für die meisten unter 50 Jahren diese Aufgabe völlig übernommen, und trotz erbarmungswürdiger Unterwürfigkeit Seitens der klassischen Medien, haben Blogs und reine Webprojekte dort schon jetzt einen ebenso starken Stellenwert dort. Vielleicht auch schon einen größeren, weil sie das aktuelle Erzählmedium weit besser begriffen haben.

Ein Teil von mir bedauert dies durchaus, denn damit geht auch eine gehörige Portion journalistischer Ethik verloren. Allein Mitleid braucht keiner der Journalisten mehr von mir zu erwarten. Wer sich nicht helfen lassen will, dem ist schließlich auch nicht zu helfen.

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Main Post-Redakteure sind auch keine Meister der Selbstkritik

von am 27. April 2016

Früher war alles besser. Es gab weniger Hasskommentare, aber auch Journalisten, die Kritik annehmen konnten, ohne sie für Hasskommentare zu halten. Mein Bericht vom ersten Hate Slam der Main Post.

Letzte Woche war ich auf meinem ersten Hate Slam. Hat ein bisschen gedauert, bis die Main Post auch diesen Trend kopiert hat und in der mainfränkischen Provinz wahrscheinlich noch als Innovation abfeiert. Aber ganz ehrlich, ich kam mir teilweise auch ein bisschen komisch vor. Da sitzt du in einem Hate Slam, bei dem sich Journalisten mit Hasskommentaren auseinander setzen, meist auf die lustige Art, und denkst so bei dir: Ja, eigentlich hat der Kommentator schon Recht.

Zumindest aber scheint mir die Main Post, auch wenn sie fleißig Artikel mit Paywalleinstellung auf Facebook veröffentlicht (kann man machen, ist aber dann halt Kacke), in Sachen Hasskommentare noch nicht das Hauptangriffsziel der Trollarmee zu sein. Sonst ließe sich schwer erklären, warum beispielsweise der Running Gag  gut und gerne zehn Jahre alt war und eben manch „Hasskommentar“ nichts mit Hass zu tun hatte, sondern bestenfalls ein Versuch von Ironie war. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch Kommentare gab, deren Urheber man in die Schublade Schwachmaten und rechte Spinner (linke Spinner scheint es nicht zu geben), stecken kann, aber wie gesagt, bei so manchem Kommentar, der in den Hate Slam aufgenommen wurde, war die Frage nach dem Warum? durchaus berechtigt.

Das lässt im Grunde zwei Schlussfolgerungen zu. Entweder

  • der durchschnittliche Redakteur der Main Post ist extrem dünnhäutig geworden, und ordnet auch Kritik in die Kategorie „Hasskommentar“ ein, die ironisch oder sarkastisch formuliert wurde, dessen Urheber aber keine ausführliche Begründung beigefügt hat,

oder

  • aber man wird jetzt nicht wirklich mit Hasskommentaren überflutet, und muss deshalb selbst welche deklarieren, um sich als edler Vorkämpfer der Pressefreiheit zu präsentieren.

Wenn sich etwa ältere Leser, also der typische Leser, über eine angeblich linke Main Post aufregt, sollte das einem nicht wundern. Die Main Post vor 30 Jahren war nun mal konservativer, als sie es heute ist. Wenn sich treue konservative Leser darüber aufregen, dass ihre Tageszeitung inzwischen der linksliberalen Hauptmedienmeinung angepasst hat, kann das einen Redakteur stören, aber er sollte sich nicht darüber wundern. Und vor allem sollte er genug Anstand besitzen, sich nicht über diesen Leser in der Öffentlichkeit lustig zu machen. (Anonymisierte Namen hin oder her.) Überhaupt fand sich bei diesem Hate Slam neben üblen Hasskommentaren eben auch jene journalistische Überheblichkeit, wie man sie eben mitunter vor allem bei Regionalzeitungen finden, die sich auf einem Quasimonopol ausruhen können.

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Ja, natürlich zeigte man sich in kleinen lustigen Einspielern auch als fehlbar. Allerdings nicht indem man eigene Falschmeldungen thematisierte, sondern Rechtschreibfehler zeigte oder wie man mal der frisch gekürten Fränkischen Weinkönigin einen falschen Namen übers Foto schrieb. Das mag ganz amüsant gewesen sein, aber hatte nichts mit Selbstkritik zu tun.

Aber machen wir es mal konkret. Ich behaupte folgendes, eine Aussage, hinter der ich stehe:

Den nationalen Mantel der Main Post kann man getrost gleich ins Altpapier werfen. Was deshalb schlimm ist, weil sich die Zeitung dafür eine eigene Redaktion hält. Wer sich aber ernsthaft für Nachrichten aus dem Bereich Politik, Deutschland oder der Welt interessiert, sollte sich lieber eine anständige Alternative wie die FAZ, Welt oder Süddeutsche abonnieren.

Ist das schon ein Hasskommentar, nur weil ich Teile der Main Post zu besserem Altpapier erkläre ohne jetzt eine ausführliche Begründung zu liefern? Wird aus dieser Kritik erst eine berechtigte Kritik, wenn ich über einige Monaten hinweg eine ausführliche Medienanalyse betreibe? Muss ich die Main Post etwa für eine gute Zeitung halten, nur weil ich keine Wahl habe?

Nebenbei bemerkt: In der Tat habe ich es mir angewöhnt immer die örtliche Zeitung zu kaufen, wenn ich unterwegs bin. Und unter uns, es gab ein oder zwei schlechtere Varianten von Regionalzeitungen, die meisten waren aber deutlich besser.

Insgesamt konnte ich mich nach diesem Abend nicht gegen den Eindruck wehren, dass es Früher nicht nur weniger Hasskommentare gab, sondern auch die Haut – oder besser die Kritikfähigkeit – der hiesigen Journalisten dicker war. Es ist nicht gut, wenn Journalisten Kritik nur dann wahrnehmen, wenn sie frei von emotionalen Einschübe ist und man dem Verfasser anmerkt, ein Germanistikstudium absolviert zu haben. Denn seien wir mal ehrlich, das Herumreiten auf Rechtschreibfehlern in Kommentaren oder Leserbriefen, sagt nicht nur etwas über deren Verfasser aus, sondern auch über die Hochnäsigkeit jener, die glauben damit andere amüsieren zu müssen. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit vier Fingern auf sich selbst, hätte dementsprechend auch eine Lektion sein können, die die anwesenden Journalisten auf der Bühne vielleicht einmal beherzigen könnten.

Und nochmal nebenbei bemerkt: Die Zahl der anwesenden Main Post-Mitarbeiter im der Location wegen eher kleinem Publikum, war durchaus beachtlich.

So blieb bei mir nach diesem Abend durchaus ein gemischtes Gefühl. Aber ich bin ja auch so ein kleiner arroganter Scheißer, der sich einbildet noch die Fähigkeit zur Selbstkritik zu haben.

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Medien sind der Brandbeschleuniger für den Vorwurf „Lügenpresse“

von am 20. Januar 2016

Neulich saß ich mal wieder in einem Café. Und bekanntlich ist es die oberste Pflicht eines Intellektuellen bei einer Tasse Kaffee entweder eine kulturell wertvolle Diskussion zu beginnen oder sich philosophische Gedanken zu machen. An diesem Vormittag war mir nicht nach reden – also habe ich mein Notizbuch gezückt, das ich in der Regel immer bei mir trage, und einfach ein paar Fragen geschrieben. Dabei sollte ich es ja eigentlich besser wissen, denn nichts ist gefährlicher, als sich – und Gott bewahre – anderen Fragen zu stellen. Ging nicht jeder Erkenntnis eine Frage, wenn auch gelegentlich eine ungestellte Frage, voraus? Und schlimmer noch, was ist, wenn man keine Antwort auf die Frage finden kann?

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Dabei spukten mir zwei Nachrichten durch Kopf, die ich am Rande mitbekommen habe und die in der größeren Berichterstattung so gut wie keinen Widerhall gefunden haben. Da wäre zum einen die Erkenntnis, dass jener Giftgasangriff im syrischen Ghuta, den Barack Obama zur Rechtfertigung für die US-Luftangriffe genutzt hat, nicht von Assad befohlen wurde, sondern von „gemäßigten Rebellen“ begangen wurde. Sagt zumindest eine Untersuchung, an der auch das MIT beteiligt war. Die zweite Nachricht handelte von einer sechsfachen Mutter, die vor den Augen ihrer Tochter erstochen wurde, einen Tag später wurde eine Schwangere niedergestochen – in beiden Fällen war der Täter Palästinenser und das Opfer Israeli.

„Warum wird mehr über palästinensische Opfer berichtet, aber die Messerattacken, die seit Monaten Israel in Schrecken versetzen, werden kaum erwähnt? Warum sind die Attentäter des IS Unmenschen, aber ein palästinensischer Mörder kann sich weiterhin hinter der Palästinensertuchromantik verstecken?

Oder warum zählen die Medien akribisch jedes Opfer russischer Luftangriffe in Syrien auf, erwecken aber gleichzeitig den Eindruck amerikanische Drohnenangriffe fänden mit geradezu chirurgischer Präzession statt? Und warum ist ethisch vertretbarer mit den Schlächtern der syrischen Rebellen zu verhandeln, als mit dem Schlächter Assad?“ – Quelle: privates Notizbuch, 18.01.2016

Natürlich sind solche Fragen heutzutage gefährlich, schnell wird man als Unterdrücker der Freiheit und Anhänger der Apartheid verdächtigt (bei Sympathien für Israel) und in die rechte anti-amerikanische Ecke gestellt. Schlimmer noch, man wird als paranoid abgestempelt, wieder so eine Nebenwirkung von Fragen.

Schon im ersten Fragenkomplex habe ich ja auf die Rolle der Medien angespielt, die – Internet hin oder her – noch immer der bestimmende Faktor in der veröffentlichten Meinung sind. In der seit Monaten andauernden Flüchtlingskrise ist das deutlicher denn je.

„Warum sehen wir bei Bildern von Flüchtlingen immer nur Familien, obwohl die Mehrzahl der Flüchtlinge tatsächlich Männer sind?“ – Quelle: privates Notizbuch, 18.01.2016

Ja, die Mehrzahl der Flüchtlinge besteht aus jungen Männern. Aber auch wenn die Neu-Rechten damit ihren Rassismus anfeuern wollen, hat das nachvollziehbare Gründe. Eine Flucht ist teuer, da legale Wege politisch nicht gewollt (oder durchsetzbar) sind, fließen Unsummen in die Taschen von Schleppern. Und Schlepper berechnen in der Regel pro Kopf, da reicht es nicht immer für die ganze Familie. Und dass in diesen Fällen der älteste Sohn eher losgeschickt wird, als das weibliche Nesthäkchen der Familie dürfte doch nachvollziehbar sein. Als Europäer aus Hunger in die die USA flohen, war es ja oft auch nicht anders. Ist dieser Umstand wirklich so kompliziert, dass es sich die Medien nicht zutrauen ihn zu erklären? Oder halten die Medien den durchschnittlichen Rezipienten für derart geistig minderbemittelt, dass sie ihm das Verständnis nicht zutrauen? Oder ist alles viel schlimmer?

„Was ist wenn der Vorwurf der Lügenpresse nicht ganz aus der Luft gegriffen ist? Oder anders gefragt, was unterscheidet Medien, die derart selektiert berichten noch von Journalisten, die bewusst lügen?“ – Quelle: privates Notizbuch, 18.01.2016

Der pauschale Vorwurf „Lügenpresse“ ist offensichtlicher Mumpitz, ein Kampfbegriff einer Bevölkerungsgruppe, die sich und ihre Ansichten in den Medien nicht repräsentiert sieht. Die Welt oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung sind längst zu abgeschliffen, um noch als konservatives Medium manchen aus dieser Schicht aufzufangen. Und das überwiegend linksliberale Berufsethos deutscher Journalisten ist der beste Brandbeschleuniger für die Verschwörungstheorie der Lügenpresse. Das der SWR und MDR die AfD nicht in ihren Kandidatendiskussionen für die anstehenden Landtagswahlen haben will (Quelle), mag nachvollziehbar sein, ist aber zutiefst antidemokratisch und letztlich Wahlkampfhilfe für die Rechtspopulisten. Es ließe sich auch in einem Wort zusammenfassen: Dumm! Derart handelnde Medien sind deshalb noch lange keine Lügenpresse, sie machen es den Rechtspopulisten aber auch nicht besonders schwer, derartige Behauptungen aufzustellen.

Die Medien versagen, nicht die Gesellschaft!

Zumindest tragen sie eine gehörige Mitschuld daran, dass rechts- und übrigens natürlich auch linksextreme Blog und Webportale wie Pilze aus dem Boden schießen, in denen sich die Dumpfbacken und gewaltbereiten Rassisten der Nation weit ab jeglicher journalistischen Ethik „informieren“. Seit die Flüchtlingskrise das bestimmende Thema ist, zeigt sich immer mehr der traurige Umstand, das nicht die deutsche Gesellschaft versagt. Denn herbeigeredeter Stimmungsumschung hin oder her, die Hilfsbereitschaft vor Ort ist ungebrochen stark. Noch immer stehen beispielsweise jeden Morgen in Eiseskälte Freiwillige vor dem Berliner LAGeSo! Noch immer opfern Menschen ihre Freizeit für Sprachkurse oder Essensausgabe! Noch immer spenden Menschen für Menschen in Not! Die Medien haben mit ihrer Berichterstattung aber auf ganzer Linie versagt. Und eine Änderung ist nicht in Sicht, noch immer treiben deutsche Journalisten Tag für Tag den rechten Rattenfängern neue Anhänger in die Arme.

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Politik

Der Gesinnungsjournalismus der Süddeutschen Zeitung

von am 28. August 2015

Kann mal jemand nachsehen, ob die Hölle zugefroren ist oder zumindest einen Blick aus dem Fenster werfen, ob uns nicht doch der Himmel auf den Kopf gefallen ist? Mir kommt es nämlich so vor, denn ich habe das Bedürfnis einen CSU-Politiker in Schutz zu nehmen. Und zwar nicht nur irgendeinen, sondern einen der schlimmsten, die diese angeblich christlich-soziale Partei hervorgebracht hat: Joachim Herrmann

Herrmann ist bayerischer Innenminister. Als Franke mit preußischen Wurzeln muss ich mich ja zwangsläufig ein bisschen mit bayerischer Politik auskennen, deshalb für die Nicht-Bayern eine kurze Jobbeschreibung: Der bayerische Innenminister ist erst in zweiter Linie für das Innenministerium verantwortlich, in erster Linie ist es seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass der CSU nicht der rechte Rand wegläuft. Und in seinem primären Aufgabengebiet ist Joachim Herrmann durchaus ein fähiger Mann und da die CSU Staatspartei ist, ist es deshalb eigentlich auch egal, ob er auch ein guter Minister ist.

Wenn man also in den Medien liest, Joachim Herrmann habe die Gleichsetzung von Flüchtlingen und Vertriebenen als eine Beleidung für die Vertriebenen bezeichnet, dann klingt das a) skandalös und b) absolut glaubhaft.

Geschehen ist dies in der gestrigen Ausgabe von „Maybrit Illner“ im ZDF, wo Joachim Herrmann auf die Provokation von Internet-Ober-Irokese Sasha Lobo das so tatsächlich auch gesagt hat. Das heißt, eigentlich auch wieder nicht – na ja, zumindest nicht ganz so. Ich habe die Sendung gestern Abend live gesehen und in diesem Moment erst einmal scharf die Luft eingesogen. Herrmann, der anders als es das CSU-Klischee will, nicht dumm ist, hat natürlich auch sofort bemerkt, wie diese Aussage interpretiert wurde. Im Getöse der Empörung hat er nicht versucht zurück zu rudern, sondern wollte die Situation klar stellen. Das ist ein feiner und entscheidender Unterschied. Es geht dabei um diesen bösen Zusammenhang in der eine Aussage steckt, die deshalb nie erwähnt wird, weil sie die Aussage relativiert. Um den Zusammenhang sozusagen an dieser Stelle hinzuzufügen: Herrmann sprach seit geraumer Zeit nicht von jenen Flüchtlingen, die aufgrund von Verfolgung ins Land kommen, sondern ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Während Lobo diese Differenzierung von Beginn an nicht traf und demzufolge Herrmanns Aussage auch so interpretierte, wie sie jetzt in der Öffentlichkeit interpretiert wird.

Jetzt bin ich zwar auch der Meinung, dass wir auch Zuwanderung für unser Sozial- und Wirtschaftssystem brauchen. Und ein Einwanderungsgesetz ganz oben auf der politischen Agenda stehen muss, was es auch würde, würde die CSU es nicht verhindern. Aber es macht eben doch einen Unterschied, ob ich Flüchtlinge und Vertriebene vergleiche oder eben Menschen, die sich ein besseres Leben in Deutschland versprechen, mit Vertriebenen. Und auf letztere bezogen ist Herrmanns Aussage von einer „Beleidigung“ zwar immer noch ein Zeichen seiner schlechten Erziehung, aber zum einen nachvollziehbar und zum anderen diskussionswürdig im Sinne von, ja, darüber kann man diskutieren.

Eine Diskussion findet aber natürlich nicht statt, symptomatisch dafür ist der Kommentar Die ungeheure Schlichtheit von Minister Herrmann in der Süddeutschen von Franz Kotteder. Kotteder bietet ein Paradebeispiel einer Hetzjagd, in dem er die grauenvollen Tode der Flüchtlinge in Österreich und im Mittelmeer des Tages als Einstieg zu seinem Kommentar nutzt und mit keiner Silbe erwähnt, dass Herrmann nicht politisch verfolgten Flüchtlingen gesprochen hat. Zwischendrin gibt er noch den Gemäßigten, in dem er auf eine Möglichkeit hinweist, wie man denn eventuell zumindest über das Thema hätte reden können. Kurzum: Fern jeder journalistischen Verantwortung hält er sozusagen die brennende Fackel hin, an der der linke Mob dann seine eigenen Fackeln entzünden kann. Der Kommentar für die Süddeutsche kann in diesem Sinne durchaus als Paradebeispiel von Gesinnungsjournalismus in die Lehrbücher künftiger Journalisten aufgenommen werden.

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Medien & Internet

Facebook Instant Articles – Die Facebookisierung der Medien

von am 19. Mai 2015

Facebook Instant Articles – so der Name des aktuellen Aufregers, der gerade durchs weltweite Webdorf getrieben wird, wenn es um die Anpassungsversuche klassischer Medien im Internet geht. Dahinter verbirgt sich eine bis jetzt noch recht exklusive Partnerschaft, die Facebook mit einzelnen Medien eingeht, deren Inhalte dann direkt im sozialen Netzwerk publiziert werden, statt auf der Hauptseite des jeweiligen Mediums. In Deutschland sind bis jetzt die BILD und Spiegel online mit am Start.

Nun, den ersten Instant Article, der in meiner Timeline aufgetaucht ist war von BILD und hatte drehte sich um eine Frau, die durch Analsex schwanger geworden sein soll. Damit schließen wir die Argumentation in Sachen Qualitätsanspruch auch gleich mal ab, oder?

Die ersten Kritiken in Sachen Facebook Instant Article waren auch schon draußen, als noch gar keine erschienen waren. Selbstaufgabe, so wohl die Ein-Wort-Zusammenfassung der Kritiken, würden die Medien hier betreiben. Die Gegenbewegung sieht wieder einmal negative Weltuntergangspropheten am Werk und mahnt irgendwas zwischen Gelassenheit und Begeisterung. Und die Wahrheit, die liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo dazwischen – zumindest vorerst noch.

Seit langem ist es das Mantra der Pro-Internetfraktion in den klassischen Medien, dass der Leser nicht mehr aktiv zu den Inhalten surft, sondern die Inhalte ihn finden. Folgerichtig müssen also die Nachrichten dorthin, wo auch die Leser sind. Und die Leser sind bei Facebook. (Na ja, eine relevante Masse an Lesern.) Da die Medienwelt aber trotz dieser Erkenntnis offensichtlich noch immer nicht gerettet ist, Share-Buttons und pseudo-coole auf der eigenen Facebookseite gepostete Artikel also nicht ausreichen, sind Facebook Instant Article folgerichtig der nächste Schritt. Das ist an sich ja auch nicht falsch, oder sagen wir besser, ob es wirklich der richtige Weg ist, kann keiner sagen, aber höchstwahrscheinlich schadet es auch nicht. (In der Tat glaube ich, dass sich manche Medien, da meine ich jetzt nicht nur die Analschwangerschaften der BILD, sondern zum Beispiel auch noch die teils kindische Themenauswahl meiner eigenen Heimatzeitung auf Facebook, nicht durch das Posten bei Facebook schaden, sondern eher durch die Auswahl des Contents. Betont locker und cool ist eben nur eine Umschreibung von peinlich. Aber das ist wohl ein anderes Thema.)

Schlimm wird es erst, wenn sich Medien so stark der Willkür eines Drittanbieters ausliefern, das ihre eigene Unabhängigkeit in Gefahr gerät. Das muss nicht einmal darin enden die eigene Seite abzuschalten und nur noch per Facebook zu veröffentlichen, kann man Werbeeinnahmen doch schließlich auch hier generieren. Es reicht schon, wenn der Leser – welch antiquiertes Wort in Zeiten des Users – merkt, dass einem Medium der eigene Auftritt nichts mehr wert ist.

Was waren das überhaupt noch für Zeiten, als Journalismus noch eine Berufung war und nicht Klickhurerei. Damals, als Zeitungen noch den Anspruch hatten ihre Leser zu informieren, zu bilden und zu mündigen Bürgern zu machen. Als Journalismus sich selbst noch genug war, sozusagen eine Mission verfolgte, die dazu beitragen wollte eine offene Gesellschaft zu bilden. Anspruch – auch so ein antiquiert klingendes Wort.

Heute glauben die Medienmacher allerdings in Zeiten des Internets würden die User auf sowas nicht mehr stehen. Kurze kleine appetitliche Häppchen niveauloser Boulevardunterhaltung scheinen dagegen State of the Art zu sein und so sieht dann auch das typische Facebookposting aus. Auch diese Entwicklung ist leider folgerichtig und wird durch Facebook Instant Article, die ja Werbeklicks generieren sollen, sind sozusagen die nächste Stufe auf dem Siegeszug des Katzencontents – inhaltslos, aber klickstark. Ich bin leider davon überzeugt, dass hier die wahre Selbstaufgabe der Medien liegt. Es geht nicht darum, wie einige Kritiker bemängeln, dass die Medien ihre eigene Präsenz, ihre eigene Marke opfern würden, es geht darum, das sie sich zur totalen Belanglosigkeit facebookisieren. Der Medienmacher hechelt und schleimt jenem Bild hinterher, das er für den typischen Facebookuser hält, statt seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit zu tun und dem ihm zugewiesenen Teil unserer demokratischen Gesellschaft zu erfüllen. Da muss man sich am Ende nicht wundern, wenn der eigene Untergang droht, während es einzelne Journalisten sind, die mehr oder weniger als Einzelkämpfer noch ihren Teil beitragen.

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