Wenn Meinungsvielfalt die Gesellschaft gefährdet

Wer sich als Historiker mit der Erfindung des Internets beschäftigt, ja, das Web ist durchaus schon historische Betrachtungen wert, wird nicht nur auf das US-Militär und APRA-Net treffen, sondern auch auf eine Hand voll Nerds voller Idealisten. Menschen, die die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten eines weltweiten Netzes zur Kommunikation erkannten, dessen Zugangsbeschränkungen so gering waren, dass man es mit Fug und Recht als demokratisch bezeichnen konnte.

Und auch wenn natürlich nicht zuletzt die Pornoindustrie das Internet immer größer werden ließ, schien diese Hoffnung durchaus einige Jahre lang zu leben. Denn auch das Angebot an Information stieg von Tag zu Tag – und war, lange vor Paywalldiskussionen, allen zugänglich. Die traditionellen Medien übten zwar weiter ihre Gatekeeperfunktion aus, machten dies aber im Netz eben kostenlos. Man musste sich nicht mehr den Spiegel kaufen, um den Spiegel zu lesen.

Und heute? Heute dürfte vom Idealismus der ersten Internetgeneration nicht mehr allzu viel übrig geblieben sein. Denn zwei Entwicklungen haben das Informationsangebot zwar quantitativ nicht verringert, wohl aber qualitativ verschlammt. In gewisser Weise – und das ist durchaus ironisch – trägt daran auch die Möglichkeit schuld, dass inzwischen jeder im Internet publizieren kann, ohne dafür viel an technischen Kenntnissen oder finanziellen Mittel zu benötigen. Das Informationsangebot ist überproportional vergrößert worden. Darauf mussten auch die klassischen Medien reagieren. Allerdings taten sie es vor allem auf zwei Art und Weisen. Zum einen vergaßen sie in vielen Fällen ihre Wächterfunktion. Sie mögen sich noch für die 4. Macht im Staate halten, de facto wurden sie aber von Mal zu Mal stromlinienförmiger um möglichst viele User zu gewinnen. Zum anderen senkten sie selbst ihre Qualitätsansprüche, weil Qualität der Klickhurerei im Wege steht. Diese selbstverschuldete Belanglosigkeit war aber von Beginn an ein zweischneidiges Schwert, zwar konnte man damit die Klicks steigern – ohne freilich dadurch eine Finanzierung sicherzustellen – musste aber auf der anderen Seite einen Vertrauensverlust hinnehmen.

Medien opfern ihre Wächterfunktion der Klickhurerei

In diese Abwärtsspirale stießen dann jene, die mit ihren Webseiten für sich in Anspruch nehmen selbst Nachrichtenseiten zu sein. Frei von Pressekodexen oder der Verpflichtung überparteilich zu berichten, sind so unzählige Portale entstanden, die einseitig, parteiisch und nicht selten am Rande der Legalität genau jene Leserschaft anziehen, die der jeweiligen Denkweise bereits nachhing. Wenn man vom Bedeutungsverlust der Tageschau redet, die das einzig echte Fernsehlagerfeuer der Republik war, darf man nicht vergessen, dass dort ein zentrales journalistisches Organ existierte, das Nachrichten unabhängig von der ideologischen Einstellung seiner Zuschauer verbreitete. Dank des Internets muss heute niemand mehr andere Meinungen ertragen. Und immer weniger wollen auch andere Meinungen hören.

Das die Algorithmen der Internetkonzerne, die das Web längst kommerzialisiert haben, kräftig mitwirken, kommt in diesem schon etwas älteren Ted-Talk von Eli Pariser sehr gut zur Geltung:

Die Logik hinter den Algorithmen, die bei Google, Facebook & Co. am Ende ganz allein bestimmen, was in unseren Feeds erscheint, ist schlicht und einfach: Wir wissen was du lesen willst, weil wir wissen, was du gelesen hast. Facebook geht es schließlich nicht darum seine User mit unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren, das könnte schließlich abschreckend wirken. Es wäre schlicht geschäftsschädigend, den User nicht früher oder später in seine eigene Filterblase zu stecken. Und da letztlich der Algorithmus ja nur auf die Eingaben des einzelnen Users reagiert, kann der Programmierer in Silicon Valley seine Hände in Unschuld waschen. Das 99% der User nicht bewusst ist, dass ihr Feed nicht anzeigt, was eigentlich in ihrem Freundeskreis passiert, wird dabei übersehen. Dahinter steckt jene Arroganz einer digitalen Elite, die glaubt alle würden das Internet so verstehen wie sie, und Aufklärung sei deshalb gar nicht nötig.

„A squirrel dying in front of your house may be more relevant to your interest right now than people dying in Africa.“ – Marc Zuckberg, Gründer von Facebook

Das Jahr 2015 hat mich aber endgültig daran zweifeln lassen, ob ich mit derartigen Gedanken nicht selbst einer intellektuellen Arroganz unterliege, die davon ausgeht, dass unabhängige und überparteiliche Medien überhaupt die Informationsquelle sind, die Menschen wirklich wollen. Und höchstwahrscheinlich dürfte der Feed des Kurznachrichtendienstes Twitter bei den meisten Usern ähnlich einseitig sein, wie ihre manipulierte Timeline bei Facebook. Selbstgemacht, denn Twitter greift vergleichsweise so gut wie gar nicht dabei ein, wenn es darum geht welche Tweets angezeigt werden, sondern hält sich im wesentliche einfach an eine chronologische Darstellung.

Das Internet hat uns zwar in gewisser Weise eine gigantische Meinungsvielfalt beschert, aber eben auch die Möglichkeit anderen Meinungen aus dem Weg zu gehen. Da kann ich mich persönlich nicht einmal ausnehmen, habe ich doch zum Jahreswechsel eine ganze Reihe Twitteraccounts entfolgt oder auch das Hassblog einer katholischen Konvertitin aus meinem Feedreader geworfen. Und ganz ehrlich, Elsas Nacht(b)revier nicht mehr zu lesen, hat sich nachhaltig gut auf meine Stimmung ausgewirkt. Insofern bin ich inzwischen also alles andere als ein Vertreter meiner eigenen These, obwohl ich natürlich nach wie vor reichlich Twitteraccounts, Blogs und andere Informationsquellen studiere, die selbst sehr weit links oder rechts meiner eigenen bürgerlich-konservativen Welt stehen.

Parallelwelten kollidieren früher oder später miteinander

Und dennoch treibt mich die Frage um, auf welche Art Gesellschaft wir durch diese Entwicklung zusteuern. Im Grunde wohl auf eine Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr als Gemeinschaft begreift, sondern fein säuberlich in ideologische Gruppen selektiert ist. Abgeschirmt durch ideologische Mauern, durch die von Außen keine andere Meinung mehr eindringen kann und von Innen die eigenen Meinungen wie ein Echo abprallen und noch einmal verstärkt werden. Würde sich das Problem einer solchen Zukunftsvision, wenn es denn nicht schon die Gegenwart ist, allein auf viele Parallelgesellschaften beschränken, die eben aneinander vorbei leben, wäre das vielleicht nicht die ideale Welt, aber auch nicht der Weltuntergang. Allein sind solche Mauern weit effektiver, als es zum Beispiel jede kommunistische oder faschistische Propaganda je hätte sein können. In den einzelnen Gruppen gibt es keinen Gegenpart, keinen unabhängigen Geist, der die Propaganda hinterfragt. Es ist, als wolle Goebbels Hitler überzeugen, oder Marx Engels. Und das wird am Ende dazu führen, dass die jeweilige Ingroup nicht nur keinerlei Verständnis für die Ansichten der Außenstehenden hat, sondern es auch als ihre Aufgabe ansieht, sie zu bekehren. Freilich ohne Argumente, aber dafür mit Knüppeln. Parallelgesellschaften, und ich denke das beweisen auch andere Beispiele, leben nur selten auf lange Zeit friedlich miteinander.

  • Sehr feiner Text, Thomas. Gratulation dazu und vielen Dank.