Viele fordern sie, viele bekämpfen sie – aber was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem umkämpften Begriff „Leitkultur“ genau?

Als vor einer gefühlten Ewigkeit der CDU-Mann Friedrich Merz seinerzeit zum ersten Mal das Wort „Leitkultur“ in die Politik brachte, war das Geschrei groß. „Deutschtümelei“ und „Rassismus“ waren noch die harmlosesten Vorwürfe, die man auf der Linken dafür fand, aber auch die Befürworter hatten von Anfang an ein Problem. Seit der Begriff in der Welt ist, ist er schwammig geblieben. Jeder kann hineininterpretieren, was er möchte. Ist es Bestandteil der Leitkultur Weißwürste zu essen, nach Mallorca in den Urlaub zu fahren, oder die deutsche Sprache zu sprechen und Respekt vor Frauen in Stringtangas zu zeigen.

Im Ernst, niemand kann Leitkultur so wirklich stichhaltig definieren. Es bleibt bei der schwammigen Definition, Leitkultur sind jene Teile des Zusammenlebens unserer Gesellschaft, für die eine stillschweigende Übereinkunft besteht und die nicht in Gesetzen oder auch im Grundgesetz ausformuliert wurden.

In der letzten Ausgabe des Philosophischen Radios sprach die österreichische Philosophien Marie-Luisa Frick über das Thema der Grenzen von Toleranz. Und dort unter anderem auch über die Situation in den USA, deren Gründerväter bekanntlich ein Höchstmaß an Toleranz in die Verfassung geschrieben haben, zumindest etwa was die Meinungsfreiheit angeht. Für Europäer, gerade für Deutsche, ist es ja mitunter verstörend, was in Amerika alles offen behauptet werden darf, ohne das die Justiz einschreitet. Allerdings kam auch ein anderes Phänomen zur Sprache, während von staatlicher Seite die Meinungsfreiheit mehr oder weniger keinerlei Grenzen kennt, gibt es doch große gesellschaftliche definierte Grenzen des Sagbaren.

Diese Woche warfen unteranderem Apple und Facebook den amerikanischen Verschwörungstheoretiker Alex Jones von ihren Plattformen. Angesichts des gefährlichen Bullshits, den Jones von sich gab, ist man geneigt das für eine gute Entscheidung zu halten. Twitter jedoch folgte diesem Schritt zuerst nicht, man wies daraufhin, dass Jones keine Regeln des Netzwerkes gebrochen hatte. Und offensichtlich hatte er auch gegen kein Gesetz verstoßen, denn so absurd-abstoßend seine Äußerungen auch sind, er darf sich in den USA noch immer äußern. Was für Twitter folgte, war ein Proteststurm und auch hierzulande fühlte man sich verpflichtet Twitter daran zu erinnern, dass es einen Unterschied zwischen der Einhaltung von Regeln gibt, und das Richtige zu tun. Am Ende hat Twitter übrigens nachgegeben.

Es gab ein paar Stimmen, die darauf hinwiesen, dass es für eine freie Gesellschaft gefährlich sei, wenn die Betreiber von Plattformen, die in ihrem Bereich quasi über ein Monopol verfügen, anfangen zu bestimmen wer was noch veröffentlichen darf. Aber angesichts der Person, die es hier zu verteidigen gab, wagten eigentlich nur rechte Kommentatoren auf diese Gefahr hinzuweisen. Die bürgerlich-konservative Seite kniff lieber den Schwanz ein, um nicht ins Sperrfeuer des linken Jubels zu geraten. Aber darum geht es hier auch gar nicht, es stellt sich eher die Frage, warum Jones trotz des Rechtes auf seiner Seite zum Schweigen gebracht wurde.

Nun, er hatte nicht gegen das Gesetz verstoßen und das Recht auf Meinungsfreiheit gilt für ihn noch immer. Allerdings verstieß er gegen die ungeschriebenen Gesetze der politischen Korrektheit. Der herrschenden Leitkultur in der westlichen Sphäre.

Es gibt sie also bereits, die ungeschriebenen Regeln, die gelten ohne über Gesetzeskraft zu verfügen. Wer gegen sie verstößt, landet zwar nicht im Gefängnis, aber er wird anderwärtig sanktioniert. Durch die Kappung seiner Kommunikationswege, in diesem Fall. Andere verlieren ihren Job, oder bekommen ihn erst gar nicht, werden ausgegrenzt oder missachtet. Und nochmal, im Fall von Alex Jones ist man geneigt, das für eine  ganz vernünftige Sache zu halten. Aber ist es das? Was ist Meinungsfreiheit eigentlich wert, wenn sie nicht für alle gilt? Und heißt es nicht so schön, wenn das erste Glied einer Kette geschmiedet ist, liegen wir alle in Ketten?

Bei der politischen Korrektheit kommt erschwerend hinzu, dass es ja zwei Formen eines gesellschaftlichen Konsens gibt. Es gibt jenen, auf den sich tatsächlich die große Mehrheit einer Gesellschaft einigen kann. Und es gibt jene, die die gesellschaftliche Elite bestimmt. Im Falle der politischen Korrektheit ist es allerdings der zweite Fall, hier herrscht in erster Linie Einigkeit zwischen dem akademischen, politischen und medialen Kosmos, was im Allgemeinen ausreicht, um den Eindruck einer gesamt-gesellschaftlichen Einigung zu simulieren. Das einzelne Mitglied der Gesellschaft mag bei manchen Spielarten der politischen Korrektheit insgeheim die Nase rümpfen, so lange er aber nicht den Mut aufbringt sein Gegenüber darauf anzusprechen, wird er im Zweifel immer glauben, er sei es, der falsch liegt.

Nüchtern betrachtet handelt es sich dabei also um einen zutiefst undemokratischen Akt, einer herrschenden Clique, die von dem Glauben beseelt ist das Richtige zu tun. Da man allerdings davon ausgehen muss, dass die Handelnden aus tiefer Überzeugung tun, was sie tun, kann man ihnen zumindest keine Heuchelei vorwerfen. Allein macht es das a) nicht besser und verbaut b) so ziemlich jede Möglichkeit sie durch Argumente auf den Fehler im System hinzuweisen. 

Und es erschwer es zusätzlich, bzw. macht es eigentlich unmöglich, an jene Menschen heranzukommen, die an den Lippen von so üblen Kerlen wie Alex Jones hängen. Denn seine Abstrafung in Namen der politischen Korrektheit und ohne Gesetzesgrundlage, oder wie im Fall von Twitter gar ohne Verletzung der Plattformregeln, scheint sie nicht nur in der Ansicht zu bestätigen, hier solle jemand der nicht dem Mainstream entspricht zum Schweigen gebracht werden, sie ist letztlich eine offizielle Bestätigung. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.