Wenn die Autobahnmaut das größte Problem ist

Nachdem die NRW-Wahl hinter uns liegt, das Vorspiel also endgültig zu Ende gegangen ist, beginnt demnächst der heiße Bundestagswahlkampf. Gut, der ist zwar spannend wie die Wiederholung einer Telegym-Folge aus den 1990ern, aber ein bisschen was werden sich die Parteien bei der Wiederwahl von Angela Merkel als Kanzlerin schon einfallen lassen.

Doch egal welches Thema diesen Wahlkampf bestimmen wird, wahrscheinlich ist es unwichtig und hat die Bedeutung eines Regentropfens im Atlantik. Die digitale Transformation ist im Gange, und der Industriestaat Deutschland wird diesen Krieg so sicher gewinnen wie die beiden Weltkriege. Ob den Politikern das bewusst ist? Man weiß es nicht, man fürchtet allerdings eben nicht. Wenn die Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft der Plan ist in ein paar Jahren auch die Kuhställe der Nation mit Breitband versorgt werden, scheint man nicht besonders gut gerüstet.

Und wenn sich die Politiker mit dem Thema nicht beschäftigen, sollten es doch zumindest die Philosophen tun, doch auch hier scheint Richard David Precht leider eine Ausnahme zu sein:

Video via 2bier

Der große Vorteil von virtueller Realität? Die Realität ist halt kacke!

Die Diskussion über Computerspielsucht ist noch nicht einmal abgeschlossen, da zeichnet sich schon das nächste Feld für heiße Diskussionen am Horizont ab. War die virtuelle Realität lange ein Runing Gag wie der Kühlschrank, der selbstständig nachbestellt, dürfte erstere inzwischen kurz davor stehen massentauglich den Markt zu erobern. Und dann haben wir den Salat, bzw. die Wahl zwischen der eigentlichen Realität und einer virtuell geschaffenen.

Wie real die virtuelle Realität wirklich ist, ist am Ende eigentlich egal.

Wie real die virtuelle Realität wirklich ist, ist am Ende eigentlich egal.

Um den größten Kritikern der virtuellen Realität gleich mal ihr Lieblingsargument zu nehmen, die Behauptung die virtuelle Realität sei nicht echt, kann tatsächlich nur Bestandteil rein philosophischer Diskussionen sein. Denn die Technik ist längst so weit, dass sie unser Gehirn den Unterschied nicht bemerken lässt – es sei denn, man murmelt das Mantra “Das ist alles nicht echt” die ganze Zeit vor sich her. Wer das nicht glaubt, kann sich auf dem Schreibtischstuhl ja eine virtuelle Achterbahn antun, oder in der virtuellen Realität auf dem Dach eines Hochhauses stehen und versuchen runter zu springen. Kleinlich betrachtet mag die virtuelle Realität nicht echt sein, pragmatisch betrachtet ist das aber ziemlich wurscht.

Genau das ist es ja, was jenen besonders viel Angst macht, die schon glauben Computerspiel würden süchtig machen. (Machen sie übrigens ja auch, wie so ziemlich alles und jeder bei einem Menschen eine Sucht auslösen kann.) Der Gedanke, dass der Spieler World of Warcraft nicht mehr vor dem Bildschirm sitzend spielt, sondern sich wie in das Spiel hineingebeamt fühlen könnte, ist für diese Fraktion in erster Linie etwas erschreckendes. Sind die Grenzen bei manchen heute zwischen online und offline verschwommen, wären sie spätestens dann nicht mehr existent. Das kann einem Angst machen, das kann man als Bedrohung sehen – man kann, aber muss man das auch?

Die virtuelle Realität ist ein Geschenk für unsere Gesellschaft!

Bekanntlich leben wir weniger in einer Leistungsgesellschaft, als in einer Erfolgsgesellschaft. Und was produziert eine Erfolgsgesellschaft? Richtig, ein paar Gewinner und Horden voller Loser. Und wenn man mit einkalkuliert, dass die digitale Transformation tausende von jetzt noch in die mittlere und untere Mittelschicht Geborene zu modernen Tagelöhnern machen wird, wird der Anteil derer, die sich als Verlierer fühlen überproportional in die Höhe schießen.

World of Warcraft - Die gute alte Zeit!

World of Warcraft – Die gute alte Zeit!

Und bekanntlich gibt es weit bessere Zustände, als sich als Verlierer zu fühlen. Früher gab es den Griff zu Flasche, oder wenn man zumindest ein cooler Verlierertyp sein wollte hat man sich seinen Trip mit härteren Drogen verschafft. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Gedanke die virtuelle Realität könnte für viele Menschen am Ende nur eine weitere Sucht sein, doch fast schon beruhigend. Immerhin sind deren Auswirkungen weit weniger drastisch und zeigen sich nicht selten in derart kleinen Stufen, dass nicht einmal wirklich auffallen.

Aber abgesehen davon, wäre das wirklich so schlimm? Durch soziale Medien definieren wir gerade den Begriff “Freundschaft” neu. Klar, wer auf Facebook mit mir befreundet ist, ist nicht automatisch mein Freund. Aber der Kontakt kann auch so eng werden, dass sich wirklich von Angesicht zu Angesicht zu sehen, kein zwingender Bestandteil der Definition von Freundschaft mehr ist. Und wer sich in der virtuellen Realität begegnet, wird die Grenze als noch ein wenig durchlässiger betrachten.

Und überhaupt … nehmen wir mal mich als Beispiel. Ich arbeite Vollzeit, der Kühlschrank ist immer gut gefüllt, aber wenn der Vermieter meiner kleinen Wohnung einen Brief schreibt, hoffe ich schon, dass es keine Mieterhöhung ist. Und groß in Urlaub fahren ist für mich auch erst mal gestrichen, ganz aktuell musste ich aus finanziellen Gründen gerade sogar einen kleinen Wochenendtrip canceln. Wäre es da wirklich so verwerflich, wenn ich mir nach einem harten Arbeitstag am Abend die VR-Brille auf den Kopf setze und mir jene Orte ansehe, an die ich definitiv erst Mal nicht reisen kann? Wo ist der Unterschied zu einer Dokumentation im Fernseher, außer das mir die virtuelle Realität echter vorkommt? Die VR-Brille kann mir – zumindest solange ich sie trage – das Gefühl geben die Dinge wirklich zu erleben, im Vergleich dazu ist das bloße davon Träumen, während man auf die schönen Bilder hinter der flachen Scheibe starrt, ja fast sadistisch.

In einer Welt, die sich durch die digitale Transformation brutaler als je zuvor in Gewinner und Verlierer aufteilen wird, ist die virtuelle Realität vielleicht jenes rettende Opium für’s Volk, das uns davon abhält eine Revolution zu veranstalten, an deren Ende ohnehin nicht die Straße zu den Gewinnern gehören wird. Das mag für manche purer Zynismus sein, ich halte es aber für eine pragmatische Lösung.

Die Zukunft – Morgen – Aber auch in Deutschland?

Letzte Woche bin ich eine ziemlich verwegene Wette eingegangen: In zehn Jahren werden hauptsächlich Lkws ohne Fahrer unterwegs sein. Selbstfahrende Lkws werden den Großteil des Transports auf den Autobahnen abwickeln.

Ist das realistisch? Jein, zweifellos wird es in der Lebensspanne der meisten Leser hier so kommen, ob tatsächlich in zehn Jahren Lkw-Fahrer eine Schlange am Arbeitsamt bilden müssen, ist letztlich natürlich noch nicht ausgemacht. So sehr ich die Digitale Transformation auch fürchte und ihre neoliberalen Auswüchse für das kommende Grundübel nach dem Kommunismus halte, so bin ich doch leider auch davon überzeugt, dass sie nicht aufzuhalten sein wird. Man wird es natürlich aber dennoch versuchen. Und auch wenn die Technik in zehn Jahren mehr als bereit sein wird das Szenario selbst fahrender Lkws umzusetzen, spricht doch auch einiges dagegen. Denn noch dürften Lobbyverbände und Verweigerungshaltung stark genug sein, das Szenario mit Gesetzen und Verordnungen hinauszögern zu können. Erst recht weil unser deutsches Rechtssystem Immanuel Kant näher ist, als dem Utilitarismus, der sich bei dem bekannten Problem bei einem Unfallszenario zu entscheiden, wer sterben soll – sagen wir es freundlich – erheblich leichter tut.

Doch wie lange kann man den Fortschritt wirklich aufhalten? Wie lange werden Politik und Gesellschaft den wirklichen und den vermeintlichen Vorteilen der Digitalisierung standhalten?

Hätte der olle Erich die Digitalisierung begrüßt?

Denn machen wir uns nichts vor, nicht nur selbst fahrende Lkws bedeuten vor allem eines: Kostenersparnis! Aus ähnlichen Gründen werden sich etwa Universitäten noch eine gewisse Zeit lang staatlichem Schutz sicher sein können, oder das Gesundheitssystem. Aber dennoch darf eines als sicher gelten: Die Uhr tickt – und die Uhr tickt unaufhaltsam.

Europa und in erster Linie Deutschland werden sich wohl mit am längsten diesem Fortschritt in den Weg stellen, aber selbst wenn der gesellschaftliche Wille da wäre sie aufhalten zu wollen, es wird am Ende nicht gelingen. Am Ende siegt der Kostendruck und – na ja, die wirklichen Vorteile.

Es mag uns noch ein wenig komisch vorkommen, wenn wir einem Programm unseren Gesundheitszustand schildern und es die Laborwerte selbst analysiert, aber schon heute kommen dabei halt bessere Ergebnisse heraus, als bei so manchem Hausarzt. Mögen spezialisierte Chirurgen und andere Experten noch relativ sicher sein, die Berufsgruppe Hausarzt sollte die Uhr ebenfalls schon ticken hören. Dabei können die doch heute noch behaupten, mit diesem Internet eigentlich nix zu tun zu haben. Also zumindest nicht zwangsläufig. Was am Ende aber nur der Trugschluss sein dürfte, dem auch der Klempner um die Ecke anheimfällt. Auch der wird früher oder später zu spüren bekommen, das er nur zwei Möglichkeiten hat. Entweder er wird seine eigene digitale Marke, oder ist dazu verdammt sich auf den marktbeherrschenden Plattformen zum billigsten Preis darzubieten.

Ärzte, Handwerke … richtig, Berufsgruppen die wir heute noch als fest im Sattel sitzenden Mittelschicht betrachten. Menschen, die – wäre die Digitalisierung nicht – auch in einem von latenter Abstiegsangst beherrschten Deutschland doch noch halbwegs sicher im Sattel sitzen dürften.

Ihr Bürger, hört die Signale!

Die Verzögerung des Fortschritts wird dafür sorgen, dass eine ganze Reihe Berufstätige aus der Mittelschicht sich noch halbwegs sicher in die Rente retten können. Wer heute aber unter 40 ist, sollte sich damit anfreunden sich bald auf eine durch digitalisierte Welt einstellen zu müssen, die komplett anders ist, als wir sie heute kennen. Aber dennoch sind jene zahlreich, die entweder glauben nicht betroffen zu sein oder das Ganze für alten Wein in neuen Schläuchen halten. Aber das ist die Digitale Transformation eben nicht, der Wein ist ebenso neu wie der Schlauch. Und wer das nicht rechtzeitig erkennt, und rechtzeitig ist JETZT, wird in absehbarer Zeit ziemlich viel Essig zu trinken bekommen.

Und noch einmal, diese Entwicklung mag uns nicht gefallen, und sie sollte uns auch nicht gefallen, aber wirklich aufhalten können wir sie auch nicht. Ähnlich wie in der industriellen Revolution wird es eine lange Phase geben in der wenige profitieren und viele Hungerleider ausgebeutet werden. Was bleibt ist die Hoffnung, dass sich auch diesmal die Gesellschaft wieder einpendeln wird. So wie die Sozialgesetzgebung mit Bismarck ihren Anfang nahm und zum Sozialstaat wurde, um die Unternehmer in die Schranken zu weisen und den Arbeitern und Angestellten zumindest eine Existenzsicherung gab. Es ist jedoch fraglich, ob wir mit diesen alten Mitteln auch der neuen Herausforderung Herr werden können. Zumindest sieht es nicht wirklich danach aus, und die Finanzierbarkeit dürfte auch arg, verdammt arg in Zweifel stehen. So fundamental neu wie die Digitalisierung Fakten schafft, so neu müssen auch unsere Lösungen für die geschaffenen Probleme sein. Sie auf den Standpunkt jener Hufschmiede zu stellen, die sich das Auto erst nicht vorstellen konnten und dann glaubten dieses Ungetüm würde sich nie im Leben durchsetzen, wird uns nur in den Abgrund führen.

Digitale Transformation: Geht Deutschland wirklich unter?

Glaubt man dem Fachdienst heise.de, dann geht in Deutschland zumindest digital betrachtet wieder einmal die Welt unter. Ergibt eine Studie doch, dass gerade mal 79% der Deutschen online sind, nur 1% mehr als im letzten Jahr. Sieht also schlecht für uns aus, wenn die digitale Transformation erstmal richtig loslegt.

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