IT-Manager Rüdiger Striemer hat mit Von der Chefetage in die Psychiatrie – und zurück einen, wie ich finde, sehr lesenswerten Artikel zum Thema „Burnout“ geschrieben – oder vielmehr zu den dahinter steckenden Krankheiten wie Depressionen oder auch Angststörungen. Ich interessiere mich ja auch für die Psychologie und gerade dieser Bereich, der vielleicht das alltäglichste Zeichen psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist, findet immer mein besonders Interesse.

Zunächst einmal muss man Striemer zustimmen, es ist in den Medien ruhig geworden um das Thema Burnout. Es findet nicht einmal mehr eine größere Berichterstattung zu den Ursachen statt, etwa die ständige Erreichbarkeit dank moderner Techniken. War Burnout für die Medien am Ende nur ein Strohfeuer, um ein schlechtes Wortspiel zu bedienen. Ist es jetzt ausgelutscht? Oder gibt es einfach keinen prominenten Fall mehr, den man aktuell ausschlachten kann?

Gehen wir eine Stufe tiefer: Burnout hat zwei Bedeutungen. Da wäre zunächst die gesellschaftliche Bedeutung, nach der Burnout etwas ist, was man sich „verdient“ hat. Man ist ausgebrannt, weil man zu lange auf zu hoher Stufe gebrannt hat. Damit wird Burnout zumindest in Ansätzen gesellschaftlich akzeptabel, was allerdings noch lange nicht dazu führt, dass jeder der darunter leidet oder gelitten hat es auch offen zugeben möchte. Perverser weise dürften es eher den ein oder anderen geben, der behauptet er würde knapp vor einem Burnout stehen, um zu zeigen wie viel und wie toll er doch Leistung treibt. Im Zweifel ist Burnout aber dann doch das Stichwort, dass manch einer fallen lässt, wenn er nach einigen Wochen Klinikaufenthalt zurückgekehrt ist. Dabei ist Burnout, und hier kommen wir zur zweiten Bedeutung, an sich keine Krankheit. Burnout ist ein Syndrom, dahinter stecken meist Depressionen und Angsterkrankungen. Und – das ist die traurige Wahrheit – der in der Gesellschaft oder beruflich Karriere machen möchte, ist gut beraten zuzugeben depressiv zu sein oder an einer Angststörung zu leiden. Das gesellschaftliche Stigmata ist heute so groß wie eh und je – der Unterschied besteht nur darin, dass man es heute nicht mehr offen zugeben würde.

Depressionen können jeden treffen

Depressionen können jeden treffen

Dieser Umgang ist insofern auch deshalb überraschend, weil Depressionen und Angsterkrankungen kein seltene Erkrankung sind, sondern jeder der diesen Text liest, eigentlich einen Erkrankten kennen müsste. (Was er ziemlich sicher auch tut, eventuell verschließt er nur die Augen oder hat kein Interesse daran.) Mit dieser Alltäglichkeit könnte man eigentlich erwarten, psychische Erkrankungen würden wie ein Rückenleiden oder ein Beinbruch behandelt werden. Was sie auch letztlich sind, denn die meisten Depressionen sind wie jede andere Krankheit auch schlicht von der Medizin behandelbar. Ob also jemand an seinem Arbeitsplatz fehlt und später wiederkommt, weil er Probleme mit der Bandscheibe hat oder wegen einer Angsterkrankung, müsste objektiv betrachtet, gleichgültig sein. Und denn leben wir in einer Gesellschaft und einer Arbeitswelt, in der jeder sagen kann, er habe Rückenprobleme, aber niemand ohne Angst vor den Folgen sagen kann, er habe Depressionen.

Viele argumentieren hier, physische Erkrankungen seien greifbar und somit besser begreifbar, als psychische Erkrankungen. Na ja, insofern man von einem Bandscheibenvorfall ein Röntgenbild mit ins Büro bringen kann, mag das auch stimmen. Aber wer tut denn sowas als Beleg für seine Erkrankung? Oder welcher Herzinfarktpatient versucht später sein Herzproblem derart zu belegen? Dinge wie ein Beinbruch sind für das Auge ersichtlich, aber eben längst nicht alle Erkrankungen. Und dennoch scheinen die Menschen hier einen gewaltigen Unterschied zu machen. So ziemlich jeder Körperteil darf geschädigt werden, aber wenn bei einem im Kopf was nicht stimmt, dann ist er mit Vorsicht zu genießen. Noch viel zu viele begegnen psychisch Erkrankten dann mit Misstrauen: Kann der überhaupt noch volle Leistung bringen? Kann man dem überhaupt noch vertrauen? Am Ende will man lieber kein Risiko eingehen. Was folgt ist dann oft subtiles oder weniger subtiles Mobbing Menschen gegenüber, die ohnehin psychisch angeknackst sind. Oder der Arbeitgeber sucht andere Gründe, die eine Trennung rechtfertigen würden.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus reagieren nicht alle Arbeitgeber so. Ich habe auch mal für ein Unternehmen gearbeitet, wo Betroffene damit relativ offen umgehen konnten. Das Klima innerhalb des Unternehmens war diesbezüglich erfrischend offen und der Geschäftsführer hat das wochenlange Fehlen seines Arbeitnehmers behandelt, wie jede andere Krankheit auch. Allerdings kenne ich eben auch das Gegenbeispiel einer Firma, in der jeder der zu laut gehustet hat wegen Ansteckungsgefahr nach Hause geschickt wurde, beim Auftauchen psychischer Probleme aber hilflos und mit dem einfachsten Weg reagiert wurde: Trennung vom Arbeitnehmer

Hilflos ist hier übrigens eine sehr wichtige Vokabel, weil ich glaube, dass wir nach wie vor viel zu wenig Aufklärung zu dem Thema leisten. Und das, obwohl wie gesagt jeder jemanden kennen müsste, der an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen leidet. Und das Phänomen im Übrigen auch alles andere als eine Managerkrankheit ist, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten auftritt. Es ist im Übrigen auch nicht auf Arbeit im kapitalistischen Sinne beschränkt, sondern betrifft auf Arbeitslose, die mit ihrer Situation nicht zurecht kommen und mit Depressionen darauf reagieren. Eine verstärkte Aufklärung seitens der Krankenkassen, des Staates und der Verbände könnte dieses Problem zumindest mindern. Es könnte zumindest jene erreichen, die hilflos auf solche Situationen reagieren und auf diese Weise einen besseren Weg des Umgangs finden könnten. Damit wäre schon einiges erreicht.

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