Deutschland 2017 – Die Zombieapokalypse wäre menschlicher

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Zwei Sanitäter kämpfen in Berlin um das Leben eines Einjährigen. Ein Mann kommt hinzu, dessen Auto vom Rettungswagen blockiert wird. Er fordert die Retter auf sich zu „verpissen“.

Der Deutsche geht eben gern zur Arbeit, davon kann ihn nichts abhalten. Nicht einmal ein Rettungswagen, der vor einer Kita steht weil dort ein einjähriger Junge bewusstlos zusammengebrochen ist. Statt zu warten, stellt sich der Deutsche dem Rettungssanitäter in den Weg und bedroht ihn, weil er doch zur Arbeit muss.

Zuvor hat er schon wütend den Außenspiegel vom Rettungswagen abgetreten. „Ich habe ihm erklärt, dass wir gerade ein Kind reanimieren und den Rettungswagen jetzt nicht wegfahren können“, so der Sanitäter zur B.Z. „Doch der hat sich drohend vor mir aufgebaut, als ob er gleich zuschlagen will.“ – Quelle: B.Z.

Darauf das dort ein kleines Kind reanimiert werde, hatte der Mann laut B.Z. nur zur Antwort: „Verpisst euch, ich muss zur Arbeit.“

Diese traurige Geschichte scheint mir nur ein weiterer Baustein zu dem zu sein, was man so Deutschland 2017 nennen kann. Dabei geht es nicht allein um die viel beklagte zunehmende Gewalt die Sanitäter, Feuerwehrleute oder Polizisten trifft, sondern um eine scheinbar zunehmende Verrohung der Gesamtgesellschaft. Auf der einen Seite fallen die Hemmungen, auf der anderen Seite steigt der ich-zentrierte Individualismus – und beides schaukelt sich hoch zu einem Kampf aller gegen alle. Hobbes‘ homo homini lupus is back!

Jeder ist sich selbst der Nächste!

Wir leben in einer Welt in der die persönliche Freiheit offenbar auch im ganz gewöhnlichen Alltag oberste Direktive geworden ist. Das eigene Fortkommen, ob jetzt in der Karriere oder auf dem Weg zur Arbeit ist oberstes Ziel, dem sich nichts und niemand in den Weg stellen darf. Ich sehe etwas was ich haben will, wenn das Risiko einer Bestrafung gering genug ist, nehme ich es mir! Schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Und lautet das Mantra der modernen liberalen Gesellschaft nicht: Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht! Nur wer Ellenbogen hat, kommt voran. Nicht umsonst ist die Dichte von Psychopaten unter den Erfolgreichen höher als im Gesamtdurchschnitt. Wir predigen manchmal vielleicht Empathie, aber in Wahrheit ist Empathielosigkeit eine fest eingeplante Biegung auf dem Weg des Erfolgs.

Passend dazu verlieren Werte wie Anstand ihre Bedeutung. Der Satz „So etwas tut man einfach nicht“ wirkt nur noch oberlehrerhaft und löst als einzige Reaktion genau das Gegenteil aus. Wir leben in einer Gesellschaft in der wir nicht alles in Gesetze packen, weil wir davon ausgehen, dass jedes Mitglied jene ungeschriebenen, kulturell erworbenen Gesetze kennt und im Sinne eines guten Zusammenlebens auch befolgt. Doch irgendwie sind entweder immer weniger Menschen mit diesen ungeschriebenen Regeln vertraut – oder ignorieren sie bewusst. Viele von ihnen stören offenbar nur auf dem Weg zum persönlichen Benefit.

Hemmschwelle liegt bei 0

Und inzwischen ist diese Entwicklung so weit fortgeschritten, dass eine Generation aufgewachsen ist, die nicht einmal die ultimative Grenze des menschlichen Lebens noch anerkennt. Auch im oben geschilderten Fall war der Autofahrer erst knapp über 20. Andere junge Leute stoßen Frauen schon mal die Treppe runter oder versuchen Obdachlose anzuzünden. Was hat die Hemmschwelle so tief absinken lassen? Und warum reagiert die Gesellschaft zwar mit einem Aufschrei, hat aber gleichzeitig eine Justiz die die Täter im Zweifel eher noch nach Jugendrecht aburteilt? Sind ja noch halbe Kinder, die wissen es nicht besser. Manchmal fürchte ich, dass sie es tatsächlich nicht besser wissen, weil ihnen offenbar niemand mehr die grundlegensten Dinge beibringt. Aber muss ein Mensch nicht von sich aus begreifen können, dass es etwas anderes ist mit einer Lupe Ameisen zu verbrennen, als einen Obdachlosen mit Benzin zu überschütten? Muss man das jemanden tatsächlich noch beibringen?

Wer nach Erklärungen sucht, landet schnell bei den Medien und natürlich im Internet. Pauschal ist es natürlich Unsinn sie für die Entwicklung allein verantwortlich zu machen. Das Argument, dass Amokläufern zwar Killerspiele gespielt, aber eben auch Brot gegessen haben, greift mir aber inzwischen zu kurz. Natürlich haben auch Gewaltdarstellungen wie diese Einfluss auf das Handeln, man frage nur mal eine durchschnittliche Prostituierte, was manch Gewaltpornos konsumierender Freier plötzlich für Ideen hat. Ideen, die er zuhause mit der Ehefrau oder Freundin nie ausleben würde, weil ihn dort noch etwas abhält. Dieses Etwas scheint aber in unserer Gesellschaft bei zu vielen Menschen zunehmend schwächer zu werden. Denn Abstumpfung durch Gewaltdarstellungen tritt nur ein, wenn wir das auch zulassen. Selbst Gewaltfantasien sind an sich vielleicht bedenklich, aber am Ende eben nur Fantasie, weil eine Schranke verhindert die bewusste Entscheidung zu treffen diese in die Realität umzusetzen.

Solange man darüber nachdenkt, scheint diese Grenze noch halbwegs zu halten. Im Affekt aber, aus Wut oder einfach einer Laune heraus, sieht das heute nun aber leider schon anders aus.


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vor 2 Wochen