Für Libertäre ist Demokratie auch nur eine Diktatur

Ein Geständnis vorweg: Ich bin alles andere als ein Demokrat mit Leib und Seele. Im Gegenteil, es vergeht kaum eine Woche, in der mir nicht eine Handvoll Menschen begegnen würden, deren Wahlrecht mir richtig Angst macht. Und dennoch halte ich die Demokratie für absolut verteidigungswert, aber eben nicht, weil sie das beste aller Systeme darstellt, sondern am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit das geringste Übel ist.

In der letzten Woche veröffentlichte Felix Honekamp in Der Tagespost einen Beitrag unter dem Titel Vorsicht Demokratie!, in dem er zum einen zwar sehr schön aufzeigt, das auch die Demokratie eine kritikwürdige Staatsform ist, aber auf der anderen Seite auch am eigenen Beispiel die Gefahr einer Demokratiekritik demonstriert. Wie man das nennen soll? Nun, da macht es Honekamp dem Kritiker nicht leicht, hebelt er doch rhetorisch geschickt gleich mögliche Vorwürfe wie, dann sei man eben “undemokratisch” aus. Aber vielleicht sollte man bei dem Autor einfach mal ein Auge zudrücken, schließlich verdankt man dem Text auch einiges an Erkenntnis.

Pegida, weite Teile der AfD-Anhängerschaft oder was sich sonst noch am rechten und linken Rand der Gesellschaft tummelt demonstriert derzeit recht deutlich, dass auch eine berechtigte Demokratiekritik missbraucht werden kann. Dann nämlich, wenn Anhänger einer Minderheitenmeinung glauben in einer Abstimmung zu unterliegen sei mit Unterdrückung gleichbedeutend. Verstärkt durch die Haltung eines jeden guten Geisterfahrers, der bei der Radiomeldung laut ausruft “Ein Geisterfahrer, mir kommen Hunderte entgegen” und durch die Selbstbestärkung der eigenen Argumente, weil man sich in seine eigene Filterblase begibt, kommt dabei das Zerrbild heraus, in dem heute viele – ironischerweise – gerade am rechten Rand leben. Während ihnen linke Brülhälse “Nazis” entgegenschreien, stellen sie kurzerhand Demokratie und Nationalsozialismus auf eine Ebene, um sich selbst mit den Opfern auf eine Stufe zu stellen. Das hat für den Außenstehenden geradezu etwas abartiges, für die Neuen Rechten handelt es sich dabei aber um ein in sich logisches System.

Freiheit ohne Demokratie ist nur ein libertäres Utopia

Von solch geistig recht tieffliegenden Gedankengängen ist Felix Honekamp weit entfernt, wenngleich auch bei ihm zwischen den Zeilen eine gefährliche Einstellung zu finden ist. Am deutlichsten zeichnet sich diese ab, wenn er versucht zu belegen, dass Freiheit und Demokratie keinesfalls deckungsgleich sind. Da hat er durchaus Recht, beide Begriffe sind nicht deckungsgleich, sie bedingen aber einander. Es sei denn natürlich, man hängt, wie es der Autor wohl tut, libertären Fantasien nach. Für den Libertären ist die Demokratie natürlich auch nur eine Diktatur, in diesem Falle eben der Mehrheit. Und jene diktatorisch herrschende Mehrheit führt dem Libertären eben mitunter tagtäglich vor, dass man die pervertierte Idee der absoluten Freiheit, wie sie von Libertären gepredigt wird, nicht so recht haben will. Freiheit ohne Demokratie ist letztlich vielleicht das libertäre Utopia, in der Realität aber eher der Rückfall in den von Thomas Hobbes beschriebenen Naturzustand. Also alles andere als ein Utopia, sondern eher eine Dystopie, in der übrigens nicht einmal die sich jetzt schon für die Elite haltende libertäre Clique am Ende überleben würde.

Demokratie kann manchmal ziemlich blöd sein. Ich selber kann mich nicht erinnern je einer Partei meine Stimme gegeben zu haben, die am Ende auch an die Regierung gekommen ist. Aber dennoch würde ich eine demokratisch legitimierte Regierung und deren Entscheidungen nicht in Frage stellen. Ich kann sie für falsch halten und kritisieren, aber ich kann sie nicht ignorieren. Sonst könnte jeder Ladendieb mit gleichem Recht behaupten, er finde es an der Kasse zu bezahlen blöd und keine Regierung könnte ihn, den freien Menschen, deshalb des Diebstahls wegen verurteilen. Das aber ist eine Denkart, die sowohl linken, rechten, als auch libertären Extremisten eigen ist, aufgrund ihrer anti-humanistischen Haltungen unfähig auf demokratischem Wege in modernen Demokratien an die Macht zu kommen, müssen sie folgerichtig die Demokratie selbst in Frage stellen. Linke, weil die Bevölkerung durch die kommunistischen Experimente weitgehend von diesem Virus kuriert ist. Rechte, weil ihre menschenverachtende Grundhaltung in der modernen Informationsveranstaltung offensichtlich geworden ist. Libertäre, weil die Menschen instinktiv spüren, dass ein libertäres System nur zu einem Überleben des Stärkeren führt.

Flucht in elitäre Gruppen der Besserwisser

Alle drei Gruppen flüchten sich in dieser Situation in kleine elitäre Zirkel, in denen sie ihre Ideen ungestört den Hauch des Intellektuellen geben wollen. In Wahrheit versammelt sich dort aber jeweils für sich eine kleine Gruppe Menschen, die sich für überlegen und schlicht klüger hält, als es die breite Masse ist. Während man der linken Seite dank des Schlagwortes “Diktatur des Proletariats” zumindest eine Spur Ehrlichkeit zugestehen kann, fehlt derartige Selbsterkenntnis auf rechter und libertärer Seite nach wie vor. Die Zielrichtung ist aber jeweils identisch, die Demokratie steht ihnen im Weg, denn sie verhindert das jeweils für besser gehaltene System.

Die Demokratie mag am Ende nur das geringste Übel sein, aber sie scheint es eben dennoch zu verstehen uns vor rechten, linken und libertären Fanatikern zu schützen. Gruppierungen, die trotz der Schwankungen innerhalb einer demokratischen Ordnung, für das Gros der Bevölkerung weit schlimmere Auswirkungen hätten und entweder in die Verarmung, wie etwa Sozialismus führen würden, oder ganze Bevölkerungsschichten aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder schlicht Schwäche, dem Verderben preisgeben würden, wie es rechte und libertäre Ideologien fordern. Wobei man den rechten zumindest anrechnen muss, dass sie hier nicht so verlogen sind wie die Libertären.

Und das Problem heißt eben doch Sachsen

Ganz ehrlich, ich hab ja früher schon gesagt, dass wir über dieses Demokratiedingens lieber nochmal abstimmen sollten. Und wenn ich mir so die Demokratievorstellungen in den östlicheren Teilen unseres Landes ansehe, dann kann diese Demokratie doch eigentlich nix Gutes sein, oder?

“Eindeutig direkte Demokratie, die hier abläuft.”

Posted by DIE WELT on Dienstag, 23. Februar 2016

 

Aber jetzt mal den bitteren Spaß beiseite, hören die sich eigentlich selbst zu, wenn die so was verzapfen? Ich meine, wer sagt sowas im vollen Ernst? Da fällt es doch recht schwer den Zweifeln von CDU-Vize Armin Laschet nicht zu folgen, wonach die Integration mancher Deutscher in die hiesige Leitkultur nicht wirklich funktioniert hat. Natürlich ist es auch hier wieder nur eine Minderheit, die besonders lautstark auf sich aufmerksam macht. Natürlich sind nicht alle Sachsen so. Und natürlich gibt es rechtsextreme Straftaten in jedem anderen Bundesland auch. Aber wir tun uns genauso wenig einen Gefallen, wenn wir diese Relativierungsgründe zum Anlass nehmen die spezifische Lage – und die ist in diesem Teil der Republik nun einmal so – einfach zu ignorieren. Und wer beispielsweise etwas weiter nördlich nach Brandenburg sieht, der erkennt auch, dass der Brennpunkt völkisch-nationaler Gesinnung sich offenbar eben doch in Sachsen gebildet hat.

Das Teile der Bevölkerung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht angekommen sind, übrigens gerade jene Generation nicht, die nach der Wende aufgewachsen ist, lässt sich nicht weiter abstreiten. Das gilt, und deshalb ist das Problem dort auch noch ein bisschen größer, auch für jene Teile der Gesellschaft, die sich den Verbrechern und grölenden Asozialen, die sich in Clausnitz und Bautzen gezeigt haben, entgegenstellen. Ein bürgerlicher Protest findet bestenfalls noch in Dresden statt, aber ansonsten sind Menschen, die sich dem irrationalen Hass entgegenstellen allein auf weiter Flur. Oft sind es gar nur noch Antifaschisten, deren Demokratieverständnis man auch zu Recht in Zweifel ziehen kann. Der Atmosphäre ist das alles andere als förderlich. Als wertkonservativer Christ und Preuße aus Überzeugung war ich nie ein Fan von “XYZ ist bunt”-Veranstaltungen, weil ich die Lage als noch nicht so schlimm einschätze, dass wir den Teufel mit dem Beelzebub austreiben müssen. Das aber in manchen Landstrichen Deutschlands die viel gerühmte Zivilgesellschaft so gar nicht vorhanden scheint, erschreckt mich doch sehr.

Das alles muss doch Gründe haben. Gründe im Sinne von, da kann man etwas angehen und dagegen machen, nicht im Sinne von Relativierungen oder gar Entschuldigungen für ein solches Verhalten. Denn entschuldbar sind die Vorgänge von Clausnitz und Bautzen auf keinen Fall, ebenso wenig wie der Beifall von Seiten Pegidas, die Relativierungen aus den Reihen der AfD oder die peinlichen “Ja, aber”-Kommentare in Publikationen wie der “Jungen Freiheit” und teilweise auch von Steigbügelhaltern der Neurechten, die ihre marktliberale Gesinnung verlogen das Label “konservativ” geben. Weder Perspektivlosigkeit in ländlichen Gebieten noch eine zu 80 % gelungene Entchristlichung Sachsens rechtfertigt irgendetwas, erklärt aber durchaus das ein oder andere Verhaltensmuster. Und genau diese Verhaltensmuster werden wir nicht ändern können, wenn wir uns weigern Probleme auch beim Namen zu nennen. Bringen wir es doch sarkastisch-ironisch in der Sprache der Neuen Rechten auf den Punkt: Wenn wir aus falsch verstandener politischer Korrektheit jetzt so tun, als wäre das rechtsextremistische Problem in Sachsen nur halb so schlimm, werden wir es nicht lösen können.

Wie demokratisch darf eine Demokratie sein?

Gegen Ende des Romans Geh hin, stelle einen Wächter stellt die Tochter Jean Louise ihren Übervater Atticus Finch zur Rede. Seit ihrer Kindheit, wie wir aus Harper Lees Vorgänger Wer die Nachtigall stört wissen, ist eben jener Atticus das Paradebeispiel eines aufrechten Bürgers. Ein Anwalt, der an Recht und Gesetz glaubt und im Süden der USA in den 1930ern auch davon überzeugt ist, dass Recht und Gesetz für Schwarz und Weiß zu gelten haben. Doch eben jener Atticus sitzt jetzt in seinem Büro, gealtert, von Schmerzen geplagt, und behauptet zwar, er sei ein überzeugter Demokrat, finde es aber alles andere als gut, wenn jetzt plötzlich alle Schwarzen – die in vielen Gebieten Alabamas die Mehrheit stellen – ungehindert wählen gehen dürfen. Und wie jeder gute Demokrat in den USA beruft er sich dabei auf den guten alten Jefferson.

Wie passt da zusammen? Kann ich ein überzeugter Demokrat sein und dennoch nicht jeden Bürger eines Landes wählen lassen? Ja, man kann das durchaus sein, auch wir leben in einem Land, das nicht jeden Bewohner wählen lässt. Von kommunalen Wahlen abgesehen, steht das Wahlrecht nur deutschen Staatsbürgern zu. Die unzähligen Nicht-Deutschen, die vielleicht ihr Leben lang nie einen Fuß außerhalb deutscher Grenzen gesetzt haben, haben dieses Recht nicht, über sie wird nur verfügt. Ähnlich argumentieren ließe sich auf für Minderjährige, die ebenfalls nur bei manchen kommunalen Wahlen oder auf Landesebene zumindest schon ab 16 ihr Kreuz machen dürfen. So furchtbar weit weg sind wir davon also auch wieder nicht.

Ganz nebenbei erklärt uns Harper Lee, jene großartige Autorin, die uns nur zwei Bücher geschenkt hat, übrigens fast nebenbei, warum gerade die amerikanische Demokratie in einer tiefen Krise steckt. Seit die amerikanische Verfassung in Kraft getreten ist, wurde sie nur selten verändert. Am deutschen Grundgesetz wird im Vergleich zu ihr geradezu täglich etwas umgeschrieben. Man mag das als Vorteil sehen, es ist aber auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass das amerikanische System als Ganzes seit dem Unabhängigkeitskrieg und den anschließenden Jahren der Staatenfindung keine wesentliche Veränderung erlebt hat.

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Scene at the Signing of the Constitution of the United States“ von Howard Chandler ChristyThe Indian Reporter. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Das ist insofern problematisch, weil damit auch die modernen Vereinigten Staaten ein demokratisches System haben, das weit näher an der Demokratie des alten Athens ist, als an modernen Demokratien wie sie in den meisten europäischen Ländern herrschen. Wie die Demokratie in Athen, basiert das ursprüngliche Konzept der amerikanischen Demokratie eben auch auf den Ausschluss weiter Bevölkerungsschichten. So schloss man ursprünglich mit Frauen und im Süden den Sklaven weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung von vornherein aus. Zudem war die Verfassung auf 13 relativ dünn besiedelte Ex-Kolonien ausgelegt.

Heute gibt es keine Sklaverei mehr und das Frauenwahlrecht ist ebenfalls längst eingeführt. Die Bevölkerung ist enorm gewachsen. Aber mit dem Anwachsen der Wähler hat das System nicht mitgehalten, es ist so gut wie unverändert geblieben. Und das in Kongress und Senat ein Staat wie Rhodes Island mit knapp 1 Million Einwohner das gleiche Gewicht hat wie Kalifornien mit seinen fast 38 Millionen Einwohnern, ist noch eines der geringeren Probleme.

Demokratischer Sonnenschein ist bei uns aber auch nicht

Allerdings kann man dem getrost entgegenhalten, dass auch in modernen Demokratien die Wahlbeteiligung ständig sinkt. Atticus Finch bezeichnet die Möglichkeit wählen zu dürfen als ein Privileg, das man sich verdienen muss. Fast scheint es so, als würde sich seine Vorstellung in gewisser Weise bewahrheiten, in dem breite Bevölkerungsschichten dieses Privileg gar nicht mehr wahrnehmen wollen. Als Ursache dafür werden oft die Parteien genannt. Ob aber bei mehr direkter Demokratie auch mehr Menschen wählen würden, das glauben ernsthaft doch nur Idealisten und Populisten. Ich glaube dagegen, dass Probleme wie Misswirtschaft durch die Parteien oder Politiker, die dem Primat der Ökonomie folgen, nur ein Teil des eigentlichen Problems sind. Der Bürger glaubt inzwischen nicht einmal mehr, dass seine Stimme auf kommunaler Ebene noch irgendein Gewicht hat.

Von Beginn an war der Mensch ein Herdentier, er lebte in Clans und auch wenn diese wohl eher von autoritären Patriarchen geführt wurden, waren sie dennoch überschaubare Einheiten. Selbst wenn man dort keine Wahlurnen aufgestellt hat, das einzelne Mitglied konnte das Gewicht seiner Stimme innerhalb des Clans erkennen. Wenn er seine Stimme erhob, konnte er die Folgen davon direkt spüren. (Oder eben nicht, was in unserer Demokratie einer Stimme zum Beispiel für den in der Wahl unterlegenen Kandidaten gleichkäme.) In den heutigen Einheiten fehlt diese direkte Wirkung. Es kommt bei einer Bundestagswahl, wie knapp sie auch immer sein möge, eben nicht auf jede Stimme an. Ob Herr Meier zuhause bleibt, macht sich nur dann bemerkbar, wenn 100.000 seiner Namensvettern es ihm gleich tun, aber dafür kann ja Herr Meier nix. Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass er seine Stimme etwa einem Abgeordneten geben, den gar nicht zu interessieren braucht, was Herr Meier zum Beispiel über ein Gesetz zum Ausbau der digitalen Infrastruktur denkt, ist die Entmachtung des Wählers komplett. (Vergessen wir nicht, der Abgeordnete stimmt in der Realität mit seiner Fraktion und ist selbst im Idealfall eben nicht dem Wählerwillen von Herrn Meier verantwortlich, sondern seinem eigenen Gewissen.)

In kleinen Gemeinschaften funktioniert das System dagegen noch, ebenso wie es in den Anfängen der USA funktioniert hat. Wenn der Stadtrat oder der Dorfvorsteher am Nachmittag eine politische Entscheidung trifft und sich am Abend vor seinem Wähler bei einem Gläschen Bier rechtfertigen muss, ist das eine ganz andere Geschichte. Die Wahlkreisbüros der Bundes- oder Landtagsabgeordneten sind dagegen meist nur Treffpunkt einer parteipolitisch gebundenen Elite. Volksnähe ist in unserem System keine Kommunikation mit dem Wähler an sich, sondern mit parteipolitischen Sympathisanten.

Insofern würde eine Demokratie nach dem Verständnis von Atticus Finch, in dem nicht jeder wählen darf, zynisch betrachtet zuerst einmal auch eine Anpassung an die Realität. Sowohl was die Bevölkerungsschichten angeht, die wählen gehen und die tatsächlich auch mit Politikern kommunizieren. Wären die Politiker in diesem System wie Atticus Finch, das System wäre sogar weit besser als unseres, weil dort Politiker regieren würden, die sich ihrer Verantwortung für die gesamte Bevölkerung bewusst sind und eben nicht nur für ihre Wähler. Aber an dieser Stelle sind wir eben wieder im Konjunktiv. In der Theorie würden letztlich beide System funktionieren, in der Praxis tun sie es aber nur mit allzu viel Stottern im Motor.

Hamburg: Liebe deutsche Spitzensportler, geht doch nach Nordkorea!

Die Entscheidung war denkbar knapp und das Gejammer der Unterlegenen ist denkbar groß! In einer Volksbefragung haben sich die Hamburger gegen die Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 ausgesprochen. Und im Rückblick überrascht eigentlich nur, dass davon so viele Leute jetzt überrascht sind.

Sportliche Großveranstaltungen haben in unseren Zeit generell ein Problem, auch da ist etwas dran. Zum einen sind sie in der Regel weit teurer als veranschlagt, zum anderen besteht der Gewinn meist aus hinzugerechneten Faktoren in Sachen Infrastrukturen. Was allerdings auch nicht immer wirklich positiv ist, dafür reicht es einen Blick nach Brasilien zu werfen und sich bei der Auslastung manche WM-Stadien nur noch an den Kopf fassen zu können. Zudem muss in Zeiten des Terrors auch bedacht werden, dass man sich nur ungern auch noch 1-A-Terrorziele ins Land holt, wenn die Sicherheitslage ohnehin schon angespannt ist.

Die Diktatoren und nicht ganz so lupenreinen Demokraten haben damit weniger Probleme. Geld für Olympia presst man der Bevölkerung schon ab, und ohne einen tauglichen Sicherheitsapparat wäre man ohnehin seit Jahren nicht mehr an der Macht. Und so fand und finden viele Großveranstaltungen wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften jetzt eben in Ländern wie China, Russland oder Katar statt – Länder also, in denen die Menschenrechte nicht gerade 1. Priorität haben. Das IOC hat sich bei der Vergabe seiner Olympischen Spiele in den letzten Jahrzehnten durch die Verlockungen des Geldes immer mehr zum Propagandazulieferer semi-demokratischer Staaten gemacht. Bei der Vergabe der Winterspiele 2022 sind nacheinander sämtliche Bewerberstädte aus Demokratien abgesprungen und am Ende blieben nur noch Almaty (Kasachstan) und Peking übrig. Eine Entwicklung, die darauf hindeutet, dass das IOC unter seinem neuen Präsidenten Bach die Kurve nicht mehr kriegt – schon gar nicht mit den jetzigen bestenfalls zaghaften Reformen – und auf lange Sicht nur noch mit den Regimen dieser Welt zusammenarbeiten muss.

Die Nähe zwischen IOC und Regimen ist nicht unbedingt neu. Schon immer hat die olympische Bewegung sich als politisch neutral gezeichnet und deshalb wenig Interesse für die politische Situation im Austrägerland gezeigt. Neu ist jetzt, dass die Menschen in den westlichen Demokratien diesen Quatsch nicht mehr glauben und instinktiv sehr wohl wissen: Wer sich für ein Regime als Propagandainstrument bereitstellt, der ist eben gerade nicht politisch neutral, sondern steht auf Seiten des Regimes.

Ob sich das IOC aus der oben beschriebenen Spirale noch befreien kann, ist durchaus fraglich. Vielleicht werden 2050 Olympische Spiele nur noch aus Eintragungen in den Geschichtsbüchern bestehen. Falls ja, so liegt das nicht an den Sportlern, dich sich auch in Deutschland entsetzt gezeigt haben. Heike Drechsler, Leichtathletin und Olympiasiegerin aus alten Tagen, sieht die Volksbefragung gar als Fehler an. Man dürfe die Bevölkerung nicht über so wichtige Themen abstimmen lassen, lässt sie in der BILD verkünden. Das hätte es in der DDR nicht gegeben, wo sie sportlich groß geworden ist. In der deutschen Olympiamannschaft ist sie irgendwann angekommen, im demokratischen Deutschland offenbar noch nicht. Auch Diskus-Olympiasieger Robert Harting löst nur bei mir nur Kopf schütteln aus, weil er jetzt etwas davon fabuliert, dass deutsche Kinder jetzt fett werden, weil Hamburg Nein gesagt hat.

Harting ist ein sehr engagierter Sportler, sowohl für den Sport allgemein, als auch im Kampf gegen Doping. Das muss man anerkennen. Was ich mir allerdings wünschen würde, wären Sportler mit einem klaren Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit. Heimlich träume ich bei Olympischen Spielen in Russland oder China von einem – nur einem einzigen Athleten – der auf dem Siegerpodest die Goldmedaille ablehnt und sagt: “Ich habe euch und mir bewiesen, dass ich der beste bin. Aber an eurer Propagandashow beteilige ich mich nicht!” Das, liebe deutsche Spitzensportler, ist ein Weg in die Sportgeschichte einzugehen, nicht das kindische Geheule, das ihr jetzt an den Tag legt. Wenn die Bedingungen im deutschen Spitzensport so schlecht sind, geht doch nach Russland, Nordkorea oder sonst wohin – die Einbürgerung da dürfte mit einem Nicken des örtlichen Diktators sicher nicht das große Problem sein.

Rezension: Erträge 1 – Bibliothek des Konservativismus

Mit ihrer Schriftenreihe Erträge hat sich die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung mehr oder weniger das Ziel gesetzt die gesamte breite des konservativen Spektrums abzudecken. Wenn vielleicht auch nicht offiziell, so doch zumindest in ihrer Umsetzung. Denn zumindest der 1. Band dieser Reihe, in dem im Wesentlichen gehaltene Vorträge versammelt sind, hat ein durchaus großes Spektrum zu bieten.

Den Anfang macht Althistoriker Alexander Demandt, der über eine für den Konservativismus ebenso prägende, wie umstrittene Figur wie Oswald Sprengler berichtet. Sprengler, der sich selbst nie als Konservativer bezeichnet hat und wie Demandt zu berichten weiß, sich später auch in der späteren Verfassung der DDR wiederfand, wird dennoch als ein Vordenker der sogenannten Konservativen Revolution in der Weimarer Republik gesehen. Und von linker Seite deshalb mitunter auch als Wegbereiter des Nationalsozialismus, obwohl diese freilich wenig mit ihm anfangen konnten. Sein Hauptwerk hat indessen ganz aktuelle Bezüge, zumindest dem Titel nach. Hat Sprengler doch die Aussage Untergang des Abendlandes populär gemacht. Aber auch eine Einordnung anhand dieses Schlagwortes, gerade im nachhinein und aus dem Zusammenhang gerissen, dürfte dieser schwer greifbaren Figur deutscher Geschichte nicht gerecht werden. Wirklich feststehen dürfte lediglich, dass auch Oswald Sprengler der Demokratie in der Weimarer Republik äußerst feindselig gegenüberstand.

Kritik an der realexistierenden Demokratie im Deutschland unserer Tage übt dagegen Konrad Adam aus, der gerade in den Politikern von heute eine eigene vom Volk abgehobene Kaste sieht. Politiker, die zudem mehr dem Kapital gehorchen, als das sie zum Wohle jener arbeiten, von denen sie eigentlich per Wahl legitimiert wurden. Er illustriert es mit den politischen Flurgesprächen zu Zeiten in denen über den europäischen Rettungsschirms, bei denen man bei Nachfragen wie und warum so entschieden werde, am Ende immer auf den Satz stoßen würde: “Joe hat gesagt …” Josef Ackermann steht in diesem Bild symbolisch an der Spitze eines straff organisierten Demokratiemodells, bei dem die Wirtschaft der Regierung sagt, was zu tun ist, die Regierung der Fraktion und die Fraktion dem Abgeordneten. Inwieweit wir in diesem System – Legitimation durch Wahlen hin oder her – von einer wirklichen Demokratie sprechen können, sei einmal dahingestellt.

Beitrag Nummer 3 ist entgegen der anderen Teile ehe etwas für Liebhaber schwer verständlicher Texte. Rolf Stolz beschäftigt sich dabei mit dem Thema “Identität – vom modischen Schlagwort zur politischen Konzeption”. Mitunter ist der Text wohl auch deshalb schwer verständlich, weil Stolz offenbar Anhänger wirrer rechtslastiger Themen ist, die von einer EUdSSR sprechen und Deutschland einen Bürgerkrieg voraussagen. Das er das in philosophisch hochtrabender Weise formulieren kann, spricht für seine Bildung, aber weniger für deren Einsatz in Form von Nachdenken. So ist Stolz’ Beitrag einer jener beiden Beiträge, die man getrost auch überblättern kann.

Wenn sich Kai Hammermeister allerdings die Frage stellt, was konservative Literatur sei, sollte der Leser wieder zurückkehren. Wobei Hammermeister zwar im ersten Teil die richtige Schlussfolgerung zieht, sich im Folgenden aber durchaus auch widerspricht. Wer an konservative Literatur denkt, dem fällt in den meisten Fällen wohl Ernst Jünger ein. Wie Hammerstein aber feststellt, kommt es in dieser Frage weniger auf die Herkunft oder gar das Ziel an, das der Autor mit seinem Werk verfolgt, sondern auf den eigentlichen Inhalt. Konservative Literatur zeichnet sich also in erster Linie dadurch aus, dass sie konservative Werte innerhalb ihrer Handlung vertritt, weniger darin explizit einen Anspruch zu haben konservativ zu sein. Hier liegt der große Unterschied zur linken Literatur, bei der der Leser bekanntlich schon im Vorhinein davon ausgehen kann einen belehrenden Unterton vorgesetzt zu bekommen.

Den Abschluss dieses Bandes macht Stefan Blankertz unter dem Titel “Totalitäre Demokratie und ihre Alternativen”, in dem er zwar durchaus treffend auf die Schwächen des demokratischen Systems hinweist, aber es dem Leser nicht schwer macht, welchen Geistes Kind er ist. Zudem beweist er für mich alten Hobbesianer unfreiwillig, dass es noch etwas schlimmeres gibt, als einen korrekt interpretierten Spinner wie Rousseau – einen missinterpretierten Rousseau. Seine These, man müsse aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag auch wieder austreten dürfen untermauert er am Beispiel der Europäischen Union, aus der man ja auch wieder austreten müssen könne. Schwach. Wie gesagt, es gibt zwei Beiträge in diesem Buch, die der Leser getrost überblättern kann.

Und so bietet der Band Erträge 1 dann auch tatsächlich ein weites Spektrum des Konservativismus. Jene Teile, die selbst für Gegner einer ernsthaften Beschäftigung würdig sind, aber eben auch Teile, von denen der Aufklärung und der Tradition zugleich verpflichtete Konservative lieber die Finger lassen sollten. Einen Blick ins Buch ist dieser Band aber dennoch durchaus wert.

Bewertung: drei