#Münster: Warum ist uns die Einordnung in eine Gruppe so wichtig?

Wer Anschläge oder Amokläufe per Twitter mitverfolgt, sieht immer das gleiche Spiel. Die einen schreien Islamismus, die anderen rechter Terror usf.

Es ist schon merkwürdig, wir leben in einer Gesellschaft die durch den Liberalismus immer stärker individualisiert wird, aber in einem Fall wollen wir vom Individuum nie etwas wissen: Bei einem Anschlag oder Amoklauf, was für die Opfer ja eigentlich keinen Unterschied macht.

So war es auch am gestrigen Samstag, als Jens R. mit einem Campingwagen in eine vor einem Restaurant sitzende Menge fuhr und zwei Menschen mit in den Tod riss, mehrere teils schwer verletzte und sich danach selbst richtete. Und sofort schrie die eine Hälfte von Twitter wieder „Islam“, um fadenscheinig manchmal noch ein „-ist“ dranzuhängen. Während andere bemüht waren Gerüchte um einen rechtsextremen Hintergrund zu unterstützen. Und am Ende war es ein psychisch Kranker.

Das Jens R. hinter dem Steuer saß und eine schreckliche Tat ausführte, verkommt in der öffentlichen Diskussion zur Nebensache. Es war ein Moslem, ein Rechter oder ein psychisch Kranker. Und mich überkommt die Frage, warum uns in diesem Fall die Gruppe so viel wichtiger ist, als das Individuum. Moslems sind keiner Terroristen, nicht mal alle Islamisten morden, sollen bei einer solchen Tat aber quasi in eine Art religiöser Sippenhaft genommen werden. Gleiches gilt für Rechte, man mag ihre Meinung nicht teilen, aber auch die überwiegende Anzahl von ihnen sind keine Mörder. Für psychisch Kranke gilt das allemal, ihnen sollten anständige Menschen helfen, als sie in Sippenhaft für die Tat eines Einzelnen zu nehmen.

Als 2015 ein als depressiv beschriebener Co-Pilot eine Maschine der German Wings in den französischen Alpen zerschellen ließ, hat dies Jahre zunichte gemacht, in denen man das Thema Depression in der Öffentlichkeit als das darstellen wollte, was sie ist: eine heilbare oder doch zumindest kontrollierbare Krankheit. Und meine Befürchtung ist, das wir dies mit dem Fall von Münster wieder tun.

Eine neue Entwicklung ist das allerdings nicht. Kam ein Fall von Missbrauch durch einen Priester auf, war am Ende die Katholische Kirche schuld. Interessanterweise waren nach dem Aufdecken der Zustände an der Odenwald Schule, allerdings nicht die progressiven Lehrer schuld. Es gibt diese Kollektivschuld also nicht erst seit gestern, aber gewisse Kollektive sind davon ausgenommen weiter mit den Verbrechen eines einzelnen ihrer Mitglieder leben zu müssen. Wenn es gegen den Islam oder rechts geht, und wohl auch gegen die katholische Kirche, ist die Frage nach dem Warum schnell zu finden. Dahinter steht die Ideologie derjenigen, die die Kollektivschuld verhängen und ein politisches Interesse daran haben. Ein politisches Interesse, dass bei einer Anklage gegen als progressiv oder modern geltende Schulmethoden etwa nicht vorhanden scheint. Dazu kommt noch der Faktor der Vereinfachung, der vor allem die Medien dann mit ins Boot holt. Auch bei Jens R. dürfte die Suche nach den Gründen für die Tat im Detail komplizierter sein, als es sich in einen 2:30 Beitrag pressen lässt.

Am Ende sind wir also wieder beim Sündenbock. Doch während es sich einst um einen einzelnen Ziegenbock gehandelt hatte, dem man die Sünden auferlegte, um ihn anschließend in die Wüste zu schicken, ist es bei uns seit Jahrhunderten eine ganze Gruppe als Sündenbock zu bezeichnen. Die Frage aber muss erlaubt sein, warum deshalb die berühmten 99% mit verantwortlich gemacht werden müssen.

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