Nirgends sonst kann ein Liberaler so ausführlich intellektuell Rumheulen, dass die böse Welt ihn nicht mehr ausreichend würdigt, als in der FAZ.

Rainer Hank, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist in großer Sorge, dass der liberale Aufbruch vorbei sei. Dabei hat uns gerade dieser liberale Aufschwung doch so viel gebracht, er hat die Welt ein bisschen besser gemacht – ach was, ein bisschen, er hat uns mindestens auf die Vorstufe zum Paradies befördert. 1988, rechnet Hank in seinem einleitenden Beispiel vor, musste man umgerechnet 961 Euro für ein Flugticket mit der Lufthansa nach Südafrika zahlen, heute nur noch 650 Euro. Alter Schwede, na wenn sich die Liberalisierung dafür nicht gelohnt hat, dann weiß ich auch nicht. Hank rechnet vor, dass für die Preissenkung die Aufhebung der Marktregulierung Hauptursache sei, 1988 war die Lufthansa diesbezüglich tatsächlich Nutznießer, was sich auch in der Preisgestaltung bemerkbar macht. Wäre Hank aber tatsächlich ein fähiger Wirtschaftsredakteur, würde er noch andere Faktoren einrechnen, zum Beispiel war Südafrika damals noch das Land der Apartheid und so richtig gut für den Tourismus war das sicher auch nicht. Wir können an dieser Stell getrost einen 1. Semesterler in BWL fragen, was ich damit meine.

Rainer Hank’s Essay Gesellschaftlicher Aufbruch: Sind wir noch liberal? beantwortet tatsächlich die Frage, warum der liberale Aufbruch abebbt und nicht mehr en vouge ist. Allerdings tut er es unfreiwillig, denn was dem vernunftbegabten Leser die Gründe für die Abwendung vom Liberalismus sind, sind Hank dessen Errungenschaften, von denen er nach wie vor nicht versteht, warum man sie nicht zu würdigen weiß. Er feiert die Privatisierung der Bahn, die allerdings nie wirklich stattgefunden hat, weil der Staat noch immer Haupteigentümer ist. Er beklagt, das die Stromerzeugung re-kommunalisiert wird, obwohl dadurch der Strommarkt mehr Wettbewerber erhält. Er schlägt Gerhard Schröder für seine Agenda 2010 zum Ritter, obwohl sie nicht nur in der SPD verflucht wird und Probleme bestenfalls verlagert, aber nicht gelöst hat. Allein bei der Privatisierung der Post könnte man seinem Wunsch Erfolge zu sehen noch nachvollziehen, nein, eigentlich nicht. Mit Paketwagenfahrern hat der Niedriglohnsektor eine neue Gruppe gewonnen, und wenn mir jemand im Zeitalter der Digitalisierung ernsthaft erzählen will, dass das mit dem Internet in Deutschland auch nur annähernd okay ist, dann hat er einen an der Waffel. Leute, mir hat neulich ein Kolumbianer erzählt, wie es dort so läuft, das ist das Paradies im Vergleich zu Deutschland. 

Der liberale Aufbruch ebbt nicht ab, weil die Menschen plötzlich blöde geworden sind, er ebbt ab, weil die Menschen seine Auswirkungen zu spüren bekommen. Und wenn man nicht gerade einen Konzern lenkt, in dessen Managerumfeld zugegen ist, oder mindestens Inhaber eines mittelständischen Unternehmens ist, dann hat man davon nichts außer super aussehenden Statistiken und das dumme Gefühl selbst noch weniger Krümel vom Kuchen abbekommen zu haben, als vor dem von Rainer Hank so orgasmisch gefeierten liberalen Aufbruch. 

Man muss nicht einmal Linker sein, um Rainer Hanks Essay für Unsinn zu halten. Wenn er beklagt, das der Staat aus Gründen der Sicherheit nicht jede Unternehmensübernahme durch Chinesen passieren lässt, rollen sich Konservativen die Zehennägel nach oben. Mal ganz davon abgesehen, dass die voranschreitende Liberalisierung des Marktes auch jener durchaus großen Anzahl an Unternehmern, die noch Werte wie Verantwortung und Generationen übergreifendes Denken haben, das Leben schwer macht. Der von Rainer Hank gefeierte liberale Aufbruch hat den Markt zum Tagesgeschäft gemacht, das Morgen existiert dort kaum noch, weil der heutige Gewinn zählt. Eine derart auf kurzsichtige Gewinnmaximierung degradierte Marktwirtschaft, kann nicht die erfolgreiche Grundlage für einen Gesellschaft bilden. Sie sorgt eher dafür, dass neben kurzfristiger Gewinnmaximierung noch ein gehöriger Schuss Sozialdarwinismus ins Spiel kommt. 

Kurzum, im Grunde beklagt Hanke ja gar nicht das Abebben des liberalen Aufbruchs, sondern des kapitalistischen Aufbruchs. Es wird ihn daher auch wenig trösten, das zumindest in bei den gesellschaftlichen Strukturen derzeit noch das liberale Motto des Anything goes ungemindert weiter herrscht. An dieser Stelle funktioniert die Allianz zwischen Wirtschaftsliberalen und Linksliberalen weiterhin. Ihr letzter großer Wurf war die Ehe für alle, der nächste wird vielleicht die Freigabe der Abtreibung sein. An dieser Front steht der Konservative noch allein, weil er die gesellschaftlichen Auswirkungen zwar ahnt, aber der Rest der Gesellschaft sie offenbar erst noch spüren muss, ehe er auch hier sagt, stopp, wir müssen umkehren. Fraglich allerdings, ob wir dann noch eine Chance zur Umkehr haben, oder statt alles ist möglich nur noch gilt, nichts ist mehr möglich.

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