Science Fiction, die philosophischste Literaturgattung

oder: Dunkle Materie von Carolyn Ives Gilmann

Bekanntlich ist es mit dem fließenden Übergang von E- zu U-Literatur gerade in Deutschland noch immer nicht weit her. Fanatisch, bis zum letzten Buchstaben kämpfend wehren sich die Anhänger der E-Literatur auch nur im gleichen Atemzug genannt zu werden, mit dem, was sie nicht mal mit Handschuhen anfassen würden und was in ihre heiligen Bücherschränke aus Elfenbein nicht mal mit Hilfe von Todesdrohungen gelangen würde. Der Verlust liegt auf ihrer Seite! (Ebenso übrigens, wie der Verlust auf Seiten jener liegt, die Klassiker für elendlangweilige alte Bücherschinken halten, und glauben, es würde gegen die UN Menschenrechts Konvention verstoßen im Deutschunterricht gezwungen zu werden Effie Briest oder Den Zauberlehrling zu lesen.)

Zu der von den Anhängern der E-Literatur vielleicht am geringschätzigsten behandelten Gattung gehört wahrscheinlich die Science Fiction-Literatur, dabei liefert gerade sie mitunter die philosophischsten Betrachtungen der Gegenwart. Denn im Gegensatz zu ihren in der Zukunft liegenden Handlungen, ist es gerade Science Fiction, der die dringlichsten Probleme der Gegenwart aufgreift (in dem er sie weiter denkt). Der geniale Philip K. Dick ist mit seinen teils nur in Groschenheften erschienen Geschichten ein Paradebeispiel für diese Sorte Autoren.

Ob die gelernte Historikerin Carolyn Ives Gilman einst den Rang eines Philip K. Dick erreichen wird, lassen wir mal dahingestellt, aber mit ihrem Roman Dunkle Materie hat sie ein Buch vorgelegt, das sich gewissermaßen vor philosophischen Gedanken nicht mehr retten kann. Da wäre natürlich die dem Genre naheliegende Frage, welchen Einfluss die Entdecker einer neuen Zivilisation auf eben diese unberührte Gemeinschaft nehmen darf. Die dazu erlassenen Regeln sind, ob schon die Gesellschaft nicht von Regierungen, sondern wenigen Konzernen gelenkt wird, erstaunlich streng. Denn auch wenn man weiß, dass schon der geringste Kontakt große Auswirkungen haben kann, geht man doch nach dem Motto vor so wenig wie möglich Einfluss auf “die anderen” zu nehmen. Im Gegenteil, man will die fremde Zivilisation gerade deshalb so unberührt lassen, weil man von ihr lernen will. Und wer lernt schließlich von einer fremden Zivilisation, der er durch seinen Einfluss praktisch nach dem eigenen Bilde gebildet hat?

Weit interessanter ist aber die Frage inwiefern das Sehen unserer Welt diese Welt beeinflusst, die sich stellt, als die beiden Protagonistinnen der Geschichte auf eine Zivilisation treffen, die über Generationen hinweg in der Dunkelheit gelebt hat und so ihren Sehsinn verlor. Die Bewohner von Torobe haben dagegen gelernt auf andere Art zu sehen, sie fühlen, hören und riechen, so bewegen sie sich in vollkommener Dunkelheit fort, ohne sehen zu müssen. Für einen sehenden Menschen ist das Überleben dort ähnlich schwer, wie für ein junges Mädchen, das auf das Raumschiff der Fremden gerät und sich plötzlich in einer Welt voller “Kisten” wiederfindet, als die sie unsere mit Wänden versehene Welt erfährt. (Während in der Dunkelheit, die sich zudem vor dem Wetter geschützt in einem großen Höhlensystem befindet, naturgemäß eher unpraktisch sind, besteht doch die ständige Gefahr gegen sie zu laufen.)

Immerhin gehen wir seit Platons Höhlengleichnis davon aus, dass die Dinge auch grundlegend anders sein können, als das Bild, das wir uns mit unseren Augen von ihnen machen. Und auch die Wissenschaft hat inzwischen festgestellt, dass unser Gehirn vorwiegend damit beschäftigt ist der Reizüberflutung Herr zu werden und so viel davon auszusortieren, dass wir das was wir am Ende sehen auch begreifen können – halbwegs begreifen, möchte man hinzufügen. Kurzum, wir machen uns tatsächlich unser eigenes Bild von der Welt. Aber weder muss dieses Bild tatsächlich der Wahrheit entsprechen, noch können wir wirklich sicher sein, ob es mit jenem Bild übereinstimmt, das die Person neben uns im selben Augenblick wahrnimmt.  Und wie “wahr” kann unser Bild selbst von einem Baum sein, wenn wir doch eigentlich wissen, dass selbst die Farbe eines Blattes eigentlich erst in unserem Hirn entsteht und manch Tiere das selbe Blatt vollkommen anders wahrnimmt?

Unter uns, wahrscheinlich ist es für den Alltag gar nicht so schlecht, dass wir uns dieser Umstände nicht in jeder Minute bewusst sind. Man würde ja ganz verrückt werden, wenn man in den blauen Himmel hinaufsieht und sich fragt, wie er wohl in Wirklichkeit aussieht. Wahrscheinlich genauso verrückt, wie wenn unser Gehirn dankenswerterweise nicht hauptsächlich damit beschäftigt wäre uns die reale Welt zu vereinfachen.