Die Wissenschaft: Irgendwas zwischen Einstein und Frankenstein

Am Samstag findet weltweit die Aktion “March for Science” statt, auch in Deutschland. Forscher und Wissenschaftler wollen damit ein Zeichen setzen, gegen eine Welt in der sie immer mehr Anfeindungen ausgesetzt sind.

Der nette Onkel Albert versucht uns unermüdlich die Welt zu erklären.

Und damit hat die Wissenschaft natürlich nicht ganz Unrecht. Gerade in den USA zeigt sich derzeit ja leider was passieren kann, wenn den Mächtigen des Tages wissenschaftliche Erkenntnisse nicht ins eigene private Weltbild passen. Freie Forschung und freie Lehre sieht anders aus. Ungestört geforscht werden darf nur, wenn hinterher das Ergebnis stimmt. Wie seinerzeit, als das Ahnenerbe durch Tibet stolperte und sich so manch Forscher fragte, wie um Himmels willen er die Wahrheit so verbiegen kann, dass Heinrich Himmler zufrieden gestellt wird. Nun, ganz so schlimm ist es freilich noch nicht, aber das böse Wort “Zensur” kann inzwischen längst auch in manchen Demokratien in den Mund genommen werden.

Wissenschaft und Forschung bläst aber nicht nur von Seiten der Politik ein stärkerer Wind entgegen. Auch in Deutschland tummeln sich Impfgegner, Globulijunkies und Anit-Reptoloidenninjas in einem bisher ungeahnten Ausmaß. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind für sie nur Bestandteil der großen Verschwörungstheorie. Dabei ist diese Situation natürlich paradox, schließlich leben wir in einer Welt, die etwa ohne Smartphones nicht möglich wäre und schon seit einiger Zeit muss nur noch in den seltensten Fällen das ganze Bein abgehackt werden, wenn man in einen rostigen Nagel tritt. Aber vielleicht ist diese Abhängigkeit ja auch einer der Auslöser dafür, dass der Wissenschaft selten so misstraut wird wie heute.

Jeder bekommt den Feind, den er verdient

Doch das ist halt nur die eine Seite der Medaille, schließlich bekommt man meistens auch genau die Feinde, die man sich durch eigenes Verhalten verdient hat. Was viele Menschen irritiert und teils schlicht ängstigt sind jene Teile der Forschung, die den Fortschritt um des Fortschritts wegen wollen. Wissenschaftler, die Grundlagenforschung als Freibrief nehmen zu machen, was machbar ist und weder nach dem Sinn oder gar den Auswirkungen zu fragen. Sie sind weniger der sympathische Physikeronkel wie Albert Einstein, der versucht uns die Welt zu erklären – und auch nicht aufgibt, als er merkt, dass wir es auch beim 10. Mal nicht verstanden haben – sondern eher der junge Victor Frankenstein, der bekanntlich nicht nur seinen eigenen Untergang zum Leben erweckte.

Es lebt – und bald leben ein paar Leute weniger.

Denn Wissenschaft ist für manchen eben nicht gleich Wissenschaft. So manch Vertreter der Naturwissenschaften würde manche Geisteswissenschaften am liebsten von der Uni schmeißen, weil sie ihm a) nur die Forschungsgelder streitig machen und b) dieser Ethikkram äußerst hinderlich sein kann, wenn man zum Beispiel Babys klonen will. Und wenn jemand Theologie erwähnt, springen sie gleich im Quadrat. Bloß das nicht auch noch.

Die tief sitzende und wahrhaftige Moral von Mary W. Shelley Meisterwerk ist bekanntlich die Erkenntnis, dass der Mensch nicht Gott spielen darf. Und diese Erkenntnis ist sogar unabhängig davon, ob man an ihn glaubt oder nicht. Es ist schlicht die Tatsache, dass es eine letzte Grenze gibt, nach deren Überschreitung die Kacke am dampfen ist. Manche Wissenschaftler haben diese Erkenntnis bitter lernen müssen und wurden für diese auch von so manchem Kollegen verfolgt. Robert Oppenheimer, einer der Väter der Atombombe, mag stellvertretend für jene stehen:

Das er aus der hinduistischen Götterwelt zitiert, ist nicht frei von Ironie für einen weiteren Zug, den so manch Forscher für die Wissenschaft reklamiert. Sicher, offiziell fährt man die Linie eine Theorie ist nur so lange wahr, bis sie widerlegt wird. Inoffiziell geht man aber davon aus, dass die aktuelle wissenschaftliche Lehrmeinung absolut wahr ist und jede Kritik ein Angriff auf die Wissenschaft als Ganzes darstellt. So lautstark man den Anspruch der Religion auf die Wahrheit bekämpft, so lautstark verkündet man selbst in Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Dabei könnte man es besser wissen, ist die Wissenschaftsgeschichte doch voll von Erkenntnissen die Jahrzehnte lang bekämpft und lächerlich gemacht wurden, am Ende aber doch die herrschende Lehrmeinung ablöste. So hat auch beispielsweise die Kirche nicht definiert, das sich die Sonne um die Erde dreht, sie hat nur den Fehler gemacht diese wissenschaftliche Lehrmeinung gegen die Neuerung zu verteidigen.

Oder um es ganz klar zu sagen: Man kann jenen die beim Wort “Evoltionstheorie” den Wortbestandteil “-theorie” betonen natürlich eine gewisse Intention unterstellen, aber wer diesen Teil ignoriert, entwickelt sich auch nicht weiter. Was im Übrigen auch bedeutend für die Wissenschaftler sein sollte. Denn Wissenschaft hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie (neues) Wissen schafft. Sobald wir aber alles wissen, können sich die meisten Wissenschaftler schon mal auf dem Arbeitsamt melden.

Die Freiheit, die ich meine

Gibt es Freiheit wirklich nur über den Wolken?

Neulich ging ich mal wieder an einem Veranstaltungsplakat (mit Rechtschreibfehler) der Jungen Liberalen vorbei und dachte mir so, warum kann ich mich mit dem Freiheitsbegriff der FDP nicht mehr so richtig anfreunden. Die Erklärung war schnell gefunden und ist in einer simplen Formulierung auch ausgedrückt: Sieht man die politischen Bemühungen der alten Tante FDP an, wird man das Gefühl nicht los, die (angeblich einzigen) Liberalen streben eine Freiheit ohne Verantwortung an – oder gar eine Freiheit von Verantwortung? Natürlich geht ihr abstraktes Weltbild davon aus, das die Verantwortung für die Gesellschaft praktisch von alleine kommt, aber na ja – die Worte hört ich wohl … usw. usf.

Freiheit braucht Einschränkungen, will sie funktionieren

Freiheit funktioniert aber wohl nur dann, wenn die Freiheit stets mit Verantwortung gedacht wird. Verantwortung für sich selbst und für sein Wirken in der Gesellschaft. Der Nachteil liegt in dieser Formulierung wohl in der Einschränkung der Freiheit, die diese Verantwortung mit sich bringt. Aber da die libertäre Freiheit, würde man sie umsetzen wollen, genauso wie der Kommunismus erst Menschenleben kosten würde, bevor man sich diesem zum scheitern verurteilten System entledigen könnte, ist das wohl am Ende nicht mehr als eine realistische Einschränkung des Freiheitsbegriffs. Denn bracht Freiheit nicht auch Einschränkungen, wenn sie funktionieren soll? Denn nur der letzte Mensch auf der Welt könnte es sich leisten in völliger Freiheit zu leben und zu handeln – denn nur als einziger Überlebender seiner Art wäre er in der Lage ohne Widerstände tun und lassen zu können was er will und er wäre auf der anderen Seite vor Mitmenschen geschützt, die sich auf seine Kosten Vorteile verschaffen könnten.

Totale Freiheit, und hier bin ich doch noch ein Anhänger von Thomas Hobbes, wäre der sichere Weg zurück in den Naturzustand des Krieges aller gegen alle. Im zwischenmenschlichen Bereich ist eine Freiheit ohne Verantwortung keine Alternative. Aber wie ist es zum Beispiel in der Wissenschaft?

Dieser kleine Beitrag soll nämlich auch eine Antwort auf Freiheit – Stöckchen von Peter Winnemöller sein, einem der Initiatoren der Unterschriftenkampagne Petition pro ecclesia sein.

“Wenn ein Wissenschaftler nicht auch mal etwas gegen den Strich oder quer zum Strich bürsten kann, gibt es keinen Erkenntnisfortschritt. Andererseits muß man eben auch anerkennen können, daß nicht jede Erkenntnis unterm Strich auch wirklich brauchbar ist. Und damit Beschränkungen der wissenschaftlichen Freiheit akzeptieren.”

Dabei geht es natürlich um jene deutschen Theologen, die mit ihrem Memorandum Freiheit Thesen innerhalb der Katholischen Kirche vertreten, die manchen nicht genehm sind – in ein zwei Punkten übrigens mir auch nicht wirklich, aber irgendwie hab ich keine Lust mich hier wirklich eindeutig zu positionieren.  Ich habe über diesen Absatz lange nachgedacht und mich gefragt, warum eine erste Reaktion “Was für’n Quark” war. Vielleicht weil er schon im 1. Satz diesen Geist der Freiheit nach einem vorgeschriebenen Gusto atmet, frei ja, aber bitte schön in Grenzen. Natürlich befinden wir uns im Jahr 2011, Grenzen zu setzen ist out und offen zu sagen, im Grunde hielte man die Ergebnisse für ketzerisch, ist auch nicht gerade geeignet an den Rändern der eigenen Überzeugung doch noch für Mitkämpfer zu werben.

Der 2. Satz unterstreicht das leider recht stark. “Andererseits muß man eben auch anerkennen können, daß nicht jede Erkenntnis unterm Strich auch wirklich brauchbar ist.” Ich glaube hier habe ich den Quark erkannt, denn der Satz müsste eher lauten: “Andererseits muss man eben auch sagen können, dass nicht jede Erkenntnis unterm Strich anerkannt werden muss.” Freiheit ist einer anderen Position widersprechen zu dürfen, nicht die Meinung der anderen als unbrauchbar zu definieren. Das wäre dann nämlich keine Beschränkung der wissenschaftlichen Freiheit, sondern ihre Abschaffung.

Auch die Wissenschaft braucht Grenzen

Letztlich, und damit lege ich diesen aktuellen Anlass zu den virtuellen Akten, kann aber natürlich auch die Wissenschaft nicht ohne Beschränkungen der Freiheit leben. Ich sehe da allerdings weniger die Geisteswissenschaftler im Fokus, wenn auch freilich Ideen gefährlich sein können, sondern denke da eher an die Naturwissenschaft. An Biologen oder Mediziner zum Beispiel, die mit dem Argument Menschen helfen zu wollen die Grenze der Menschenwürde überschreiten, oder an Physiker und anders praktisch veranlagte Wissenschaftler, deren Experimente und Forschungsergebnisse Menschenleben fordern können. Eine hemmungslose Fortschrittseuphorie mag man Grenzen setzen müssen, Gedanken aber Grenzen setzen zu wollen, wäre nun wahrlich das Gegenteil von Fortschritt.