Altruismus ist nur Nächstenliebe light

Gestern bin ich doch noch dazu gekommen Peter G. Kirchschlägers Beitrag “Die philosophische Anschlussfähigkeit der Nächstenliebe” in der Januarausgabe von Stimmen der Zeit zu lesen. Kein schlechter Beitrag, bis auf die Tatsache, dass er dort den christlichen Begriff der “Nächstenliebe” mit dem von Auguste Comte geschaffenen Begriff “Altruismus” gleichsetzt. Etwas, was bei mir sofort hochgezogene Augenbrauen hervorruft, da ich seit einigen Monaten mit dem Altruismus an sich nicht mehr viel anfangen kann.

Comte war Philosoph und Religionskritiker, es liegt also nahe, dass er den Altruismus als Definition für selbstloses Handeln in erster Linie erfand, um eine religiöse Handlungsweise ins atheistische Weltbild zu übernehmen. Natürlich musste er sie dabei “von Gott befreien”, die spannende Frage ist deshalb, inwiefern das Konzept “Altruismus” funktioniert, oder ob ihm etwas entscheidendes fehlt.

Selbst ohne den ausdrücklichen Bezug auf Jesus Christus, kann man einen Mangel am Begriff “Altruismus” feststellen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Da steckt gezwungenermaßen a) ein Perspektivwechsel und b) ein Bezug auf sich selbst drin. Letzteres, den Bezug auf sich selbst, vergessen auch viele Christen. Denn darin steckt auch die Aufforderung, sich selbst nicht zu vergessen. Aber das ist wohl genug Stoff für einen eigenen Beitrag. Es reicht wohl dadurch zu erkennen, dass ich den Nächsten auch ein eigenes Selbst zugestehen muss. Und um ihn dann Nächstenliebe entgegen zu bringen, muss ich mich in seine Lage hineinversetzen. Nächstenliebe bedeutet also oft mehr, als pure Gewissensberuhigung durch ein paar in die Mütze des Bettlers geworfene Münzen.

“Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne des Himmels werdet.”, Mt 5,44-45

Im Christentum, aber auch vielen anderen Religionen, spielt aber auch die Feindesliebe eine große Rolle. Die explizite Aufforderung auch seine Feinde zu lieben fehlt dem Altruismus, aber sie ist auch im Alltag unglaublich wertvoll. Denn heruntergebrochen auf eine Welt, in der es vielleicht nicht von Feinden, die einen verfolgen, wimmelt, dies vor allem noch einmal sich in den anderen hinein zu versetzen – eben auch in jemanden, den man nicht sympathisch findet, von dem man sich zum Beispiel hintergangen fühlt. Es zwingt einen, die Situation mit dessen Augen zu betrachten und mit dieser neuen Blickweise die Sache vielleicht plötzlich ganz anders zu sehen. In unserer von Misstrauen zerfressenen Welt, ist die christliche Feindesliebe eine große Chance.

Und last but not least ist dann da eben noch der Bezug auf Jesus Christus. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Jesus ist in den Armen und Notleidenden gegenwärtig, Nächstenliebe ist so eben auch Gottesliebe. Dieser bedeutende Handlungsimpuls fehlt dem Altruismus total und bringt ihn in die Gefahr beliebig zu werden. Nächstenliebe aber gilt per Definition für meinen Nächsten.

Kein Morgen ohne Heute

Zu den Vorzügen meines (Noch ein paar Tage) Jobs gehörte es, die Webseite von Heute kennengelernt zu haben. Dabei handelt es sich nicht um die ZDF-Hauptnachrichtensendung, sondern eine Kostenlos-Zeitung aus Wien, die dementsprechend auch unter heute.at zu erreichen ist.

Wer sich in Wien und Umgebung behaupten will, muss da angesichts der Übermarktmacht der Krone schon ein bisschen marktschreierisch zu Werke gehen. Was Heute durchaus auch tut – und natürlich auch online. Und so kommt es, dass manchem bild.de im Vergleich zu heute.at glatt vorkommen wird wie die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Die Wiener haben es sich nämlich offenbar zur Aufgabe gemacht das Netz nach Trash und Absurditäten abzusuchen und sind darin durchaus erfolgreiche. Da schreckt man selbst vor einer Vagina in einem künstlichen Fußgelenk nicht zurück.

Und so wurde, getreu dem Zeitungsmotto “Kein Morgen ohne Heute” der (fast) tägliche Besuch auf der österreichischen Seite zu einem Vergnügen für mich, denn nirgendwo sonst konnte man so herrlich über die Trashwelt unserer heutigen Gegenwart lachen. Zum Beispiel über meine Top 3 der Schlagzeilen der letzten Tage:

Nummer 3: Vagina-Gewichtheberin geht auf Weltreise

Nummer 2: Dreibrüstige Frau hat vier Männer an der Leine

Nummer 1: “Bums-Boot” am Bodensee bekommt SM-Nachfolger

Ganz ehrlich, wenn ich mal groß bin, dann will ich ganz unbedingt Schlagzeilentexter bei heute.at werden.

RIP: Ernie Banks – “Mr. Cub”

Ernie Banks, einer der ganz großen Cubs ist nicht mehr. 19 Jahre spielte er bei den Cubs, nie bei einem anderen Team in der MLB. Er war der erst Schwarze bei den Cubs. Ein verdammt guter Shortstop, der auch noch über 500 Homeruns schlug und zwei mal MVP wurde. Schlicht, eine Legende.

Hat Regionalfernsehen noch Zukunft?

TV Südbaden war einmal, der regionale Fernsehsender in Baden-Württemberg an der Schweizer Grenze gab letzte Woche bekannt, seinen Sendebetrieb einzustellen. Ein Fernsehsender weniger, d. h. im wortwörtlichen Sinne, denn im Netz wollen die Betreiber erst einmal weiter machen. Etwas über zehn Jahre hat es den Sender gegeben, bevor er von der Entwicklung überholt wurde. Damit verabschiedet sich ein weiterer Regionalsender in Deutschland, die Goldgräberstimmung ist ja schon länger dahin.

Bei TV Südbaden war es nicht allein dieses böse Internet, der Sender hatte schon bei traditionellen Medienkanälen ein Problem. In seinem Sendegebiet sehen 2/3 der Zuschauer per Satellit fern, TV Südbaden gab es nur im Kabel. Da produziert man keine so guten Zuschauerzahlen, um die privaten Werbekunden zu beeindrucken. Und die braucht es nun mal, um einen Privatsender am Leben zu halten. Im Vergleich zu den großen nationalen Sendern ist man sogar noch schlechter dran, weil die Kosten mit Sendergröße nicht proportional sinken. Auch wer nur eine tägliche Nachrichtensendung und ein paar Magazine produziert hat gewisse Grundkosten – und einen sorgenvollen Blick auf technische Entwicklungen, die immer schneller kommen, nicht unbedingt billiger werden, aber dennoch mitgemacht werden müssen.

Da wird gespart wo man kann, aber selbst der VJ, also Reporter und Kameramann in einer Person, hat sich nicht als die erhoffte Eier legende Wollmilchsau entpuppt. Stattdessen ging nicht selten ein bisschen Qualität flöten, was bei einem kritischen Publikum noch mehr Spott auslöst.

Als ich vor ein paar Jahren beim unterfränkischen Sender TV touring gearbeitet habe, gab es mal die Frage, wozu der Sender überhaupt gut sei. Man könne ja auch die Frankenschau beim Bayerischen Rundfunk sehen. Die Frage kam zudem noch von einem dieser digitalen Avantgardisten, die ohnehin alles besser wissen. Nun, die Antwort ist relativ simple, die Frankenschau berichtet über Franken. Der Sender TV touring jedoch deckt zwei ungleich kleinere Gebiete ab, berichtet also schon per Definition über mehr Dinge aus diesen Gebieten, als es der BR machen könnte. Wer eine regionale Berichterstattung bis vor die eigene Haustüre will, der kommt an diesen kleinen Sendern nicht vorbei. Es käme ja auch kein Zeitungsleser auf die Idee, der Bayernteil der Süddeutschen könne besser über seine Heimat berichten, als die örtliche Regionalzeitung.

Dennoch, die Branche hat es immer schwerer und mit ihren Problemen ließen sich getrost ganze Bücher füllen. Da wäre zunächst der gewaltige Spagat in Sachen Publikum. Hier die älteren Zuschauer vor ihren klassischen Fernsehgeräten, dort die jungen Zuschauer an Tablets, Rechnern und Smartphones. Zwei Gruppen die sich total unterscheiden wollen erreicht werden, auf zwei Kommunikationswegen die widersprüchlicher nicht sein könnten. Und daran kommt kein kleiner Sender vorbei, denn man darf die Alten nicht verlieren, in dem man nur aufs Internet setzt – aber die Alten, na ja, die sind irgendwann nicht mehr da und wenn kein junges Publikum nachgewachsen ist …

Was an dieser Stelle gebraucht wird, ist eine konsequente Bespielung beider Kanäle. Und eine Strategie gehört her, die am Ende nicht Fernsehen für junge Leute und Internet für die Älteren als Kompromiss zu verkaufen sucht. Das jedoch heißt zum Beispiel auch eigene Internetformate auf die Beine zu stellen und neben den technischen Entwicklungen auch denen im Netz nicht hinterherzuhinken. Spätestens dann kommen wir wieder zum Anfang zurück. Denn billiger wird es dadurch ganz gewiss nicht, aber man will ja schließlich überleben.