Sport

Mehmet Scholl, Deutschlands letzter Fußballexperte

von am 7. Juli 2016

Man kann der AfD nicht vorwerfen, dass sie es nicht versuchen würde. Aber während einer EM oder WM herrscht in Deutschland eben nicht mehr Demokratie, sondern wir sind eine Monarchie geworden. König Fußball regiert. Und aus 80 Millionen Migrationsexperten sind endlich wieder 80 Millionen Bundestrainer geworden.

Das sind aber auch harte Zeiten, besonders für zwei kleine Gruppen in der Bevölkerung. Da wären zum einen die Fußballverweigerer, die sich auch von einem internationalen Großereignis nicht mit Begeisterung infizieren lassen und einfach ihre Ruhe haben wollen. In den Wochen einer Europameisterschaft ist das natürlich ein verlorenes Unterfangen, denn Fußball beherrscht nicht nur die Medien, nein, auch den Rest des Jahres völlig unverdächtige Menschen generieren sich jetzt als Fußballexperten und nirgends gibt es auch nur den Ansatz eines anderen Themas. Und da wären wir schon bei der zweiten leidenden Gruppe, die Fußballexperten. Also jene, die wirklich etwas von diesem Sport verstehen und die mit Leidenschaft dabei sein, ob jetzt EM ist oder nicht. Diese Gruppe hat es nicht minderschwer, muss sie sich doch unzählige Male am Tag auf die Zunge beißen, will sie nicht langjährige Freundschaften mit jenen „neuen“ Fußballexperten zerstören, die ihr neu erworbenes Wissen über Taktik und das Spiel an sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit herausposaunen.

Fußballexperte ist nicht gleich Fußballexperte

Es gibt allerdings bei jedem Turnier Spiele, da scheiden sich Experten und Pseudo-Experten recht deutlich. Das Viertelfinale Deutschland-Italien war so ein Spiel, bei dem nach einem Herzschlag-Elfmeterschießen am Ende die Mannschaft – so der offizielle, patriotisch unverdächtige Name der ehemaligen deutschen Nationalmannschaft – den Sieg davon trug. Verdient, kann man getrost behaupten, einziges Problem, die Italiener hätten es wahrscheinlich genauso verdient.

Bei den 80 Millionen Bundestrainern ging eine solche Differenzierung natürlich unter, wer sie dennoch getroffen hat, bekam mächtig eins auf die Mütze. Mehmet Scholl hat das in der ARD getan, spätestens seit diesem Abend sind seine Beliebtheitswerte gehörig in den Keller gesackt. Dabei hat es Scholl als Einzelkämpfer ohnehin schwer, steht er als Experte doch mit Matthias Opdenhövel doch einem Moderator zur Seite, der nach wie vor keine erkennbare Qualifikation für diesen Job nachgewiesen hat. Macht aber auch nichts, Mehmet Scholl hat genug Fußballwissen für beide. Und er hat die große Klappe und vor allem das Standvermögen damit auch dann herauszurücken, wenn es unbequem ist – wenn es eigentlich keiner mehr hören will. Das wiederum ist eine Qualifikation, die im deutschen Sportjournalismus etwa so selten ist wie ein Liebhaber von Speck mit Bohnen in einer Veganer-WG.

Zweifellos versteht auch sein ZDF-Pendant Oliver Kahn eine Menge vom Fußball, aber eben nur, weil er jahrelang diesen Job gemacht hat. Mehmet Scholl aber hat das Spiel begriffen, er versteht nicht nur was auf dem Platz passiert, er weiß auch warum. Es ist ein wenig so wie der Bauarbeiter, der ein Haus baut, auf der einen Seite, und der Architekt, der es konstruieren kann. Beide sind nicht schlecht, aber sie unterscheiden sich eben dennoch grundlegend.

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Sport

[VIDEO] Einwurf? Das ist ein Einwurf!

von am 30. März 2016

Wonderful Throw In

Wonderful Throw-In by this Girl ⚽️

Posted by Football Galaxy on Mittwoch, 9. März 2016

So ein Einwurf bei einem Fußballspiel ist ja eigentlich nichts wirklich Spektakuläres. Also zumindest habe ich noch nie etwas von einem Einwurfspezialisten gehört, während sich jeder Kreisligakicker ja für einen Freistoßspezialisten hält – und Elfmeter will sowieso jeder Möchtegern schießen.

Deshalb musste wohl wie bei vielen Dingen im Fußball erst eine Frau kommen, um mal zu zeigen, dass man auch mit einem Einwurf ein Tor vorbereiten kann. Und zwar nicht indem man besonders gezielt oder weit wirft, sondern den Gegner schlicht mit seiner Technik verwirrt. 😀 Tja, und am Ende muss man dann übrigens auch im Fußball Tore nicht nur dann schießen, wenn beim Spielzug zuvor irgendwann mal ein Fuß beteiligt war. 🙂

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Sport | Würzburg

Mea Culpa – Die Würzburger Kickers in der 3. Liga

von am 31. Mai 2015

Ja, ich gebe es zu, als die Würzburger Kickers mit ihrem 3 x 3 Projekt durchgestartet sind, konnte ich mich eines gelegentlichen Kopfschüttelns und Witzelns nicht enthalten. Ich weiß noch, als sie auf dem Marktplatz ihre gläserne Infobude aufgemacht haben, haben wir bei der Arbeit gewitzelt, dass da jetzt noch ein zweiter Aufzug zur darunterliegenden Parkgarage aufgebaut würde. Aber jetzt muss ich zugeben … a weng stolz is ma fei jetzt scho‘. Auch wenn sie das 3 x 3 nicht ganz so wörtlich genommen haben. 🙂

So fesselnd mich vor den Fernseher zu setzten, oder gar ins Stadion, war es für mich dann nicht. Ich dachte, ich schau mir mal den Liveticker der Main Post an – der dann auch prompt beim Elfmeterschießen den Geist aufgab. Aber wozu hat man Twitter – und das Jubeln aus der Nachbarschaft. Die Würzburger Kickers sind also in der 3. Liga angekommen, Profifußball – wenn auch in der kleinstmöglichen Variante – hat es in Würzburg schon lang nicht mehr gegeben. Ohne jetzt gleich nachzugoogeln, 20 bis 30 Jahre müsste es schon mindestens her sein, seit die Kickers selbst bzw. der Vorgängerverein des WFV mal der 2. Bundesliga einen Besuch abgestattet haben.

Bis zur 2. Bundesliga ist es jetzt aber auch noch ein ganzes Stück Arbeit. Profifußball war, schließt man noch das Gastspiel des 1. FC Schweinfurt mit ein, für mainfränkische Vereine ja leider nie eine Sache von Dauer. Insofern mein Ratschlag an Verein und Fans, sobald man sich richtig ausgefeiert hat, dann aber auch am Boden bleiben. Und die Zuständigkeit für den Größenwahn sollte in Würzburg weiter bei den Basketsfans bleiben, damit haben sie reichlich Erfahrung.

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Sport

Quo vadis, deutscher Frauenfußball?

von am 3. Mai 2015

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat heute in einem kleinen Bericht ein trauriges Fazit über den Stand des Frauenfußballs in Deutschland gebracht. Ein Fazit, an dem leider so einiges dran sein dürfte. In wenigen Wochen startet die WM in Kanada, und wenn – wie zu erwarten – das deutsche Team gut dabei ist, dürften zumindest im Fernsehen wieder ein wenig die Quoten stimmen. Länderspiele der DFB-Frauenmannschaft werden heute schon in der Regel übertragen, aber beim Ligaalltag sieht es nach wie vor mau aus. Der von der letzten Heim-WM erwartete Aufschwung auch für den Ligaalltag ist so schnell verpufft, wie das Team von Silvia Neid damals ausgeschieden ist.

Dabei schien sich letztes Jahr durchaus etwas zu bewegen, als der TV-Sender Eurosport damit begonnen hatte jeden Samstag Vormittag das Spitzenspiel der Frauen-Bundesliga zu übertragen. Inzwischen ist der Vertrag zwar verlängert, aber wenn überhaupt noch regelmäßig übertragen wird, dann im nicht weit verbreiteten Eurosport 2. Und auch bei der Zuschaueranzahl vor Ort sieht mancher, wie Turbine Potsdam Coach Bernd Schröder, schon wieder eine leichte Tendenz zum Rückgang. Zumindest die großspurig von Bundestrainerin in Spe Steffi Jones angekündigten 4.000 im Schnitt pro Spiel sind ziemlich weit entfernt vom Ligalltag. Ob sich der DFB da einen Gefallen getan hat mit Jones auf eine Bundestrainerin zu setzen, die eher Außendarstellung kann, aber noch nie eine Mannschaft trainiert hat, darf in diesem Zusammenhang auch gefragt werden. Da bringt man jetzt auch noch das einigermaßen beliebte Flaggschiff des deutschen Frauenfußballs ohne große Not in Gefahr.

Lösungen tun not, die Lösung die Vereine in Frauen- und Männerbundesliga anzugleichen, eine Entwicklung, die sich immer weiter fortsetzt, kann es allerdings dann auch nicht sein. Das sorgt am Ende nur dafür, dass auch bei den Frauen die reichen Vereine VfL Wolfsburg und Bayern München sich die besten Spielerinnen zusammenkaufen können. (In der Tat, wird sich schon dieses Jahr die Meisterschaft nächsten Wochenende, wohl unter diesen beiden Teams ausmachen.) Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch bekannte Vereine, die alles andere als eine Garantie für zumindest stabile Verhältnisse sind. Der VfL Bochum ist ein aktuelles Beispiel und das schmachvolle Verhalten des Hamburger SV ist mir noch in übelster Erinnerung.

Für mich ist der mangelnde Erfolg der Fußballfrauen mehr oder weniger ein Rätsel. D. h. die Gründe kenne ich natürlich schon, allein ich kann sie nicht nachvollziehen. Ich will es mal ganz offen und provokant sagen, für mich ist Frauenfußball weit attraktiver als Männerfußball – und nein, das Wort „attraktiver“ bezieht sich auf den Sport. 🙂 Das liegt zum einen daran, dass auch hier Fußball auf einem technisch-taktisch hohen Niveau gespielt wird. Außerdem stehen dort 22 Spielerinnen auf dem Platz, die dort aus Leidenschaft zum Sport aufgelaufen sind. Da spielt keine zusammengekaufte Söldnertruppe, für die Vereinsloyalität eine reine Geldfrage ist. (Auch wenn sich natürlich mit zunehmender Professionalisierung eine ähnliche Entwicklung auch bei den Frauen langsam aber sicher in Gang setzt.) Außerdem fehlen hier die negativen Begleitumstände des Fußballs. Das keine Polizeieinsätze notwendig sind, liegt nicht an der geringen Zuschauerzahl, sondern daran das es keine Hooligans und Konsorten gibt. Das Fanumfeld im Frauenfußball ist so, wie es eigentlich sein sollte: treu, leidenschaftlich und auf den Fußball konzentriert.

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