Heimat ist kein Klischee und auch kein Ministeramt

Teilen macht Freu(n)de!

Endlich hat Deutschland einen Heimatminister, auch wenn der sich wahrscheinlich eher als Heimatschutzminister versteht. Heimat ist in aller Munde, d. h. eigentlich nur ihr Klischee.

Wenn selbst die Grünen den Begriff „Heimat“ für sich entdeckt haben, kann er ja nicht mehr spießbürgerlich oder gar rückwärtsgewandt sein. Im Gegenteil, Heimat ist modern. Sie ist geradezu in den Wordschatz des Hipsters von Welt aufgenommen. Dabei geht es in den meisten Fällen allerdings tatsächlich weniger um die Heimat von realen Menschen, sondern in den Köpfen geistert ein Klischee herum. Dorf, Felder und irgendwo ein paar grasende Kühe. Ein Welt also, die man durchaus als bedroht sehen kann. Gerade im Osten von Deutschland sterben Dörfer regelrecht aus, aber auch im Westen sieht es mancherorts nicht besser aus. Die Dorfkneipe hat schon vor Jahren geschlossen, die Sparkasse hat selbst den Geldautomaten schon wieder abgebaut, einen Tante Emma Laden um einzukaufen sucht man ebenfalls vergeblich.

Kein Wunder also, dass wir glauben die Heimat sei bedroht. Doch ist sie das wirklich?

Ich erlaube mir den Einwurf, dass nicht die Heimat bedroht ist, sondern das Klischee, welches wir von ihr in unseren Köpfen verankert haben. Auf die Idee das auch die Stadt Heimat sein kann, das Viertel oder die Straße – darauf kommt  offenbar niemand. Wenn die Stadt überhaupt in der Diskussion vorkommt, dann als das Gegenteil von Heimat. Dabei kann sie so ziemlich jede gängige Definition des Begriffs „Heimat“ erfüllen, nur eben nicht, wenn explizit grasende Kühe dabei sein müssen.

Diese ganze Aufregung um die Heimat ist am Ende doch mehr der Versuch unser Dorf nicht schöner zu machen, sondern zu retten. Dabei darf man sich angesichts herrschender Verteilungskämpfe durchaus die Frage stellen, ob wir uns das überhaupt leisten können. Nehmen wir das Beispiel Dorfladen, die ja nicht ohne Grund schließen mussten. Ich kenne da ein nettes kleines Weindorf in der Gegend, wo die Gemeinde einen neuen Dorfladen subventioniert hat. Alle waren sie davon begeistert wieder vor Ort einkaufen gehen zu können – allein, wirklich eingekauft haben sie weiter im Discounter eine Stadt weiter. Und am Ende konnten auch die Subventionen den Dorfladen nicht mehr retten.

Verklärung rechtfertigt keine Subventionen

Unwidersprochen darf es in Deutschland keine Gegend geben, in der die Lebensbedingungen signifikant schlechter sind als im Durchschnitt. Nichtsdestotrotz sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass die Entscheidung für das Leben auf dem Land oder in der Stadt letztlich eine zutiefst persönliche Lebensentscheidung ist. Und es kann nicht Aufgabe des Staates sein jede persönliche Lebensentscheidung mit Subventionen zu unterstützen. Wer auf dem Land lebt, hat einige Vorteile für die andere Urlaub machen müssen. Aber wie das so ist im Leben, es gibt halt immer auch die andere Seite der Medaille. Und das ist nun einmal eine naturgemäß schlechter Infrastruktur, weil sich ein städtische Infrastruktur dort schlicht und einfach auch in Jahrzehnten nicht rechnen wird. Dafür hat der Stadtbewohner die bessere Infrastruktur, darf sich aber intensiv mit dem Thema Feinstaub auseinandersetzen.

Freilich werden solch nüchterne Betrachtungsweisen die Politik nicht daran hindern unter dem Deckmantel „Heimat“ weiter Geld in dörfliche Strukturen zu pumpen. Das macht sich einfach gut. Selbst bei den Wählern in der Stadt, die dem gleichen Klischee nachhängen und glauben man müsse da etwas retten.

Vielleicht sollten wir uns aber auch die Frage stellen, ob es da überhaupt etwas zu retten gibt. Oder ob nicht einfach ein Wandel in der Bevölkerungsstruktur stattfindet, in dessen Verlauf die Menschen eben in die Städte abwandern. Daran kann kein Dorfladen etwas ändern, außer Ressourcen zu binden, die vielleicht bei der Errichtung moderner Städte fehlen. Wer die Heimat der Menschen schützen will, muss eben am Ende dorthin gehen, wo die Menschen wirklich sind. Künstlich ein Klischee am Leben zu halten ist die Aufgabe von Freilichtmuseen, nicht die des Staates.


Teilen macht Freu(n)de!

2 Comments

  1. Ich fand einen Ansatz dabei überhaupt nur interessant. Du hast ihn angesprochen. Wenn dieses Ministerium erreichen würde, dass die Lebensbedingungen sich in Stadt und Land einigermaßen anpassen ließe, wäre das in meinen Augen ein großer Fortschritt. Ich würde allerdings nicht davon ausgehen, dass ein solcher Eingriff in bestehende Strukturen nicht ganz schön teuer werden könnte. Ohne staatliches Geld, sprich Subventionen, wird das nicht ablaufen können. Wir erleben insbesondere im Osten eine anhaltende Landflucht. Das hat logischerweise viele verschiedene Ursachen. Mir wurde immer gesagt: Man geht dorthin, wo die Arbeitsplätze sind. Ja, hab ich auch so gemacht. Nur – kann man das von allen Menschen verlangen? Natürlich nicht. Aber soviel Geld kann der Staat gar nicht in die Hand nehmen, um dieses Problem auch nur ansatzweise zu lösen. Aber er könnte dafür sorgen, dass die mediz. Versorgung halbwegs ausgeglichen ist und dass vernünftige Schulgebäude zur Verfügung stehen. Infrastruktur auf dem Land (übrigens auch die immer wieder angesprochene technische Infrastruktur) sollte der Staat schon ausgeglichen herstellen können. Du siehst, ich bin noch optimistisch. Also, nicht quatschen, Horst Seehofer, sondern los legen. Danach können wir auch wieder über Leidkultur schwätzen.

    1. Ich würde das noch nicht mal in Zusammenhang mit den Flexibilisierungansprüchen der Wirtschaft sehen, im Sinne von man muss der Arbeit nachziehen. Ich glaube im Prinzip stört mich daran auch die klammheimliche Definition des Wortes „Heimat“, das dahinter nämlich immer ein Dorf steht, oder bestenfalls eine Kleinstadt. Das für viele aber auch ihr Viertel in Hamburg oder Berlin Heimat ist, wird dabei links liegen gelassen. Generell hat man ja gerade durch die Person Horst Seehofer irgendwie das Gefühl es soll demnächst überall aussehen wie im Allgäu oder Bayerischen Wald.

      Das jedoch die Lebensbedingungen einigermaßen ausgeglichen sein müssen, da sind wir einer Meinung. Ebenso wahrscheinlich darin, dass das ziemlich teuer werden kann. Die Lösung ist aber letztlich deshalb, dass garantiert sein muss, dass eine Schule, ein Krankenhaus usf. für jeden in einer vertretbaren Entfernung erreichbar sein muss. Aber das ist eben kein Plädoyer für Dorfschulen, sondern lediglich dafür, dass ein Kind aus dem Dorf nicht erst Stunden durch die Landschaft fahren muss, um eine Schule zu erreichen. Sobald es um höhere Bildung ging, war das ja auch in der „guten alten Zeit“ nicht anders.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.