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Warum kann uns Technik so verdammt gut verführen?

von am 25. Juni 2017

Ohne Smartphone ist ein Überleben im Alltag nicht möglich! Eine Gesellschaft ohne Internet, waren das nicht diese Neandertaler? Oh, vor 20 Jahren ging das noch? Nee, kann ich mir nicht vorstellen.

Eine Zeit ohne die ständige Verfügbarkeit des Wissens der Welt, oder zumindest des unerschöpflichen Kochtopfes an Informationen, aus dem man dieses Wissen extrahieren kann – ich erinnere mich noch an diese Vorzeit. Damals, als es noch keine Erklärvideos bei Youtube gab, sondern die Hobbythek mit Jean Pütz. Natürlich waren die ersten Vorzeichen schon deutlich am Horizont erkennbar. Wir hatten zum Beispiel einen C64, doch statt online zusammen zu zocken, haben wir auf dem Schulhof wabblige Floppydisks miteinander ausgetauscht. Internet, das war für uns bestenfalls im Fernsehen oder Kino zu sehen. Dort legte man einen Telefonhörer auf ein Schuhschachtel ähnliches Gerät und am Ende konnten sich zwei Teenager eine Traumfrau generieren … aber ehrlich, wie realistisch war das schon.

Doch irgendwann kam dieser Bruch. Während das Telefon, das Auto oder der Fernseher vergleichsweise langsam in den Alltag der Durchschnittsmenschen kam, drang das Internet mit einer gewissen Wucht ein. Und es verstand sich verdammt schnell unersetzlich zu machen. Alles war plötzlich zum greifen nahe, Antworten auf nie gestellte Fragen, Antworten auf gestellte Fragen, Kochrezepte, Informationen über den nächsten Urlaubsort und natürlich Pornografie jeglicher legalen und illegalen Variante. Kurzum, man hätte im Internet leben können, wäre man nicht auf regelmäßige Nahrungsaufnahme angewiesen. (Wahrscheinlich war das auch einer der Gründe, warum man den 3D Druck zu entwickeln begonnen hat.)

Steve Jobs, Luzifer der Moderne

Die neue Entwicklung hatte aber den ein oder anderen Nachteil. Für ein weltumspannendes Netz war sie recht immobil. Und wer sich noch an die kratzenden Geräusche eines Modems erinnert, die ersten Jahre unserer Internetsucht waren wir nicht gerade auf der Überholspur unterwegs – wir standen im Stau, jedes verdammte Mal! Doch dann kam Steve Jobs, ein Pionier, der schon zuvor unter Beweis gestellt hatte, das er der perfekte Luzifer der neuen Zeit ist. Fähig das einst mit Idealen gestartete Netz von Nerds in etwas zu verwandeln, was einer Gelddruckmaschine verdammt ähnlich sieht. Und wie einst die Schlange an Eva den Apfel übergab, gab Steve Jobs uns das iPhone. Das Wissen der Welt hatte plötzlich Platz in einer Hosentasche. Spätestens jetzt kam dieser Punkt, ab dem ein Leben, das nicht zumindest einen Online-Bestandteil hat, vorkam wie ein Leben in grauer Vorzeit. Diese Zeit, von der Opa immer erzählt im Krieg.

Das Interessante dabei ist ja, dass die Entwickler immer behaupten nur Bedürfnisse zu befriedigen, aber natürlich kreieren sie diese auch zu genüge. Der Kartendienst auf dem Smartphone ersetzt die unhandliche Karte, die man vorn im Auto ohnehin nie – niemals nie – wieder so zusammenfalten konnte, wie sie es ursprünglich einmal war. Aber war ständige Erreichbarkeit wirklich eines unserer Bedürfnisse – also abgesehen vom Chef, der uns immer erreichen will, oder verängstigte Eltern, die glauben ihre Kinder sehen sicherer, wenn sie kleine Punkte auf einer Karte sind. Zu vermuten, dass 2/3 der Funktionen auf meinem Smartphone Quatsch sind, kommt einer realistischen Einstellung näher, als einer kulturpesimistischen Ansicht.

Als hätte es keine Zeit ohne gegeben

Ich investierte damals mein Ausscheidergeld nach dem Ende meiner Zeit bei den Feldjägern in einen Internetzugang. Ganz ehrlich, so ein richtiger Early Adopter war ich eigentlich nie. Das erste Smartphone kaufte ich mir aus dem völlig absurden Grund der Notwendigkeit, einfach weil ich es satt hatte mir in dem TV Sender in dem ich damals die Online Redaktion schmiss ständige welche zum Testen zusammenzusuchen. Aber nachdem ich es erst einmal einen Monat hatte, da war er wieder da, dieser Effekt, als hätte es keine Zeit ohne gegeben. Und die Abstände bis dieser Effekt eintritt, werden immer kürzer. Nachdem ich mein Surface angeschafft hatte, erwischte ich mich schon nach zwei Wochen dabei, wie ich an einem stinknormalen Computermonitor Spreiz- und Wischgesten machte – ohne das sich auf dem Teil irgendetwas tat. Und als Alexa mit ihrem Echo Dot zu mir gezogen ist, dauerte es ein einziges Wochenende, bis ich mir etwa im Büro ein „Alexa, ….“ verkneifen musste, weil ich es schon so gewöhnt war Dinge mit Hilfe der Spracherkennung zu steuern. Wenn also demnächst noch mit einer Brille die Augmendet und Virtual Reality bei mir einzieht, sehe ich schwarz. Alles was ich bis jetzt durch Testbrillen selbst zu sehen bekam, sah einfach viel zu verdammt gut aus.

Jetzt könnte man argumentieren ich sei vielleicht noch immer kein Early Adopter. Wie auch, diese Scheißdinger kosten ja viel zu viel Geld und sponsern tut mich ja keiner. Aber wenn schon kein Early Adopter, dann bin ich doch zumindest stets in der 2. Generation dabei. Was man ohnehin sein sollte, denn mal ehrlich, die 1. Generation ist ungefähr so ausgereift wie eine grüne Erdbeere – man erkennt was es einmal wird, aber lässt sie lieber noch hängen. Auf der anderen Seite habe ich erst vor kurzem erlebt, wie meine Mutter ihren jahrelangen Widerstand gegen ein Smartphone aufgegeben hat und mir seitdem Video per WhatsApp schickt. Und, lieber Leser, ganz ehrlich, hast du in diesen Schilderungen nicht ein wenig von dir selbst erkannt?

Was macht also diese Entwicklung mit uns, dass wir sie schon nach kurzer Zeit nicht mehr missen möchten? Und das obwohl wir objektiv wissen, dass viel davon unnötig ist und unser Leben davor jetzt auch nicht aus puren Höllenqualen bestand. Ist es wirklich nur die gleiche Geschichte, die uns im Supermarkt zu Produkten greifen lässt, die gar nicht auf dem Einkaufszettel stehen und am Ende irgendwann im Kühlschrank wiederentdeckt und weggeworfen werden. Aber mal ehrlich, welches Supermarktprodukt hat es je geschafft sich derart schnell unverzichtbar zu machen und den Lebensrhythmus Millionen von Menschen komplett an sich anzupassen? Irgendwas ist dabei anders, irgendetwas ist besser, irgendetwas ist bedrohlicher?

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Computersucht, ob jetzt nach Spielen oder Pornos, ist noch ein bisschen davon entfernt in die offiziellen Klassifizierungskataloge von Krankheiten aufgenommen zu werden. Auch wenn der gesunde Menschenverstand sie längst dort vermuten würde. Wenn man sich aber die Art und Weise ansieht, wie schnell wir von den neuesten Entwicklungen abhängig werden, kommt man nicht umhin auch das Wort „Sucht“ zu denken. Wir sind längst süchtig danach geworden alle fünf Minuten auf unser Smartphone zu starren, nur um sicherzustellen kein Like, keine Nachricht oder sonst etwas verpasst zu haben. Wer früher hauptsächlich die Nachrichten gecheckt hatte, hatte noch die Ausrede ein informierter Mensch sein zu wollen. Das heutige Verhalten ist vor allem – bedeutungslos, eigentlich komplett sinnlos. Sicher, man könnte das jetzt als bloße Gewohnheit sehen. Aber dieses Gefühl, wenn dann ein Like da ist …

Zumindest eine Bedrohung weniger, die Zombieapokalypse fällt aus.

Seien wir ehrlich, sich die Brille mit dem Zeigefinger nach oben zu schieben ist eine Gewohnheit. Beim Verlassen der Wohnung noch mal zu überprüfen ob sie geschlossen ist, ist ein Tick. Was wir mit unseren Smartphones tun ist eine Sucht. Wir geben das nur nicht zu, weil – na ja, wahrscheinlich auch das weltbeste Krankenversicherungssystem darunter zusammenbrechen wird.

Und was machen wir dann?

Aber was sind die Alternativen. Schließlich profitieren wir ja auch von der neuen Entwicklung, die einen ganz viel jede Menge mehr, die Masse zumindest ein bisschen. Und es ist ja auch alles ein bisschen besser geworden, also mehr oder weniger. Okay, seien wir ehrlich, wenn dieser Sonnensturm von 1859 sich morgen wiederholt, werden die meisten von uns übermorgen nur noch primitive Wilde sein, die versuchen gefundene Konservendosen mit den Zähnen zu öffnen – sofern sie ohne Google rausbekommen, dass sich in den Dosen Essbares befindet. Aber unter uns, haben wir nach Tschernobyl oder Fukushima etwa die Atomkraft eingestellt, oder gehen wir die Frage des Klimawandels wirklich – also in echt und so – an? WTF, gehen die Malediven halt unter, den Urlaub dort konnten sich die meisten doch eh nicht leisten.

Aber selbst wenn wir Gegenmaßnahmen unternehmen würden, wie könnten diese denn aussehen? Mit Störsendern bepflanzte Gebiete als Ruheplätze? Sollen die letzten vernünftigen Menschen in die Alpen fliehen, wie einst in Michel Houellebecq’s Elementarteilchen die wenigen, die sich nicht genetisch optimieren lassen wollten. Was nahelegt, dass wir uns vielleicht schon aber Abwehrschlachten einstellen sollten, wenn man das Smartphone nicht mehr in der Hosentasche trägt, sondern den Chip im Hirn.

Wer einen Blick auf die letzten 15, maximal 20 Jahre wirft, dem schwant nichts gutes. Vor allem aber ahnt er, dass die Entwicklung in den nächsten 20 Jahren ähnlich rasant voranschreiten wird. Wer nicht mitmarschiert, wird zurückgelassen. Man könnte verzweifeln. Aber wie drückte es dieser hoffnungslos überschätzte Voltaire doch so schon aus? Die Verzweiflung hat schon manche Schlacht gewonnen.

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Medien & Internet | Schöne neue Welt

Wenn Meinungsvielfalt die Gesellschaft gefährdet

von am 15. Januar 2016

Wer sich als Historiker mit der Erfindung des Internets beschäftigt, ja, das Web ist durchaus schon historische Betrachtungen wert, wird nicht nur auf das US-Militär und APRA-Net treffen, sondern auch auf eine Hand voll Nerds voller Idealisten. Menschen, die die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten eines weltweiten Netzes zur Kommunikation erkannten, dessen Zugangsbeschränkungen so gering waren, dass man es mit Fug und Recht als demokratisch bezeichnen konnte.

Und auch wenn natürlich nicht zuletzt die Pornoindustrie das Internet immer größer werden ließ, schien diese Hoffnung durchaus einige Jahre lang zu leben. Denn auch das Angebot an Information stieg von Tag zu Tag – und war, lange vor Paywalldiskussionen, allen zugänglich. Die traditionellen Medien übten zwar weiter ihre Gatekeeperfunktion aus, machten dies aber im Netz eben kostenlos. Man musste sich nicht mehr den Spiegel kaufen, um den Spiegel zu lesen.

Und heute? Heute dürfte vom Idealismus der ersten Internetgeneration nicht mehr allzu viel übrig geblieben sein. Denn zwei Entwicklungen haben das Informationsangebot zwar quantitativ nicht verringert, wohl aber qualitativ verschlammt. In gewisser Weise – und das ist durchaus ironisch – trägt daran auch die Möglichkeit schuld, dass inzwischen jeder im Internet publizieren kann, ohne dafür viel an technischen Kenntnissen oder finanziellen Mittel zu benötigen. Das Informationsangebot ist überproportional vergrößert worden. Darauf mussten auch die klassischen Medien reagieren. Allerdings taten sie es vor allem auf zwei Art und Weisen. Zum einen vergaßen sie in vielen Fällen ihre Wächterfunktion. Sie mögen sich noch für die 4. Macht im Staate halten, de facto wurden sie aber von Mal zu Mal stromlinienförmiger um möglichst viele User zu gewinnen. Zum anderen senkten sie selbst ihre Qualitätsansprüche, weil Qualität der Klickhurerei im Wege steht. Diese selbstverschuldete Belanglosigkeit war aber von Beginn an ein zweischneidiges Schwert, zwar konnte man damit die Klicks steigern – ohne freilich dadurch eine Finanzierung sicherzustellen – musste aber auf der anderen Seite einen Vertrauensverlust hinnehmen.

Medien opfern ihre Wächterfunktion der Klickhurerei

In diese Abwärtsspirale stießen dann jene, die mit ihren Webseiten für sich in Anspruch nehmen selbst Nachrichtenseiten zu sein. Frei von Pressekodexen oder der Verpflichtung überparteilich zu berichten, sind so unzählige Portale entstanden, die einseitig, parteiisch und nicht selten am Rande der Legalität genau jene Leserschaft anziehen, die der jeweiligen Denkweise bereits nachhing. Wenn man vom Bedeutungsverlust der Tageschau redet, die das einzig echte Fernsehlagerfeuer der Republik war, darf man nicht vergessen, dass dort ein zentrales journalistisches Organ existierte, das Nachrichten unabhängig von der ideologischen Einstellung seiner Zuschauer verbreitete. Dank des Internets muss heute niemand mehr andere Meinungen ertragen. Und immer weniger wollen auch andere Meinungen hören.

Das die Algorithmen der Internetkonzerne, die das Web längst kommerzialisiert haben, kräftig mitwirken, kommt in diesem schon etwas älteren Ted-Talk von Eli Pariser sehr gut zur Geltung:

Die Logik hinter den Algorithmen, die bei Google, Facebook & Co. am Ende ganz allein bestimmen, was in unseren Feeds erscheint, ist schlicht und einfach: Wir wissen was du lesen willst, weil wir wissen, was du gelesen hast. Facebook geht es schließlich nicht darum seine User mit unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren, das könnte schließlich abschreckend wirken. Es wäre schlicht geschäftsschädigend, den User nicht früher oder später in seine eigene Filterblase zu stecken. Und da letztlich der Algorithmus ja nur auf die Eingaben des einzelnen Users reagiert, kann der Programmierer in Silicon Valley seine Hände in Unschuld waschen. Das 99% der User nicht bewusst ist, dass ihr Feed nicht anzeigt, was eigentlich in ihrem Freundeskreis passiert, wird dabei übersehen. Dahinter steckt jene Arroganz einer digitalen Elite, die glaubt alle würden das Internet so verstehen wie sie, und Aufklärung sei deshalb gar nicht nötig.

„A squirrel dying in front of your house may be more relevant to your interest right now than people dying in Africa.“ – Marc Zuckberg, Gründer von Facebook

Das Jahr 2015 hat mich aber endgültig daran zweifeln lassen, ob ich mit derartigen Gedanken nicht selbst einer intellektuellen Arroganz unterliege, die davon ausgeht, dass unabhängige und überparteiliche Medien überhaupt die Informationsquelle sind, die Menschen wirklich wollen. Und höchstwahrscheinlich dürfte der Feed des Kurznachrichtendienstes Twitter bei den meisten Usern ähnlich einseitig sein, wie ihre manipulierte Timeline bei Facebook. Selbstgemacht, denn Twitter greift vergleichsweise so gut wie gar nicht dabei ein, wenn es darum geht welche Tweets angezeigt werden, sondern hält sich im wesentliche einfach an eine chronologische Darstellung.

Das Internet hat uns zwar in gewisser Weise eine gigantische Meinungsvielfalt beschert, aber eben auch die Möglichkeit anderen Meinungen aus dem Weg zu gehen. Da kann ich mich persönlich nicht einmal ausnehmen, habe ich doch zum Jahreswechsel eine ganze Reihe Twitteraccounts entfolgt oder auch das Hassblog einer katholischen Konvertitin aus meinem Feedreader geworfen. Und ganz ehrlich, Elsas Nacht(b)revier nicht mehr zu lesen, hat sich nachhaltig gut auf meine Stimmung ausgewirkt. Insofern bin ich inzwischen also alles andere als ein Vertreter meiner eigenen These, obwohl ich natürlich nach wie vor reichlich Twitteraccounts, Blogs und andere Informationsquellen studiere, die selbst sehr weit links oder rechts meiner eigenen bürgerlich-konservativen Welt stehen.

Parallelwelten kollidieren früher oder später miteinander

Und dennoch treibt mich die Frage um, auf welche Art Gesellschaft wir durch diese Entwicklung zusteuern. Im Grunde wohl auf eine Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr als Gemeinschaft begreift, sondern fein säuberlich in ideologische Gruppen selektiert ist. Abgeschirmt durch ideologische Mauern, durch die von Außen keine andere Meinung mehr eindringen kann und von Innen die eigenen Meinungen wie ein Echo abprallen und noch einmal verstärkt werden. Würde sich das Problem einer solchen Zukunftsvision, wenn es denn nicht schon die Gegenwart ist, allein auf viele Parallelgesellschaften beschränken, die eben aneinander vorbei leben, wäre das vielleicht nicht die ideale Welt, aber auch nicht der Weltuntergang. Allein sind solche Mauern weit effektiver, als es zum Beispiel jede kommunistische oder faschistische Propaganda je hätte sein können. In den einzelnen Gruppen gibt es keinen Gegenpart, keinen unabhängigen Geist, der die Propaganda hinterfragt. Es ist, als wolle Goebbels Hitler überzeugen, oder Marx Engels. Und das wird am Ende dazu führen, dass die jeweilige Ingroup nicht nur keinerlei Verständnis für die Ansichten der Außenstehenden hat, sondern es auch als ihre Aufgabe ansieht, sie zu bekehren. Freilich ohne Argumente, aber dafür mit Knüppeln. Parallelgesellschaften, und ich denke das beweisen auch andere Beispiele, leben nur selten auf lange Zeit friedlich miteinander.

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Kuturelles | Politik

Der Gutmensch & die größte aller rechten Verschwörungstheorien

von am 12. Januar 2016

Man kann dem rechten Rand der Gesellschaft viel vorwerfen, aber sie haben eine gewisse Kreativität wenn es um das Erfinden von Kampfbegriffen geht. Und es gelingt der extremen Rechten sogar, entgegen ihres linken Gegenstücks, ihre Begriffe in den Sprachgebrauch des Mainstreams zu schmuggeln. Dort werden sie dann – vom Bäcker bis zum Politiker, vom Müllmann bis zum Professor – ganz im Sinne der Schöpfer verwendet.

„Gutmensch“ ist so ein Kampfbegriff, der es heute immerhin zum Unwort des Jahres 2015 geschafft hat. Ob die Vorsilbe „Un-“ den meisten Menschen aber im Gedächtnis bleibt, die diese Nachricht heute am Rande mitbekommen, ist mehr als fraglich. Dabei hätte der Begriff „Gutmensch“ durchaus Potential von der damit bezeichneten Gruppe Menschen positiv umgedeutet zu werden, wie etwa das Wort „schwul“ durch eine Umdeutung der Homosexuellen selbst an Bösartigkeit verlor. Immerhin ist es doch auch bezeichnend für eine Gesellschaft, in der man anderen ein „zu gut sein“ zum Vorwurf machen kann, oder?

Was ist ein Gutmensch?

Gutmensch ist sprachlich eine entweder ironische, sarkastische, gehässige oder verachtende Verdrehung des eigentlichen Wortsinns „guter Mensch“ in eine Verunglimpfung. Der Ausdruck gilt als politisches Schlagwort mit meist abwertend gemeinter Bezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen („Gutmenschentum“). Diesen wird vom Wortverwender eine Absicht bzw. Eigenschaft des – aus Sicht des Sprechers – übertriebenen „Gutseins“ oder „Gutseinwollens“ unterstellt, wobei diese angebliche Haltung unterschwellig als übermäßig moralisierend und naiv abqualifiziert und verächtlich gemacht wird. In der politischen Rhetorik Konservativer und Rechter wird Gutmensch als Kampfbegriff verwendet. – Quelle: de.wikipedia.org

Da eine solche Umdeutung aber nicht im Gang zu sein scheint, muss man mit der Bezeichnung „Gutmensch“ so umgehen, wie sie auch gemeint ist: Das rechte Gegenstück zur linken „Nazikeule“! Das Pseudoargument aller Pseudoargumente, das deshalb unschlagbar ist, weil man nur die Keule schwingen muss. Echte Argumente haben gewöhnlich Inhalte, „Gutmensch“ oder „Nazikeule“ hingegen funktionieren ohne Begründung. Mit anderen Worten, sie sind die idealen Kommunikationswerkzeuge in der westlichen Gesellschaft, die sich dank des Internets in rasender Geschwindigkeit von jeder Diskussionskultur verabschiedet und sich immer mehr in durch ideologische Mauern umschlossene Segmente teilt.

Während sich also konservative Kräfte in unserem Land gegen den linken Vorwurf wehren müssen ein Nazi zu sein, weil sie auf bewährte Traditionen nicht verzichten wollen, müssen sich in der Flüchtlingskrise auch jene aus der Gutmenschen-Falle herauswinden, denen zwar klar ist, dass die Aufnahmefähigkeit Deutschlands begrenzt ist und das nicht alle Flüchtlinge sich regelkonform verhalten. Wobei zumindest beim Großteil des Mainstreams die Nazikeule inzwischen weniger wirksam scheint, als die Gutmenschenkeule. Und sich letztlich auch die Frage stellt, ob sich der Betroffene überhaupt die Mühe machen sollte, da er mit Argumenten bekanntlich ja nur gegen eine Wand redet.

Erfunden wurde der Gutmensch aber aus einem anderen Grund, er wurde als Urheber der größten aller rechten Verschwörungstheorien benötigt: Der Political Correctness!

Die angebliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch politische Korrektheit wurde bekanntlich ja auch nicht von Menschen erfunden, die den Sarotti Mohr noch Mohr nennen wollten, sondern von Menschen, die Neger oder Nigger nicht aus ihrem Wortschatz streichen wollten. Instinktiv war ihnen allerdings klar, dass das bei der Mehrheit der Gesellschaft als das erkannt wird, was es ist: Rassismus! Man musste sich also etwas einfallen lassen. Allein, der Kampfbegriff der Political Correctness wäre am Ende ähnlich durchschaubar, weil sowohl die erfundenen Extrembeispiele wie auch die realen Ausrutscher der Gesellschafft nur schwer erklärbar sind, wenn man denjenigen, die auf die Einhaltung der Political Correctness pochen, gesunden Menschenverstand unterstellen kann. Denn die Mehrheit der Gesellschaft bekam man mit dem Kampfbegriff „Political Correctness“ nur auf seine Seite, wenn diese – na ja – irgendwas zwischen Bullshit und Einschränkung der Freiheit bedeuten wurde. Also musste der Gutmensch her, der entsprechend definiert wurde, also nicht nur als jemand, der ohne nachzudenken übertrieben Gutes tut (das tat ja auch Mutter Theresa), sondern auch als moralisierender Diktator ohne besagtem gesunden Menschenverstand.

Bei Licht betrachtet ist der Gutmensch also kaum mehr als eine rechte Erfindung zur Stützung eigener Verschwörungstheorien, der zugleich dazu diente diese Verschwörungstheorien im Mainstream zu verankern. Was eben auch durchaus gelungen ist, denn es dürften viel mehr Menschen an die Unterdrückung durch die politische Korrektheit glauben, als an die BRD GmbH oder die Behauptung George W. Bush hätte das World Trade Center sprengen lassen, um im Irak einzumarschieren.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass auch ich mich gelegentlich an diesen Umstand erinnern muss, um nicht selbst dieser Verschwörungstheorie zum Opfer zu fallen. Kann man aus bürgerlicher Sicht doch auch manch Geschehnisse nicht nachvollziehen, die der rechte Rand als Unterdrückung der politischen Korrektheit betrachtet, um zum einen den eigenen Opferstatus zu bestätigen und sich als Held im Kampf für die Meinungsfreiheit zu stilisieren. Am Ende scheint aber eines gewiss: Kämpfer gegen die Political Correctness sind keine Helden im Kampf um die Meinungsfreiheit, sondern verwirrte Anhänger einer selbst gezimmerten Verschwörungstheorie. Ist die Meinungsfreiheit doch in diesem Land nicht in Gefahr. Dafür ist das Land voll von Leuten die sagen, dass man nicht mehr sagen darf, was sie gerade eben gesagt haben. Ihre Definition von Meinungsfreiheit lautet nur: Meinungsfreiheit ist, wenn alle meiner Meinung zustimmen.

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Literatur & Comics | Medien & Internet | Schöne neue Welt

Buchkritik: „Der Circle“ von Dave Eggers

von am 30. November 2015

Manche Bücher lassen sich mit Bezug auf andere Bücher durchaus auch in einer mathematischen Formel ausdrücken. Im Fall dieses Buches würde die Formel ungefähr folgendermaßen lauten:

„Der Circle“ = („1984“ + „Schöne neue Welt“)²

Und damit wäre wahrscheinlich auch schon das Wichtigste über Dave Eggers Dystrophie „Der Circle“ gesagt, was gesagt werden muss. Alles was darauf noch folgen kann, dient nur noch zur Unterstützung der Tatsache, dass hier ein Roman veröffentlicht wurde, der schon in wenigen Jahren genau den Widerklang finden wird, den beispielsweise George Orwells „1984“ hat. Ein Roman, geschrieben vor Jahrzehnten, in dem aber bis ins kleinste Detail die düstere Gegenwart beschrieben wurde.

Doch Eggers hat nicht nur das „1984“ unserer Tage geschrieben, sondern eben auch die moderne Form von Aldous Huxleys „schöner neuen Welt“. Orwells düster Zukunftsvision der totalen Überwachung ist auch im Internet allgegenwärtig und muss für reelle und eingebildete Überwachungsaktionen in unseren Tagen herhalten. Huxley dagegen wird weit weniger zitiert, die Antwort auf die Frage warum das so ist, kann man übrigens auch bei Eggers erspüren. Huxleys düstere Vision in den Jahren nach Ford taugt für nicht wenige Anhänger der neuen Zeit schlicht nicht als Dystrophie, weil sie das, was Huxley in all seinen unmenschlichen Schrecken beschreibt, eigentlich herbeisehnen. Und so findet sich auch die Heldin in Eggers Roman in einer Welt wieder, die nicht nur von einem Internetkonzern beherrscht wird, der den Menschen keine Privatsphäre und erst recht keine Geheimnisse mehr zugestehen will, sondern den Menschen auch bis ins letzte Detail optimieren will.

Das mitunter beängstigendste an dem Konzern Circle ist nicht einmal sein sektenhafter Charakter, es ist die simple Tatsache, dass hier keine Bösewichte am Werk sind. Keine Schurken aus einem James Bond-Film, die eine düstere Macht aufgebaut haben, um sich die Welt untertan zu machen. Menschen wie die Figur Eamon Bailey, einer der drei Weisen bei Circle, glauben was sie sagen. Sie sind zutiefst davon überzeugt mit der Abschaffung von Privatsphäre und Geheimnissen, durch die vom Circle organisierte totale Überwachung, die Menschheit aus ihrem Jahrtausende alten Verderben zu retten. So gehört es zu den bedrückendsten Stellen des Buches, als Bailey Mae nach einem Fehltritt einen entsprechenden Vortrag hält, und der gebildete Leser am Ende das Buch zur Seite legen muss, um festzustellen, dass Menschen wie Bailey keinerlei Vorstellung des Begriffs Menschenwürde haben. Die Idee, dass die Würde des Menschen in irgendeiner Art und Weise schützenswert sei, ist für sie kein Relikt, das man überwinden muss – sie haben es schlicht nicht einmal verstanden.

So manch nerdiger Googlefan hat dem Autor die ein oder andere technische Unsauberkeit vorgeworfen, als ob, dass irgendwie ein Gegenargument gegen die Botschaft dieses Buchs darstellen könnte. Sicher, wer sich im IT-Bereich auskennt, wird solche Stellen finden. Und Eggers Vorstellung von Algorithmen ist manchmal durchaus laienhaft ausgedrückt, aber keinesfalls grundlegend falsch wiedergegeben. Die düstere Warnung an uns alle lächerlich auf diese Weise lächerlich zu machen, ist aber nur ein erbärmliches Vorhaben jener, die wie die Figur Bailey die Menschenwürde abschaffen wollen.

„Der Circle“ ist eine bedrückende Zukunftsvision, bei der nicht wenigen Lesern geradezu körperlich schlecht werden dürfte, weil diese Zukunft längst begonnen hat. Ähnlich wie Orwell und auch Huxley, lässt auch Eggers den Horror in einer Welt spielen, die uns täglich begegnet. Wer „Der Circle“ gelesen hat, und wer die Warnung vor dem Ende der Menschenwürde begriffen hat, der wird nie wieder etwas bei Facebook posten können, wie er es zuvorgetan hat.

Bewertung: fünft

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