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Warum Bildung immer mehr aus unserer Gesellschaft verschwindet

von am 7. Juni 2017
Die Abstiegsgesellschaft

In schöner Regelmäßigkeit gehen die Beschwerden wieder los, dass in deutschen Schulen zu wenig praxisnahes Wissen vermittelt wird. In der Regel kommen die Beschwerden direkt aus der Wirtschaft, oder werden zumindest von dort befeuert oder finanziert. Allein stutzig scheint das niemanden zu machen, nicht einmal die Wirtschaft selbst, die mit dem Bachelor doch längst gemerkt hat was für einen Bärendienst sie sich damit selbst erwiesen hat. Doch statt sich zu fragen, warum die Universitäten nach der Bologna-Reform nicht vollausgebildete Experten in die Wirtschaft entlassen, sondern unreife Kiddies, geht das Rumgemotze munter weiter. Zu viel unnötiges Zeug würde die Köpfe der Schüler vollstopfen, statt lieber mal einen ordentlichen Wirtschaftsunterricht zu veranstalten. Mehr Rechnungswesen, statt Goethe.

Bekanntlich stammt der Satz „Man lernt für’s Leben und nicht für die Schule“ aus dem alten Rom, und hieß im Original „Man lernt für die Schule und nicht für das Leben“. Ob man damals schon darüber geklagt hat, dass die Schule zu viel Zeit in Bildung investiert hat?

Und das ist eben leider der Punkt. Während die Wirtschaft damit zufrieden wäre in der Schule würden Wissen in Form von Lesen, Rechnen und Fremdsprachen vermittelt, führt man an den Schulen die letzten Rückzugsgefechte für die Bildung.

Doch was ist Bildung überhaupt? Vor kurzem habe ich mich zu den Unterschieden zwischen Information und Wissen geäußert. Wenn wir Information als höhere Entwicklungsstufe des Wissens sehen, ist Bildung gewissermaßen die Steigerung von Wissen. Oder besser gesagt Wissen wird zu Bildung, umschließt Wissen allerdings und geht selbst weit darüber hinaus. Während Informationen und Wissen gewissermaßen einen ökonomischen Zweck verfolgen, kann dies Bildung zwar auch tun, hat aber eben in erster Linie einen persönlichen Zweck. Mit Bildung verdient man kein Geld, auch wenn Bildung es doch leichter macht Wissen und vor allem auch neues Wissen anzuwenden.

Jetzt könnte man sich natürlich fragen, wie wird man den gebildet? Dazu haben einige Bildungsbürger so ihre eigene Meinung. Man muss studiert, viele Bücher im Schrank und natürlich immer etwas kluges zu sagen haben. Hmm? Bullshit! Ja, Bücher zu kennen und immer das Zitat eines klugen Mannes oder Frau parat zu haben, kann nicht schaden. Aber ganz ehrlich, wenn Wikipedia irgendwann mal einen Chatbot im Einsatz hat, hätte der die Definition besser als alle anderen erfüllt.

Bildung ist mehr, Bildung ist eine Lebenseinstellung. Bildung verändert das Leben. Und mitunter ist das Beste an Bildung, dass es eben nicht von einem Studium abhängt.

Den Bildungsmangel bei heutigen Studenten zu beklagen erscheint mir manchmal zwar ein anderes Niveau zu haben, aber schon zu meiner Zeit war Angehöriger des gepflegten Hinterwäldlertums zu sein kein Studienausschlussgrund. Während ich umgekehrt durchaus bestätigen kann, dass Bildung eben keine Frage der Höhe des Schulabschlusses war.

Natürlich kann ich aber dennoch traurigerweise nur bestätigen, dass Bildung am Ende doch eine Frage der Zeit und eine Frage des Geldes ist. Wer keine Zeit hat, oder seine Zeit ausschließlich darauf verschwendet – ja, ich wähle dieses Wort mit Bedacht – sich nur karrieretaugliches Wissen anzueignen, wird ebenso wenig Bildung erlangen, wie jene Menschen die schlicht ums Überleben kämpfen müssen. Das allein halte ich für die wichtigste Erklärung, warum man Bildung eher in den wohlhabenderen Schichten vorfindet.

Und je mehr wir die Bildung aus unseren Schulen vertreiben, desto mehr wird sich dieses Bild nicht nur verfestigen. Bildung wird man sich nicht nur leisten können müssen, man wird auch die Eltern haben müssen, die einen mit ihr in Verbindung bringen (wollen). Eine trostlose Zukunft, wenn man mich fragt.

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Medien & Internet | Schöne neue Welt

Der große Vorteil von virtueller Realität? Die Realität ist halt kacke!

von am 17. Mai 2017

Die Diskussion über Computerspielsucht ist noch nicht einmal abgeschlossen, da zeichnet sich schon das nächste Feld für heiße Diskussionen am Horizont ab. War die virtuelle Realität lange ein Runing Gag wie der Kühlschrank, der selbstständig nachbestellt, dürfte erstere inzwischen kurz davor stehen massentauglich den Markt zu erobern. Und dann haben wir den Salat, bzw. die Wahl zwischen der eigentlichen Realität und einer virtuell geschaffenen.

Wie real die virtuelle Realität wirklich ist, ist am Ende eigentlich egal.
Wie real die virtuelle Realität wirklich ist, ist am Ende eigentlich egal.

Um den größten Kritikern der virtuellen Realität gleich mal ihr Lieblingsargument zu nehmen, die Behauptung die virtuelle Realität sei nicht echt, kann tatsächlich nur Bestandteil rein philosophischer Diskussionen sein. Denn die Technik ist längst so weit, dass sie unser Gehirn den Unterschied nicht bemerken lässt – es sei denn, man murmelt das Mantra „Das ist alles nicht echt“ die ganze Zeit vor sich her. Wer das nicht glaubt, kann sich auf dem Schreibtischstuhl ja eine virtuelle Achterbahn antun, oder in der virtuellen Realität auf dem Dach eines Hochhauses stehen und versuchen runter zu springen. Kleinlich betrachtet mag die virtuelle Realität nicht echt sein, pragmatisch betrachtet ist das aber ziemlich wurscht.

Genau das ist es ja, was jenen besonders viel Angst macht, die schon glauben Computerspiel würden süchtig machen. (Machen sie übrigens ja auch, wie so ziemlich alles und jeder bei einem Menschen eine Sucht auslösen kann.) Der Gedanke, dass der Spieler World of Warcraft nicht mehr vor dem Bildschirm sitzend spielt, sondern sich wie in das Spiel hineingebeamt fühlen könnte, ist für diese Fraktion in erster Linie etwas erschreckendes. Sind die Grenzen bei manchen heute zwischen online und offline verschwommen, wären sie spätestens dann nicht mehr existent. Das kann einem Angst machen, das kann man als Bedrohung sehen – man kann, aber muss man das auch?

Die virtuelle Realität ist ein Geschenk für unsere Gesellschaft!

Bekanntlich leben wir weniger in einer Leistungsgesellschaft, als in einer Erfolgsgesellschaft. Und was produziert eine Erfolgsgesellschaft? Richtig, ein paar Gewinner und Horden voller Loser. Und wenn man mit einkalkuliert, dass die digitale Transformation tausende von jetzt noch in die mittlere und untere Mittelschicht Geborene zu modernen Tagelöhnern machen wird, wird der Anteil derer, die sich als Verlierer fühlen überproportional in die Höhe schießen.

World of Warcraft - Die gute alte Zeit!
World of Warcraft – Die gute alte Zeit!

Und bekanntlich gibt es weit bessere Zustände, als sich als Verlierer zu fühlen. Früher gab es den Griff zu Flasche, oder wenn man zumindest ein cooler Verlierertyp sein wollte hat man sich seinen Trip mit härteren Drogen verschafft. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Gedanke die virtuelle Realität könnte für viele Menschen am Ende nur eine weitere Sucht sein, doch fast schon beruhigend. Immerhin sind deren Auswirkungen weit weniger drastisch und zeigen sich nicht selten in derart kleinen Stufen, dass nicht einmal wirklich auffallen.

Aber abgesehen davon, wäre das wirklich so schlimm? Durch soziale Medien definieren wir gerade den Begriff „Freundschaft“ neu. Klar, wer auf Facebook mit mir befreundet ist, ist nicht automatisch mein Freund. Aber der Kontakt kann auch so eng werden, dass sich wirklich von Angesicht zu Angesicht zu sehen, kein zwingender Bestandteil der Definition von Freundschaft mehr ist. Und wer sich in der virtuellen Realität begegnet, wird die Grenze als noch ein wenig durchlässiger betrachten.

Und überhaupt … nehmen wir mal mich als Beispiel. Ich arbeite Vollzeit, der Kühlschrank ist immer gut gefüllt, aber wenn der Vermieter meiner kleinen Wohnung einen Brief schreibt, hoffe ich schon, dass es keine Mieterhöhung ist. Und groß in Urlaub fahren ist für mich auch erst mal gestrichen, ganz aktuell musste ich aus finanziellen Gründen gerade sogar einen kleinen Wochenendtrip canceln. Wäre es da wirklich so verwerflich, wenn ich mir nach einem harten Arbeitstag am Abend die VR-Brille auf den Kopf setze und mir jene Orte ansehe, an die ich definitiv erst Mal nicht reisen kann? Wo ist der Unterschied zu einer Dokumentation im Fernseher, außer das mir die virtuelle Realität echter vorkommt? Die VR-Brille kann mir – zumindest solange ich sie trage – das Gefühl geben die Dinge wirklich zu erleben, im Vergleich dazu ist das bloße davon Träumen, während man auf die schönen Bilder hinter der flachen Scheibe starrt, ja fast sadistisch.

In einer Welt, die sich durch die digitale Transformation brutaler als je zuvor in Gewinner und Verlierer aufteilen wird, ist die virtuelle Realität vielleicht jenes rettende Opium für’s Volk, das uns davon abhält eine Revolution zu veranstalten, an deren Ende ohnehin nicht die Straße zu den Gewinnern gehören wird. Das mag für manche purer Zynismus sein, ich halte es aber für eine pragmatische Lösung.

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Was ist dran an de Maizière’s Leitkultur?

von am 2. Mai 2017

Unter uns, wenn das Anstoßen einer Diskussion bei Grünen und Linken gleich mit einer Diskussionsverweigerung beantwortet wird, hat das grundsätzlich mal meine Sympathie. Was aber nicht gleich heißen muss, dass jetzt alle zehn Punkte die Innenminister Thomas de Maizière im Interview mit der Bild am Sonntag genannt hat, jetzt wirklich meine vollste Unterstützung finden.


Worum geht es überhaupt? Die Bild am Sonntag veröffentlichte am 30. April ein Interview mit Thomas de Maizière, in dem dieser zehn Punkte vorschlug, die zu einer deutschen Leitkultur zusätzlich zu niedergeschriebenen Gesetzen und Verordnungen gehören. Nachzulesen bei bild.de oder kostenlos auf der Seite des Ministeriums: Leitkultur für Deutschland – Was ist das eigentlich?


Gehen wir die zehn Punkt also einfach mal schnell durch. „Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand.“ steht da zu lesen, und man fragt sich unwillkürlich, darf ich Freunde zur Begrüßung nicht mehr umarmen? Man könnte diesen Teil eigentlich komplett streichen, worum es dem Minister geht folgt ohnehin im zweiten Teil des 1. Punktes: das Burkaverbot

Bildung als Wert, Leistung wird belohnt – Nicht (mehr) in Deutschland

Punkt 2: „Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument.“ Da kann ich nur sagen, des Ministers Wort in Gottes Ohr. Wenn’s denn nur so wäre, stattdessen arbeitet man seit gut zwei Jahrzehnten daran jeglichen größer und fächerübergreifenden Bildungsaspekt aus Schule und Universität zu vertreiben, damit in wirtschaftskonformen Bachelor-Studiengängen möglichst schnell produziert werden. (Was nicht funktioniert, wir die Wirtschaft selbst beklagt, aber – fuck it – das deutsche Bildungssystem hat eben einen Sinn für Ironie.) Und mein Sinn für Feinheiten lässt mich seufzend fragen, ob Thomas de Maizière hier nicht wieder jene Migranten im Kopf hat, die eine gute Schulausbildung allein als Garantie für eine bessere finanzielle Zukunft sehen.

„Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann.“ ist drittens zu lesen, und zu erwidern ist: Nein, wir sind keine Leistungsgesellschaft, wir sind eine Erfolgsgesellschaft. Wir bewundern nicht die Leistung, wie de Maizière ausführt, sondern allein den Erfolg. Wer Zweiter wird, oder gar komplett als Verlierer dasteht, dessen Leistung ist einen Scheiß wert.

Zwischenfazit: Ich bin ja eigentlich durchaus ein Anhänger der These, dass es für Menschen die sich in eine Gesellschaft integrieren wollen, eine Art Leitkulturkatalog bedarf. Gesetze und Verordnungen sind das eine, die über Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte gewachsenen ungeschriebenen Gesetze des gesellschaftlichen Zusammenlebens können für Neuankömmlinge verwirrend und unverständlich sein. Aber bis jetzt lassen mich die Punkt des Innenministers eher leise aufseufzen.

Den 4. Punkt kann ich unterschreiben, bis auf den ausdrücklichen Hinweis auf das Existenzrecht Israels steht da auch nicht vielmehr als die deutsche Geschichte halt ist. Was das Existenz Israels an sich an geht, natürlich ist das zu bejahen. Das dies hier allerdings betont wird, na ja, inzwischen wissen wir ja, an wenn sich dieser Leitkultur wirklich richtet.

Punkt 5: „Wir sind Kulturnation.“, ja, sind wir – und so lange wir AfD und FDP weit weg von Regierungen halten, sehe ich auch die deutsche Theaterdichte nicht in Gefahr. Und ja, ich glaube auch das man stolz sein kann, Männer und Frauen in den eigenen Reihen gehabt zu haben, die wahrlich zu den Geistesgrößen der Menschheit gezählt haben. (Und wenn wir Glück haben, steuern wir noch einige dazu bei.)

Religionsfreiheit muss sein, der Islam ist aber auch eine Religion

„In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.“. Was der Minister im 6. Punkt schreibt lässt mich historisch ein wenig schmunzeln, zumindest als praktizierender Katholik mit Blick auf das Reformationsjubiläum. Die 99 Thesen Luthers haben nun mal einiges bewirkt, nur keine Einigung der Gesellschaft. Und wer es mit der Religionsfreiheit ernst meint, der muss auch den Islam gleichbehandeln. Ob Moschee oder Kirche, solange sich dort alles im Rahmen der Gesetze abspielt, darf man hier keinen Unterschied machen. Das erwähnt der Minister leider nicht.

7. „Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land.“, yep, könnte das jemand mal den Flachpfeifen rechts und links außen unter die Nase reiben? Zumindest gibt es bei denen aber noch keine „Ehrenmorde“, denn auf nichts anderes deutet der Schlusssatz dieses Punktes hin: „Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.“

„Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Auch wir Deutschen können es sein.“ Ja, das können wir sein. Und auch wenn manche es immer noch affig finden darüber zu diskutieren, warum Nationalspieler bei der Hymne demonstrativ die Lippen zusammenpressen, auch darüber kann man diskutieren. (Ich persönlich bin natürlich nach wie vor der Ansicht, das Bismarck bei all seinen Leistungen Preußen vielleicht doch ein wenig zu leichtfertig auf dem Opferaltar preisgegeben hat, auf dem er Deutschland einte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Der 9. Punkt ist zweigeteilt, das offensichtlich ohne weitere Bedingungen geforderte an der Seite der USA stehen kann ich nicht teilen. Die USA sind, egal wer gerade im Weißen Haus sitzt, ein aktueller Machtfaktor, mehr nicht. Das ein einiges Europa aber ein urdeutsches Interesse sein muss, das dürfte auf Jahrhunderte hinaus feststehen. Alleine, oder gar wieder gegen unsere Nachbarn wird Deutschland nicht bestehen können – und ohne Deutschland auch nicht Europa. Man kann das als Fluch oder Segen der deutschen Geschichte sehen, aber egal wie, es gehört zu den wenigen Dingen, die man tatsächlich als alternativlos bezeichnen kann.

Kommen wir mit „Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen.“ zum letzten Punkt. Auch das ist sicherlich richtig, aber sowohl das Gefühl für Heimat als auch das einer Gesellschaft zugehörig zu sein, ist einem Wandel unterzogen. Es ist im Fluss und Integration bedeutet eben nicht Assimilation, ich erwarte von Migranten nicht nur, dass sie sich an die Regeln der Gesellschaft halten, ich erwarte auch das sie etwas aus ihrer eigenen Kultur dazu beitragen. Denn am Ende ist auch das Deutschland!

Das Fazit:

Ja, wir brauchen wie bereits beschrieben eine Leitkultur, das habe ich an anderer Stelle hier auch schon geäußert. Was Thomas de Maizière hier vorgelegt hat, ist aber in erster Linie kein Wertekatalog, sondern ein direkt an muslimische Migranten gerichteter Forderungskatalog, in dem für mich in vielen Punkten leider mehr die Forderung nach Assimilation, statt Integration mitschwingt. Als Diskussionsgrundlange kann man diese zehn Punkte nehmen, 1 zu 1 sind sie aber wenig hilfreich.

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Kultur

Warum das „Sie“ nicht der Rückfall ins Mittelalter ist!

von am 26. März 2017

Ach ja, was wäre es doch einfacher, würde es auch im Deutschen nur ein „you“ geben. Wir müssten nicht dauernd diskutieren, ob wir unser Gegenüber jetzt Duzen oder Siezen. Wobei man im Jahr 2017 der puren Wahrscheinlichkeit halber auf ein „Du“ tippen sollte, denn jemanden zu Siezen kommt mehr und mehr aus der Mode. Findet übrigens auch Pat Christ in ihrem Beitrag für den aktuellen Kessener, wo sie das „Sie“ mal gleich für komplett überflüssig hält.

Ein wenig überzeugender Beitrag, zumindest für mich. Da wird zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass wir das „Sie“ vielleicht auch nur deshalb behalten, um anderen – Obdachlose, Ausländer, Nicht-Dazugehörende – mit einem „Du“ abzuwerten, läuft das nach der simplen Regel ab: Willst du etwas in Verruf bringen, suche dir den einen Idioten, der die Sache ebenfalls vertritt und schon kannst du die Sache als Ganzes für idiotisch erklären.

Warum sollte man das „Sie“ retten?

Ist es der damit ausgedrückte Respekt, den die Autorin offenbar nur schätzt, weil er ihr das obige Beispiel von Respektlosigkeit ermöglicht? Ja, sicher auch ein wenig. Aber Respekt hängt natürlich nicht auf Gedeih und Verderb an einem „Sie“. Wie die Autorin, in einem mal treffenden Beispiel, weiß, verzichten die meisten Eltern in Deutschland inzwischen darauf, von ihren Kindern gesiezt zu werden. Und wenn nicht, dann ernten sie auch völlig zurecht einige hochgezogene Augenbrauen. Hat das dem Respekt in der Familie geschadet? Wohl nicht, der mag allgemein ein bisschen abflauen, aber daran das sich Eltern und Kinder jetzt duzen dürfte das wohl kaum liegen.

Niemand käme heute mehr auf die Idee seine Eltern zu Siezen. Aber muss man deshalb jeden Deppen das „Du“ anbieten?

Eine Familie ist ja auch eine Gemeinschaft, die eng verbunden ist. Wahrscheinlich ist sie nach wie vor sogar die engste Verbindung in unserer Gesellschaft. Das Siezen wäre heute, und war es früher, fehl am Platz.

Respekt und Siezen mag keinen zwingenden Zusammenhang haben, Distanz und Siezen jedoch schon. Und das ist vielleicht der wahre Kampf, dem das „Sie“ ausgesetzt ist. Die Entscheidung wenn ich Sieze und wen ich Duze gibt mir eine gewisse (Entscheidungs-)Macht. Diese kann ich schlecht nutzen, so wie Pat Christ es in ihrem Beispiel beschreibt, oder ich kann sie so nutzen, wie sie gedacht ist. Ich kann selbst entscheiden, wem ich nahe sein möchte oder wem auch nicht.

Ok, ich kann das heute natürlich nur noch theoretisch, praktisch ging diese Freiheit in meiner Elterngeneration verloren. Aus der Arbeitswelt verschwindet das „Sie“ jeden Tag mehr, inzwischen gaukelt das „Du“ sogar schon in hierarchisch geprägten Konzernen eine Gleichheit vor, die so spätestens bei den betriebsbedingten Kündigungen für die Tonne ist. Früher war das vom Vorgesetzten oder Chef im Laufe der Zeit angebotene „Du“ noch eine Auszeichnung, heute ist Pflichtprogramm geworden. Und auch sonst wo ist es nicht viel anders.

„Sagen wird doch du!“
„Das ist nett von Ihnen, ich würde aber lieber beim ‚Sie‘ bleiben.“
„Was sind’n Sie für’n Arsch?“

Der Zwang zum „Du“ ist heute inzwischen so stark, dass einem oft gar keine andere Wahl mehr bleibt. Das eigentlich recht leichte Regelwerk darüber, wer wem das „Sie“ anbieten darf, ist ad acta gelegt worden. Heute beschließt man offenbar einfach wen man duzt, und man muss schon auf einen alten Rentner treffen, der es noch wagt sich solche Zudringlichkeiten zu verbitten. Jeder andere wird gleich zum Aussätzigen, zum Sonderling in einer Gesellschaft die das Duzen vielleicht auch deshalb forciert, weil es die teils skandalösen Schluchten überdecken soll, die sie wie Sollbruchstellen durchziehen.

Damit will ich jetzt nicht die These aufstellen, dass jedes angebotene „Du“ verlogen ist, aber rein statistisch – und aus leidvoller persönlicher Erfahrung – ist es ein gewisser Anteil natürlich schon.

Das „Sie“ ist ein Anrecht, ist eine Würde

Wenn wir nochmal auf das Beispiel des Obdachlosen zurückkommen, dann sollte eigentlich klar sein, dass der eigentliche Fauxpas darin besteht, das natürlich auch dieser das Recht hat zuerst einmal Gesiezt zu werden – es sei denn, er möchte das nicht haben. Aber diese Entscheidung obliegt natürlich allein ihm. Ihn abschätzig zu Duzen nimmt ihm einen Teil seiner unveräußerlichen Würde. Und so sollte es letztlich wieder jedem Menschen obliegen zu entscheiden wem er in seinen inneren Kreis aufnimmt, und mit wem er lieber höflich Distanz hält. Das ist kein „höfisches“ Gehabe, wie Pat Christ vermutet, sondern ein Recht, das uns allen zusteht, weil wir ein Individuum sind, das frei entscheiden darf mit wem es freundschaftliche Bande eingeht. Denn das ist das „Du“ für mich im positiven Sinne, es ist etwas Wertvolles, das ich nicht verschleudern möchte, sondern Familie und Freunden vorbehalten will. Tja, aber das war einmal …

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Kuturelles

Bikinifigur oder Fettbauch? Gibt’s da noch was dazwischen?

von am 8. Februar 2017
Sind wir in der Zukunft alle fett?

Schatz, bin ich zu dick? Peng, die Falle hat zugeschnappt, kaum ein Mann schafft es ihr zu entkommen. Woran das liegt, na ja, die weibliche Selbsteinschätzung des eigenen Gewichtes widerspricht fundamental der männlichen Beobachtung des Gewichtes einer Frau. Männlein und Weiblein kommen hier nicht zusammen. Frauen, die sich selbst als dick empfinden, sind nach Urteil der meisten Männer schlank, bestenfalls mollig, aber eben nicht dick. Frauen hingegen, die sich als mollig bezeichnen – da schweigt der Mann aus Höflichkeit und schüttelt innerlich mit dem Kopf. Ist er ein wenig gehässiger, lacht er noch ein wenig in sich hinein.

Zumindest solange, bis ihm das Lachen vergeht …

Ich persönlich bin ja noch in einer Zeit aufgewachsen, in der dieser Schönheitsdruck im Wesentlichen durch Modemagazine oder ähnlichen Veröffentlichungen erzeugt wurde. Das waren meist Dinge, mit denen ein Mann ohnehin nie in Kontakt kam, nicht mal beim Friseur. Kurzum, während sich Frauen schon immer mit dem Problem eines Ideals herumschlagen mussten, konnte kein Mann an sich heruntersehen und sagen: „Na ja, passt schon.“ Schweißtreibende Bemühungen blieben kleinen Grüppchen wie etwa der Bodybuilderszene vorbehalten.

Metrosexuell war plötzlich nicht mehr Sex in der Metro zu haben

Dann kamen ein paar Dinge zusammen, das Internet, die ungeahnten Möglichkeiten von Photoshop und Typen wie David Beckham die komische Worte wie „metrosexuell“ prägten. Als ich jung war, hätten wir bei „metrosexuell“ noch an Sex in der Metro gedacht. Aber spätestens seit unser Schönheitsideal nur noch digital und vor allem in den sozialen Medien diktiert wird, hat nicht nur die Frau ihre Idealfigur, sondern auch der Mann seinen Sixpack – bzw. die Mehrheit hat beides eben nicht.

Be different,babe! Sei du. Sei 100% du selbst. Du brauchst keinem Trend, keinem umgeschriebenem „Healthy Lifestyle“ Gesetz nachgehen. Du brauchst kein Sport machen, nur weil es die anderen tun. Mach das, was dich glücklich macht. Dafür lieben dich deine Mitmenschen // Auf dem linken Foto habe ich genau das gemacht, wovon ich euch abrate. Idealbilder verfolgt, bestimmten Essensideologien nachgeeifert – ich wollte einfach ‚dazu‘ gehören. Aber wozu überhaupt? Ich bin jetzt glücklich (rechtes Bild). Bin anders. Und das ist gut so Just a reminder: BE DIFFERENT,BABE. BE YOU. #teambodylove #fittriocommunity @teambodylove WWW.FIT-TRIO.COM P.S. Links darf auch schön sein – es kommt nur darauf an, ob es auf einem gesunden Wege erreicht wurde oder nicht!

Ein von Fit Trio (@fit_trio) gepostetes Foto am

Daran musste ich neulich denken, als ich in der FAZS über die Bloggerin Louisa Dellert gelesen habe, früher selbst den unerreichbaren Idealen nachgestrebt, positioniert sie sich jetzt innerhalb einer aufkeimenden Gegenbewegung: #Bodypositivity Äußerst vernünftige Sache, wie ich finde. Auch wenn der Pessimist in mir sich natürlich an zahlreiche Versuche erinnert wie schon manch anderer gegen Schlankheits- und Fitnesswahn ankämpfen wollte. Mitunter taucht da in mir sogar der Verdacht auf, dass zumindest Stars und Marken eine solche Gegenbewegung eher zum Eigenmarketing nutzen. Man setzt weniger einen Gegentrend, als das man sich Aufmerksamkeit verschafft. Photoshop ist in den Medien inzwischen derart zum Standard geworden, dass ein nicht gephotoshoptes Bild es schon mal auf Seite 1 der BILD schafft. Ob das jedoch wirklich dabei hilft junge Frauen und Männer von den allgegenwärtigen „perfekten Bodys“ bei Instagram & Co. zu kurieren? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und etwas Cellulitis stürzt kein Schönheitsideal.

Ein äußerst bizarres Schönheitsideal, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass der Mensch gerade jene Menschen als besonders schön betrachtet, die am wenigsten Abweichungen von der Masse aufzeigen. Oder mit anderen Worten, schön ist, was durchschnittlich ist. Nun entwickelt sich aber auch längst der durchschnittliche Deutsche eher in die Breite – oder um es offen zu sagen, wirklich lange können sich die Hochnäsigen unter uns nicht mehr über die dicken Amerikaner lustig machen.  Das angeblich so gut wie jeder Zehnte Deutsche Mitglied bei einem Fitnessstudio ist, lässt wohl wirklich eher darauf schließen, dass viele nach ihrem ersten Besuch die Mitgliedschaft schlicht vergessen.

Merkwürdig, aber wohl wahr: Zwischen einer immer dicker werdenden Gesellschaft und einem Boom der Fitnessindustrie scheint ein Zusammenhang zu bestehen – aber eben einer, bei der beide Zahlen in die Höhe schießen. Entweder das, oder die Fitnessindustrie ist verdammt gut darin den Leuten Sachen zu verkaufen, die nicht funktionieren.

Dick, er ist hier dick?

Übrigens, #Bodypositivity klingt nicht nur amerikanisch, ist es auch. Dort ist daraus inzwischen längst eine Bewegung geworden, die uns aber immer wieder zu unserem Ausgangsparadoxon zurückführt. Oder um es uncharmant zu sagen, nicht weniger Anhängerinnen der Bewegung sind schlicht und einfach dick. Wogegen insofern nichts einzuwenden ist, da dick sein a) ja nicht verboten ist und b) nicht ausschließt, sich damit wohl zu fühlen. Aber ist es deshalb eine gute Idee? Oder ist es nicht einfach genauso idiotisch wie einen Löffel Joghurt für eine vollwertige Tagesmahlzeit zu halten?

Das rechte Maß zu finden scheint heute die eigentliche Herausforderung zu sein. Früher lebte man in Zeiten, in denen man nehmen musste, was man kriegen konnte – und meist war das zu wenig. Was das Körperbild angeht, scheint mir aber die gesunde Mitte keine wirkliche Lobby zu haben. Entweder Sixpack und Bikinifigur, oder eben das genaue Gegenteil – und die Tafel Schokolade vor dem zu Bett gehen muss schon als reine Trotzreaktion sein und wird als Akt des tapferen Widerstands gesehen.

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