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Faul auf der Couch zu gammeln ist okay!

Die Woche hatte ich ein gutes Gespräch mit einem alten Freund, den ich zum ersten Mal getroffen habe – wie das geht? Na ja, der gute alte Moustache würde sagen, aber das sei eine andere Geschichte. Auf jeden Fall wurden da auch ein paar Themen angeschnitten, die mir immer noch durch den Kopf gehen. Zum Beispiel was manch Vorurteile gegen HARTZ IV-Empfänger angeht.

Da wäre beispielsweise der böse gemeinte Hinweis, wer auf Hartz IV ist könne doch mal seinen Allerwertesten heben und nicht den ganzen Tag faul auf der Couch vor dem laufenden Fernseher verbringen. Ein gut gemeinter Rat? Nun, wer selbst mal in der Situation gesteckt hat, die man gewöhnlich als “ganz unten” bezeichnet, der weiß eines: Mehr als auf der Couch sitzen und Fernsehen zu schauen kann man sich mit einem Hartz IV-Satz auch verdammt nochmal nicht leisten.

Hartz 4 ist nicht lustig.

Ob Guido Westerwelle seinen Satz von der “spätrömischen Dekadenz” je bereut hat? Man vermutet nein, hat er damit doch das Parteiprogramm der FDP besser zusammengefasst, als es jemand anderes je schaffen wird.

Ich habe mich oft gefragt warum in einer Abstiegsgesellschaft, in der selbst altgediente Mitarbeiter nur eine Sanierung oder einen persönlichen Schicksalsschlag davon entfernt sind selbst Hartz IV beantragen zu müssen, das nach denen da unten treten mit einer derartigen Hingabe verfolgt wird. Gerade unter dem Gesichtspunkt das in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren große Teile der Mittelschicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein werden. Das heißt eigentlich habe ich mich das nie so richtig gefragt, denn die Antwort ist allzu offensichtlich. Dahinter steckt das gleiche Prinzip das Massen von Zuschauern bei RTL 2 oder den “Reality”shows bei RTL selbst einschalten lässt. Es ist der Versuch die latent vom Abstieg bedrohte eigentliche Situation dadurch zu erhöhen, dass andere es noch schlechter haben oder noch dümmer scheinen als man es selbst ist. Und das man dem Zuschauer damit nur den Spiegel vorhält, mag für manch klügeren Produzenten die Ausrede sein, diesen Quatsch auf den Bildschirm zu bringen.

Das nach unten Treten ist dann nichts anderes als der verzweifelte Versuch sich das drohende Schicksal vom Leib zu halten. Als wäre nicht die gesellschaftlich-kapitalistische Ordnung das Problem, oder gar jene, die davon profitieren, sondern eben jene, die es jetzt schon nicht mehr schaffen. Es ist die letzte noch funktionierende Versicherung selbst noch nicht dazuzugehören. Und ganz nebenbei ein für die Gewinner des Systems willkommene Ablenkung vom eigentlichen Problem.

“Wer arbeitet muss mehr haben, als wer nicht arbeitet.” Niemand könnte diesem Slogan wirklich widersprechen, natürlich sollte das so sein. Der Haken ist nur, dass die die arbeiten immer weniger haben, und man daraus den Schluss zieht, dass die die nicht arbeiten noch weniger haben. Statt für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, oder gar für ein System, in dem Leistung sich wieder lohnt, hat dieses Motto bestenfalls eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die dafür Sorge tragen wird, dass wir bald amerikanische Verhältnisse haben werden. Die Armen werden gar nichts haben und die jetzt noch nach unten tretende Mittelschicht kann sich schon mal bei der Tafel anstellen. Vielleicht haben sie dann aber mal Zeit über das nachzudenken, was sie jetzt noch für Bullshit von sich geben.

Warum Google aus einem Dummkopf kein Genie macht

Werfen wir doch mal einen Blick in eine alltägliche Szene in einer Praxis eines x-beliebigen Hausarztes. Der Patient kommt herein, man begrüßt sich freundlich und der Doktor fragt, was einem denn fehle? Daraufhin legt der Patient entweder einen Stapel Papier oder ein Tablet auf den Tisch und verkündet: “Das ist nicht das Problem, Herr Doktor, das habe ich gestern schon alles gegoogelt. Aber jetzt bräuchte ich halt noch das Rezept.”

Wahrscheinlich waren es wirklich die Ärzte, die diesen Fluch als erstes mitbekommen haben. Seit das Wissen der Welt nur eine Anfrage bei Google entfernt ist, scheinen Studium und Erfahrung etwas für Oma und Opa geworden zu sein, die sich standhaft weigern Internet zu bestellen und lieber wehklagen, dass der Videotext auch nicht mehr so umfangreich ist wie früher. Dabei würden diese vielleicht noch wissen, das zwischen dem Wissen der Welt und allen Informationen der Welt noch ein gewisser Unterschied besteht.

Was ist der Unterschied zwischen Information und Wissen?

Wissen besteht aus verknüpften Informationen. Oder anders ausgedrückt, eine Adresse ist eine Information, aber Wissen ist warum ich diese Adresse benötige. Das der nächste Stern über vier Lichtjahre von uns entfernt liegt, ist eine Information. Das ich mit einem alten Space Shuttle dort nie lebend ankomme, ist Wissen, das ich habe, weil ich zum Beispiel die durchschnittliche menschliche Lebensspanne kenne oder auch die Leistungsfähigkeit eines außer Dienst gestellten Space Shuttles. Und hier ist auch schon der erste Hacken am googeln. Ich bekommen nur das angezeigt, was ich gesucht habe – aber das ist nicht wirklich identisch mit dem, was ich eigentlich wissen muss.

Ich halte das für eine ziemlich offensichtliche Feststellung. Ebenso wie ich glaube, dass eine Ausbildung (gleich welcher Art) und Erfahrung einen Experten ausmachen, nicht die Fähigkeit eine Suchmaschine nutzen zu können oder die Webadresse von Wikipedia zu wissen.

Aber je älter ich werde, desto mehr scheinen solche Vorstellungen nicht mehr zu gelten. Und nein, damit meine ich nicht nur die Digital Natives. Diese Unsitte scheint mir Generationen zu übergreifen. Aber um es trotzdem wie ein alter Mann auszudrücken: Wenn wir früher etwas nicht gewusst haben, haben wir jemanden gefragt, der es wusste. Heute googelt kann jeder Depp googeln, überfliegt die ersten zwei Ergebnisse und schon glaubt er hätte es verstanden.

Die Verfügbarkeit von Wissen ist eine Lüge der digitalen Weltverbesserer

Ein Studium abzubrechen ist keine Schande. (Ich muss das sagen, schließlich habe ich selbst ein abgebrochenes Studium im Lebenslauf. 😉 ) Aber bei manchen Junkies der schönen neuen Welt hat man das Gefühl es gehört schon zum guten Ton, wenn man schon den Fehler gemacht hat, überhaupt eines anzufangen. Warum auch, es steht doch alles im Internet. Das ist nicht grundlegend falsch. Es gibt das ein oder andere, was man allein durch das Netz hervorragend lernen kann – passenderweise gehört etwa Programmieren dazu. Aber unter uns, selbst da würde man sich in einem Kurs leichter tun – also als Normalsterblicher.

Gehört der Experte heute also zu einer aussterbenden Gattung? Eine Annahme, die ein bisschen merkwürdig erscheint, wimmelt es doch gerade in den Medien oder auch in der Berufswelt gerade in unseren Tagen so voller Experten. Das Problem ist, es war eben auch noch nie so leicht sich als Experte auszugeben. Der Trick ist einfach: Du musst nicht viel wissen, du musst nur mehr wissen, als der andere. Oder mit anderen Worten, unter den Blinden sind die Krönungsfeierlichkeiten für den Einäugigen nur eine Frage der Zeit.

Einbildung ist die neue Bildung

Früher, ja, ich falle nochmals in diesen alten Jargon zurück, nannte man solche Leute freilich nicht Experten, sondern schlicht und einfach Hochstapler. Wobei das eigentlich eine Beleidigung für die Hochstapler von einst ist. Die waren, trotz aller krimineller Energie, meist ziemlich kluge Leute, sonst hätten sie schließlich ihren Beruf verfehlt. Die selbsternannten Experten von heute gehen jedoch in der Regel tatsächlich davon aus, dass sie tatsächlich Experten sind.

Das Problem an der Sache ist halt, dass wenn die mit Raffinesse aufgebauten Gebilde der Hochstapler schon früher oder später in sich zusammengefallen sind, ist es nur eine Frage der Zeit bis auch die Einäugigen auf die Fresse fallen. Und da sie dann leider oft auch andere mit sich stürzen lassen, gilt Regel 17  – Jemand stürzen zu lassen, kann am Ende die letzte Möglichkeit für ihn sein, es doch noch zu lernen. – hier nur bedingt.