Der Vergleich, der verdammte Vergleich mit Anderen

Teilen macht Freu(n)de!

Manche scheuen Klassentreffen, weil sie alt und dick geworden sind. Oder man fürchtet die anderen seien immer noch jung und dünn.

Wenn man wie ich Schulabschlüsse wie andere Leute Briefmarken gesammelt hat, müsste man sich vor Klassentreffen & Co. eigentlich gar nicht mehr retten können. De facto finden sich solche Treffen aber natürlich eher bei jenen Schulen, bei denen man länger als ein oder zwei Jahre gebraucht hat. Und so steht eigentlich auch auf meiner Liste im Wesentlichen nur die Hauptschule, irgendwas, was im letzten Jahrtausend stattgefunden hat, und das Alumnitreffen meiner Clique von Wirtschaftsinformatikern an der FH Ansbach (oder wie immer sich die FH jetzt nennen mag).

Klassen- oder Alumnitreffen sind aber wahrscheinlich sowas wie der FC Bayern, man liebt sie, oder man hasst sie. Oder abgeschwächt, man freut sich drauf, oder ignoriert sie so gut es geht. Es gibt aber auch eine Reihe von Leuten, die würden vielleicht schon wollen, lassen es dann aber doch bleiben. Meistens hängt dass dann nicht damit zusammen, dass sie selbst alt und dick geworden sind, wie im Teasertext suggeriert, denn unter uns, die Wahrscheinlichkeit, dass das auch auf alle anderen zutrifft, liegt bei roundabout 90 %. Und mit dieser einen Klassenkameradin, die immer noch genauso heiß aussieht wie damals, kann man(n) ganz gut leben.

… Klassentreffen is coming

Der Grund ist aber von diesem Prinzip gar nicht soweit entfernt. Warum? Nun, entgegen von der FDP in die Welt gesetzten Gerüchte befinden wir uns keineswegs in einer Leistungsgesellschaft, sondern in einer lupenreinen Erfolgsgesellschaft. Und mit wem lassen sich die eigenen Erfolge wohl besser vergleichen, als mit jenen, mit denen man damals gemeinsam die Schule oder Hochschule abgeschlossen hat. Die individuellen Noten hin oder her, eine derart identische Kombination an gleichen Startvoraussetzungen finden man ansonsten bestenfalls noch beim Start der 100 Meter bei den Olympischen Spielen. Yep, und wenn einem das erstmal einen gefährlichen Gedanken wert war, beginnt man sich zu fragen: Wo stehe ich eigentlich gerade? Wo stehen die anderen? Will ich da wirklich hin?

Erfolg ist relativ, aber das hilft den Zweiflern nicht weiter

Jetzt könnte ich etwa bei jenem Treffen meiner alten Schulkameraden der Hauptschule etwa ganz entspannt sein. Nach dem Hauptschulabschluss später noch ein Studium abgeschlossen, das ist kein Unikum aber doch zumindest eine Seltenheit. Als dieses Jahr jedoch mal the big one in Sachen Klassentreffen anstand und ich Mühe hatte den Beitrag für die geplante Schiffsfahrt auf dem Main zusammenzukratzen – na, da fragt man sich schon, wie erfolgreich man wirklich ist. Nicht so wirklich, oder? Zumindest finanziell steht jeder meiner Klassenkameraden die seinerzeit klug genug waren Kfz-Mechaniker & Co. zu werden deutlich besser da als ich. Aber da Erfolg ja bitteschön nicht allein finanziell zu sehen ist, gibt es ja noch wichtigere Dinge: Familie zum Beispiel. Da stehe ich – ach lassen wir das Thema.

Um das alljährliche Alumnitreffen auf dem Christkindelmarkt in Nürnberg habe ich mich dann aber nicht gedrückt, wie auch, schließlich organisiere ich die Nummer sei jetzt über zehn Jahren mit. Aber wie man da so dasaß und sich gegenseitig natürlich berichtete, wie das letzte Jahr so lief – oder wie’s allgemein so läuft – waren wieder meine berühmten 15 Minuten Abwesenheit. Diese Abwesenheit, in der das Stimmengewirr um einen herum zu einem inhaltslosen Echo wird, während die eigene Stimme im Kopf umherschallte und die berühmte Frage stellt: Was ist eigentlich bei dir schief gelaufen?  Du sitzt allein in deiner Ein-Zimmerwohnung, während andere ihre Häuser gebaut haben. Dein Jahresurlaub bestand aus einem Pfingstwochenende an der Mosel, während andere in die USA fliegen oder während ihrer Hochzeitsreise Pinguine am Südpol beobachten. Da ist man richtig froh darüber, dass das „Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!“-Spiel unter Freunden nicht üblich ist.

Warum hat sich dieses deskriptive Verhalten so tief bei uns eingefressen? Warum liegt uns der Vergleich mit anderen näher, als die Überlegung, dass das was man hat nicht auch genug ist? Nur weil es schwer ist A zu definieren, ohne es von B, C oder D abzugrenzen? Die Welt wäre doch am Ende besser dran, oder?

Hmm, wahrscheinlich nicht. Ich fürchte während der Gedanke der Zufriedenheit mit dem was man hat, eine kulturelle Herangehensweise ist, steckt hinter dem Vergleich ein evolutionärer Antrieb. Warum? Nun, weil die Evolution davon ausgeht, dass in solchen Situationen genug Menschen mit dem Versuch reagieren mehr zu erreichen, als jene haben, mit denen man sich vergleicht. Mit anderen Worten, durch den Vergleich mit anderen entsteht Wettbewerb. Und im Wettbewerb kommt die Gesamgesellschaft voran, weil langfristig alle – wenn auch nicht in gleichen Teilen – quasi mit nach vorn gezogen werden. Zufriedenheit, das ist die traurige Erkenntnis, mag uns als Ziel erstrebenswert sein, wird es aber von zu vielen auch tatsächlich erreicht, bedeutet es schlicht und einfach Stillstand.

Tja, was soll man da noch sagen? Fuck you Evolution!


Teilen macht Freu(n)de!
vor 1 Woche