Der Fußball ist unpolitisch – also, offiziell zumindest

Teilen macht Freu(n)de!

Endlich hat Fußball-Deutschland ein anderes Thema als den Videobeweis. Besser macht es das aber auch nicht.

Die Lostöpfe sind leer. Die deutsche NationalMannschaft bekommt es mit Schweden, Mexiko und Südkorea zu tun. Keine Laufkundschaft, aber machbar. Und wie heißt es so schön, wenn du Weltmeister werden willst, musst du eh alle schlagen.

Kurzum, sie haben also begonnen, die Neuauflage der Putin-Spiele. Aber es hat wahrscheinlich keinen Wert sich darüber aufzuregen, den wir wissen alle, Geld regiert die (Fußball-)Welt. Ähm, ich wollte natürlich sagen, der Fußball an sich ist eine völlig unpolitische und neutrale Angelegenheit. Jeder kann kicken, da fragt man nicht nach der politischen Gesinnung. Natürlich ist dieses Argument des Unpolitischen, das ja auch das IOC immer anführt, wenn sie die Spiele an den nächsten Diktator vergeben, im Grunde einmal völliger Bullshit. Die Fußballweltmeisterschaft ist eben nicht unpolitisch, sondern im höchsten Maße politisiert, weil sie sich vor den Propagandakarren eines „lupenreinen Demokraten“ spannen lässt.

Aber das war im Grunde schon immer so. Boykotts sind schlecht fürs Geschäft, da müsste schon wieder Kalter Krieg sein, um kein Team nach Moskau zu schicken. Schließlich war etwa der Olympiaboykott von 1980 ja kein Boykott aus menschrechtlichen Beweggründen, sondern eine zutiefst politische Entscheidung in Zeiten des Kalten Krieges. Aber der ist nun einmal vorbei, der Kapitalismus hat gesiegt. Was auch das Umfeld von Wladimir Putin dankbar zur Kenntnis nimmt, ist doch der ein oder andere Korruptionsskandal bereits auffällig geworden.

Dank der ausländischen Agenten, also der westlichen Medien, die hat man ja in Russland kürzlich im Sprachgebrauch umtaufen lassen. Medien, die uns natürlich im Vorfeld versprechen werden, auch in Russland wieder kritisch hinzuschauen, wie sie es uns auch bei Putins Propaganda-Olympia in Sotchi versprochen haben. Wahrscheinlich wird das am Ende aber auch nur ein weiterer Beweis dafür, das der Sportjournalismus von heute, sagen wir, sich völlig zurecht nur auf das Kommentieren von Veranstaltungen beschränken sollte – mehr kann er nämlich längst nicht mehr. So ein Fußballspiel ist ja schon kompliziert genug, da kann man sich nicht um so Nebensächlichkeiten wie Demokratie und Menschenrechte kümmern.

Ah, Moment, Menschrechte, da war doch noch so eine WM? Richtig, vier Jahre später. Während in Katar beim Bau der Fußballstadien immer noch nepalesische Gastarbeiter als Sklaven gehalten werden, diskutierte Deutschland einzig und allein über den Videobeweis. Kein Wunder, wer die hiesigen Medien in den letzten Monaten nach der Lage der Sklaven in dem arabischen Emirat durchsuchte, stieß bestenfalls auf eine Meldung über eines der Fußballstadien, das man im Anschluss wieder zerlegen und woanders aufbauen kann. Zweifellos eine echte Innovation, wenn keiner dabei draufgehen würde, wäre mir aber doch deutlich wohler bei der Sache.

Aber auch hier braucht sich der deutsche Fußballfan keine Sorgen zu machen, auch in Katar wird natürlich gespielt. (Es sei denn die Saudis überlegen es sich nochmal und marschieren dort doch noch ein.) Aber ansonsten dürfte die Hauptsorge des DFB natürlich seinen teuren – im wahrsten Sinne des Wortes – Spielern gelten, wie sie denn mit den Temperaturen zurecht kommen. So richtig angenehm sind die bei dem Spieltermin natürlich immer noch nicht. Ob man dagegen das Spielfeld schnell genug trocken bekommt, damit die Elite des Weltfußballs beim Spielen nicht in dem vom Blut der Arbeiter getränkten Feld versacken, ist Aufgabe der Scheichs. Notfalls wird halt schnell noch von irgendwo ein neuer Rasen eingeflogen und drüber gelegt. Dabei könnte man zwar anmerken, dass Katar genug Geld und Mittel hätte die Arbeiter anständig zu behandeln und zu bezahlen, aber na ja, so einen Rasen einzufliegen ist auch nicht billig, da bildet man lieber ein paar Rückstellungen und die fehlen halt dann andernorts.

Gibt es deshalb zumindest einen Zuschauerboykott? Nein, auch damit ist nicht zu rechnen. Bei beiden Weltmeisterschaften werden sich auch in Deutschland wieder die Massen zum Public Viewing verabreden und ihren modernen Gladiatoren zujubeln, denen im Grunde längst egal ist für wen oder was sie da überhaupt spielen, Hauptsache es erhöht ihren Transferwert. Erst kommt das Fressen, dann die Moral – eine Feststellung die längst der Vergangenheit angehört. Satt könnte man längst sein, aber auch wenn man längst genug hätte, Moral stellt sich immer noch nicht ein. Vielleicht gibt es die in diesem Zusammenhang ja auch nicht. Geld kann man nie genug haben, da ist man doch gerne das politische Werkzeug in den Händen von Menschenschindern.


Teilen macht Freu(n)de!
vor 2 Wochen