#notheidisgirl – Wie ein Algorithmus ein virales Kampagnen-Video ausbremste

Es gehört zu den Mysterien deutscher Fernsehkultur, dass Heidi Klums "Germanys Next Topmodel" jedes Jahr mit einer neuen Staffel an den Start geht. Doch die Kritik wird lauter.

Um es gleich offen und ehrlich zu bekennen, dass einzige Mal das ich regelmäßig GNTM gesehen habe, war rein beruflich. Ich war damals bei einem Regionalsender beschäftigt und die Tochter einer Ex-Oberbürgermeisterin war eine der Kandidatinnen. Ansonsten ist mir der Sinn dieser Sendung nach wie vor nicht ganz klar. Spindeldürre Mädchen, die durch die Bank für eine handelsübliche Modelkarriere zu alt sind (was ein anderes Problem ist), lassen sich von einer piepsstimmigen Aushilfs-Frau-Rottenmeier durch immer irrwitzigere Challenges scheuchen. Am Ende gewinnt eines der Mädchen, bekommt ihre fünf Minuten – sprichwörtlich – Ruhm und darf dann vier, fünf Jahre als C-Promi auf Vip-Partys herumgammeln. Vielleicht ist dann auch noch ein Auftritt bei der Konkurrenz im Dschungelcamp drin, aber spätestens danach ist der Ruhm, na ja, rum eben.

Das ist durchaus allgemein bekannt und ich persönlich nehme an, dass es zumindest den intelligenteren Teilnehmerinnen um den Ruhm des dabei seins geht, weil der mitunter der langlebigere ist.

Klar, man könnte jetzt sagen, lass die Mädels doch machen. Auf RTL 2 gibt es Menschen, die noch weit weniger auf solch altmodische Dinge wie Selbstachtung bestehen. Allein, GNTM gelingt es leider recht erfolgreich sein Zielpublikum vor den Fernseher zu bringen. Die kaufen dann fleißig überteuerte Kosmetikprodukte, was gut für Pro7 ist, werden aber gleichzeitig in einer prägenden Phase ihres Lebens mit einem Frauenbild konfrontiert, das eher der Diagnosebeschreibung einer Essstörung entspricht.

Vor ein oder zwei Jahren hat sich mit dem Autor und Psychiatrie-Professor Manfred Lütz eine gewichtige Stimme der ausgedünnten intellektuellen Schicht dieses Landes an Heidi Klum's Show abgearbeitet. Dieses Jahr kam der Hashtag #notheidisgirls im Netz auf. Und im Zuge dessen machte auch folgendes Video die virale Runde:

 

Das Video von Organisatorin Stevie Schmiedel schaffte es irgendwann natürlich auch in die alten Medien. Und leider auch in die Morgensendung von RTL. Denn als RTL das Video der Sendung mit seiner Content ID versah, schlug Youtubes-Algorithmus gnadenlos zu. Er identifizierte den Ausschnitt des Songs aus "Guten Morgen Deutschland" als Original, und sah folglich im eigentlichen Original eine Copyrith-Verletzung. Die Folge: gerade auf dem Höhepunkt seiner viralen Phase verschwand das Video aus Youtube und wurde erst nach einer Beschwerde Stunden später wieder online gestellt.

Darüber wie viele Klicks und wie viel zusätzliche Verbreitung dieser Fehler im Algorithmus die Aktion gekostet hat, kann man diskutieren. Es zeigt aber vor allem deutlich, wie schnell es durch einen vermeintlich neutralen Algorithmus auch einen Unschuldigen treffen kann. Oder, auch wenn das in diesem Fall nicht der Fall war, wie einfach Mainstream-Rechteinhaber ein anderes Video verschwinden lassen könnten.

via netzpolitik.org

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