Die Hölle ist ein unangenehmes Thema, so unschön. Man redet nicht gern drüber. Und, hat man sie nicht eigentlich abgeschafft?

Mit der Förderung von Printjournalismus durch deutsche Bischöfe ist das so eine Sache. Es gibt auch in Deutschland diverse qualitativ hochwertige Publikationen, aber mangels Kontrolle fördert das Episkopat doch lieber die heimischen Bistumszeitungen. Die allerdings nicht selten Journalismus eher simulieren und kaum auf das Niveau engagierter Vereinszeitungen hinaufkommen. Das Sonntagsblatt des Bistum Würzburgs macht da leider keine große Ausnahme – und ja, auch das Printheft ist so altbackend, wie der Internetauftritt daher kommt.

Von Zeit zu Zeit läuft einem dann aber doch mal ein Artikel über den Weg, dem es mühelos gelingt jedes Vorurteil zu belegen, so wie Hölle, Frieden, Christentum von Ulrich Bausewein. Auf der Suche nach brandheißen – schlechtes Wortspiel, ich weiß – Storys hat Bausewein eine alte Ausgabe des Sonntagsblatt aus dem Jahr 1986  hervorgeholt. Damals muss im deutschen Katholizismus noch düsteres Mittelalter geherrscht haben, denn man veröffentlichte eine Geschichte aus dem 14. Jahrhundert, in der ein Verstorbener aus der Hölle zurückkehrt, um einen Freund vor den Qualen dort zu warnen, die er wegen seiner Eitelkeit und sexuellen Lust dort zu erleiden hat. Natürlich beschwert sich Bausewein zuallererst darüber, dass der Verdammte ja eigentlich ein guter Mensch gewesen sein könnte. Also nett zu seinen Mitmenschen und überhaupt ja eigentlich ein dufter Typ. Na ja, ganz ehrlich, so viel Gottvertrauen sollte ein Schreiberling einer Bistumszeitung schon haben, dass unser Verdammter nicht aus Versehen in der Hölle gelandet ist. Aber Scherz beiseite, das ist eine Geschichte. Der Sinn dieser Geschichte lag darin, Menschen vor Eitelkeit und Geilheit zu warnen, nicht die Lebensgeschichte des Verdammten zu beschreiben. Da hätte man ein Buch schreiben müssen. 

Das Problem an solcher Höllen- und Fegefeuerkritik ist, dass sie im Kern nie ganz unberechtigt ist. Natürlich wurde die Angst vor dem Fegefeuer allzu oft erzeugt, um Menschen unter Kontrolle zu halten. Als Hobbesianer bin ich natürlich geneigt darin eher ein notwendiges Übel zu sehen, aber ich sehe ein, dass das die schlechte Methode ist jemanden zum Guten zu bekehren. Allein, wenn wir alle Dinge abschaffen würden, die sich missbrauchen lassen, würden wir nackt im Weltraum schweben, weil nichts übrig geblieben ist. Eigentlich würden nicht mal mehr wir selbst da sein, wenn man es genau nehmen möchte.

Bausewein greift im folgenden die These des Religionssoziologen Michael Ebertz auf, der den Höllenglauben seit 1945 auf dem Rückzug befindlich sieht, also seit Europa eine bisher nie dagewesene Friedensphase erleben darf. Und dann wird Bausewein tollkühn:

Und anders, als es manche Christen darstellen, sind seither nicht nur Werte verfallen. Vielmehr wird häusliche, institutionelle und staatliche Gewalt heute oft viel sensibler beurteilt und gewissenhafter geächtet als jemals zuvor. –  Quelle: sobla.de

Ja, das mag stimmen, aber was hat das a) mit dem Fegefeuer und der Hölle zu tun, und warum wird b) der Werteverfall deshalb halb so schlimm? Erläuterungen oder gar Antworten bleibt Bausewein schuldig, vielmehr fördert er beim Leser den Schluss, die Gesellschaft sei sensibler beim Thema Gewalt, weil der Glaube an die Hölle abgenommen hat. Was er im folgenden untermauert:

Ein Fazit für unsere Zeit? Schau nicht so viel auf das verhüllte Jenseits. Schau lieber, welche Höllenpein im Diesseits du anderen ersparen kannst. – Quelle: sobla.de

Wenn jemand in diesem Zusammenhang von „unserer Zeit“ spricht, ist generell Vorsicht angesagt. Zwar muss man auch hier zustimmen, wenn es darum geht im Hier und Jetzt seinen Mitmenschen zu helfen, aber ist eine kirchlich-offizielle Veröffentlichung der Ort, an dem man Gläubigen sagt, denkt nicht an das Jenseits? Ich meine, möglicherweise habe ich die letzten knapp 2.000 Jahre Christentum missverstanden, aber streben wir nicht darauf zu.

Ulrich Bauseweins kurzer, aber in Unsinnigkeit großer Text reiht sich ein in den heutigen Zeitgeist, dem eine auf Gott gerichtete Religion nicht ins Konzept des täglichen Lebens passt. Der Glaube an sich ist ihnen fremd geworden, sie erstreben eine Kirche, die genau das macht, was sie – zurecht – jenen vorwerfen, die die Hölle als Druckmittel für den rechten Lebenswandel missbraucht haben. Sie streben ein Christentum an, das dem Menschen während seiner kurzen Lebensspanne auf der Erde nutzen soll, nicht darüber hinaus. Das nach dem Tod die Sünden im Fegefeuer reingewaschen werden, am Ende auch die Hölle drohen kann, ist ihnen unangenehm. Sünde ist ja überhaupt auch so ein unangenehmes Wort, aber wenn man, wie Bausewein schreibt, einem weinenden Menschen auf die Schulter klopft, wiegt es das doch wieder auf. Und überhaupt, verzeiht Gott doch eh alles, oder? 

Fegefeuer und Hölle sind katholische Grundsätze, die rein realpolitisch heute der Evangelisierung der Katholischen Kirche in Deutschland durchaus noch im Weg stehen. Vor allem aber sind sie mitunter auch eine Bastion gegen den Versuch den Glauben an Jesus Christus umzuwandeln in eine esoterisch angehauchte NGO, deren Symbol ein gematerter Mann am Kreuz ist – es sei denn, der Anblick des Gekreuzigten ist Menschen wie Ulrich Bausewein irgendwann auch zu brutal.

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