Wer war Vannevar Bush?

In seinem Portrait Der heiße Krieger beschreibt Martin Burckhardt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Vannevar Bush einen Mann, der uns heute kaum bekannt ist, aber die heutige Welt nicht nur recht zielsicher vorhersagte, sondern auch praktisch mit vorbereitete. Ein Mann dessen Intelligenz so überragend, wie seine Empathie unterentwickelt war. 2016 würde man Vannevar Bush wohl nicht mehr in dem von ihm mitbegründeten industriell-militärischen Komplex der USA finden, sondern er wäre einer der führenden Köpfe des Silicon Valley.

Der Brexit – Demokratie kann ziemlich gemein sein

Schon gut, ich hatte ja geschrieben, dass ich den Brexit positiv sehe, aber jetzt ist es schon ein bisschen komisch. Dabei habe ich weniger meine Position geändert, die lautet nach wie vor, wer gehen will, soll gehen, damit Kerneuropa eine reformierte und erstarkte Europäische Union auf die Beine stellen kann. Aber wer das Ergebnis des britischen Referendums ansieht, bekommt schon ein schlechtes Gefühl mit Blick auf die Verlierer.

Der Brexit wird den Status Quo für so ziemlich alle verschlechtern, wenn denn mein Wunsch nach einem besseren Europa nicht wahr wird. Sieger sind eigentlich nur die Egos von Boris Johnson und Nigel Farage, der eine ein erbärmlicher Populist, der für die Macht seine Mutter verkaufen würde, der andere auch, zusätzlich aber noch ein Nationalist der alten Schule.

Boris Johnson wurde beim Verlassen seines Hauses in London heute Morgen ausgebuht, in einem mehrheitlich für den Austritt stimmenden England war die Hauptstadt ein Ort der EU-Befürworter. Das zeigt wohl recht deutlich, wie gespalten Großbritannien mit dieser knappen 50:50-Entscheidung wirklich ist. Johnsons kleine Rede, in der er tollkühn behauptet die Briten seien gute Europäer, zeigt eher das Johnson wohl schon vorbauen will, wenn er – wie er es wohl plant – als künftiger Premierminister Großbritannien aus der EU in eine privilegierte Partnerschaft führen will. Was er wohl auch tun muss, um den Schaden für die Briten so gering wie möglich zu halten. Und was ihm Europa hoffentlich verweigern wird, schließlich müssen auch dumme Entscheidungen ihre Konsequenzen haben.

Dumm nur, dass diese Konsequenzen eben alle treffen, auch jene Hälfte der Briten, die für einen Verbleib stimmten. Die Jungen, die besser gebildeten, die Nordiren und vor allem die Schotten. Den Brexit herbeigeführt haben im Grunde wohl in der Hauptsache alte Engländer, die einer Vergangenheit nachweinen und deshalb für die Jugend Steine in den Weg legen. Man mag es Verantwortungslosigkeit nennen, vielleicht ist es aber auch das erste Beispiel dafür, dass der alte weiße verärgerte Mann doch existiert und im Augenblick noch in der Lage ist, über alle anderen zu bestimmen. Donald Trump, der ausgerechnet in Schottland die Brexit-Entscheidung bejubelte, könnte das nächste Beispiel werden.

Vor ein paar Wochen habe ich auch darüber geschrieben, dass die Demokratie dazu neigt Entscheidungen gegen den Vorteil und vor allem Willen anderer zu treffen. In diesem Fall die britische Jugend, die sich nicht wehren kann, und die Schotten, die zumindest noch die Hoffnung auf Unabhängigkeit von England haben. Aber dennoch gilt, eine demokratische Entscheidung ist zu befolgen. Und wer EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gehört hat, weiß, Brüssel will das auch tun. Mit größerem Engagement als die britische Regierung, die jetzt erst Mal bis Oktober lahm gelegt ist und wohl erst dann entscheiden will. Das David Cameron zurückgetreten ist, also eigentlich erst im Herbst zurücktreten wird, ist nur ein schwacher Anflug an Verantwortung von einem Mann, der für einen Wahlgewinn Großbritannien aus der EU katapultiert hat. Verantwortung hätte geheißen, die Scheiße, die man gebaut hat, auch wegzuräumen.

Neuer Trailer: Westworld

Der Film Westworld mit Yul Brynner kam 1973 in die Kinos und hat es wohl zu einem jener prägenden Filmen geschafft, die seitdem immer wieder in der Popkultur zitiert werden. Der US-Kabelsender HBO bringt jetzt eine Neuauflage als Serie heraus und der erste Trailer ist durchaus vielversprechend:

Mehr noch als im Original von Michael Chrichton, der Drehbuch und Regie führte, scheint die Serie auf die verwaschene Grenzen zwischen Android und Mensch einen Schwerpunkt zu legen. Man könnte auch sagen, die verwaschene Grenze zwischen Utopie und Realität. Könnte interessant werden – geplant sind erst einmal die üblichen zehn Folgen.

Erich Mielke – Held des Silicon Valleys

Wer gestern nach dem Fußball ein bisschen länger beim ZDF blieb, konnte heute journal-Mann Claus Kleber auf seiner Tour durch Silicon Valley begleiten. Alternativ lässt sich die Doku aber natürlich auch in der ZDF Mediathek nachgucken. Viel Freund hat er sich mit der einstündigen Sendung in der hiesigen Silicon Valley-Jubelgemeinde damit natürlich nicht gemacht, zu kritisch war sein Blick auf die „Schöne neue Welt“, zu fokussiert auf ihre Schattenseiten.

Was da gezeigt wird hat tatsächlich eher etwas von einer „Silicon Valley Horror Show“ und passt so gar nicht in ein Weltbild von Leuten, die nicht nur glauben State of the Art zu sein, sondern doch nur Gutes für die Menschheit zu tun. Damit stehen sie in ihrem Selbstbild aber am Ende doch eher beim guten alten Erich Mielke:

Einen Wahn, für den Menschen wie Sebastian Thrun wohl exemplarisch stehen könnte. Ein Victor Frankenstein der digitalen Generation, der Dinge ändern will, von denen er nicht das geringste zu verstehen scheint. Allein sein in den ersten Minuten der Dokumentation geäußerter Wunsch, Erinnerungen nicht mehr so zu erleben, wie es das Gehirn tut, sondern sie wie von einem Computer abrufen zu können, mag im ersten Augenblick verführerisch wirken – nach etwas nachdenken wird man aber darauf kommen, dass der Umgang mit Erinnerungen – die ja keineswegs detailgetreu in unserem Gedächtnis abgespeichert werden – durchaus seinen Sinn hat und der Thrun’sche Traum er die Eingangstür zum menschlichen Wahnsinn ist. Oder um es einfach zu formulieren, man würde verrückt werden. Noch wirrer, als es Thrun jetzt schon ist. Der sich am Ende ja ohnehin als Manchesterliberaler outet, dem es ums Geld verdienen geht, nicht um die Menschen und für den gesellschaftliche Regelungen vor allem eines sind: Ein zu überwindendes Hindernis.

Das Kleber am Ende lieber auf einen Taxifahrer hört, wie man bei Gründerszene spöttelt, zeigt dagegen recht deutlich, dass die ZDF-Doku lieber beim Menschen bleibt, als bei neoliberalen Versprechungen. So manch Satz im Gründerszeneartikel und noch mehr in den Kommentaren verrät hingegen, dass es den Vorreitern und Nachbetern des digitalen Wandels eben genau um den Menschen nicht geht. Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern der Fortschritt und ist der Mensch nicht in der Lage mitzuhalten, muss er eben optimiert werden, wie man eine Maschine optimiert. Und spätestens hier haben wir wieder die Parallele zu jener Zeit, deren Wissenschaftswahn Mary W. Shelley dazu inspirierte ihren „Frankenstein“ zu schreiben. Doch während die mordende Kreatur reine Fiktion ist, sind es die aktuellen Entwicklungen eben nicht mehr.

Wer dem Fortschritt huldigt, bringt ihm Menschenopfer dar!

Und wenn der Burning Man tatsächlich ein wesentliches Element ist, um die Welt vor den Toren San Franciscos zu verstehen, so ist es das Feuer, das alles verbrennt, im Glauben daran aus der Asche eine neue Welt zu erschaffen. Es ist die Logik die James Bond- und Comic-Bösewichten eigen ist. Wer eine neue Welt schaffen will, muss die alte Welt erst einmal zerstören. Deshalb ist Disruption, jenes Lieblingsschlagwort der digitalen Jünger, auch nicht mit „kreative Zerstörung“ zu übersetzen, nein, es ist schlicht und einfach Zerstörung. Den Beweis, dass auf den Trümmern eine bessere Welt entsteht, bleiben die Zerstörer nach wie vor schuldig. In der Theorie mag man eine bessere Welt zeichnen, in der es Superreiche gibt, aber eben keine Superarmen. In der Praxis bleiben von diesem Bild aber nur die Superreichen, während der Rest für Uber unterwegs ist oder sich als Clickworker verdingt. Das am Ende auch viele der Jubelperser zu den Verlieren gehören werden, ist dann zwar ironisch, trösten kann diese Tatsache aber wohl niemanden.

„Wir Europäer sind aus anderem Holz geschnitzt“, so das persönliche Fazit von Claus Kleber. Die digitale Elite, die sich ohnehin fern ab des Mannes von der Straße fühlt, erhaben, weit oben in ihrer eigenen Fantasiewelt, treibt ein solcher Satz natürlich auf die Palme. Wie kann er so etwas sagen, wo es doch offensichtlich ist, dass Europa endlich mit Amerika aufholen muss! Nun, Europa kann das in der Tat nur sehr schwer tun, dem stehen Errungenschaften wie Humanismus, Sozialstaat, die Vorstellung von Menschenwürde diametral entgegen. Die Frage ist tatsächlich nicht, was Europa falsch macht, sondern was es richtig macht. Fortschritt und Wandel sind an sich keine Werte, sie dienen dem Menschen, nicht der Mensch hat ihnen zu dienen. Fortschritt und Wandel sind an sich völlig neutral, doch ungebremst und unkontrolliert werden sie zu einem zerstörenden Monster. Nur wenn wir den Fortschritt gestalten, wird er dem Menschen tatsächlich nutzen, wer dem Fortschritt huldigt, bringt nur Menschenopfer dar.