Wer sich als besonders weltoffen zeigen will, bezeichnet sich gerne als Kosmopolit. Obwohl er eher einem westlichen Unterdrücker ähnelt.

Für ein Projekt an dem ich arbeite und das ich hier zu gegebener Zeit vorstellen werde, habe ich gerade das Essay eines jungen Kolumbianers übersetzt, der sich in Spanien für Flüchtlinge einsetzt. Es endete mit folgendem Satz:

Es ist absolut notwendig, die globale Bürgerschaft im Einklang mit der Globalisierung der Welt aufzubauen.

Da ist er wieder, der Weltbürger, der Kosmopolit. Fallen diese Stichworte, muss ich immer an den von mir so hochgeschätzten Immanuel Kant denken, der bekanntlich der erste Philosoph von Rang war, der den Kosmopolitismus als einen entscheidenden Bestandteil seines Denkgebäudes verwendete. Leider kann ich ihm genau in diesem Punkt nicht folgend. Ich glaube nicht, dass es einen Kosmopolitismus gibt, zumindest keinen im kantschen Sinne. Wobei man fairerweise sagen muss, dass zwischen dem was Kant gesagt hat und dem, was die nachfolgenden Generationen mit Kant begründen, durchaus ein spürbarer Unterschied besteht.

So sprach Kant von einem Friedensbund aller Staaten, durchaus mit einer übergeordneten Instanz, deren Einfluss aber minimal sein sollte. Wer heute aber im kantschen Sinne kosmopolitisch argumentiert, kommt selten ohne die Worte Weltregierung, Weltparlament und Weltjustiz aus. Hier wird aber das entscheidende Manko dieser Idee deutlich. Auf welcher Basis soll diese neue Welt stehen?

Schon in den heutigen Ansätzen gibt es realgesellschaftliche Probleme. Wir haben keine gemeinsame Basis. Sicher, die UNO hat die Menschenrechte definiert. Diese mögen eine feine Sache sein, aber die UNO ist ein Konstrukt der westlichen Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg. Und auch die Definitionen der unterschiedlichen Menschrechte mögen wir im Westen als allgemeinverbindlich betrachten, das ist aber nur eine natürliche Reaktion, denn sie basieren auf der westlichen Kultur. Hinter ihnen steht die Aufklärung und vielleicht jene christlichen Elemente, die selbst der radikalste Aufklärer nicht schlecht reden konnte. Sie berücksichtigen keine asiatischen Denkmodelle, die sich vom westlichen Denken mitunter in wesentlichen Punkten unterscheidet. Sie berücksichtigen schon gar nicht das Denken vieler Afrikaner. Das fällt nicht besonders auf, weil sich etwa in Afrika die Führungseliten im Guten, wie im Schlechten an der westlichen Welt orientieren. Aber es sollte zumindest so offensichtlich sein, dass es so etwas wie einen Weltgeist nicht geben kann. 

Nüchtern betrachtet ist der Versuch eine Welt im Geiste eines westlichen Narrativ zu erschaffen, die Fortsetzung des europäischen Kolonialismus mit anderen Mitteln. Und es ist nicht einmal ein besonders erfolgsversprechender Weg, denn das westliche nach vorn streben, dass dem asiatischen in Zyklen und Kreisen gefasste Denken widerspricht, ist letztlich die Grundlage für das Dogma des unendlichen Wachstums, dem durch die nicht unendlich vorhandenen Ressourcen aber die logische Grundlage fehlt. Das ausgerechnet in den Zeiten einer sich ausbreitenden Globalisierung vielerorts die Weltoffenheit in eine Krise gerät ist kein Widerspruch, sondern eine Folge der offensichtlich werdenden Probleme wie etwa die Erderwärmung. (Einen Begriff, den ich nebenbei bemerkt, für völlig falsch halte, weil er die sich anbahnende Katastrophe geradezu verniedlicht.) 

Aber selbst wenn es nicht derartige Probleme geben würde, wäre der Mensch überhaupt für eine einheitliche Welt geschaffen? Ein Weltbürgertum? Man darf seine Zweifel haben. Der Mensch kann alleine nicht existieren, er ist für das Leben in der Gruppe geschaffen und darauf konditioniert. Der Haken an der Sache, diese Gruppen entsprechen zahlenmäßig einem Familienclan. Schon heutige Staatsgebiete überschreiten sein eigentliches Denkvermögen, multinationale Strukturen erschrecken ihn sogar. Nicht wenig Kritik an der EU etwa basiert auf der Angst der Menschen in einem von Brüssel vereinheitlichten Europa würde ihre eigene kleine Heimat ihre Identität verlieren. Und mit dem Verlust der Identität ihrer Heimat, ginge der Verlust ihrer eigenen Identität einher. Diese Angst mag in großen Teilen irrational sein, aber dennoch lässt sich kaum übersehen, dass mit dem Vorantreiben einer globalisierten einheitlichen Welt ja nicht nur Staatsgrenzen fallen sollen, sondern auch familiäre Bindungen, die wenig kosmopolitisch mitunter dafür sorgen, dass die Mehrheit der Bevölkerung ihren Lebensmittelpunkt in einen sehr, sehr überschaubaren Radius hat. 

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