Buchkritik: „Der Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz

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Die Kirche ist immer einen Skandal wert und aus einem Skandal kann man immer ein Buch machen. Manfred Lütz geht allerdings einer ganz besonderen Art von Skandal auf den Grund, denn so skandalös war sie eigentlich gar nicht, die Geschichte der Kirche.

Es gibt Bücher, deren erster Satz es nicht nur in sich hat, sondern auch umschreibt welche Ursache all die auf den folgenden Seiten beschriebenen Geschehnisse haben. „Das Christentum ist die unbekannteste Religion der westlichen Welt.“, ist so ein Satz. Manfred Lütz stellt ihn an den Anfang seines Buches Der Skandal der Skandale – Die geheime Geschichte des Christentums, in dem er auf beinahe 290 Seiten tatsächlich die geheime Geschichte des Christentums erzählt. Die jedoch hat wenig mit dem gemein, was in den letzten Jahrzehnten von so manchem Autor als „geheime Geschichte“ verkauft wurde, wenn es um Macht, Gier oder Sex – oder alles zusammen – in der Kirche geht. Die geheime Geschichte von Manfred Lütz ist insofern ganz modern, weil vieles was angebliches Allgemeinwissen über die Kirche eher auf alternativen Fakten beruht und schlicht und einfach Propaganda ist. Ebenso wie die Hexenverfolgung ein deutsches Problem war, ist auch vieles hiervor typisch Deutsch. Wirkt doch scheinbar nirgends sonst nationalsozialistische und sozialistische Propaganda weiter fort, als wenn es um die Kirche geht.

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Lütz‘ Anliegen ist es dabei nicht die Kirche von ihrer Schuld reinzuwaschen, seine Mission ist es aufzuklären und in die historischen Hintergründe einzuordnen. So werden, um bei den Hexenverbrennungen zu bleiben, aus Millionen noch rund 50.000 Opfer. 50.000 zu viele, jedoch abgeurteilt von weltlichen Gerichten und weniger, je katholisch geprägter der Ort des Geschehens war. Ein anderes Thema ist die spanische Inquisition, die vielen heute als das Paradebeispiel lüsternder Folterung gilt. Am Ende war sie rechtsstaatlicher als man glaubt und die Zahl der Toten im gesamten spanischen Reich war in etwa vergleichbar mit der freien Reichsstadt Nürnberg – und anders als im Frankenlande, hat man in Spanien niemanden lebendig begraben.

Weniger mit Zahlen, als mit Hintergrundfakten geht er die beiden Ikonen atheistischen Weltmachtstrebens um, Giordano Bruno und Galileo Galilei. Bruno’s Wandern durch Europa, wo er von weltlichen und protestantischen Stellen vertrieben oder exkommuniziert wurde, endete schließlich in Rom. Oder anders ausgedrückt, die Kirche hatte plötzlich den Schwarzen Peter gezogen und musste sehen, wie sie damit umgehen sollte. Papst Johannes Paul II entschuldigte sich dennoch, auch zu Recht, für Giordano Bruno’s Ende auf dem Scheiterhaufen. Wie er es auch für den Umgang mit Galileo Galilei tat – wobei man sich bei letzterem durchaus fragen könnte, warum eigentlich. Nüchtern betrachtet besteht die Leistung von Galileo  darin, den absoluten Primat der Naturwissenschaft über alles andere zu fordern. Ein Umstand der den Physiker und Philosphen Carl Friedrich von Weizsäcker eine gerade Linie von Galileo zur Atombombe ziehen ließ. Vor allem aber hat Galileo weder Federn noch Kugeln von schiefen Türmen geworfen, noch das heliozentrische Weltbild von Kopernikus belegt, das ja übrigens auch nicht ganz so korrekt ist, aber Details. In Wahrheit erkannte Rom das kopernikanische Weltbild recht früh an, und die einzigen die damals glaubten die Erde sei eine Scheibe, waren dieselben Leute wie heute: eine extreme Minderheit völlig durchgeknalter Idioten.

So engagiert und pointiert Manfred Lütz Der Skandal der Skandale aber auch schreiben mag. Man wird die traurige Erkenntnis nicht los, das sein Bemühen im Wesentlichen umsonst sein könnte. Nicht wenige der von ihm beschriebenen angeblichen Skandale sind wissenschaftlich-historisch schon seit Jahren widerlegt und tauchen doch gerade immer wieder in populärwissenschaftlichen Publikationen auf, sie gruseln einfach zu gut und wecken dem Voyeur im Publikum. Und es wird wohl ewig nur für die Wissenden ironisch klingen, wenn die Giordano Bruno Gesellschaft den Atheismus predigt, obwohl ihr Namensgeber ein Mystiker und beileibe kein Atheist war. Und während die Wissenschaft Galileo Galilei’s Beitrag zu eben jener rational einschätzen kann, wird er für die anderen weiter eine nützliche Ikone sein, dem die böse Kirche nur schaden wollte.


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1 Comment

  1. Ich habe Herrn Lütz neuestes Buch noch nicht gelesen und bin, angesichts dieser Kritik, auch geneigt es nicht zu lesen. Ich habe bereits eine kräftige Überdosis selbstgerechten Bessermenschentums von Autoren wie Lütz oder Matussek (Christian Nürnberger rubriziert diese Subspecies in seinem Versuch „Oh Jesus!“ als die „Hurra-Katholiken“) abbekommen und werde mich lieber doch wieder Romano Guardini und Nell Breuning zuwenden. Für die brauche ich Zeit und nehme mir Zeit.

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