Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind zurecht im WM-Kader dabei

Über den WM-Kader von Jogi Löw ließe sich sportlich debattieren. Welcher Trainer nimmt zum Beispiel einen Torhüter ohne Spielpraxis zu einer WM mit. Im Mittelpunkt stehen aber zwei andere: Özil und Gündogan.

„Mit Respekt für meinen Präsidenten.“, schrieb WM-Teilnehmer Ilkay Gündogan als Autogramm auf sein Trikot. Blöd nur, dass er es dann nicht Frank-Walter Steinmeier gab, sondern Recep Erdogan, um danach genauso wie sein DieMannschaft-Kollege Mesut Özil mit „seinem Präsidenten“ zu posieren. Nun, vielleicht ist Erdogan ja tatsächlich Fan der beiden, aber genutzt hat er das Foto eher so:

Jetzt kann man die Aufregung darüber natürlich verstehen, schließlich betreiben Özil und Gündogan nichts anderes als einen Doppel-Wahlkampf für Erdogan. Zum einen für Erdogan selbst, der sich den Termin für seine (Wieder-)Wahl so zurecht gelegt hat, dass er auch wiedergewählt wird. Zum anderen für den türkischen Fußballverband, der sich für die EM 2024 bewirbt – einziger Konkurrent ist da übrigens – ja, wir haben es geahnt – der DFB. Also ich als DFB wäre da schon ein bisschen verschnupft, aber wie der Präsident des Verbands festgestellt hat, jeder darf mal einen Fehler machen. Ach was wird ein Kruse, Großkreutz oder Kuranyi da gelacht haben!

Das Klischee des doofen Fußballers

„Özil und Gündogan war nicht ganz klar, was sie da machen.“, sprang Teammanager Oliver „Golden Goal“ Bierhoff seinem Präsidenten bei, und bei den Türken sei das halt anders. Also außer bei Emr Can, der hat nämlich den Wahlkampftermin bei Erdogan abgesagt. Und überhaupt, wenn Özil oder Gündogan nicht klar war, was sie da machen, dann sind sie – na ja, irgendwie die neuen Repräsentanten des alten Klischees vom an sich eher doofen Fußballer.

Jetzt könnte man also fordern, das Jogi Löw und der DFB mal zeigen das sie Rückgrat oder einen Arsch in der Hose haben. Könnte man, aber bei näherer Betrachtung habe ich mich gefragt, warum eigentlich?

Ich meine die Weltmeisterschaft 2018 sind die Putin Spiele reloaded. Propagandaspiele auf den Pfeilern von Korruption und Ausbeutung erbaut. Journalisten wie Hajo Seppelt wird die Einreise verweigert, was übrigens die ARD auch nicht davon abhält ihr Bestes bei der Rundumberichterstattung zu geben – mit einem fünfminütigen kritischen Einschub am Tag, versteht sich. In 64 Spielen werden 16 Mannschaften Wladimir Putin bei seiner Propaganda unterstützen. Fallen Özil und Gündogan als Erdogan-Unterstützer da überhaupt ins Gewicht?

Ja, da gibt es natürlich noch die Frage, warum deutsche Nationalspieler den türkischen Präsidenten als ihren Präsidenten bezeichnen. Nö, die Frage gibt es eben nicht, denn es gibt ja keine deutsche Nationalmannschaft. Es gibt „Die Mannschaft“, bei der zwei oder drei Spieler vor dem Spiel aus Folkloregründen das alte Volkslied „Einigkeit und Recht und Freiheit“ anstimmen. Also vorausgesetzt, der DFB verbietet das nicht auch noch, weil Putin vielleicht mit „Einigkeit“ unter seiner Herrschaft gut leben kann, aber an „Recht“ und „Freiheit“ dann lieber doch nicht erinnert werden möchte.

Integration in die Geldmaschine Fußball gelungen

Und wenn DFB-Präsident Reinhard Grindel auch im Zusammenhang mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan von gelungener Integration spricht, dann kommt einem das auch nur auf dem ersten Blick komisch vor. Wenn Grindel von den ganzen Jugendlichen mit unterschiedlicher Herkunft spricht, die gemeinsam Fußball spielen, hat das natürlich nichts mit der Integration in die Gesellschaft zu tun, die ihnen den passenden Fußballplatz zur Verfügung stellt. So gesehen sind Özil und Gündogan im Zweifel eher ein Anti-Beispiel. Dem DFB geht es aber um die Integration in die Industrie Fußball. Geld wächst bekanntlich weder an Bäumen, noch auf dem Fußballplatz.

Oder um es kurz zu machen, natürlich muss Jogi Löw Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit zur WM nach Russland nehmen. Es geht ja nicht um Fußball, um eine deutsche Mannschaft oder Freiheit, es geht darum Weltmeister zu werden, denn nur als Weltmeister verdient man am meisten Geld. Oder um es intellektueller auszudrücken, passt auch hier das viel zitierte Brecht-Zitat: 

Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

In diesem Sinne, lasst uns mit Bier und Chips #ZSMMN Wladimir Putin zu jubeln – ähm, ich meinte natürlich „DieMannschaft“. Müsste das nicht eigentlich der Mannschaft – egal.

Update: Am Nachmittag des 15. Mai hob Russland das Einreiseverbot für den ARD-Journalisten Hajo Seppelt wieder auf.