Jem, oder wie Menschen ihre Kriege zu anderen Planeten bringen

dav

Wenn irgendwo ein Büchergeschäft eine Kiste mit alten Büchern vor den Laden stellt, kann ich nicht daran vorbeigehen, ohne ein bisschen zu stöbern. Für 50 Cent fiel mir dabei letztlich Frederik Pohl’s „Jem – die Konstruktion“ einer Utopie in die Handy.

Science fiction-Romane von früher, wie in diesem Fall aus dem Jahr 1979, haben ja mitunter die lustige Komponente von der Zeit überholt zu werden. In Jem etwa hat sich die Welt in drei Blöcke geteilt. Dem Nahrungsmittelblock gehören etwa die USA, große Teile Europas und die Sowjetunion an, dem Erdölblock dagegen nicht nur die üblichen arabischen Verdächtigen, sondern etwa auch Großbritannien. So richtig auch aus unserer heutigen Zeit nachvollziehbar ist der Block der Volksrepubliken, dominiert von den Chinesen. Aber wenn es eine gute Geschichte ist, sieht man auch über die amerikanisch-sowjetische Bündnispartnerschaft gerne hinweg.

Die Handlung ist verhältnismäßig schnell erklärt. Die Menschheit findet einen neuen bewohnbaren Planeten und schon beginnt der Wettlauf darum ihn zu kolonialisieren. Nach und nach errichten alle Blöcke ihre Basis auf Jem, wobei die Volksrepubliken damit nicht so wirklich Erfolg haben.

Der einzige Haken, der Planet hat schon intelligente Einwohner. Krabenähnliche Gestalten, die Kirpits, Wühler, die unter der Erde leben, und Ballonwesen die im Himmel schweben. Und was Frederik Pohl damit eigentlich erzählt, die die Nacherzählung der Kolonialisierung Amerikas. Denn wie einst die Europäer die Indianerstämme wahlweise bekämpften oder sich als Verbündete gefügig machten, beginnt auch jeder der drei Blöcke es mit den Ureinwohnern von Jem zu machen. Wobei auch diese und ihre fremde Kultur in Pohls Erzählung zu Wort kommen, und ihre eigenen Pläne schmieden. Mal, weil sie die Neuankömmlinge als Freunde begrüßen, auch wenn ihr eigenes Volk seit dem dezimiert wird, mal, weil sie sie gegeneinander ausspielen wollen, um die Herrschaft über ihren Planeten zurückzugewinnen.

Aber was Europa für die Indianer war, ist die Erde hier für die ursprünglichen Bewohner von Jem. Eine ferne Welt, die zuhause ihre eigenen Kriege ausführt. Und so steht die Erde in Jem – die Konstruktion einer Utopie einem drohenden Atomkrieg und damit ihrer Auslöschung gegenüber. Es erinnert an den 7-jährigen Krieg, den nicht nur Friedrich der Große im Herzen Europas führte, sondern auch England und Frankreich in Nordamerika. Und obwohl die ersten Monate auf dem neuen Planeten für alle Menschen nicht gerade einfach sind, auch Lichtjahre von der Erde entfernt bleibt der Krieg der Heimat nicht ohne Einfluss auf die Kolonisten. Und ja, menschlicher Erfindungsgeist sorgt dafür, dass bald auch auf Jem jemand in Besitz einer – wenn auch kleinen – nuklearen Bombe kommt.

Was als wissenschaftliche Mission begann, als Chance über sich hinauszuwachsen, endet im alten Spiel des Krieges. Frederik Pohl beschreibt eine Menschheit, die nicht aus ihrer Haut kann. Der Wille zum Sieg durch das Mittel des Krieges, die Feindschaft zwischen den Völkern, steht dem Menschen auch dann tief in den Knochen, wenn er seinem eigenen Planeten den Rücken gekehrt hat. Selbst wenn ihm klar ist, dass er eine neue Welt besiedelt und die alte Heimat vermutlich nie wieder sieht, selbst dann funktionieren die alten Mechanismen. Und so ist auch diese Konstruktion eines Utopias letztlich die Konkurrenz von verschiedenen Vorstellungen eines Utopias, mit dem Ziel die anderen, vermeintlich schlechteren und bösen zu vernichten, statt gemeinsam an einem einigen Utopia für die Menschen zu bauen. Pohl mag den Untergang der Sowjetunion nicht vorhergesehen haben, die Unveränderbarkeit des menschlichen Wesens aber hat er genau erfasst.

Schreib eine Antwort

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Beiträge