Ach ja, Ostpreußen, die alte Heimat

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Flucht und Vertreibung. Da war doch was, also vor 70 oder 75 Jahren.

Vorhin habe ich bei zeit online einen recht guten Artikel zum Thema Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg gelesen: Heimat ist, was fehlt Geschrieben aus der Enkelperspektive, also eben auch jener, die ich auf die Geschehnisse von damals habe. Schließlich ist auch meine Familie zu 50% eine Vertriebenenfamilie. Der Opa kam aus Breslau, die Oma aus Memel. Und am Ende hat mir das weit mehr mitgegeben, als die Tatsache, dass Tilsiter meine Lieblingskäsesorte geworden ist.

Ich weiß noch, die schönen Jahre bei meinen Großeltern als kleines Kind. Freitags durfte ich dort manchmal übernachten. Irgendwann ging der schweigsame Großvater ins Bett und ich machte es mir in dem Sessel gemütlich, in dem tagsüber natürlich nur er sitzen durfte. Oben schlief noch mein jüngster Onkel, seines Zeichens Bäcker. Und meine Großmutter hatte es sich zur Angewohnheit gemacht ihn immer in den frühen Morgenstunden zu wecken. Sie selbst blieb so lange wach – und an manchen Freitagen ich eben auch. Und dann begann sie immer zu erzählen. Als gläubige Protestantin natürlich sprichwörtlich viel über Gott und die Welt. Aber manchmal auch von der alten Heimat und manchmal auch von der Flucht.

Ist ein Trauma vererbbar?

Ich weiß nicht ob ich so weit gehen würde davon zu sprechen, dass sich das Trauma der Flucht über Generationen hinweg vererbt. Um ehrlich zu sein, durch meine kindlichen Erinnerungen weiß ich nicht mal, ob meine Großeltern ein solches Trauma mit sich herumschleppten. Ich war noch nicht in dem Alter zu verstehen, als meine Großmutter an Alzheimer erkrankte, der Großvater starb und sie ihm nur wenig später folgte. Ich weiß aber, dass mich diese Phase meines Lebens tief geprägt hat. Und sie noch heute zu jenen Erinnerungen gehört, die mir Kraft und Rückhalt für das Hier und Jetzt geben. Es ist sozusagen der fleischliche Teil an einem alten Gesinnungspreußen wie mir. Die Neigung Haltung zu bewahren, wenn andere sich beugen, weil es vielleicht angesichts der Konsequenzen klüger ist sich zu ducken. Das Erdulden von Plagen, für wie ungerechtfertigt man sie auch halten mag. Das Gottvertrauen.

„Diese Sturheit, diese Dickschädeligkeit, dieses Verkriechen in das eigene Schneckenhaus, wenn einem etwas nicht paßt. Und dann eine plötzliche Heiterkeit, ein breites Lachen, ja, eine unbändige Fröhlichkeit – so einfach in der fast kindlichen Freude am Witz, am Wortspiel, am Erkennen der menschlichen Schwächen, auch der eigenen.“ – Ruth Geede

Und ich glaube das viele Enkel von Vertriebenen auf diese Weise geprägt wurden, unabhängig davon ob die Großeltern zum Beispiel in den Vertriebenenverbänden ihr kulturelles Erbe gepflegt haben. Besteht ein kulturelles Erbe, das Erinnern an die verlorene Heimat, doch aus mehr als Trachten, dem alten Dialekt oder anderen Bräuchen.

Ostpreußen auf alten Landkarten

Vielleicht ist die Generation der Enkel hier sogar im Vorteil gegenüber unseren Eltern, die in einer Zeit groß geworden sind, in der man Flucht und Vertreibung nicht als schweres Schicksal des Einzelnen gesehen hat, sondern als verdiente Straße für den 2. Weltkrieg. Eine Sicht die freilich auch heute noch bei so manchem dominant ist, aber inzwischen zumindest zurückgeht. Das mindert die deutsche Kriegsschuld schließlich in keinem Maße. Oft hatte man ohnehin eher den Eindruck, was an den Vertriebenen am meisten störte, war ihre bloße Existenz als Erinnerung daran, dass es einst ein großes deutsches Kulturleben östlich der Oder-Neiße-Linie gab.

„Kraft haben die Ostpreußen gebraucht, Kraft und Mut, um alle Schicksalsschläge zu überstehen: den Verlust von Heimat und Habe, Verschleppung, Gefangenschaft, Flucht, Anfeindungen, Verleumdungen – bis heute.“ – Ruth Greede

Wobei es leider auch zu den schlechten Seiten der Ostpreußen gehört, dass ihr Leben an der Grenze, das ihre Heimat immer wieder zum Ziel von Eroberern und Rück-Eroberern werden ließ, sie besonders weit nach rechts wandern ließ. Noch heute schmerzt es mich, was die PAZ aus dem alten Ostpreußenblatt gemacht hat, eine rechte Postille, die nichts mit einer gesunden konservativen Grundhaltung zu tun hat – von der Beilage abgesehen ja nicht einmal etwas mit Ostpreußen.

Aber das ist nicht mein Bild, das in meinem Kopf auftaucht, wenn ich an Ostpreußen denke. Es ist auch nicht das Bild der Zerstörung und Vertreibung. Das Bild ist geprägt von ehrlichen, einfachen Menschen, die heimatverbunden mit beiden Füßen auf dem Boden standen. Neuem immer eine gesunde Portion Skepsis entgegenbrachten, Fremde erst mal abtasteten, ehe man sie zu Freunden werden ließ. (Eine Eigenschaft die sich übrigens auch mit der fränkischen Seite meine Herkunft recht gut verträgt. 🙂 ) Aber so ist das eben mit einer Vergangenheit, die man selbst nur aus Geschichten kennt.

„Ich glaube, dass es des Ostpreußen Bestes ist, dass er nicht auf- und nicht des Scheines wegen nachgibt, sondern den Mut und die Kraft hat, er selbst zu sein.“ – Paul Wegner


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vor 4 Wochen