Netflix-Kritik: Die Einkreisung (The Alienist)

Es gibt Filme oder Serien, da fragt man sich in Unkenntnis des Buches, ob zumindest das Buch gut ist. „Die Einkreisung“ ist so ein Fall.

Beinahe jeder von uns kann mit dem Namen Jack the Ripper etwas anfangen. Vielleicht international der bekannteste aller Serienmörder, zumindest aber ein Vertreter seiner Zunft, der auch weit 100 Jahre später noch immer Faszination auslöst. Dafür Gründe, seine Morde gehören interessanterweise nicht dazu. Es gab Serienmörder, die es auf mehr Opfer brachten, und so grausam Jack die Prostituierten auch zurichtet, auch in diesem Fall gab es zahlreiche Mörder, die ihn darin übertrafen. Ein Teil der Faszination lässt sich natürlich auf die Tatsache zurückführen, dass er nie gefasst wurde. An einem anderen Grund war er allerdings nur bedingt beteiligt. Es war die Zeit, in der er gelebt hat. Das viktorianische Zeitalter hatte sich selbst bereits überlebt und der Sprung ins nächste Jahrhundert stand an.

Die Einkreisung spielt zwar in New York, ein paar Jahre nach dem Ripper, auf den zumindest in den Dialogen kurz Bezug genommen wird. Aber dennoch ist das Muster altbekannt. Der Held ist ein Vertreter der neuen Zeit, ein Wissenschaftler mit modernen Methoden, der es mit alten Männern zu tun hat, die sich beim bevorstehenden Sprung ins 20. Jahrhundert aus Angst überlebt zu sein schon in die Hosen machen. Tim Burton hat das in seiner Version von Sleepy Hollow wohl am besten dargestellt, wenn sein Ichabod Crane (Johnny Depp) ein junger Polizist aus New York ist, der kurz vor dem Beginn des 19. Jahrhunderts in einem verschlafenen Nest volle geister- und hexengläubiger Provinzler landet. Seitdem ist diese Thematik gefühlt 100 Mal durchgespielt worden, man muss also schon etwas zu bieten haben, will man aus der Masse noch herausstechen.

Nun, Die Einkreisung hat diesbezüglich nichts zu bieten. Das einzig wirklich neue sind vielleicht die Opfer, Jungen und junge Männer, die sich für die sexuelle Lust ihrer Kunden als Mädchen verkleiden. Ihrem brutalen Mörder will der Psychologe Laszlo Kreizler (Daniel Brühl) mit Hilfe seines Freundes John Moore (Luke Evans) und der Sekretärin des New Yorker Polizeichefs Sara Howard (Dakota Fanning) auf die Spur kommen. Für ein bisschen Historie, zumindest des amerikanischen Publikums spielt auch Theodore Roosevelt (Brian Geraghty) als Polizeichef mit.

Die Figuren bleiben aber allesamt blass. Luke Evans gelingt es noch am ehesten seiner Figur etwas Leben zu geben, aber das war es dann auch. Besonders Daniel Brühl bleibt weit hinter dem zurück, was er sonst zu bieten hat. Sein misanthropischer Doktor, der dennoch das Gute im Menschen beweisen könnte, hätte einiges zu bieten gehabt. Brühl aber spielt betont lustlos seine Rolle runter, als hätte man ihn gezwungen an der Serie mitzuwirken. Wobei das Drehbuch natürlich auch kaum Platz zur Entwicklung der Charaktere gelassen hätte. Es gibt ganze Handlungsstränge, die so weit gekürzt wurden, dass der Zuschauer am Ende gar nicht auf dem Laufenden ist, wenn er plötzlich mit den Auswirkungen der gestrichenen Passagen konfrontiert ist. Und auch am Ende hat man das Gefühl, das zwei Minuten mehr jetzt auch nicht geschadet hätten, um die ein oder andere Geschichte noch zu ende zu erzählen. Und dabei geht es nicht um Dinge von großer Bedeutung, sondern kleinen Fragen, wie etwa der Verbleib jenes Jungen, mit dem sich John Moore angefreundet hat. Es sind solche kleine Details, die den Zuschauer vermuten lassen, das Brühl nicht der einzige an der Serie beteiligte Akteur war, der eigentlich keine Lust hatte mitzumachen. 

Nicht einmal von der Ästhetik gibt Die Einkreisung viel her. Die Freiheitsstatue, eine noch nicht zu Ende gebaute Brücke … alles in einem Nebeldunst, der vielleicht verbergen sollte, das die Folgen in Budapest entstanden. Am Ende macht er die Szenerie aber so beliebig, dass die Handlung auch in London, Boston, Paris oder einer vom Autor erfundenen Stadt hätte stattfinden können. 

Kurzum, man muss Die Einkreisung muss man nicht gesehen haben. Sie ist leidlich spannend und voller liegend gelassener Chancen doch noch eine gute Serie daraus zu machen. Ich hoffe wirklich, hier gilt der alte Grundsatz, nachdem das Buch immer besser ist als der Film.

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