Kritik: Philip K. Dick’s Electric Dreams – Autofac

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Was ist eigentlich ein Mensch? Was nützt es eine Fabrik zu betreiben, wenn niemand die Produkte kaufen kann oder überhaupt haben will? “Autofac” von Philip K. Dick geht diesen Fragen nach?

Doch zuerst ein kleiner, äußerst dezenter Hinweis für meine treuen Leser:

Die Zukunft in den Geschichten von Philip K. Dick ist selten eine Utopie voller Freude und Glück, na ja, eigentlich sollte man besser sagen, ist sie nie. Und so spielt auch Autofac in einer Welt nach dem großen Krieg. Die wenigen Menschen berappen sich gerade wieder auf, betreiben Landwirtschaft und könnten alle glücklich und zufrieden leben. Wäre, ja wäre da nicht die große hässliche Fabrik nebenan, die munter weiterproduziert, ihre Waren per Drohnen ausliefert und die Umwelt verschmutzt. Und es ist letzteres, was den Menschen Sorgen macht. Da sich die Fabrik aber militärisch selbst schützt, können sie nicht einfach so in die Fabrik marschieren. Deshalb beschließt eine Gruppe um die Hackerin Emily (Juno Temple) die Fabrik sozusagen zu sich zu locken, und das passiert auch, in Form von Alice (Janelle Monáe), einer von der Fabrik geschickten Androidin.

Von diesem Augenblick an nimmt die Handlung Fahrt auf, denn obwohl es Emily nicht gelingt Alice wie geplant umzuprogrammieren, bringt sie diese zusammen mit zwei Mitstreitern in die Fabrik – auch wenn Alice bewusst ist, dass die Drei die Fabrik zerstören wollen. Doch wer hier wen hinters Licht führt, das ist in Dick’s Geschichte Autofac lange unklar. Ja, Alice hat die Drei in eine Falle geführt. Schnell fallen Emilys Begleiter den “Sicherheitsmaßnahmen” zum Opfer. Und Emily selbst? Die findet sich von Alice auf einen Tisch geschnallt wieder, mit Drähten im Kopf, die etwas tun, was Emily nur Stunden zuvor mit Alice tat – sie zapfen ein Computergehirn an. Denn die Wahrheit, und das weiß jeder Leser von Philip K. Dick, ist immer noch eine Ecke weiter entfernt, als man es zuvor dachte.

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In Autofac geht es eigentlich um zwei Fragen. Eine ist typisch für Dick: Was ist eigentlich der Mensch? Er hat sich oft damit auseinandergesetzt. Auch die auf Autofac in der Amazon Prime Serie folgende Episode Menschlich ist … geht diesem Grundgedanken nach. Doch während es dort um einen sich eines Menschen bemächtigenden Metamorphs geht, stellt sich hier die Frage in einem Zusammenhang, der uns bemerkenswert aktuell vorkommt. Ab wann müssen wir eine künstliche Intelligenz als menschlich betrachten, oder doch zumindest als dem Menschen gleichwertig? Denn nichts anderes ist Emily und die anderen Überlebenden. Geschaffen von der Fabrik, nach Vorbildern einst hier beschäftigten Menschen wurden sie in die Welt entlassen, um in kleinen voneinander getrennten Gruppen das zu sein, was nach dem großen Krieg nicht mehr vorhanden war, jede Fabrik aber dringend braucht: Konsumenten! Doch die Gruppe um Emily, geschaffen nach dem Vorbild der Gründerin der Fabrik, die alles für jeden herstellt, entwickelte sich anders. Wie alle anderen war sie sich nicht bewusst keine wirklichen Menschen zu sein, aber sie begannen nicht zu konsumieren, sondern gingen zum Leidwesen der Fabrik ihre eigenen Wege.

Aber kommen wir zurück zur zweiten Frage, und auch die ist in gewisser Weise aktuell. Denn was macht eine sich automatisierende Wirtschaft, wenn ihr die Konsumenten ausgehen, die ihre Produkte kaufen kann. Schließlich verdient niemand mehr das Geld, um seiner kapitalistischen Pflicht als Konsument nachzugehen. In Autofac ist der Wirtschaft der Konsument nur auf eine weit drastischere Weise abhanden gekommen. Und die Antwort ist so simpel, das niemand vor Dick auf die Idee gekommen ist. Um den Kreislauf am Leben zu halten schafft sich die Wirtschaft die Konsumenten selbst. Wenn Alice die Gruppe um Emily zu Anfang zu überzeugen versucht, die Fabrik würde doch nur ihretwegen produzieren, ist das eben nur die halbe Wahrheit. Die Konsumenten sind auch der Fabrik wegen existent, ohne sie hätte die Produktion keinen Sinn – man müsste auch die Fabriktore einer bis ins letzte Detail automatisierten Fabrik für immer schließen.

Doch auch wenn nichts auf der Welt schwerer zu durchbrechen ist, als ein funktionierender Kreislauf, so hat auch dieser hier eine Schwachstelle: Emily Geschaffen nach dem Vorbild der Gründerin mag diese Emily nicht einzigartig sein, aber doch hat sie etwas einzigartiges an sich. Sie ist sich als einziger Konsument bewusst geworden, dass sie fühlt wie ein Mensch, aber doch keiner ist. Umgeben von künstlichen Konsumenten, die glauben die letzten Überlebenden der Menschheit zu sein, weiß sie, dass ihre Künstlichkeit die einzige Möglichkeit darstellt die Fabrik zu schließen. Und so lädt Alice nicht nur Emilys Erinnerungen herunter, sondern auch jenen Virus, der alles beendet. Alles bis auf eine Kleinigkeit, in Form der von der Fabrik getrennten Konsumenten, bekommt die Menschheit eine 2. Chance.


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vor 2 Wochen

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