Wenn der Broder die Glaskugel anwirft

Henryk M. Broder kann’ne ganze Menge. Wahrscheinlich ist er einer der wenigen deutschen Intellektuellen, denen man noch gerne zuhört, weil ihre Aussagen nicht von den gleichen Medienberatern vorher reingewaschen wurden, die sonst nur bei den meisten Politikern in Lohn und Brot stehen. Aber unter uns, egal was Broder so raucht, wenn er die Glaskugel anwirft, er sollte besser damit aufhören.

Dann kämen nicht so verkorkste Vorhersagen heraus, wie jene, die er am Ende seines Artikels in der Welt gemacht hat.

In fünf Jahren, wenn es in Dresden so aussieht wie in Neukölln heute und in Neukölln so wie in Islamabad, wissen wir mehr.

Zuvor hat er noch die Lage in Neukölln beschrieben, einen jener Handvoll Orte in diesem Land, in dem tatsächlich in den Ansätzen zu sehen ist, wovor die Pegida warnt. Aber auch in fünf Jahren wird in Neukölln weiter das Grundgesetz gelten. Da bin ich mir sicher, genauso sicher wie in der Frage, dass der Ausländeranteil in Dresden sich nicht innerhalb von fünf Jahren mehr als verzehnfachen wird. Diese Vorhersage ist nicht wirklich – wie drücke ich das diplomatisch aus – realistisch.

Neukölln badet tatsächlich die Probleme einer verfehlten Einwanderungspolitik aus. Jahrzehnte lang gabe es nämlich keine Einwanderungspolitik, weil es ja offiziell auch keine Einwanderung gab. Folglich gab es keine Integration und die Sache ging irgendwann gewaltig schief. Inzwischen ist das Problem aber erkannt, und vielleicht – ich bin bekanntlich ja kein Optimist – wird sogar etwas dagegen unternommen. Dennoch ist Neukölln am Ende nur ein medienwirksamer Einzelfall, einer von einer Handvoll gegen die etwas getan werden muss.

Mir stellt sich allerdings die Frage, warum die Pegida eigentlich dann nicht in Neukölln aufmarschiert? Gut, nein, eigentlich glaube ich hier der alten Statistik, dass die Leute dort am ausländerfeindlichsten sind, wo es kaum Ausländer gibt. Wenn ich das so schreibe, frage ich mich, ob nicht mehr Ausländer in manchen Gegenden die Lösung des Problems wären.

Aber Theorien beiseite, nochmals zum Mitschreiben: Das aktuelle Problem in Deutschland ist keine herbei fantasierte Medienverschwörung, nur weil die Medien nicht berichten, dass Deutschland kurz vor der Islamisierung steht. Das Problem ist auch keine abgehobene Politikerkaste, die keiner mag, aber die doch von irgendeinem gewählt wird.

Das Problem sind Tausende, die gerade auf die Straße gehen und entgegen jeglicher Realität ihre rassistischen Wahnvorstellungen skandieren. Das sind Menschen, die wahrscheinlich Angst haben und die vielleicht glauben, ihr Leben sei ziemlich Scheiße. Doch statt sich ihren Ängsten zu stellen und Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, suchen sie lieber wie ihre Großväter und Urgroßväter nach Sündenböcken.

Kritik: “Gesellschaft der Angst”, Heinz Bude

German Angst. Angst frisst Seele auf. Der Unwissende hat Mut, der Wissende hat Angst. …. Angst ist ein dominierendes Element unseres Lebens. Jeder hat sie einmal, andere bekommen sie nicht los, manche gehen gar daran zugrunde. Doch halten wir die Angst viel zu oft für reine Privatsache und übersehen damit, das Angst längst wieder die dominierende Triebfeder unserer Gesellschaft geworden ist.

Und so nimmt der deutsche Philosoph und Soziologe Heinz Bude in seinem Buch “Gesellschaft der Angst” eben auch die Auswirkungen der Angst auf die Gesellschaft aus. Und die sind nicht gerade beruhigend.

“Angst führt zur Tyrannei der Mehrheit, weil alle mit den Wölfen heulen, sie ermöglicht das Spiel mit der schweigenden Masse, weil niemand seine Stimme erhebt, und sie kann panische Verwirrung der gesamten Gesellschaft mit sich bringen, wenn der Funke überspringt.”

Und die dominierende Angst unsere Gesellschaft heute scheint die Verlustangst zu sein. Egal welchen gesellschaftlichen Status man hat, die Angst ihn von heute auf morgen zu verlieren ist immer da. Ich persönlich glaube, dass ist auch einer der Gründe warum die Reichen unserer Gesellschaft wider aller Vernunft und trotz der schädlichen Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft immer mehr Geld anhäufen – gleichgültig, dass sie schon solche Massen besitzen, dass sie nie ausgegeben werden können. Das ist auch der Grund, warum der Mittelstand und der Kleinbürger nach unten tritt, er hat Angst selbst morgen dort zu sein, wenn er es nicht tut.

So gesehen war die Idee des europäischen Sozialstaats einst mehr als nur die soziale Absicherung der Bürger, sie legte auch den Grundstein für den demokratischen Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg. Das Netz des Sozialstaates, die Garantie nicht ins bodenlose Loch zu fallen, nahm den Bürgern nicht jede Angst, aber es nahm ihnen doch die größten Verlust- und Existenzängste. Als Gerhard Schröder und die SPD mit Hartz IV den Anfang vom Ende des Sozialstaates beschlossen, begannen sie auch damit eine der stabilsten Demokratien der Welt Schritt für Schritt zu zerstören. Schon jetzt leben wir wieder in einer Gesellschaft, die die Kluft zwischen Arm und Reich nicht mehr kitten kann. Schon jetzt gehen wieder Tausende auf die Straße, weil sie glauben ihre Ängst mit der Suche nach einem Sündenbock besänftigen zu können.

Angst war nie ein guter Berater. Sie lässt uns nicht auf die Stimme der Vernunft hören, sondern flüstert uns wie ein kleines rotes Teufelchen des Egoismus auf unserer Schulter nur zu: “Denk an dich selbst. Rette dich selbst.” Wie einst in den Rettungsbooten der Titanic gilt, wer Frauen und Kinder gar nicht ins Boot lässt, hat mehr Platz für sich selbst und wer zu den erbärmlichen Schreien der Ertrinkenden rudert, riskiert nur das das Boot bei deren Rettung kentern könnte.

Die Frage, wie diese Abwärtsspirale der Angst zum Stillstand zu bringen ist, bleibt auch Bude in seiner sonst hervorragenden Analyse allerdings leider schuldig. Allerdings gibt er uns zumindest einen Hoffnungsschimmer, wenn er zwischen dem Staatsmann und dem Poltiker unterscheidet, der sich die Angst nur zu nutze macht. Wenn er auch nicht vergißt zu erwähnen, dass jener Staatsmann in der Regel ein unrühmliches Ende nimmt, sobald er seine Aufgabe erfüllt hat.

Katharina Szabo macht mich traurig

Manchmal sehne ich mich nach der guten alten Zeit zurück, als uns Katastrophen, Verbrechen und Bluttaten zusammenrücken ließen. Als wir, unfähig das Grauen um uns herum zu verstehen, zusammenkamen, um den Opfern zu helfen oder zumindest zu gedenken. Als Gräben für einen kurzen Augenblick Gräben waren, als Gegner für einen kostbaren Moment sich über die Gräben hinweg die Hände reichten, weil sie am Ende doch die Menschlichkeit im anderen akzeptierten. Doch diese Zeiten gab es wahrscheinlich nie, oder?

Und so geht mir seit gestern ein Beitrag von bei der Achse des Guten nicht mehr aus dem Kopf. Unter Kein Cem, kein Gregor weit und breit geifert sie dort gegen die linken und gefühlt linke Gutmenschen wie Heiko Maas, Cem Özdemir oder Gregor Gysi und brüstet sich ob der Entrüstung rückt sie sich ins Licht des Opferlammes. Und überhaupt, man wird ja noch sagen dürfen. Gut, die Hälfte der obigen Aufzählung schätze ich auch nicht gerade, und sie scheinheilig zu nennen, so what, das sind sie meiner Meinung nach auch. Mich stört nicht einmal der Tonfall, wie sie ihre Gegner verächtlich macht, der ist bei der Achse des Guten ja noch geradezu auf einem hohen intellektuellen Niveau. Ob man sie gar als “Nazibraut” bezeichnen kann? Natürlich nicht, ich würde sie ja gerne verteidigen, wenn sie nicht den Rest des Rechtfertigungsbeitrags dazu verwenden würde sich als Shen Te darzustellen. Aber ganz ehrlich, dieses ganze wir sind die Guten, die anderen die Bösen geht mir nur noch auf die Nerven. Völlig Wurst, wer das von sich behauptet.

Ich persönlich bin kein Gutmensch, ich halte mich ja nicht mal für einen guten Menschen. Aber angesichts eines unaussprechlichen Verbrechens, wie es in Pakistan geschehen ist. Wo Taliban nicht einmal in ihrer fanatischen Blindheit nicht einmal vor kleinen Kindern halt gemacht haben. Unnötig, die Zahl der Opfer herunterzubeten. Unnötig in BILDischer Effekthascherei ihre Bilder zu verlinken. Effekthascherei für eine Öffentlichkeit, die so an das alltägliche Grauen in der Welt gewohnt ist, das nur noch große Zahlen ein Entsetzen hervorrufen. Als ob nicht jedes Opfer für sich ein Opfer zu viel ist.

Eine Tat, die Schweigen und ein Gebet gebietet

Eine solche Tat, bei der jegliche Menschlichkeit im Blut der unschuldigen Opfer ertränkt wurde, gebietet Schweigen. Eine solche Tat gebietet ein stilles Gebet im Angedenken der Opfer und für die Hinterbliebenen. Ein solche Tat gebietet, die Suche nach Gerechtigkeit und nicht das blindwütige zurückschlagen im Sinne von Blut für Blut, Leben für Leben. Gewalt gegen Gewalt, solange man selbst davon überzeugt ist, Gott und das Recht an seiner Seite zu haben und nicht an der Seite des anderen. Seit Generationen ziehen Menschen mit Gott (auch wenn sie ihn Allah nennen) an ihrer Seite gegeneinander in den Krieg und wissen immer noch nicht, dass sie mir ihren Taten auch Gott bekämpfen. Aber ich schweife ab …

Wie tief aber muss der Hass in einem Herzen verwurzelt sein, dass man nicht einmal das Hinschlachten des unschuldigsten was es unter uns Menschen gibt, einen nicht nicht davon abhält, das Grauen für die eigenen kleinen Privatkriege gegen Politiker zu nutzen, deren Nase einem nicht passt? Wie verengt muss der Blick auf seine Mitmenschen sein, wenn einem Tote nur noch als Argument dienen, andere abzuwerten? Wie verbittert muss jemand sein, der angesichts solcher Taten nicht ob der Unmenschlichkeit erstarrt, sondern sie nur nutzt, sich selbst und die eigenen in ein gutes Licht zu rücken? Es stimmt mich traurig, so etwas zu lesen.

Was hat die Ermordung von pakistanischen Kindern damit zu tun, das manche – ich gebe zu, auch ich – die Pegida-Demonstranten für Rassisten halten? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es wirklich nicht!

Links: Medien, PR & Web (001)

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