Warum das “Sie” nicht der Rückfall ins Mittelalter ist!

Ach ja, was wäre es doch einfacher, würde es auch im Deutschen nur ein “you” geben. Wir müssten nicht dauernd diskutieren, ob wir unser Gegenüber jetzt Duzen oder Siezen. Wobei man im Jahr 2017 der puren Wahrscheinlichkeit halber auf ein “Du” tippen sollte, denn jemanden zu Siezen kommt mehr und mehr aus der Mode. Findet übrigens auch Pat Christ in ihrem Beitrag für den aktuellen Kessener, wo sie das “Sie” mal gleich für komplett überflüssig hält.

Ein wenig überzeugender Beitrag, zumindest für mich. Da wird zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass wir das “Sie” vielleicht auch nur deshalb behalten, um anderen – Obdachlose, Ausländer, Nicht-Dazugehörende – mit einem “Du” abzuwerten, läuft das nach der simplen Regel ab: Willst du etwas in Verruf bringen, suche dir den einen Idioten, der die Sache ebenfalls vertritt und schon kannst du die Sache als Ganzes für idiotisch erklären.

Warum sollte man das “Sie” retten?

Ist es der damit ausgedrückte Respekt, den die Autorin offenbar nur schätzt, weil er ihr das obige Beispiel von Respektlosigkeit ermöglicht? Ja, sicher auch ein wenig. Aber Respekt hängt natürlich nicht auf Gedeih und Verderb an einem “Sie”. Wie die Autorin, in einem mal treffenden Beispiel, weiß, verzichten die meisten Eltern in Deutschland inzwischen darauf, von ihren Kindern gesiezt zu werden. Und wenn nicht, dann ernten sie auch völlig zurecht einige hochgezogene Augenbrauen. Hat das dem Respekt in der Familie geschadet? Wohl nicht, der mag allgemein ein bisschen abflauen, aber daran das sich Eltern und Kinder jetzt duzen dürfte das wohl kaum liegen.

Niemand käme heute mehr auf die Idee seine Eltern zu Siezen. Aber muss man deshalb jeden Deppen das “Du” anbieten?

Eine Familie ist ja auch eine Gemeinschaft, die eng verbunden ist. Wahrscheinlich ist sie nach wie vor sogar die engste Verbindung in unserer Gesellschaft. Das Siezen wäre heute, und war es früher, fehl am Platz.

Respekt und Siezen mag keinen zwingenden Zusammenhang haben, Distanz und Siezen jedoch schon. Und das ist vielleicht der wahre Kampf, dem das “Sie” ausgesetzt ist. Die Entscheidung wenn ich Sieze und wen ich Duze gibt mir eine gewisse (Entscheidungs-)Macht. Diese kann ich schlecht nutzen, so wie Pat Christ es in ihrem Beispiel beschreibt, oder ich kann sie so nutzen, wie sie gedacht ist. Ich kann selbst entscheiden, wem ich nahe sein möchte oder wem auch nicht.

Ok, ich kann das heute natürlich nur noch theoretisch, praktisch ging diese Freiheit in meiner Elterngeneration verloren. Aus der Arbeitswelt verschwindet das “Sie” jeden Tag mehr, inzwischen gaukelt das “Du” sogar schon in hierarchisch geprägten Konzernen eine Gleichheit vor, die so spätestens bei den betriebsbedingten Kündigungen für die Tonne ist. Früher war das vom Vorgesetzten oder Chef im Laufe der Zeit angebotene “Du” noch eine Auszeichnung, heute ist Pflichtprogramm geworden. Und auch sonst wo ist es nicht viel anders.

“Sagen wird doch du!”
“Das ist nett von Ihnen, ich würde aber lieber beim ‘Sie’ bleiben.”
“Was sind’n Sie für’n Arsch?”

Der Zwang zum “Du” ist heute inzwischen so stark, dass einem oft gar keine andere Wahl mehr bleibt. Das eigentlich recht leichte Regelwerk darüber, wer wem das “Sie” anbieten darf, ist ad acta gelegt worden. Heute beschließt man offenbar einfach wen man duzt, und man muss schon auf einen alten Rentner treffen, der es noch wagt sich solche Zudringlichkeiten zu verbitten. Jeder andere wird gleich zum Aussätzigen, zum Sonderling in einer Gesellschaft die das Duzen vielleicht auch deshalb forciert, weil es die teils skandalösen Schluchten überdecken soll, die sie wie Sollbruchstellen durchziehen.

Damit will ich jetzt nicht die These aufstellen, dass jedes angebotene “Du” verlogen ist, aber rein statistisch – und aus leidvoller persönlicher Erfahrung – ist es ein gewisser Anteil natürlich schon.

Das “Sie” ist ein Anrecht, ist eine Würde

Wenn wir nochmal auf das Beispiel des Obdachlosen zurückkommen, dann sollte eigentlich klar sein, dass der eigentliche Fauxpas darin besteht, das natürlich auch dieser das Recht hat zuerst einmal Gesiezt zu werden – es sei denn, er möchte das nicht haben. Aber diese Entscheidung obliegt natürlich allein ihm. Ihn abschätzig zu Duzen nimmt ihm einen Teil seiner unveräußerlichen Würde. Und so sollte es letztlich wieder jedem Menschen obliegen zu entscheiden wem er in seinen inneren Kreis aufnimmt, und mit wem er lieber höflich Distanz hält. Das ist kein “höfisches” Gehabe, wie Pat Christ vermutet, sondern ein Recht, das uns allen zusteht, weil wir ein Individuum sind, das frei entscheiden darf mit wem es freundschaftliche Bande eingeht. Denn das ist das “Du” für mich im positiven Sinne, es ist etwas Wertvolles, das ich nicht verschleudern möchte, sondern Familie und Freunden vorbehalten will. Tja, aber das war einmal …

Bikinifigur oder Fettbauch? Gibt’s da noch was dazwischen?

Sind wir in der Zukunft alle fett?

Schatz, bin ich zu dick? Peng, die Falle hat zugeschnappt, kaum ein Mann schafft es ihr zu entkommen. Woran das liegt, na ja, die weibliche Selbsteinschätzung des eigenen Gewichtes widerspricht fundamental der männlichen Beobachtung des Gewichtes einer Frau. Männlein und Weiblein kommen hier nicht zusammen. Frauen, die sich selbst als dick empfinden, sind nach Urteil der meisten Männer schlank, bestenfalls mollig, aber eben nicht dick. Frauen hingegen, die sich als mollig bezeichnen – da schweigt der Mann aus Höflichkeit und schüttelt innerlich mit dem Kopf. Ist er ein wenig gehässiger, lacht er noch ein wenig in sich hinein.

Zumindest solange, bis ihm das Lachen vergeht …

Ich persönlich bin ja noch in einer Zeit aufgewachsen, in der dieser Schönheitsdruck im Wesentlichen durch Modemagazine oder ähnlichen Veröffentlichungen erzeugt wurde. Das waren meist Dinge, mit denen ein Mann ohnehin nie in Kontakt kam, nicht mal beim Friseur. Kurzum, während sich Frauen schon immer mit dem Problem eines Ideals herumschlagen mussten, konnte kein Mann an sich heruntersehen und sagen: “Na ja, passt schon.” Schweißtreibende Bemühungen blieben kleinen Grüppchen wie etwa der Bodybuilderszene vorbehalten.

Metrosexuell war plötzlich nicht mehr Sex in der Metro zu haben

Dann kamen ein paar Dinge zusammen, das Internet, die ungeahnten Möglichkeiten von Photoshop und Typen wie David Beckham die komische Worte wie “metrosexuell” prägten. Als ich jung war, hätten wir bei “metrosexuell” noch an Sex in der Metro gedacht. Aber spätestens seit unser Schönheitsideal nur noch digital und vor allem in den sozialen Medien diktiert wird, hat nicht nur die Frau ihre Idealfigur, sondern auch der Mann seinen Sixpack – bzw. die Mehrheit hat beides eben nicht.

Be different,babe! Sei du. Sei 100% du selbst. Du brauchst keinem Trend, keinem umgeschriebenem “Healthy Lifestyle” Gesetz nachgehen. Du brauchst kein Sport machen, nur weil es die anderen tun. Mach das, was dich glücklich macht. Dafür lieben dich deine Mitmenschen // Auf dem linken Foto habe ich genau das gemacht, wovon ich euch abrate. Idealbilder verfolgt, bestimmten Essensideologien nachgeeifert – ich wollte einfach ‘dazu’ gehören. Aber wozu überhaupt? Ich bin jetzt glücklich (rechtes Bild). Bin anders. Und das ist gut so Just a reminder: BE DIFFERENT,BABE. BE YOU. #teambodylove #fittriocommunity @teambodylove WWW.FIT-TRIO.COM P.S. Links darf auch schön sein – es kommt nur darauf an, ob es auf einem gesunden Wege erreicht wurde oder nicht!

Ein von Fit Trio (@fit_trio) gepostetes Foto am

Daran musste ich neulich denken, als ich in der FAZS über die Bloggerin Louisa Dellert gelesen habe, früher selbst den unerreichbaren Idealen nachgestrebt, positioniert sie sich jetzt innerhalb einer aufkeimenden Gegenbewegung: #Bodypositivity Äußerst vernünftige Sache, wie ich finde. Auch wenn der Pessimist in mir sich natürlich an zahlreiche Versuche erinnert wie schon manch anderer gegen Schlankheits- und Fitnesswahn ankämpfen wollte. Mitunter taucht da in mir sogar der Verdacht auf, dass zumindest Stars und Marken eine solche Gegenbewegung eher zum Eigenmarketing nutzen. Man setzt weniger einen Gegentrend, als das man sich Aufmerksamkeit verschafft. Photoshop ist in den Medien inzwischen derart zum Standard geworden, dass ein nicht gephotoshoptes Bild es schon mal auf Seite 1 der BILD schafft. Ob das jedoch wirklich dabei hilft junge Frauen und Männer von den allgegenwärtigen “perfekten Bodys” bei Instagram & Co. zu kurieren? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und etwas Cellulitis stürzt kein Schönheitsideal.

Ein äußerst bizarres Schönheitsideal, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass der Mensch gerade jene Menschen als besonders schön betrachtet, die am wenigsten Abweichungen von der Masse aufzeigen. Oder mit anderen Worten, schön ist, was durchschnittlich ist. Nun entwickelt sich aber auch längst der durchschnittliche Deutsche eher in die Breite – oder um es offen zu sagen, wirklich lange können sich die Hochnäsigen unter uns nicht mehr über die dicken Amerikaner lustig machen.  Das angeblich so gut wie jeder Zehnte Deutsche Mitglied bei einem Fitnessstudio ist, lässt wohl wirklich eher darauf schließen, dass viele nach ihrem ersten Besuch die Mitgliedschaft schlicht vergessen.

Merkwürdig, aber wohl wahr: Zwischen einer immer dicker werdenden Gesellschaft und einem Boom der Fitnessindustrie scheint ein Zusammenhang zu bestehen – aber eben einer, bei der beide Zahlen in die Höhe schießen. Entweder das, oder die Fitnessindustrie ist verdammt gut darin den Leuten Sachen zu verkaufen, die nicht funktionieren.

Dick, er ist hier dick?

Übrigens, #Bodypositivity klingt nicht nur amerikanisch, ist es auch. Dort ist daraus inzwischen längst eine Bewegung geworden, die uns aber immer wieder zu unserem Ausgangsparadoxon zurückführt. Oder um es uncharmant zu sagen, nicht weniger Anhängerinnen der Bewegung sind schlicht und einfach dick. Wogegen insofern nichts einzuwenden ist, da dick sein a) ja nicht verboten ist und b) nicht ausschließt, sich damit wohl zu fühlen. Aber ist es deshalb eine gute Idee? Oder ist es nicht einfach genauso idiotisch wie einen Löffel Joghurt für eine vollwertige Tagesmahlzeit zu halten?

Das rechte Maß zu finden scheint heute die eigentliche Herausforderung zu sein. Früher lebte man in Zeiten, in denen man nehmen musste, was man kriegen konnte – und meist war das zu wenig. Was das Körperbild angeht, scheint mir aber die gesunde Mitte keine wirkliche Lobby zu haben. Entweder Sixpack und Bikinifigur, oder eben das genaue Gegenteil – und die Tafel Schokolade vor dem zu Bett gehen muss schon als reine Trotzreaktion sein und wird als Akt des tapferen Widerstands gesehen.

Die Zeit des Niedergangs hat längst begonnen

Wir leben in einer Zeit des Niedergangs. Ja, der geneigte Leser wird jetzt wahrscheinlich die Augen nach oben rollen und murmeln, der Matterne und sein Pessimismus. Aber mit dieser Einschätzung habe ich alles andere als das Gefühl allein auf weiter Flur zu stehen.

Keine Sorge, ich fange jetzt nicht an vom Untergang unserer Zivilisation zu sprechen, oder gar von der bevorstehenden Apokalypse. Und selbst wenn, der Untergang einer Zivilisation war bekanntlich – zumindest bis heute – nie auch identisch mit dem Untergang der Menschheit an sich.

Aber was geht denn dann unter?

Gute Frage, vielleicht die Welt, wie wir sie kannten. Die Welt in der der Kapitalismus zumindest noch soweit funktioniert hat, dass er seine negativen Seiten verdecken konnte. Die Welt, in der das Gleichgewicht des Schreckens zwar als Wahnsinn galt, aber die Welt dennoch im Gleichgewicht hielt. Die Welt, in der sich Europa für kurze Zeit von einem ökonomischen Staatenbund zu einem Ideal entwickelte. Heute ist sie quasi zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, nur das Lobbisten anstelle von Wirtschaftspolitikern getreten sind. Die Welt, in der wir ungefragt mehrheitlich die Demokratie für die beste aller Staatsformen hielten. Die Welt, in der man nicht sagen musste, dass Leistung sich lohnen muss, weil Leistung sich gelohnt hat. Heute sagt man das zwar ständig, aber allein ein Blick auf seinen Bescheid mit der künftigen Rente belegt das Gegenteil.

Kurzum, die gute alte Zeit ist dahin.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man die Vergangenheit immer ein wenig verklärt. Aber ist das auch diesmal der Fall. Die gute alte Zeit der Generationen vor uns mochte auch ihre Reize haben, aber sie war auch voller Kriege, sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung. In den zurückliegenden 50 oder 60 Jahren gab es aber mehr oder weniger einen stabilen Aufstieg, während wir jetzt vor einer Zeit der Rückschritte zu stehen scheinen. Das ist durchaus ungewöhnlich, denn wenn man mal von Rückschlägen aufgrund von Kriegen, Naturkatastrophen usw. absieht, dann ging es mit der Menschheit vor allem eines, aufwärts!

Solche Gedanken sind natürlich eher regional geprägt. Was untergeht, könnte man pauschal als „der Westen“ bezeichnen. Angeführt von den Amerikanern haben wir am Ende über den gegnerischen Block triumphiert und wie alle Sieger die Besiegten unterworfen. Doch unser System funktioniert nicht mehr. Wachstum ist endlich, das ist keine linke These, sondern eine faktische Tatsache. Aber ohne Wachstum ist unser System dem Untergang geweiht. Der große Moloch verlangt immer mehr, doch langsam gibt es immer weniger. Und jetzt? Die USA hat in den letzten 50 Jahren alles an moralischem Kapital gründlich verspielt, würde sie jetzt den Anspruch auf moralische Führung erheben, es wäre ein Treppenwitz der Geschichte. Das Lachen bleibt einem natürlich schnell im Halse stecken, denn auch Europa hat es nicht geschafft eine moralische Führungsposition zu behaupten. Bestenfalls einzelne Länder, aber die sind a) zu klein, um alleine das Ruder herum zu reißen und werden b) deshalb folglich vom Sog erfasst und mit in den Abgrund gezogen.

Extremisten und Radikale sind die ersten Anzeichen des Niedergangs

Wenn eine Gesellschaft untergeht, spürt sie das lange, bevor es jemand laut auszusprechen wagt. Wenn die offiziellen Lautsprecher einer Gesellschaft noch bei ihrem „weiter so“, „wir müssen uns nur mehr anstrengen“ verharren, haben sich an den Rändern der Gesellschaft längst die radikalen Ränder in Position gebracht, um die Verunsicherten der Gesellschaft aufzusagen. Es ist der bizarre Versuch der Ratten das Schiff zu übernehmen, bevor sie es zuerst verlassen, sobald es unweigerlich zu sinken beginnt.

In der Mehrheit sind es augenblicklich die rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Gruppen, die wachsen. Wir sollten uns nicht der Hoffnung hingeben, dass es sich dabei um Protestwähler handelt, die beim nächsten Mal schon ihre Stimme wieder bei den Etablierten machen werden – weil Protestparteien ja angeblich aus Protest kein Programm haben. Ich halte das für eine gefährliche Fehleinschätzung. Das sind keine Protestwähler, das sind Menschen, die sich übergangen, überrollt fühlen. Leute die die rationale Ebene längst verlassen haben, denn Angst vertreibt Rationalität. Die kapitalistische Revolution hat ihre Kinder gefressen und überaschenderweise weniger linke Spinner, als rechte Idioten ausgekotzt.

Zweifel und Angst prägen den Niedergang

Das dominierende Gefühl heute ist der Zweifel am System und die Angst vor dem eigenen Niedergang, wenn man nicht gerade zu den oberen Zehntausenden gehört oder von ihnen finanziert wird. Wir haben keine Idee mehr, kein Ideal, nichts dem wir folgen können, an dem wir uns orientieren können. Das Ideal der Freiheit ist pervertiert worden zu einem Persilschein des ökonomischen Gewinns auf Kosten anderer. Zu einer Diktatur des Individuums, in dem jeder seine eigene Religion, sein eigenes Geschlecht und seine eigene Verantwortung für sich selbst haben muss. Wenn jeder für sich selbst verantwortlich ist, ist das doch auch geregelt, oder? Das die radikale Individualisierung am Ende aber nicht mehr Freiheit bringt, scheint zwar längst offensichtlich, aber auch hier scheint statt eines Auswegs die Parole zu gelten: „Jetzt nehmen wir nochmal richtig Anlauf – und dann gegen die Wand.“

Deshalb leben wir in einer Gesellschaft, die durch individualisiert wurde. Doch statt das jetzt jeder munter und individuell neben dem anderen dahin lebt, was ohne Zweifel an sich schon schlimm wäre, stellt sich heraus das weite Teile der Gesellschaft entweder nicht willens oder auch gar nicht in der Lage sind für sich selbst ein derartiges Maß der Verantwortung zu übernehmen. Was ihnen die Gesellschaft an Orientierung versagt, suchen sie sich jetzt bei Extremisten. Seien es die Rechten, oder je nach kulturellem Hintergrund auch Salafismus oder IS.

Was bleibt ist die düstere Vermutung, dass wir in einer Zeit leben, die Historiker später als Zeit der Untergangs einer Kultur betrachten werden, um Platz für die nächste zu schaffen. Nichts hält ewig, das mag sein, tröstlich ist so ein Gedanke aber wohl für die wenigsten.

„Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey

Leben wird wirklich in einer Abstiegsgesellschaft? Manch einer mag für seine Ablehnung dieser These zwar nicht zu leugnende Krise zugeben, aber darauf verweisen, dass die Einkommen am Ende auf einem hohen Niveau sind und trotz Krise die Weltwirtschaft ja steige, wenn auch krisenbedingt nicht so stark wie früher. Doch entpuppt sich das am Ende des Tages nicht als bloße Statistik? Wer einer Putzfrau oder einem Hilfskoch etwas vom Durchschnittslohn erzählt, bekommt entweder Stilaugen oder Aggressionen zu sehen – aufgrund seiner Unverschämtheit, hätte er letzteres übrigens weit mehr verdient. Die Krise des Sozialstaates, dessen Hochzeit Oliver Nachtwey in seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft – Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ als „soziale Moderne“ beschreibt, ist am Ende – Vorsicht! Ironie! – auch die Krise des Kapitalismus. Ähnlich wie der Marxismus, der überspitzt gesagt ja auch darauf basierte, dass der Kapitalismus das Geld erst mal ranschafft, das später verteilt werden soll, war auch die soziale Moderne auf einen funktionierenden Kapitalismus angewiesen.

Die Abstiegsgesellschaft

Buchkritik: “Die Abstiegsgesellschaft” von Oliver Nachtwey

Es gehört zu den wenigen theoretischen Versprechungen die der Kapitalismus zumindest in der westlichen Welt tatsächlich eingelöst hat, dass zwar die Reichen immer reicher werden, aber eben auch die Armen ihren eigenen Status immer verbessern können. Aus dem Arbeiter, der sich noch um die vorletzte Jahrhundertwende kaum das Dach über dem Kopf leisten konnte, ist jemand geworden, der in der Regel einmal im Jahr nach Mallorca in Urlaub fliegen kann. Doch mit diesem Versprechen ist inzwischen Schluss, die Reichen werden zwar immer noch reicher, aber ganz unten hat sich längst ein neues Prekariat gebildet, das in unwürdigen und schlecht bezahlten Jobs in der ewigen Angst herumvegetiert, diese auch noch zu verlieren. Und dazwischen ist eine Mittelschicht, die in ständiger Angst lebt die soziale Aufstiegsleiter nach unten nehmen zu müssen. Auch wenn, wie Nachtwey durchaus treffend feststellt, diese Abstiegsgefahr eher theoretisch existiert. Aber vielleicht macht es diese dadurch entstandene diffuse Angst ja noch schlimmer, und erklärt, warum die Mittelschicht, ob abstiegsbedroht oder nicht, lieber nach unten tritt, als Solidarität zu beweisen.

Abstiegsgesellschaft frisst Solidarität auf

Überhaupt scheint es mit der Solidarität des Bürgertums nicht mehr weit her zu sein. Während man selbst dem Leistungsprinzip, auch wenn das Versprechen mit Bildung voranzukommen längst widerlegt ist. Man nimmt seinen Kindern weiter mit außerschulischen Aktivitäten so gut wie alle Chancen auf eine Kindheit, nur um ihnen Kultur und Bildung mitzugeben, die ihnen ehe nichts nützt, weil die Plätze oben längst an andere vergeben wurden. Und das ist eine der interessanten Fragen, die Nachtwey bestenfalls anreißt? Was ist eigentlich aus den früheren Aufsteigern geworden? Wie sieht es mit der Solidarität derjenigen aus, die es – wie man so schön sagt – geschafft haben? Man möchte die Antwort lieber nicht hören, höchstwahrscheinlich war die Assimilation so perfekt, dass die Aufsteiger von gestern, wenig Sympathien für die nächste Generation der Klasse haben, der sie selbst entstammten.

Interessanterweise, und ich muss gestehen, dass mir das erst durch dieses Buch klar wurde, waren es ja auch die mit Rot-Grün an die Macht gekommenen Alt-68er, die mit der Agenda 2010 dem Sozialstaat früher Prägung den Todesstoß verschafften. Es waren Sozis und Grüne, die unter dem Deckmantel des nicht unberechtigten Mottos „Fordern & Fördern“ mit Empfängern von ALG II eine ganze Bevölkerungsschicht schufen, die zwar nominell noch deutsche Staatsbürger waren, aber nicht mehr mit allen Rechten ausgestattet waren. Vielleicht das offensichtlichste Zeichen einer Schwäche der modernen Demokratie, die zwar jedem Bürger die gleichen Rechte zubilligt, es dem Bürger aber wenig nutzt, wenn er keinen Job hat, das falsche Geschlecht, einen Migrationshintergrund oder dummerweise in der falschen Ecke der Stadt wohnt. Auch das war übrigens früher immer so, was früher aber tatsächlich besser war, war wohl die Tatsache, dass auch jene Menschen positive Veränderungen erlebten. Während die Angst vor Veränderungen in diesem Land nicht typisch Deutsch ist, sondern eher daher rührt, dass eine Veränderung mit größer werdender Wahrscheinlichkeit eben negativ ist.

Und was kommt danach?

Wie man das alles ändern kann? Ich weiß es nicht. Auch Nachtwey gibt in seinem bei suhrkamp erschienen Buch darauf keine Antwort, sondern will explizit nur eine Analyse vorlegen. Dabei könnten wir eine Lösung dringend gebrauchen. Denn die treffendste Umschreibung des heutigen Zustandes ist es ja, dass wir eine Elterngeneration haben, die erstmals mit ansehen muss, das ihre Kinder einen schlechteren Lebensstandard haben, als sie selbst. In vielen Fällen funktioniert der familiäre Zusammenhalt noch, indem so mancher, der sich von Befristung zu Befristung hangelt, sein schlechtes Gehalt durch Hilfe der Familie aufgebessert wird. Aber wem wird die heutige Generation helfen können, wenn sie selbst nur mit Mühe und viel Geld für die private Vorsorge der Altersarmut entkommt. Leben wir am Ende nicht längst in einem umgekehrten Generationenvertrag, in dem die Alten die Jungen noch mit durchfüttern – gerade auch in manchen europäischen Ländern, in denen sich die Jungen keine eigene Wohnung leisten können und deshalb noch bei ihren Eltern leben. Doch entgegen dem Generationenvertrag, den sich Adenauer & Co. einst ausdachten, wird dieser nur eine Generation funktionieren. Und dann? Ja, was dann?