Die Diskussion ob sich Özil und Gündogan mit einem autokratischen Präsidenten ablichten lassen dürfen ist vorbei. Sie dürfen! Sie mussten!

Wochen hat Deutschland gestritten, ob sich zwei deutsche Nationalspieler aufgrund ihrer türkischen Wurzeln mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan für dessen Wahlkampf ablichten lassen dürfen. Jetzt ist es höchstinstanzlich geklärt, ja dürfen sie. Und sie dürfen nicht nur, sie müssen es sogar, es ist geradezu ihre Pflicht als deutsche Staatsbürger gewesen. Wie sollte man sonst erklären, dass bei einem anstehenden Staatsbesuch Erdogans im Herbst wohl sogar das ganz große Paket geliefert wird, mit militärischen Ehren und Staatsbankett, was das Protokoll eben so hergibt. Muss schon sein, schließlich wollen Steinmeier und Merkel den Erdogan vor den ganzen in Deutschland ansässigen AKP-Wählern nicht schlecht aussehen lassen.

Die deutsch-türkische Geschichte ist lang, und sie geht weit tiefer, als es den meisten Deutschen bewusst ist. Sie begann nicht erst mit der Aufnahme türkischer Gastarbeiter, sondern schon zu einer Zeit vor Atatürk, als Istanbul noch die Hauptstadt des Osmanischen Reichs war. Das Deutsche Reich und das Osmanische Reich waren im 1. Weltkrieg Verbündete, und auch als Atatürk die Türkei schuf, rissen die Verbindungen nicht ab. Nicht wenig, was heute die türkische Verwaltung ist, also der Teil, den Erdogan nicht entlassen hat, basiert noch auf der Aufbauarbeit deutscher Exilanten, die als Beamte nicht im Dritten Reich dienen wollten. Die Verbindung unserer beiden Länder ist tiefgreifend.

Daraus könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dass es jetzt die Aufgabe Deutschlands wäre die demokratischen Kräfte in der Türkei zu stützten. Es ist auch nicht allein dem hohen türkisch-stämmigen Bevölkerungsanteil geschuldet, dass viele Türken die vor Erdogan aus ihrer Heimat fliehen, nach Deutschland kommen. Jemanden der Journalisten und Richter ins Gefängnis wirft, weil sie weder Freiheit noch Recht aufgeben wollen, und der 10.000e Beamte entlässt und durch willfährige Anhänger ersetzt, die große diplomatische Bühne zu geben, ist aber ein fatales Signal. Ja, natürlich muss man weiter auch mit Erdogan reden, aber Leute, das geht auch anders. 

Das Thema „Selbstachtung und Würde“ ist für die derzeitige Regierung seit der Merkel-Seehofer-Auseinandersetzung vor wenigen Wochen endgültig durch. So gesehen sind Erdogans Nazi-Vergleiche und sein Deutschland-Bashing wohl tatsächlich kein Hindernisgrund für ein Staatsbankett. Bleibt aber noch das Signal, das Deutschland damit jener Hälfte der türkischen Bevölkerung sendet, die sich nicht von der Propaganda belügen und von den Drohungen beeindrucken lässt. Und dieses Signal ist verheerend, das wird niemand verstehen. Ich ehrlich gesagt auch nicht.

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