Film & Fernsehen | Literatur & Comics

Filmkritik: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

von am 6. August 2017

Um das Urteil gleich an den Anfang zu stellen, Valerian – Die Stadt der tausend Planeten ist rein optisch ein typischer Luc Besson-Film geworden. Vielleicht sogar sein bester Film, aber das bezieht sich eben leider nur auf die Optik. Die Handlung ist zur Nebensache degradiert worden, nicht einmal die Hauptfigur bekommt ein Mindestmaß an Tiefe und die Sozialkritik der Comicvorlage ist bis auf das Thema des Völkermords komplett ins Nirwana verschwunden. Und selbst bei der Zerstörung der Welt der Pearls hat man das Gefühl, Besson hätte auch das am liebsten gestrichen, so wachsweichzeichnend zeichnet er deren Geschichte.

Insofern ist der Titel ein wenig irreführend, man hätte den Namen „Valerian“ auch gleich weglassen können. Natürlich sind die Bilder von Alpha, der Stadt der tausend Planeten, gelungen und hübsch anzusehen. Aber sie wurden der reinen Optik wegen geschaffen, in bunten Bildern und ohne Ecken und Kanten. Selbst eine Sorte Aliens, die ihrem Imperator das Gehirn von Valerians Partnerin Laureline (Cara Delevingne) als Delikatesse servieren wollen, könnten so in jeder ScienceFiction-Serie für Kinder auftreten. Was Besson an Bildern geschaffen hat ist so zuckersüß, das man das Gefühl bekommt eine Woche lang in einem Süßigkeitenladen eingeschlossen zu sein. Am Anfang stopft man sich den Süßkram noch mit Begeisterung rein, aber irgendwann wird einem von dieser knallbunten Welt einfach nur noch schlecht.

Weil einem die zwei Stunden des Films also wie eine ganze Woche vorkommt, findet man genug Zeit die Mängel zu kopfschüttelnd zur Kenntnis zu nehmen. An den bisher eher unbekannten US-Schauspieler Dane DeHaan wird man sich auch trotz der Hauptrolle nicht wirklich weiter erinnern können. Es ist dagegen irgendwie passend, dass allein Sängerin Rihanna mir ihrem viel zu kurzem Auftritt als Formwandlerin Bubbles einen langfristigen Eindruck hinterlässt. Selbstredend hat es Besson aber auch hier versäumt der Figur auch nur die geringste Chance auf eine Entwicklung zu geben.

Kurz um, wer in sich dieser Tage in einem gut klimatisierten Kinosaal zwei Stunden schöne Bilder ansehen will, der ist mit Valerian – Die Stadt der tausend Planeten ganz gut bedient. Wer lieber die Geschichte dahinter kennenlernen will, sollte sich den Comic besorgen und es sich in einem schattigen Plätzchen gemütlich machen.

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Geekstuff | Literatur & Comics

Comic-Rezension – Suicide Squad: Katana

von am 20. Juli 2017

Frauen & Comics – eine schwierige Geschichte? Eigentlich nicht, es sei denn natürlich man blickt auf den Mainstream und die Entscheidungen der verantwortlichen Autoren, Regisseure und Produzenten. Denn dann, war etwa der jüngste „Wonder Woman“-Film so etwas wie die Ausnahme von der Regel. Marvel-Fans, die seit gut zehn Jahren auf einen „Black Widow“-Film warten, wissen wovon ich hier schreibe.

Der weibliche Superheld an sich ist auch heute noch in erster Linie schmückendes Beiwerk im möglichst knappen oder eng anliegendem Kostüm. Dabei hat so manche Figur durchaus ihre Fans und so manches Potential wird da schlicht und einfach verschenkt. Und interessanterweise sind es eben gerade jene weiblichen Superhelden, die man nicht allein auf ein knappes Outfit reduzieren kann, die unter weiblichen, wie männlichen Comiclesern die größten Fangruppen ihr eigenen nennen können.

Etwas bekannter geworden ist seit ihrem Auftritt im Film Suicide Squad und der Serie The Arrow Katana, aus dem DC Universum. Die relativ junge Figur einer unglücklichen Samurai-Kämpferin, deren Schwert die Seelen der Opfer gefangen hält – und darunter auch jener Samurai, den sie liebt.

Katana (links) – © Wiliam Tung – flickr.com

 

Nun braucht niemand auf einen eigenen Film mit Katana zu hoffen, aber der neue Ruhm hat unter anderem dazu geführt, dass dieses Jahr mit Suicide Squad: Katana ein Band mit ihren Abenteuern auch auf Deutsch erschienen ist.

Die Story: In einem europäischen Land versucht eine Verbrecherorganisation unter ihrem Anführer Kobra die Herrschaft zu erlangen. Katana wird dorthin geschickt, um eine Wissenschaftlerin zu evakuieren. Doch auf gerade ebenjene hat es Kobra abgesehen, der bei weitem nicht nur ein kleines europäisches Königreich erobern möchte, sondern mit Hilfe dieser Wissenschaftlerin einen noch ganz anderen Plan verfolgt, an dessen Ende er weit mehr Macht sein eigenen nennen könnte.

Der Titel verrät es, so ganz ohne die bekannteren Figuren der Suicide Squad kommt auch diese Geschichte nicht aus, aber der Autor und Erfinder der Figur Katana, Mike W. Barr, lässt die Gruppe zu angenehmer Weise nur Nebenrollen zukommen. Was aber leider auch daran liegen könnte, dass die gesamte Handlung nüchtern betrachtet zwar gradlinig durch erzählt wird, es ihr dadurch aber eben auch spürbar an Tiefe, oder zumindest Ecken und Kanten fehlt. Als Trostpflaster kann der Leser es da schon sehen, dass zumindest die Titelheldin – die auch immer wieder in der Ich-Form die Handlung erzählt – noch am besten wegkommt. Nebenfiguren, vor allem auch die Bösen, bleiben dagegen erschreckend flach erzählt.

Aber dank Diogenes Neves sind sie zumindest gut gezeichnet. Was dann wieder zu einem deutlichen Pluspunkt des Bandes wird, der eine komplette sechsteilige Comicserie enthält.

Für Fans der Suicide Squad ist der Band also weniger geeignet, vielleicht auch, weil er einige Zeit vor der aktuellen Rebirth-Serie entstanden ist. Wer allerdings auch die Nebenfiguren einmal kennenlernen möchte, die sonst nur schmückendes Beiwerk sind, dem ist dieser Band durchaus zu empfehlen. Und für Fans von Katana – na ja, sagen wir es wie es ist, die traurige Wahrheit lautet doch, da muss man nehmen, was man kriegen kann.

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Literatur & Comics

Rainer Maria Rilke: „Der Panther“

von am 1. Juni 2017

 

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

 

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

 

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

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Literatur & Comics | Philosophie

Science Fiction, die philosophischste Literaturgattung

von am 14. Mai 2017

oder: Dunkle Materie von Carolyn Ives Gilmann

Bekanntlich ist es mit dem fließenden Übergang von E- zu U-Literatur gerade in Deutschland noch immer nicht weit her. Fanatisch, bis zum letzten Buchstaben kämpfend wehren sich die Anhänger der E-Literatur auch nur im gleichen Atemzug genannt zu werden, mit dem, was sie nicht mal mit Handschuhen anfassen würden und was in ihre heiligen Bücherschränke aus Elfenbein nicht mal mit Hilfe von Todesdrohungen gelangen würde. Der Verlust liegt auf ihrer Seite! (Ebenso übrigens, wie der Verlust auf Seiten jener liegt, die Klassiker für elendlangweilige alte Bücherschinken halten, und glauben, es würde gegen die UN Menschenrechts Konvention verstoßen im Deutschunterricht gezwungen zu werden Effie Briest oder Den Zauberlehrling zu lesen.)

Zu der von den Anhängern der E-Literatur vielleicht am geringschätzigsten behandelten Gattung gehört wahrscheinlich die Science Fiction-Literatur, dabei liefert gerade sie mitunter die philosophischsten Betrachtungen der Gegenwart. Denn im Gegensatz zu ihren in der Zukunft liegenden Handlungen, ist es gerade Science Fiction, der die dringlichsten Probleme der Gegenwart aufgreift (in dem er sie weiter denkt). Der geniale Philip K. Dick ist mit seinen teils nur in Groschenheften erschienen Geschichten ein Paradebeispiel für diese Sorte Autoren.

Ob die gelernte Historikerin Carolyn Ives Gilman einst den Rang eines Philip K. Dick erreichen wird, lassen wir mal dahingestellt, aber mit ihrem Roman Dunkle Materie hat sie ein Buch vorgelegt, das sich gewissermaßen vor philosophischen Gedanken nicht mehr retten kann. Da wäre natürlich die dem Genre naheliegende Frage, welchen Einfluss die Entdecker einer neuen Zivilisation auf eben diese unberührte Gemeinschaft nehmen darf. Die dazu erlassenen Regeln sind, ob schon die Gesellschaft nicht von Regierungen, sondern wenigen Konzernen gelenkt wird, erstaunlich streng. Denn auch wenn man weiß, dass schon der geringste Kontakt große Auswirkungen haben kann, geht man doch nach dem Motto vor so wenig wie möglich Einfluss auf „die anderen“ zu nehmen. Im Gegenteil, man will die fremde Zivilisation gerade deshalb so unberührt lassen, weil man von ihr lernen will. Und wer lernt schließlich von einer fremden Zivilisation, der er durch seinen Einfluss praktisch nach dem eigenen Bilde gebildet hat?

Weit interessanter ist aber die Frage inwiefern das Sehen unserer Welt diese Welt beeinflusst, die sich stellt, als die beiden Protagonistinnen der Geschichte auf eine Zivilisation treffen, die über Generationen hinweg in der Dunkelheit gelebt hat und so ihren Sehsinn verlor. Die Bewohner von Torobe haben dagegen gelernt auf andere Art zu sehen, sie fühlen, hören und riechen, so bewegen sie sich in vollkommener Dunkelheit fort, ohne sehen zu müssen. Für einen sehenden Menschen ist das Überleben dort ähnlich schwer, wie für ein junges Mädchen, das auf das Raumschiff der Fremden gerät und sich plötzlich in einer Welt voller „Kisten“ wiederfindet, als die sie unsere mit Wänden versehene Welt erfährt. (Während in der Dunkelheit, die sich zudem vor dem Wetter geschützt in einem großen Höhlensystem befindet, naturgemäß eher unpraktisch sind, besteht doch die ständige Gefahr gegen sie zu laufen.)

Immerhin gehen wir seit Platons Höhlengleichnis davon aus, dass die Dinge auch grundlegend anders sein können, als das Bild, das wir uns mit unseren Augen von ihnen machen. Und auch die Wissenschaft hat inzwischen festgestellt, dass unser Gehirn vorwiegend damit beschäftigt ist der Reizüberflutung Herr zu werden und so viel davon auszusortieren, dass wir das was wir am Ende sehen auch begreifen können – halbwegs begreifen, möchte man hinzufügen. Kurzum, wir machen uns tatsächlich unser eigenes Bild von der Welt. Aber weder muss dieses Bild tatsächlich der Wahrheit entsprechen, noch können wir wirklich sicher sein, ob es mit jenem Bild übereinstimmt, das die Person neben uns im selben Augenblick wahrnimmt.  Und wie „wahr“ kann unser Bild selbst von einem Baum sein, wenn wir doch eigentlich wissen, dass selbst die Farbe eines Blattes eigentlich erst in unserem Hirn entsteht und manch Tiere das selbe Blatt vollkommen anders wahrnimmt?

Unter uns, wahrscheinlich ist es für den Alltag gar nicht so schlecht, dass wir uns dieser Umstände nicht in jeder Minute bewusst sind. Man würde ja ganz verrückt werden, wenn man in den blauen Himmel hinaufsieht und sich fragt, wie er wohl in Wirklichkeit aussieht. Wahrscheinlich genauso verrückt, wie wenn unser Gehirn dankenswerterweise nicht hauptsächlich damit beschäftigt wäre uns die reale Welt zu vereinfachen.

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Literatur & Comics

Dark Side – Ein kapitalistischer Androide läuft Amok

von am 9. April 2017

Was kann sich der Mensch nicht alles vorstellen, was sich auf der dunklen Seite des Mondes befindet. Sogar Weltraumstationen der Nazis sollen angeblich dort ihr Versteck gefunden haben. Dabei ist die dunkle Seite des Mondes nicht mal dunkel, sondern hat genauso Tag und Nacht wie auf der Erde. Die Eigenrotation von Erde und Mond hat sich nur im Laufe der Zeit so gut angepasst, dass uns der Mond immer die gleiche Seite zuwendet. Die dunkle Seite ist also nicht dunkel, wir konnten sie bloß bis zur Erfindung der Raumfahrt nicht sehen.

Copernicus dall'Apollo 17.png
Gemeinfrei, Link

Natürlich verführt allein der Begriff „die dunkle Seite“ dennoch zu einigen Geschichten, wie auch in Anthony O’Neill’s Dark Side. Dort erbaut der zwielichtige Milliardär Fletcher Brass seine eigene kleine Stadt auf: Purgatory – Fegefeuer Und lockt mit dem Versprechen kein Auslieferungsabkommen zu haben – und mit stillschweigender Duldung der Erdregierungen – so manch ebenso zwielichtige Gestalt in sein Fegefeuer. Da aber jede große Ansiedlung nur existieren kann, wenn die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten wird. Gibt es selbst dort eine Polizei, schließlich will man zum Beispiel die Zahl ermordeter Touristen in Grenzen halten. Ist Purgatory doch auch eine Art Las Vegas, nur mit weit weniger Regeln. Und da kommt Damien Justus ins Spiel. Ein Polizist aus eben jenem Las Vegas, auf der Flucht, aber eher vor Verbrechern, als das er selbst eines begangen hätte.  Auf dem Mond will er sich ein neues Leben aufbauen, muss aber schnell merken das es zwar Leute gibt, die an einem besseren Purgatory arbeiten wollen, die Stadt auf der dunklen Seite des Mondes in erster Linie aber noch immer ist, was sie verspricht: ein korrupter Sündenpfuhl

Und während Justus versucht den Mord an einem der engsten Mitarbeiter von Fletcher Brass aufzuklären, macht sich ein Androide auf dem Weg nach Purgatory. Eine gepflegte Erscheinung, die durch den Mondstaub wandert und einen blutigen Roadmovie hinter sich lässt. Denn wer ihm auf dem Weg nach Oz, für das er Purgatory hält, nicht helfen will, wird kurzerhand abgeschaltet. Ob es sich jetzt um einen auf den Mond verbannten Massenmörder handelt, oder eine religiöse Sekte. Der Androide kennt viele Regeln, aber „du sollst nicht töten“ ist nicht darunter – ganz im Gegenteil.

Anthony O’Neill legt ein gut recherchiertes Buch über das Leben auf dem Mond vor, konzentriert sich jedoch bei aller Erklärung vor allem auf seine Charaktere. Ohne dabei zu langweilen oder die Spannung zu strecken widmet er selbst den kurz auftretenden Nebencharakteren viel Aufmerksamkeit. Man könnte fast vermuten, je ausführlicher er jemanden vorstellt, desto sicherer wird der Androide diese Figur umbringen.

Die Story hat ein oder zwei Schwächen, wenn Justus etwa ohne wirkliche Begründung schon zu Anfang auf die Rolle der Androiden aufmerksam wird und ihnen eine durch Handlung eigentlich nicht gerechtfertigte Aufmerksamkeit schenkt. Und natürlich ist das Ende an sich recht vorhersehbar, selbst die kleine als Überraschung erdachte Wende am Schluss kann nicht wirklich überraschen.

Letztlich ist Dark Side aber ein rasant und spannend geschriebenes Stück Science Fiction, das wie jeder gute Vertreter seiner Art im Zentrum eine Frage stellt, die für unsere Gegenwart mehr als bedeutend ist: Was passiert, wenn wir den Kapitalismus schalten und walten lassen wie er will. In der Zukunft werden mordende Roboter deshalb über den Mond streifen.

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