Glauben muss weh tun, darf er aber nicht mehr

Ostern steht vor der Tür … Zeit einen Blick zurückzuwerfen, wie war das damals. Damals, als praktisch das erste Ostern vor der Tür stand. Herrschte da neben all der Bekümmertheit schon eine gewissen Vorfreude bei den Anhängern Jesu? Nein, die Männer und Frauen die ihm bis nach Jerusalem folgten waren am Boden zerstört. Es schien, als sei alles schon zu Ende, ehe es begonnen hatte.

Ich fürchte wir können uns heute nur annähernd vorstellen, wie schwer wohl die Verzweiflung war, die während dieser langen Tage herrschte. Eben noch glaubte man dem Sohn Gottes nachzufolgen und dann – dann dieser Tod am Kreuz. Der Tod durch die grausamste und erniedrigendste Hinrichtungsart überhaupt. Wer in die Köpfe jener Männer und Frauen hineinsehen konnte, hätte wohl den ein oder anderen Gedanken gefunden wie “so habe ich mir das Kommen des Reich Gottes aber nun wirklich nicht vorgestellt”.

Ein Schlagwort dürfte unausgesprochen die Runde gemacht haben: Zweifel! Und wenn es kein Zweifeln war, dann doch zumindest die Feststellung, das Glauben am Ende doch gar nicht so leicht ist.

Von Anonymous Russian icon painter (before 1917) Public domain image (according to PD-RusEmpire) – http://www.akcia-antique.ru/openwindow.php?id=17769, Gemeinfrei, Link

Und ja, das ist es auch nicht. Und ja, Zweifel gehören zum Glaubensleben dazu. Wer nie zweifelt, kann sich nur in den seltensten Fällen über einen blinden Glauben freuen, er gerät eher in Gefahr tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes blind zu werden. Nicht nur blind für die anderen, sondern am Ende auch blind für die Wahrheit und anfällig für die blinde Wut.

Der Zweifel ist eine Stütze des Glaubens

Ich denke in der Tat, dass der Zweifel den Glauben sogar festigen kann. Und ich bin davon überzeugt, dass jeder irgendwann einmal diese Zweifel hat. Und mitunter ist es gerade die Überwindung des Zweifels, die den Glauben umso stärker macht.

Doch es muss nicht immer eine tiefe Glaubenskrise sein, die Zweifel erzeugen. Denn der Glaube, die Religion ist in gewisser Weise ein Gesamtpaket – und wie in jedem Gesamtpaket enthält sie eben auch Dinge, die einem nicht auf den ersten Blick einleuchten, sogar stören. Aber was stört, muss heute verschwinden. Störfaktoren, Zweifel – all das ist in der relativistischen Moderne nicht mehr erwünscht. Die Folgen zeigen sich meist in zwei Entwicklungen.

Glauben wird mit Rosinen picken verwechselt

Die Kirchen schleifen ihre Konturen. An nichts darf sich mehr geschnitten werden, alles muss glatt sein. Manch evangelische Kirchen scheinen den Sohn Gottes auf eine bedeutende Persönlichkeit zurückzustufen, die katholische Kirche breitet über alles den Mantel des Schweigens, was unangenehm aufstoßen könnte. Fegefeuer? Gibt es nicht mehr! Und überhaupt, in die Hölle, da kommt bestenfalls noch Hitler. Mal abgesehen davon, dass dieses Schleifen des Glaubens nicht ein Schäfchen mehr in die Gottesdienste bringt, wird der stetige Wandel der Kirche durch eine Erosion des Christentums ersetzt.

Konkurrenzfähig scheint man in einer Welt in der das Glauben wollen ja keineswegs ausgestorben ist schon längst nicht mehr. Der Mensch der Moderne ist bekanntlich nicht mehr auf seine regionale Umgebung angewiesen, auch die Religionen sind längst globalisiert und weltweit verfügbar. Und das neue hat seinen Reiz, Exotik ist es, die mehr zählt, als das Althergebrachte. Niemand scheint mehr die Mystik im Christentum zu suchen, wenn doch weltweit Alternativen zur Verfügung stehen. Der Buddhismus erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, freilich ist es ein westlicher Buddhismus light, der sich in unseren Breitengraden ausbreitet. Es ist das Dauerlächeln des Dalai Lama, das begeistert, nicht die wirre und abergläubische Dämonen- und Geisterwelt im tibetanischen Buddhismus. Immer noch aktiv sind die hinduistischen Sekten, für viele nach wie vor attraktiv, im Westen hat man ja den Vorteil nicht in die Kaste der Unberührbaren geboren werden zu können. Man pickt sich die Rosinen heraus, nicht selten bastelt man sich dabei seine eigene kleine Privatreligion zusammen. Meditationen werden zu Events, westliche Gurus vermixen die fremde Religion mit westlichen Elementen und was dabei herauskommt ist eine Wischiwaschireligon der Glaubensgrundsätze kaum über als religiöse Weisheiten getarnte Binsenweisheiten hinausgehen. Und während man den Kirchen hinter vorgehaltener Hand die Kirchensteuer vorwirft, von der man sich mit einem Gang aufs Amt befreien lassen kann, werden keine Kosten gescheut, um auf pseudospirituelle Retreats zu reisen und sich kitschige Buddhastatuen in den Garten zu stellen. Letztlich muss man sich es auch finanziell leisten können.

Ironischerweise sind es also mitunter oft genau jene, die mit genüsslicher Freude auf die Verfehlungen der Kirche wie den Ablasshandel zeigen, während sie selbst ihre Münzen in die Beutel jener werfen, die sie mit Allgemeinplätzen und modernen Showelementen betäuben. Es darf bloß nicht weh tun, es darf bloß nicht echt sein.

Pro-Tipp fürs Vorstellungsgespräch: Christ sein leugnen!

Ich hatte in meiner Karriere ja schon einige Vorstellungsgespräche. Nein, Quatsch, ich hatte natürlich nie eine Karriere, aber eben schon Vorstellungsgespräche. Und in dem ein oder anderen gab es tatsächlich diesen einen Moment, in dem man gemerkt hat, jetzt – genau jetzt! – habe ich es vermasselt.

Nun, diesen Moment hatte ich zwar noch nicht, aber ich fürchte manchmal, dieser Clip aus der neuen BBC-Show mit der wundervollen Tracy Ullmann gehört zu jenen, über die wir heute noch schmunzeln, obwohl sie bald bittere Realität werden könnten.

via Theoblog

Schon mal an Selbstmord gedacht?

“Selbstmord” – da ist schon das erste Problem! Verwendet man das Wort überhaupt, oder doch lieber “Suizid”? Ich kann mich erinnern, als ich vor Jahren für einen Online-Artikel eines Fernsehsenders bei einem Bericht über eine Aktion berichtet habe, die sich Suizid gefährdeter Menschen annahm, das Wort “Selbstmord” verwendete, verlangten die Organisatoren aufgeregt, ich solle das Wort sofort löschen. Es handle sich um Suizid! Suizid, ja, ein schönes klinisches Wort. Selbstmord, da steckt ja Mord drin, viel zu brutal. Das ist zynisch? Ja, so ist es auch gemeint.

“Z91.5 Selbstbeschädigung in der Eigenanamnese”, Klassifizierung nach ICD-10

In unserem Land begehen jedes Jahr rund 10.000 Menschen Selbstmord! Diese Zahl ist seit Anfang 2000 relativ stabil, nachdem sie in den Jahrzehnten zuvor in Stufen immer mehr gesunken ist. Um 1980 waren es teils noch doppelt so viele Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten.

Ist das jetzt viel oder ist das wenig? Ganz ehrlich, ich war über die geringe Anzahl überrascht. Aber am Ende scheine ich, Kleine-Welt-Phänomen hin oder her, wahrscheinlich nur überdurchschnittlich viele Menschen zu kennen, die sich umbringen wollten. Also nicht im Sinne von Gedanken, die wohl der überwältigenden Mehrheit einmal durch den Kopf schießen und ebenso schnell wieder vergessen werden, sondern im Sinne von Taten.

Statistisch gesehen erhängen oder strangulieren sich die meisten Selbstmörder, mit Abstand kommen danach Medikamente oder Drogen. Was auch bei jenen Menschen die ich kenne der häufigste Versuch war. Nur eine versuchte es in dem sie sich filmreif die Pulsadern aufschneiden wollte. Heute erzählt sie mit einem Grinsen, dass ein anderer Patient sie in der Klinik damals kopfschüttelnd ansah und meinte: “Ah, quer geschnitten, wie im Film. Anfängerfehler.”

Wie man sich jedoch mit Wasserdampf selbst umbringen kann, keine Ahnung. Offenbar ist auch das möglich, zumindest kam es in den letzten drei Jahren vor.

Sich selbst umbringen! Selbstmord! Jene, die sich damals über die Verwendung des Wortes “Selbstmord” aufregten, ging es um den Wortbestandteil “-mord”. Aber mal abgesehen davon, dass wohl die Wenigsten kurz bevor sie es versuchen sagen “Ich begehe jetzt Suizid”, sondern meist “Ich bring mich um!”, enthält dieses Wort eben noch den fundamentalen Bestandteil “Selbst-” Man mag in Ländern in denen Sterbehilfe erlaubt ist von Suizid sprechen, aber an einem Selbstmord ist vor allem einer beteiligt, man selbst. Nur einem obliegt diese fundamentale letzte Entscheidung, niemanden sonst.

Ist Selbstmord okay?

In unserer westlichen Gesellschaft findet gerade ein Wandel in der ethischen Bewertung des Suizids statt, wobei die Verwendung des Wortes “Suizid” in dieser Beziehung zwingend ist. Zumindest wenn es um Alte und Kranke geht hält ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung einen Suizid für nicht mehr verwerflich. Man will ein Leiden mit einem Ende und kein endloses Leiden – dem man selbst auch noch zusehen muss oder ein schlechtes Gewissen hat, wenn man es nicht tut.

“Selbstmord ist das größte Kompliment, das man der Gesellschaft machen kann.”, Oscar Wilde

Unterschiedliche Betrachtungen gab es übrigens schon immer, zwar ist der Selbstmord als Heldentat in der westlichen Kultur nicht ansatzweise so verbreitet, wie er es in manch fernöstlicher war, unbekannt ist er allerdings auch hier nie gewesen. Selbstmord als letzter Ausweg die Ehre zu retten war kein Alleinstellungsmerkmal der japanischen Samurai. Wie fast alles im Leben des Menschen, ist die Bewertung eine Frage des Kulturkreises und des Glaubens in dem sich der jeweils Wertende befindet. Deshalb bewertet man Selbstmord im Westen tendenziell als verwerflich, im Osten nimmt diese Tendenz aber spürbar ab.

“Nur daß die Furcht vor etwas nach dem Tod,
Das unentdeckte Land, von des Bezirk
Kein Wandrer wiederkehrt, den Willen irrt,
Daß wir die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen als zu unbekannten fliehn.”, Hamlet, 3. Akt, 1. Szene

Und ich, was denke ich ganz persönlich über Selbstmord?

Ich hatte bisher wenig Lebensabschnitte, in denen ich das Leben genossen habe. Und ich bin leider recht zuversichtig, solchen Momenten nicht entgegen zu sehen. Ein paar gute Freunde, eine liebende Familie, aber trotzdem meistens einsam und das Leben erscheint mir mehr ein Überleben zu sein. Ich stand am Abgrund und nein, ich meine das nicht in Form einer Bildsprache. Aber den nächsten Schritt kann ich nicht tun.

In Sachen Selbstmord sind sich der kleine Preuße und der kleine Katholik in meinem Kopf viel zu einig. Was selten vorkommt, aber Selbstmord kommt für beide nicht in Frage. Der Preuße meint, dein Leben mag beschissen sein, aber es ist deine verdammte Pflicht es mit Anstand und Haltung zu Ende zu leben. Der Katholik seufzt zwar leise, fügt dann aber hinzu, es war Gott, der dir das Leben gegeben hat und nur er kann entscheiden, wann er es dir wieder nimmt. Dem kann ich nicht widersprechen.

Von Glauben und Nicht-Glauben … von der Vernunft, die doch Glauben ist

Wenn zwei unterschiedliche Welten miteinander diskutieren, kann das mitunter recht fruchtlos enden. So geht es mir manchmal, wenn ich auf die Atheistische Volksfront treffe, oder war es die Volksfront des Atheismus? Ach, das mit dem Glauben ist schon kompliziert ….

Die Bibel

Das Christentum mag auf der Bibel basieren, andere Glauben aber sind keine Buchreligionen.

Es ist schon ein bisschen her, da hatte ich unter einem bei Facebook verlinkten Artikel über die vermeintliche Hasspredigt von Bischof Algermissen, eine Diskussion mit Wolfgang Jung – wobei Diskussion in diesem Fall wohl eher ein Euphemismus ist. Außerhalb von Würzburg wird einem der Name nicht viel sagen, ich möchte Jung mal folgendermaßen vorstellen: Ein hervorragender Schreiber, freie Journalist und gerade dabei sich als das letzte aufrechte Gewissen Mainfrankens zu etablieren. (Was den Nachteil hat, dass viele seiner an sich hervorragend geschriebenen Artikel von seiner gesellschaftlichen Agenda durchsetzt sind. Aber das ist ein anderes Thema und in einer krampfhaft liberale Weltoffenheit simulierenden Zeitung wie der Main Post passt das eigentlich ja auch ganz gut.)

Worum es in der Diskussion ging? Nun, ob Atheismus am Ende des Tages nicht doch auch ein Glaube ist. Sprich, wie groß der Unterschied zwischen an etwas zu glauben und an etwas nicht zu glauben tatsächlich ist. Ich persönlich habe ja manchmal, wenn ich kühn bin, die Hoffnung diese Frage sei durch Immanuel Kant’s Feststellung, man könne weder die Existenz Gottes noch dessen Nicht-Existenz beweisen, ein für alle mal erledigt. Doch wie das so ist, solange es jemanden mit einem anderen Glauben gibt, solange ist da nix erledigt. Ist Atheismus nun ein Glaube und sind damit Begriffe etwa wie “Predigt” oder “Mission” gerechtfertigt? Ein Wolfgang Jung streitet das natürlich vehement ab, sind “Predigt” und “Mission” doch zwei aus seiner Sicht böse Begriffe, die man nicht mit eigenem Handeln in Beziehung bringen möchte. Den Vorwurf Glaube und Nicht-Glaube seien mehr oder weniger identisch, kontert er dann schon mal argumentativ schwach mit der Frage, wo denn bitteschön die Bibel des Atheismus sei. Das zeigt natürlich eher eine kulturelle Fixierung auf Christentum, Islam und Judentum (wobei die anti-jüdische Haltung natürlich niemals offen ausgesprochen wird, sondern mitgedacht werden muss, was auch einer eigenen Betrachtung wert wäre) als Gegner, was auch nicht weiter ungewöhnlich ist, findet der Buddhist doch nicht selten zumindest ein bisschen Gnade vor dem Atheisten. Das aber auch der Buddhismus eine Religion ist, ohne ein Entsprechung zur Bibel, ebenso wie etwa der Hinduismus und zahlreiche Naturreligionen, wird als Widerspruch dann aber völlig ausgeblendet. Exemplarisch wurde es dann auch in beschriebener Diskussion ignoriert.

Funfact: Übrigens hat gerade die tibetanische Variante des Buddhismus einen reichen Dämonenglauben, gegen den selbst so manch atheistisches Zerrbild katholischer Volksfrömigkeit zuweilen wie ein Paradebeispiel der Aufklärung wirkt.

Ob Atheismus nun tatsächlich eine Religion ist, ist natürlich auch eine Frage wie hoch man diesen weiteren Ismus bewerten möchte. Schließlich käme ja auch niemand auf die Idee Liberalismus, Kommunismus oder Faschismus als Religion zu bezeichnen. Auf der anderen Seite definiert sich der Atheismus nun einmal nicht allein als Antithese zur Religion, sondern hat – im Verschwimmen mit dem Humanismus – den Glauben an einen Gott oder andere übernatürliche Wesen, je nach Ausprägung durch einen Glauben an die Vernunft ersetzt, oder dadurch, den Menschen an die Stelle eines Gottes zu setzen. Nun hätten wir bei der Annahme der Mensch sei das Maß aller Dinge zwar auch schnell wieder Parallelen zu Kommunismus oder Nationalsozialismus, die beide Gott ja vorwiegend als Hindernis betrachten, der ihre eigene Herrschaft gefährdet, weil der Glaube an einen Gott eben auch bedeutet, den Mensch nicht als die letzte Instanz zu sehen – aber lassen wir das, zwar liegt dem Atheismus wie allen Ismen die Intoleranz anderen gegenüber im Herzen, aber er ist nicht annähernd so mörderisch wie andere Ismen.

Wo ist der Unterschied zwischen Glauben und Vernunft?

Was aber ist nun mit dem Glauben an die Vernunft? Und überhaupt, ist es nicht ein Widerspruch in sich an eine Vernunft zu glauben? Na ja, “Glaube an die Vernunft” ließe sich als Begriff sicherlich ersetzen, mitunter ist das sogar seitens von Atheisten dringend notwendig, da diese Formulierung auch ein Fingerzeig auf die Schwäche der Vernunft ist. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel eines Menschen, der von sich behauptet durch und durch eine vernünftige Position zu vertreten: Frauke Petry, Parteivorsitzende der AfD. Oder nehmen wir Viktor Orban, der ja nicht der einzige Ungar ist, der keinen islamischen Flüchtling in seinem Land sehen will. Aus beider Sicht ist die Haltung gegenüber Flüchtlingen zutiefst vernünftig, während sie mir – und übrigens wohl auch Wolfgang Jung – sehr unvernünftig erscheint. Die geschichtliche und gesellschaftliche Prägung der Ungarn allerdings ist eine andere als die unsere. Und somit haben wir zwei vernünftige Positionen, die sich gegenseitig widersprechen. Ist die Vernunft also im Kern ein emotional verfestigter Glaube, und gelernten Überzeugungen untergeordnet, und nicht umgekehrt, wie Franz Brück in einem gelungenen Essay der aktuellen Ausgabe der Jewish Voice from Germany beschreibt? Ich bin durchaus geneigt dieser Lesart zuzustimmen, hebelt sie die Vernunft doch nur auf den ersten Blick aus, und rückt sie ihre Bedeutung doch eigentlich nur zurecht.

Doch damit schweife ich ein wenig ab, versuchen wir lieber eine klare Antwort auf die Frage zu finden, ob Atheismus eine Religion ist? Die klare Antwort allerdings gibt es wahrscheinlich gar nicht. Für die einen mag das Argument genügen, an etwas nicht zu glauben ist im Grunde dasselbe, wie an etwas zu glauben – für andere auch nicht. Fest scheint mir jedoch zu stehen, dass auch dem Atheismus ein missionarisches Bedürfnis inne liegt, die Menschen von der Nicht-Existenz eines göttlichen Wesens zu überzeugen und ein Mittel der Mission ist nun einmal die Predigt. Selbst wer Atheismus nicht als Religion bezeichnen möchte, sollte sich eingestehen, dass er aber sehr wohl mit den Mitteln der Religion den Menschen den Glauben austreiben will. Die atheistische Wunschvorstellung einer Religion, die nur noch Privatsache zu sein habe, ist im Grunde nicht mehr als das Missionsziel, Religion aus der Öffentlichkeit zu vertreiben und durch Atheismus als vorherrschende Instanz zu ersetzen.

Das christliche Menschenbild in Europa soll durch ein atheistisches Menschenbild ersetzt werden. Was halb so schlimm wäre, ist dieses Menschenbild doch im Wesentlichen ein christliches (was man sich als Atheist aber tunlichst nicht eingestehen sollte) nur ohne Gott – also ohne etwas, was den Menschen an die zweite Stelle rückt und ihn nicht zum uneingeschränkten Alleinherrscher über die Welt macht. Nur ist diese Version des Menschenbildes am Ende eben nicht gottlos, sondern gottfeindlich. Der Atheismus duldet keinen Glauben neben seinem Nicht-Glauben und zeigt darin genau jene Intoleranz, mit der er gegen die Religionen argumentiert. Insofern ist die Tatsache, dass es noch zu keiner atheistischen Christenverfolgung gekommen ist, wie es etwa leider in der Geschichte des Christentums etwa zu Pogromen gegen Juden gekommen ist, keine Errungenschaft des Atheismus, sondern lediglich ein Zufall der Geschichte.